Couch-Potato gegen Frontbericht: BILD versucht RT-Berichterstattung zu Madaja zu diffamieren

BILD berichtet über Syrien lieber aus der sicheren Distanz des Axel-Springer Gebäudes in Berlin-Mitte
BILD berichtet über Syrien lieber aus der sicheren Distanz des Axel-Springer Gebäudes in Berlin-Mitte
RT hat Reporter direkt im syrischen Frontgebiet und berichtete die letzten Tage aus der belagerten Stadt Madaja. Dabei zeigte RT, wie erstmals eine Gruppe von Frauen und Kindern die Stadt im Zuge eines humanitären Hilfskonvois des Roten Kreuzes und der UN verlassen durften. BILD-Reporter behaupten nun von ihrer Couch in Berlin-Mitte aus, die Flüchtlinge seien „Schauspieler“, alles sei inszeniert. Einziger Beleg: Ein ominöser „Aktivist aus der Region“, den BILD telefonisch kontaktiert haben will.

„[...] BILD war von vornherein skeptisch, da vor allem die vielen gezeigten Kinder keine Anzeichen von Unterernährung aufwiesen und die internationalen Helfer auch nicht nach Essen fragten. BILD recherchierte weiter, sprach mit syrischen Ärzten in Madaja selbst und oppositionellen Aktivisten. Das Ergebnis der Nachforschungen: Die „300 Geretteten“ seien nie in der eingeschlossenen Stadt gewesen, es handele sich um Familienmitglieder der herrschenden Baath-Partei von Diktator Assad, sagte ein Aktivist aus der Region zu BILD. Sie seien am Morgen des 11. Januars von Hisbollah-Kämpfern extra aus dem fünf Kilometer entfernten Ort Bloudan herangekarrt worden –  einer vorwiegend christliche Stadt, die treu zu Assads Herrschaft steht.“

So die Darstellung des Boulevard-Blattes in dem Artikel: „BILD erklärt die Hunger-Hölle von Madaja“, die gleich in den ersten drei Sätzen zahlreiche Ungereimtheiten und direkte Lügen beinhaltet:

1. Zunächst zeigt das Bildmaterial von RT, von welchem BILD behauptet, man sehe an den Kindern keine Anzeichen von Unterernährung, selbst für medizinisch nicht geschulte Augen, ganz deutliche Belege für Mangelernährung, erkennbar an den eingefallenen Gesichtszügen sowie dem Zustand der Zähne, wie etwa in diesem RT-Video ab Minute 2:40 sichtbar:

RT-Syrienkorrespondant Murad Gazdiev unterlegt dies mit zusätzlichen Bildmaterial in einem Tweet: 

2. Die nächste Behauptung, dass die Kinder die internationalen Helfer nicht um Essen fragten, stellt BILD einfach so in den Raum, implizierend, sie hätten einen Reporter direkt vor Ort gehabt. Dem ist aber nicht so, obwohl BILD sehr wohl wie RT die Möglichkeit gehabt hätte, auch einen Reporter zum humanitären Hilfskonvoi des Roten Kreuzes und UN-Ernährungsprogramms zu schicken. Doch BILD-Reporter berichten und beurteilen im pseudo-investigativen Duktus über das Geschehen lediglich vom Designer-Stuhl im Axel-Springer-Haus in Berlin-Mitte aus. Dies zudem im konkreten Fall auf der Basis von iranischen, syrischen oder russischen Bildquellen, also eigentlich „Propagandamüll“ im BILD-Verständnis.

Screenshot BILD-Zeitung
Screenshot BILD-Zeitung

3. Dann "argumentiert" BILD, sie hätten mit Aktivisten und Ärzten direkt in Madaja gesprochen. Auffällig: Dazu gibt es zum einen keine einzige veröffentlichte Ton- oder Bilddatei, zum anderen wird im Plural gesprochen, de facto wird aber nur eine einzige Person namentlich genannt, ein gewisser Dr. Khaled Mohammed [ein absoluter Dutzendname in Syrien], der per Telefon [Mobilfunkgerät] von BILD befragt worden sein soll. Wie die BILD-Zeitung bei einem Anruf auf einem syrischen Handy sicherstellen will, dass diese Person wirklich als Arzt in Madaja tätig ist, wird erst gar nicht problematisiert. 

Ebenso aufschlussreich das BILD-Zitat: "Als Mohammed 'den russischen Fernsehbericht sah, habe er bitter lachen müssen: „Der Bericht von Russia Today ist eine Farce.'” Wie der angebliche Arzt in einer Stadt, die nur sehr sporadische Stromversorgung hat, von einem Internetzugang ganz zu schweigen, und in der nach zahlreichen Berichten, auch der internationalen Hilfswerke, das Telekommunikationsnetzwerk abgeschaltet ist, sowohl ausführlich mit BILD telefonieren und zudem den RT-Bericht hat anschauen können, bleibt wohl für immer das investigative Geheimnis von BILD.

4. Nach dem Verweis auf die befragten „Ärzte“, wird auf einen „Aktivisten in der Region“ verwiesen, der behauptet, die „300 Geretteten“ seien nie in der eingeschlossenen Stadt gewesen, es handele sich um "Familienmitglieder der herrschenden Baath-Partei von Diktator Assad", die am 11. Januar extra aus dem fünf Kilometer entfernten Ort Bloudan „herangekarrt wurden -  einer vorwiegend christlichen Stadt, die treu zu Assads Herrschaft steht.“

Zunächst ist aufschlussreich, dass BILD hier von einem Aktivisten „in der Region“ und explizit nicht aus Madaja selbst spricht. Dessen Behauptung, die „Geretteten“ kämen aus einer vorwiegend christlichen Stadt, widersprechen alle verfügbaren Filmaufnahmen, auch denen, die BILD seinen Lesern präsentiert. Denn auf allen Bildern sind ausschließlich muslimische Frauen zu sehen, daran erkennbar, dass sie alle den klassischen Hidschāb (Kopftuch) tragen.

Screenshot BILD-Zeitung
Screenshot BILD-Zeitung

Screenshot BILD-Zeitung
Screenshot BILD-Zeitung

Wirklich ad absurdum führt sich der BILD-Artikel aber durch die abschließende Behauptung, dass die Vereinten Nationen und das Rote Kreuz, unter deren Augen sich ja das „syrisch-russische Propagandawerk“ abgespielt hat, sich „zu Statisten in Assads zynischer Propaganda-Show“ gemacht hätten. BILD liefert auch gleich eine Erklärung dazu: „Entweder sie [die Hilfsorganisationen] zeigten die Schauspieler des Regimes oder sie dürften ihre Aufgabe in Syrien nicht mehr weiter ausüben.“

Bestätigt sieht sich BILD in ihrer „UN-Rotes-Kreuz-Assad-Putin-Verschwörungstheorie“ durch die Tatsache, dass die in Syrien stationierten Pressesprecher des Welternährungsprogramms und des Roten Kreuzes „für BILD weder am 11. noch am 12. oder 13. Januar zu sprechen [waren].“

Auf die naheliegende Erklärung, dass in der derzeitigen Situation das Rote Kreuz und das UN-Welternährungsprogramm wahrscheinlich wichtigeres zu tun haben, als einer deutschen Boulevard-Zeitung für eine selbst konstruierte Verschwörungstheorie Rede und Antwort zu stehen, kommen die Autoren des BILD-Artikels jedoch nicht.

Im Gegensatz zum Roten Kreuz und den Vereinten Nationen zeigen dafür IS-Sympathisanten offen ihr Verständnis und Unterstützung für die BILD-“Journalisten“ und ihre Darstellung der Ereignisse, wie RT-Korrespondent Gazdiev belegt:

Dazu passt, dass jüngst BILD-Journalist Julian Röpcke, der in den Sozialen Medien mittlerweile unter der Bezeichnung #jihadijulian zu fragwürdigem Ruhm gekommen ist, verkündet hat, seiner Einschätzung nach sei Al-Kaida die beste Alternative für Syrien:

Damit sollte endgültig klar sein, wie ernst man die Syrien-Berichterstattung der BILD zu nehmen hat, wenn einer der Hauptrecherche- und Schreibquellen zu diesem Konflikt Julian Röpcke ist: 

Trends: # Medienkritik, # Krieg in Syrien
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