Angebliche Messerattacke auf Linken-Politiker in Wismar - Alles nur erfunden?

Auszug aus der Presseerklärung der Schweriner Linken kurz nach dem Vorfall. Quelle: Facebook / DIE LINKE. Schwerin
Auszug aus der Presseerklärung der Schweriner Linken kurz nach dem Vorfall. Quelle: Facebook / DIE LINKE. Schwerin
An einem vorgeblichen Angriff auf einen Nachwuchspolitiker der Partei Die Linke werden nun starke Zweifel laut. Gegen den 18-jährigen wurde ein Ermittlungsverfahren wegen Vortäuschung einer Straftat eingeleitet. Zuvor hatte das Kreisvorstandsmitglied der Schweriner Linken ausgesagt, in Wismar aus politischen Motiven von drei vermeintlichen Neonazis überfallen worden zu sein, die ihm 17 Messerstiche zugefügt hätten.

Die Meldung verbreitete sich schnell, auch aufgrund einer formellen Presseerklärung des Kreisverbandes Schwerin der Partei Die Linke. Drei Täter, die offenbar dem rechtsextremen Milleu zuzuordnen sind, hätten das Kreisvorstandsmitglied der Schweriner Linken Julian Kinzel in Wismar attackiert. Dabei sollen die Täter ihr Opfer als "schwule Kommunistensau" bezeichnet haben und insgesamt 17 mal mit einem Messer auf ihn eingestochen haben. In seiner Presseerklärung forderte der Kreisvorstand den Staatsschutz auf, umgehend Ermittlungen aufzunehmen. Dies ist mittlerweile auch geschehen, doch offenbar rechnete man in der Partei mit einem anderen Ermittlungsergebnis.

Selbst Bundestags-Fraktionsvorsitzender Dietmar Bartsch äußerte sich auf Twitter zu dem vermeintlichen Angriff auf den Nachwuchspolitiker seiner Partei:

Dietmar Bartsch, Fraktionsvorsitzender im Bundestag der Partei Die Linke kommentierte den Vorfall auf Twitter
Dietmar Bartsch, Fraktionsvorsitzender im Bundestag der Partei Die Linke kommentierte den Vorfall auf Twitter

Auch RT Deutsch berichtete Ende letzter Woche über den Vorfall. Doch nun wachsen die Ungereimtheiten und Zweifel in Bezug auf Kinzels Darstellung. Die Staatsanwaltschaft Schwerin und die Schweriner Kriminalpolizei gehen mittlerweile gar von einer Vortäuschung einer Straftat aus und ermitteln gegen Kinzel.

Zwar weisen die Behörden explizit auf die Unschuldsvermutung hin, jedoch deuten die bisherigen Untersuchungen des Falles darauf hin, "dass der 18-jährige Linken-Nachwuchspolitiker Julian Kinzel den unter anderem in seiner Strafanzeige beschriebenen Überfall auf ihn in Wismar lediglich erfunden hat".

Konkret sind es die Verletzungen an Kinzels Armen, die nicht mit seiner Beschreibung des angeblichen Tathergangs übereinstimmen. Zu diesem Ergebnis kamen die Untersuchungen der Rechtsmedizin, die "eine Selbstbeibringung" hingegen als "hinreichend wahrscheinlich" bezeichnet.

Anders als Kinzels Darstellung der Ereignisse will die Parteiführung die nun eingesetzten Ermittlungen gegen ihr Mitglied nicht kommentieren. Die Parteivorsitzende Katja Kipping hat eine frühere Verurteilung des angeblichen Angriffs auf Kinzel mittlerweile von ihrer Facebook-Seite gelöscht.

Der Administrator der Facebook-Seite Fraktion DIE LINKE. im Bundestag kommentiert auf User-Anfrage:

"Die Ermittlungen laufen. Wenn sich der Vorwurf der Staatsanwaltschaft als wahr herausstellt, wird sich Julian Kinzel dem Verfahren und dem Urteil zu stellen haben. Der Rechtsstaat gilt selbstverständlich auch für ihn. Häme aber ist fehl am Platz. Dafür gibt es viel zu viele reale Angriffe von Rechtsextremisten und Rassisten auf Flüchtlinge, ihre Unterkünfte, ihre Unterstützerinnen und Unterstützer, politisch Andersdenkende in Kaltland."

Sollten sich die Vermutungen der Schweriner Staatsanwaltschaft bestätigen, könnte es für Künzel noch ungemütlich werden. Für die Vortäuschung einer Straftat drohen in Deutschland bis zu drei Jahre Haft.