Das Spiel mit der Angst: Die große Terror-Indoktrination

Das Spiel mit der Angst: Die große Terror-Indoktrination
Der Islam strebt nach der Weltherrschaft und ist eine Terror-Religion? Das Kopftuch ist ein Symbol der Unterdrückung? Überall zwischen uns leben „Schläfer“? In deutschen Moscheen werden Terroristen akquiriert? Muslime bedrohen „unsere Werte“ und haben bereits qua Religion eine gefährliche Neigung zu Gewalt? Glauben Sie etwas hiervon? Dann sind Sie womöglich Opfer geheimdienstlicher Psychotechniken geworden. Jens Wernicke im Gespräch mit dem Filmemacher Moritz Enders.

Jens Wernicke: Herr Enders, gerade lief auf ZDFinfo eine gekürzte Fassung der Dokumentation „Schüsse auf dem Petersplatz“, die Sie zusammen mit Werner Köhne gedreht haben, und deren Langfassung im ersten Quartal nächsten Jahres auf arte zu sehen sein wird. Warum dieser Film? Was ist für Sie oder uns so wichtig – an einem über 35 Jahre zurückliegenden Attentat?

Moritz Enders: Das Attentat auf Papst Johannes Paul II. ist eines der ganz großen politischen Verbrechen des letzten Jahrhunderts gewesen, ähnlich bedeutend wie das auf John F. Kennedy. Einige haben es sogar als Jahrhundertverbrechen bezeichnet.

Aber Sie haben natürlich recht, wenn Sie fragen: Was hat das mit uns heute im Jahr 2015 zu tun? Ist es mehr als einfach ein Stück Zeitgeschichte? Ich denke, ja. Ich denke, dass das Papstattentat exemplarisch ist für das Phänomen des Terrorismus, für tatsächliche oder vermeintliche internationale Verstrickungen in diesen sowie für die anschließende propagandistische Instrumentalisierung des jeweiligen Ereignisses. Insofern ist das Thema nach wie vor aktuell.

Jens Wernicke: Können Sie bitte einmal zusammenfassen, was damals geschah, wie hierüber berichtet wurde – und worin sich Ihre Recherchen nun von den damaligen Erkenntnissen unterscheiden? Nicht nur, aber auch, weil ich zurzeit dieses Attentates erst 4 Jahr alt war. Ich weiß sozusagen nichts davon…

Auch die ZDF-Sendung

Moritz Enders: Was man sicher weiß, ist, dass ein Attentäter namens Mehmet Ali Agca am 13. Mai 1981 auf den Papst geschossen hat. An dem Tag hatten sich zahlreiche Gläubige auf dem Petersplatz versammelt, um dem Pontifex zuzujubeln. Johannes Paul II. stand auf einem offenen Wagen, der langsam über den Platz rollte. So wirkte es, als würde er durch die begeisterte Menschenmenge schweben.

Agca gab dann die Schüsse aus wenigen Metern Entfernung ab, allerdings aus einer ungünstigen Schußposition, da sich vor ihm noch einige Personen befanden, über die er hinwegschießen musste. Mit seiner Aktion verwundete er den Papst zwar schwer, tötete ihn aber nicht.

Was man nach wie vor nicht sicher weiß, ist, wie viele Schüsse abgegeben wurden und ob diese aus ein und derselben Waffe stammten. Die meisten unserer Interviewpartner haben von drei Schüssen gesprochen, doch es gibt auch Leute, die meinen, es seien vier gewesen. Zwei der entsprechenden Projektile wurden von der italienischen Polizei sichergestellt, ein drittes verblieb in Besitz des Vatikans und konnte von der italienischen Polizei nicht untersucht werden.

Auch sind einige Fotos aufgetaucht, die Fragen aufwerfen. Auf einem sieht man etwa einen jungen Mann vom Petersplatz flüchten. Viele meinen, dass es sich hier um Oral Celik handelt, ein Mitglied der türkischen Grauen Wölfe und Verbindungsmann dieser Organisation zu westlichen Geheimdiensten. Celik wurde wohl über viele Jahre vom französischen Geheimdienst protegiert. Hierzu haben wir stichhaltige Aussagen des Ermittlungsrichters Rosario Priore und des Anwalts Michele Gentiloni, der Celik verteidigt hat, nachdem dieser nach jahrelangem Gezerre von den französischen Behörden endlich an Italien überstellt worden war.

Und ein weiteres Foto zeigt angeblich Sergej Antonov, den Leiter einer bulgarischen Airline in Rom, wenige Meter von Ali Agca entfernt. Nach einer Lesart, die in der Öffentlichkeit viel Anklang gefunden hat, sei Antonov aber in Wirklichkeit der Chef des bulgarischen Geheimdienstes in Rom gewesen. Er habe das Attentat in Rom in Auftrag gegeben, stellvertretend für einen sowjetischen Geheimdienst, den KGB oder den GRU, weil der Papst in Polen, seinem Heimatland, mit der Unterstützung der Gewerkschaftsbewegung Solidarność zu viel Unruhe gestiftet hätte.

Jens Wernicke: Und, sind Sie dieser Spur nachgegangen? Waren die Russen bzw. war deren Geheimdienst in das Attentat verstrickt?

Moritz Enders: Der Ermittlungsrichter Rosario Priore, der sich viele Jahre lang mit dem Attentat beschäftigt hat, sagte uns, dass er sich nicht vorstellen könne, dass heute noch jemand auf die Idee käme, diese „bulgarische Spur“ ernsthaft zu verfolgen.

Die Autoren David Eisenhower und John Murray nehmen in ihrem absolut lesenswerten Buch „Warwords – U.S. Militarism, the Catholic Right and the ‚Bulgarian Connection‘“ diese sogenannte „bulgarische Spur“ fein säuberlich auseinander. Ähnliches tut die ehemalige SPIEGEL-Korrespondentin in Rom, Washington und New York Valeska von Roques in ihrem Buch „Verschwörung gegen den Papst“. Die Journalisten Marco Ansaldo und Yasemin Taskin haben nachgelegt und das Werk „Uccidete il Papa“ veröffentlicht. Auch ihrer Meinung nach ist die „bulgarische Spur“ völlig haltlos.

Marco Ansaldo hat Werner Köhne und mich freundlicherweise auch zu dem Ort begleitet, an dem Agca von einem Bulgaren namens Sergej Antonov mit dem Anschlag auf den Papst beauftragt worden sein will. Was genau wissen wir heute?

Antonov war seinerzeit festgenommen worden, nachdem Agca ausgesagt hatte, er hätte sich mit ihm und zwei weiteren Bulgaren in Antonovs Wohnung getroffen, um das Papstattentat vorzubereiten. Agca hat inzwischen mindestens hundert Varianten zu den Hintergründen des Verbrechens verbreitet, aber auch zu diesem relativ frühen Zeitpunkt konnte man ihn wohl kaum als glaubwürdig einstufen.

Zudem strotzte Agcas Aussage vor Widersprüchen. An einem bestimmten Tag will er in Antonovs Wohnung von dessen Ehefrau mit Tee und Keksen bewirtet worden sein, doch die befand sich zu dem Zeitpunkt nachweislich in Bulgarien. Agca konnte zwar viel zu Antonov sagen, etwa, dass es sein Hobby war, kleine Schnapsflaschen zu sammeln. Und von seinen angeblichen Mitverschwörern kannte er vielleicht noch den Leberfleck auf der Nasenspitze. Er wußte aber nicht, wie groß oder klein sie waren. Zudem hätte man sich fragen können, in welcher Sprache der Plan zum Anschlag eigentlich ausgeheckt worden sein sollte. Denn Agca konnte seinerzeit nur Türkisch, das Antonov aber nicht beherrschte.

Endgültig aufgeflogen ist Agcas Falschaussage aber, als ihn ein Ermittler nach der Beschaffenheit von Antonovs Wohnung befragte. Konkret ging es um eine bewegliche Trennwand, wie sie sich diese in allen Wohnungen des Gebäudes befanden, nicht aber in der von Antonov. Agca tappte in die Falle und verstieg sich zu der Aussage, dass sich eine derartige Wand auch im Wohnzimmer Antonovs befunden habe. Mit anderen Worten: Agca kannte die Aufkleber der Schnapsflaschen, die Antonov gesammelt hatte, wußte aber nicht, wie es in dessen Wohnung aussah.

CNN/CIA-Karikatur. Quelle: http://therundownlive.com

Interessant in diesem Zusammenhang ist es, dass direkt unter Antonov der Rektor der Universität „Pro Deo“ wohnte, ein Mann namens Felix Morlion, der engste Kontakte zur CIA unterhielt.

Der Journalist Marco Ansaldo geht davon aus, dass Agca im Gefängnis von Geheimdienstmitarbeitern für seine Aussage instruiert worden ist. Das würde auch erklären, warum Agca zwar die Gesichter seiner Mitverschwörer beschreiben konnte, nicht aber ihre Körpergröße kannte. Man hatte ihm offensichtlich Portraitfotos gezeigt. Man könnte auch vermuten, dass Felix Morlion nicht gewußt hatte, dass ausgerechnet die Wohnung von Antonov nicht mit einer derartigen Trennwand bestückt war wie all die anderen Wohnungen in diesem Haus.

Jens Wernicke: …aber das Foto, das Antonov angeblich auf dem Petersplatz zeigt?

Moritz Enders: Über dieses Foto ist viel diskutiert worden. Der ehemalige Senator Paolo Guzzanti, der einer parlamentarischen Untersuchungskommission vorgesessen hatte, glaubt, dass dieses Foto tatsächlich Antonov zeigt. Hierfür habe er zwei Gutachten anfertigen lassen. Viele andere meinen allerdings, es stelle einen amerikanischen Touristen dar, der Antonov nur ähnele. Der habe sich dann auch bei den Behörden gemeldet, um das Mißverständnis aufzuklären.

Ich kann Ihnen diese Frage nicht beantworten, frage mich allerdings, ob jemand, der ein Verbrechen in Auftrag gibt, zur Tatzeit tatsächlich am Tatort erscheinen würde. Dann hätte er ja kein Alibi. Und Antonov hatte für die Tatzeit übrigens sogar eines. Allerdings kein wasserdichtes.

Jens Wernicke: Sie haben über Felix Morlion gesprochen, der im gleichen Wohnhaus lebte wie Sergej Antonov und enge Kontakte zu CIA unterhielt. Spielte die CIA denn eine prominente Rolle in der Angelegenheit?

Moritz Enders: Für eine aktive Verstrickung der CIA oder anderer Geheimdienste in den Anschlag haben wir keine Anhaltspunkte gefunden. Aber zumindest hat die CIA eine prominente Rolle gespielt, als er darum ging, das Attentat dem bulgarischen Geheimdienst anzuhängen.

Um zu erfahren, wie sie das gemacht haben, haben wir Melvin Goodman interviewt, seinerzeit Chefanalyst für UDSSR-Fragen bei der CIA. Er sagte uns, dass die CIA bewusst Informationen gestreut hat, die dann von europäischen Journalisten aufgegriffen wurden. Die stießen dann also – allerdings nicht zufällig – auf einige Indizien, die eine bulgarische Verstrickung nahelegten. Diese wurden zuerst in Zeitungsartikeln verarbeitet. Und dann kam die Stunde von Claire Sterling, die unter anderem für die New York Times und den Reader´s Digest schrieb. Sie fasste das alles in einem Buch zusammen und meinte nun, die Schuld der Bulgaren endgültig belegt zu haben. Vielleicht nicht für alle überraschend ist dabei, dass Sterling selbst enge Kontakte zur CIA unterhielt.

Wie dem auch sei, dieses Buch bekam William Casey, der damalige Direktor der CIA, zwischen die Finger und regte sich furchtbar darüber auf, dass ihn seine eigenen Analysten nicht mit so erlesenen Informationen versorgen konnten wie er sie im Buch von Claire Sterling gefunden habe. Die Analysten hätten dann Mühe gehabt, ihn davon zu überzeugen, dass es sich genau andersherum verhielt und Casey vielmehr der eigenen CIA-Propaganda auf den Leim gegangen sei.

Diese „bulgarische Spur“ war – zumindest in der Form, wie sie der Öffentlichkeit verkauft wurde – ein reines Propagandaprodukt. Darin stimmen alle der circa 20 Experten, die wir zu diesem Thema befragt haben, überein, mit Ausnahme des ehemaligen Senators Paolo Guzzanti. Und dennoch hat sie ihren Zweck erfüllt. Denn auch, wenn fast alle Fachleute der Meinung sind, dass es die Bulgaren nicht gewesen sind, glaubt auch heute noch eine große Mehrheit in der italienischen Bevölkerung, dass die Bulgaren hinter dem Attentat stecken. Immer wieder haben wir gehört: „Ach, das waren doch diese Bulgaren!“

Jens Wernicke: Ein gutes Beispiel für Framing und Agenda-Setting, für die gezielte und hochprofessionelle Manipulation der öffentlichen Meinung durch Propaganda und Geheimdienste…

Besonderes Angriffsziel der CIA: Linke Medien in Deutschland. Foto: 
Karl-Ludwig Poggemann. CC BY 2.0

Moritz Enders: Tatsächlich ist die Frage, wem man nach einem politischen Verbrechen, einem Attentat oder einem Massaker die Schuld dafür in die Schuhe schieben kann, entscheidend. Wer die Öffentlichkeit von seiner Lesart der Dinge überzeugen kann, hat es anschließend viel leichter, den gewünschten politischen Kurs zu bestimmen.

Um zu erfahren, wie sich so etwas konkret bewerkstelligen läßt, sind wir nach Mailand zu Aldo Giannuli gefahren. Giannuli hat in Italien viel beachtete Bücher über die Geheimdienste und deren Medienmanipulationen geschrieben.

Die Mechanismen, die da ineinandergreifen, sind relativ komplex. Aber man kann sie vielleicht wie folgt zusammenfassen: Es kommt auf emotionalisierendes Bildmaterial an, das Unterdrücken wichtiger Informationen und auf die richtige Montage der verbleibenden und nach Möglichkeit wahren Elemente. Man sollte also im Grunde mit der Wahrheit lügen und die einzelnen meist wahren Informationen wie Mosaiksteine so zusammensetzen, dass sie ein völlig anderes Bild ergeben – das sich anschließend dann propagandistisch verwerten lässt.

Wesentlich dabei sei allerdings, so Giannuli, die gewünschten Narrative innerhalb der ersten zwei, drei Wochen zu etablieren. Dann blieben sie in der Regel im öffentlichen Bewusstsein verankert. Nachträgliche Enthüllungen könnten hieran kaum mehr etwas ändern. Ich finde, es ist wichtig, das zu verstehen, denn auch so wird Politik gemacht.

Jens Wernicke: Politik gemacht?

Moritz Enders: Ja, sicher. Nehmen Sie zum Beispiel den Abschuss des Verkehrsflugzeuges MH17 über der Ukraine im letzten Jahr. Wir – und damit meine ich jetzt die normalen Medienkonsumenten – wissen nicht, was da passiert ist. Aber bei der Bevölkerung soll sich der Eindruck verfestigen, daran seien „die Separatisten und damit irgendwie die Russen schuld“.

Dafür gibt es allerdings keine Beweise und zudem werden wohl, wie ich gelesen habe, entscheidende Funksprüche, die ja vielleicht für die Aufklärung des Vorfalls hilfreich sein könnten, unter Verschluß gehalten. Doch darauf kommt es nach einiger Zeit auch gar nicht mehr an. Dann hat sich die Geschichte ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. So funktioniert Propaganda.

Jens Wernicke: Führen Sie das doch bitte ein wenig aus… Was wird da „wie“ genau gemacht? Welche „Mechanismen“ psychischer Manipulation werden wie gegen unsere Vernunft in Stellung gebracht?

Moritz Enders: Wie ich eben schon angedeutet habe, ist die suggestive Montage anhand von Meldungen, die fast alle, wenn nicht sogar wirklich alle, stimmen, fundamental. Ideal ist eine Mischung aus Weglassungen und Suggestionen.

Peter Lavelle, RT

Ich gebe Ihnen mal ein ganz plattes Beispiel: Stan und Ollie haben sich in der Wolle. Ollie haut Stan eine runter. Daraufhin haut Stan Ollie eine runter. Das ganze habe ich gefilmt. Ich kann jetzt den ersten Teil weglassen und nur zeigen, dass Stan Ollie eine runterhaut. Ich kann auch, ohne zu lügen, sagen, dass es vorher zu Diskrepanzen zwischen den beiden gekommen ist. Das stimmt, verschweigt aber etwas ganz Wesentliches: Ollie hat auch zugeschlagen, und zwar vorher. Aber durch diese Weglassung suggeriere ich schon mal: Stan ist der Gewalttäter und Ollie das Opfer. Jetzt zeige ich vielleicht noch, wie der ohnmächtige Ollie von der Feuerwehr auf einer Bahre abtransportiert und in einen Krankenwagen geschoben wird. Nehmen wir nun an, ich habe ein Foto von Stan, dass drei Tage vorher aufgenommen worden ist. Seine Freundin hat ihm gerade einen Kuchen gebacken und Stans Augen sprühen vor Freude. Ich bringe jetzt ein paar Hintergrundinformationen zu Stan – etwa, dass er aus Reutlingen ist oder ähnliches – und zeige dazu dieses Foto. Ohne formal zu lügen, suggeriere ich damit nun, dass Stan sich darüber freut, dass er Ollie k.o. geschlagen hat.

Ich weiß, das klingt jetzt sehr simpel. Es ist, als säße jemand vor einem Klavier und würde immer nur auf zwei der Tasten drücken, ohne jede Phantasie. Zum Starpianisten macht ihn das allein ganz sicher noch nicht. Dazu müßte er schon mit mehr Virtuosität auf der gesamten Klaviatur der propagandistischen Möglichkeiten spielen… Aber es ist eben nur ein Beispiel; und die Geheimdienste beherrschen, das kann ich Ihnen versichern, die gesamte Klaviatur virtuos.

Bei Ihren Manipulationen geht jedenfalls nicht darum, zu lügen – denn Lügen können später ja auffliegen -, sondern darum, entscheidende Informationen wegzulassen; um die Reihenfolge, in der Nachrichten verbreitet werden; um die Art und Weise, in der Dinge mit dem Vorfall in Zusammenhang gebracht werden, die mit ihm zwar nichts zu tun haben, dennoch aber eine gewisse Verantwortlichkeit nahelegen. Darum also, wie Sinn indiziert [PDF] wird. Und wichtig ist natürlich immer auch das Auslegen falscher Spuren…

Jens Wernicke: Falsche Spuren? Meinen Sie damit das, was ich inzwischen als „Elefantenspuren“ bezeichne? Dass Terroristen in letzter Zeit dazu neigen, ihre Personalausweise zu Attentaten mitzunehmen und bei oder nach diesen dann zu verlieren? So etwas in der Art?

Peter Enders: Als man Ali Agca auf dem Petersplatz festnahm, trug er keine Dokumente bei sich, nur eine Art Laufzettel, auf dem stand, was er zu tun hätte. Später fand man dann einen gefälschten Reisepass, der auf einen anderen Namen ausgestellt war. Vielleicht war es damals bei Terroristen ja noch nicht in Mode, ihre Dokumente mit zu den Orten ihrer Verbrechen zu nehmen, so wie es heute der Fall zu sein scheint.

Zudem gab es beim Papstattentat in dem Sinne ja keine „Elefantenspur“, sondern stattdessen unendlich viele kleine, fast so wie nach einem verregneten Open-Air-Konzert, wo sie hunderte von Fußabdrücken im Schlamm vorfinden. Es gab die Einzeltäter-Hypothese, verschiedene vatikanische Spuren, eine Mafia-Spur, islamistische Spuren, Spuren, die zu verschiedenen Geheimdiensten zu führen schienen – und all das in verschiedenen Kombinationen. Es wurde auch gemutmaßt, dass die CIA und der KGB unter einer Decke gesteckt hätten, weil der Papst dabei war, die sogenannte Logik von Jalta durcheinanderzubringen. Und unter all diesen Spuren wurde eben auch die „bulgarische“ gelegt, wie wir gesehen haben, mit einigem Geschick.

Aldo Giannuli hat uns erläutert, mit welchen Techniken man falsche Spuren legen kann. Zunächst müsse man aber verstehen, dass es nicht nur zu den Aufgaben der Geheimdienste gehöre, Informationen einzusammeln, sondern auch, welche in Umlauf zu setzen. Vielleicht ließen die sich ja einem Journalisten unterjubeln, der sich kaufen lässt, oder aber, wenn auch nicht notwendigerweise, selbst für einen Geheimdienst arbeitet.

Auf dem Schreibtisch eines Staatsanwalts könne man einen anonymen Brief plazieren, ein Foto oder ähnliches. Und man könne dafür sorgen, dass jemand bei der Polizei auf stichhaltige Indizien stößt. Das alles würde sich ganz langsam zu einem Gesamtbild verdichten.

Laut Giannuli brauche man für so etwas eine gute Regie, die etwa wisse, wann man eine bestimmte Nachricht verbreiten und wann man zwei Empfänger verschiedener Nachrichten zusammenbringen müsse, damit die sich in ihrer Meinung gegenseitig bestärkten.

Das seien komplexe Operationen, die mit langem Atem und großer Akribie umgesetzt werden müßten. Aber genau darin seien Geheimdienste seit Jahren und Jahrzehnten „geschult“; das sei ihr Tagesgeschäft, das keiner so gut beherrsche wie sie.

Jens Wernicke: Und was lehrt uns das? In Summe wohl vor allem, dass man nach jedem Attentat zuerst einmal mit Ruhe und Besonnenheit … alle vermeintlichen Fakten überprüfen und sich nicht gleich ins Boxhorn und also Angst einjagen lassen sollte? Dieses Petitum kam unlängst auch von Daniele Ganser im Interview, der zudem noch Beispiele für derlei „Geheimdienst-Manipulationen“ beisteuerte, vor denen man sich hüten solle…

Moritz Enders: Auch Daniele Ganser haben wir ja für unsere Dokumentation interviewt. Tatsächlich sollten wir uns immer klarmachen, dass die Geschichte eines Attentats – oder eines anderen politischen Verbrechens – mit dem Ereignis selbst gar nicht endet, sondern in gewisser Weise erst beginnt: Nach dem Ereignis versuchen alle möglichen – in aller Regel mächtigen – Parteien, die Deutungshoheit hierüber zu erlangen. Dabei kommen die eben erwähnten Methoden zum Einsatz, die uns Aldo Giannuli erläutert hat.

Um es mit den Worten des ehemaligen Senators Paolo Guzzanti auszudrücken: „Es gibt immer eine Wahrheit hinter der Wahrheit und dahinter verbirgt sich eine weitere.“ Natürlich kann es auch sein, dass die erste Wahrheit irgendwo stimmt – aber wie will man das genau wissen? Ja, es geht daher gerade bei Attentaten darum, äußerste Skepsis zu bewahren und nicht gleich alles zu glauben, was in den ersten Tagen – gerade, wenn die Geschichte auf „Elefantenspuren“, wie Sie das nennen, fußt – berichtet wird.

Wir sollten uns einfach immer vor Augen halten: Eine der ureigensten Aufgaben der Geheimdienste ist es ja nicht, zu informieren, sondern zu desinformieren.

Jens Wernicke: Das klingt doch alles ein wenig nach Verschwörungstheorie…

Moritz Enders: Wir können uns nicht immer wegducken und alles als Verschwörungstheorie abtun, was uns sonst zwingen würde, uns mit unangenehmen Wahrheiten auseinanderzusetzen. Zunächst einmal: Wenn ein politisch motiviertes Verbrechen geschieht, in das mehr als eine Person verstrickt ist – natürlich gibt es da auch immer wieder Einzeltäter –, handelt es sich dabei automatisch um eine Verschwörung. Wie die genau ausgesehen hat, welche Personen darin involviert gewesen sein mögen – dazu kann man dann Theorien entwickeln. Sinnvollerweise sollten sich diese auf nachweisbare Fakten stützen. Und sollte man sich bewusst sein, dass man dabei womöglich immer auch einmal bewusst falsch gelegten Spuren folgt; so, wie ich es eben erläutert habe.

Gleichwohl muss man feststellen, dass gewisse Vorgänge erst in einem großen zeitlichen Abstand von der Öffentlichkeit akzeptiert werden. So bestreitet heute kaum noch jemand, dass der iranische Premierminister Mossadegh unter Mitwirkung der CIA gestürzt wurde. Und Salvador Allende in Chile auch. Auch, dass der Irak vor dem zweiten Golfkrieg keine Massenvernichtungswaffen besaß, hat sich mittlerweile ja rumgesprochen. Irgendwann dürfen Sie solche Dinge offen aussprechen ohne als Spinner zu gelten. Wahrscheinlich ab dem Zeitpunkt, ab dem auch die Massenmedien das nicht mehr bestreiten. Aber wenn Sie Dinge hinterfragen, die noch nicht so lange zurückliegen, gelten Sie eben als „Verschwörungstheoretiker“.

Heute wissen wir allerdings – und das haben wir zu einem großen Teil den Recherchen von Daniele Ganser zu verdanken –, dass es zur Zeit des Papstattentats NATO-Geheimarmeen gab, die immer wieder in Terrorakte verstrickt waren und dann dazu falsche Spuren legten. Besonders aktiv waren sie in Italien und in der Türkei – zwei Ländern, in denen links gerichtete Regierungen an die Macht hätten kommen können und die für die USA von großer geostrategischer Bedeutung gewesen sind. Viele unserer Interviewpartner haben uns gesagt, dass in dieser Zeit der Terrorismus gezielt genutzt wurde, um den Machtzuwachs linker Parteien zu verhindern.

„In einem Gespräch mit der römischen Zeitung La Repubblica vor etwa zwei Wochen bestätigte der Boss der sizilianischen Mafia »Cosa nostra«, Gioacchino La Barbera, die Beteiligung der Geheimdienste an Mafiamorden. Er gewährte einen Einblick in das seit den 70er Jahren unter Führung der CIA und ihrer geheimen NATO-Truppe Gladio zusammen mit italienischen Geheimdiensten, der Mafia, Exponenten des Vatikans und hohen Politikern geschaffene Geflecht, in dessen Mitte die faschistische Putschloge »Propaganda due« (P2) agierte.

Deren zentrale Figur war der siebenmalige Ministerpräsident Giulio Andreotti. Barbera hatte am 23. Mai 1992 auf der Autobahn A29 kurz vor der Ausfahrt Capaci in der Nähe Palermos eine 500-Kilo-Bombe gezündet, die den sizilianischen Staatsanwalt Giovanni Falcone mit seiner Frau und drei Leibwächtern tötete. Der Mafiaermittler wurde umgebracht, weil er mit seinen Recherchen die kriminellen Verstrickungen Andreottis aufzudecken drohte. La Barbera hatte im Prozess mit der Justiz auf der Grundlage der Kronzeugenregelung zusammengearbeitet, war zu 14 Jahren Haft verurteilt worden und lebt heute nach seiner Begnadigung unter einem neuen Namen und Polizeischutz. Was er darlegte, war den Ermittlungsbehörden schon seit langem bekannt. Nur gingen viele Staatsanwälte und Untersuchungsrichter aus Angst, das Schicksal Falcones zu erleiden, nicht gegen die Geheimdienste und höchste Regierungsvertreter vor.

Zu den Ausnahmen gehörte der Staatsanwalt von Palermo, Giancarlo Caselli, der im März 1993, gestützt auf die Ermittlungen Falcones, Andreotti wegen Mitgliedschaft in der Mafia anklagte. (…)

Gut eineinhalb Jahre vor dem Anschlag auf Falcone, am 24. Oktober 1990, war die Existenz der geheimen Stay-behind-Truppe der NATO, die in Italien Gladio hieß, aufgedeckt worden. Damit flossen in die Ermittlungen Falcones neue Erkenntnisse ein. Denn Gladio war 1964 unter der Ägide Andreottis, der damals als Verteidigungsminister amtierte, gebildet worden, um die von dem Führer des linken Flügels der Democrazia Christiana (DC), Aldo Moro, im Dezember 1963 mit den Sozialisten gebildete Regierung der Linken Mitte (Centro Sinistra) mit einem Colpo di stato (Staatsstreich) zu stürzen.“ (Gerhard Feldbauer: „Um jeden Preis fernhalten“.)

Jens Wernicke: Nun ist das Thema Terror ja zurzeit aktueller denn je. Ich denke da etwa an die Attentate im Januar und dann wieder im November in Paris. Sehen Sie denn Parallelen zwischen dem, was Sie recherchiert haben, und dem, was uns nun gerade als unabdingbare Notwendigkeit, in einen „Krieg gegen den Terror“ zu ziehen, verkauft werden soll?

Moritz Enders: Ich denke schon, dass es da Parallelen gibt. Der Papsattentäter Ali Agca wird dem Umfeld der rechtsgerichteten Gruppierung der Grauen Wölfe zugeschrieben, auch wenn uns der ehemalige Chef der Grauen Wölfe, Musa Serdar Çelebi, gesagt hat, dass er da von außen eingeschleust worden sei. Die Grauen Wölfe waren seinerzeit nämlich ein Mittel, das die Amerikaner nutzten, um in der Türkei bürgerkriegsähnliche Zustände herbeizuführen und so letzten Endes einen Militärputsch zu erzwingen, der 1980 dann ja auch erfolgte. Und Daniele Ganser sagte uns, Agca habe der NATO-Stay-Behind-Organisation „Gladio“ angehört.

Der Untersuchungsrichter Rosario Priore, der ein lesenswertes Buch über den internationalen Terrorismus geschrieben hat – „Intrigo Internazionale“ – sagte uns, dass der Terrorismus immer auch ein Herrschaftsinstrument der Staaten sei. Laut Priore stecken staatliche Institutionen – in der Regel in Form von Geheimdiensten – oft mit den Terroristen unter einer Decke und versuchten hierdurch, den Terrorismus zu steuern und zu instrumentalisieren. „Operationen unter falscher Flagge“ und Staatsstreiche gehörten ebenfalls zu ihrem Repertoire.

Werner Köhne und ich haben uns nun in unserer Dokumentation mit einem Ereignis beschäftigt, das sich im Jahr 1981 zugetragen hat. Unsere Recherchen haben uns hauptsächlich nach Italien und – dank der Vermittlung der Journalistin Yasemin Taskin – in die Türkei geführt. Und für diese beiden Staaten und für die Zeit der siebziger und frühen achtziger Jahre trifft der Vorwurf einer staatlichen Verstrickung in verschiedene Terrorakte sicherlich zu.

Wir könnten jetzt natürlich wohlwollend unterstellen, dass das alles Geschichte ist und heute nicht mehr vorkommt. Rosario Priore allerdings sagte uns, dass es bei dem Phänomen des Terrorismus immer auch um die Kontrolle von Bodenschätzen und die entsprechenden Handelsrouten gehe. Und wenn wir nun einen Blick auf den Nahen Osten werfen, dann stellen wir fest, dass es da Öl, Gas, Bürgerkrieg und Terrorismus gibt. Die Saudis, die Türken, die Amerikaner und vielleicht auch andere haben hier Terroristen ausgebildet und ausgerüstet, um Assad zu stürzen – auch wenn die Amerikaner Wert darauf legen, zu betonen, dass sie vorzugsweise „moderate Rebellen“ ausgebildet und ausgerüstet hätten.

Foto: pk210 / Flickr / CC-BY-SA-2.0

Ich habe gelesen, dass unter dem östlichen Mittelmeer riesige Erdgasvorkommen vermutet werden – in einem Gebiet, das zu Syrien gehört – und dass der Iran und Katar ebenfalls über reichlich Erdgas verfügen. Katar würde gern eine Pipeline durch Syrien legen, um sein Gas bis ans Mittelmeer zu pumpen – aber das geht nicht, solange Assad an der Macht ist.

Womöglich aber hätte Erdgas aus Katar das Potential, die russische Stellung auf dem europäischen Energiemarkt zu schwächen? Dann wäre der auch von außen befeuerte syrische Bürgerkrieg eben auch ein indirekter Angriff auf Russland, der Konflikt um Syrien wäre in der geopolitischen Auseinandersetzung zwischen den USA und Russland von zentraler Bedeutung.

Das ist sicherlich nur ein Aspekt von vielen in dieser verworrenen Situation, in der noch etliche weitere Parteien offen oder verdeckt ihr eigenes Süppchen kochen. Jedenfalls dürfte die eben nur sehr knapp skizzierte Gemengelage deutlich machen, dass sich der Krieg in Syrien leicht zu einem Flächenbrand ausweiten kann. Hier kämpft jeder gegen jeden und seit die syrische Armee nun dabei ist, mit Unterstützung der Russen den sogenannten „Islamischen Staat“ zurückzudrängen, haben es alle auf einmal eilig, da unten ebenfalls mitzumischen, aus Angst, ihnen könnten die Felle wegschwimmen.

Ich halte es für einen schwerwiegenden Fehler, dass sich nun auch Deutschland an diesen völkerrechtswidrigen Interventionen beteiligen will. Wir sollten uns ernsthaft fragen, ob wir in Deutschland das Völkerrecht endgültig in die Mülltonne der Geschichte treten oder ob wir nicht besser darauf hinarbeiten sollten, dass dasselbe wieder respektiert wird, auch und vor allem von der westlichen Staatengemeinschaft.

Eines jedenfalls sollte uns klar sein: Den Terrorismus werden wir mit Interventionen wie der in Syrien nicht besiegen. Aber ist das aktuell überhaupt – und wie behauptet – die Triebfeder des Handelns der westlichen Staaten? Und schlittern wir da nicht gerade in eine Situation hinein, deren Konsequenzen wir überhaupt nicht absehen können?

Ich denke, hierin liegt ein entscheidender Unterschied zu dem Anschlag auf Papst Johannes Paul II. Denn 1981 hatte die Logik von Jalta noch Bestand, nach der jede der beiden damaligen Supermächte – die USA und die Sowjetunion – in ihrer eigenen Einflußsphäre weitgehend freie Hand hatte. Zwar unterstützten die USA in Afghanistan und Polen religiöse und politische Bewegungen, um die Position der Sowjetunion zu unterminieren. Aber trotzdem, scheint es mir, wollte man das bestehende Machtgefüge nicht unkontrolliert zum Einsturz bringen.

Das Attentat, das möglicherweise – dies vermutet zumindest Marco Ansaldo – tatsächlich von Ali Agca und seinen Kumpanen, die nun allerdings wiederum enge Verbindungen zu westlichen Geheimdiensten hatten, ausgeheckt worden ist, wurde zwar propagandistisch instrumentalisiert, andererseits aber wollte man es ja „nur“ den Bulgaren und damit nur indirekt den Sowjets in die Schuhe schieben. Und selbst darüber herrschte innerhalb der CIA wohl keine Einigkeit.

Die Zeiten des Kalten Krieges waren sicherlich auch brandgefährlich, andererseits aber auch überschaubarer. Der Terrorismus der Zeit – ob nun staatlich unterwandert, gesteuert oder nicht – schien politischer zu sein und über den sogenannten „Clash of Civilizations“ wurde seinerzeit wohl auch noch nicht sinniert. Heute hingegen erleben wir die Herrschaft der staatlichen Willkür. Und diese Entwicklung sollten wir schleunigst stoppen.

Jens Wernicke: Und was tun wir nun am besten angesichts dieser Erkenntnisse – mitten in einer immer weiter eskalierenden globalen Gewaltspirale? Was raten Sie?

Moritz Enders: Auch wenn das Leben lebensgefährlich ist und schon immer war: Wir sollten die Kontrolle über unsere Gedanken behalten und uns nicht manipulieren lassen. Wir sollten nicht ängstlich, sondern mutig sein. Oder besser: Wir sollten ängstlich und mutig sein. Denn Angst ist nicht das Gegenteil von Mut.

Das sind meiner Ansicht nach Unentschlossenheit und Bequemlichkeit. Seien wir also nicht zu bequem, die Dinge zu hinterfragen. Dabei geht es auch gar nicht so sehr um die Wahrheit – denn wer kennt die schon? Es geht vor allem darum, dass wir uns die Fähigkeit des kritischen Denkens bewahren.

Jens Wernicke: Ich bedanke mich für das Gespräch.

Moritz Enders, geboren 1964 in Berlin, studierte Geschichte in Rom, lebte lange in Spanien und war dort unter anderem journalistisch tätig. Er erhielt ein Stipendium für die „European Business and Management School“ in London, und ist heute hauptsächlich als Rechercheur, Autor und Regisseur für TV-Dokumentationen tätig.

Dieser Text erschien zuerst auf "NachDenkSeiten - die kritische Website". Die Zweitveröffentlichung durch uns erfolgt im Rahmen der Creative Commons Lizenz 2.0 Non-Commercial, unter welcher er publiziert wurde. Weitere Veröffentlichungen von Jens Wernicke finden Sie auf seiner Homepage jenswernicke.de. Dort können Sie auch eine automatische E-Mail-Benachrichtigung über neue Texte bestellen.

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