Ex-Spiegel Journalist Harald Schumann: Wir haben genau die Medien, die wir verdienen

Der Journalist Harald Schumann. Quelle: Screenshot arte
Der Journalist Harald Schumann. Quelle: Screenshot arte
In einem aktuellen Interview gibt der Journalist Harald Schumann Einblicke in die Funktionsweise großer deutscher Medienhäuser. Schumann arbeitete bis 2004 beim SPIEGEL und kündigte dann, weil seine kritische journalistische Arbeit dort gezielt durch die Chefredaktion sabotiert wurde. Vor kurzem hat Schumann den Doku-Film "Macht ohne Kontrolle - Die Troika" abgedreht. Auch hier wurde kritisches Nachfragen auf vielen Ebenen aktiv verhindert.

Harald Schumann gehört nicht zu den Schönrednern, der Kritik an der eigenen Branche als Spinnerei oder als per se unangemessen darstellt, um es sich dann in der Opferrolle bequem zu machen. Ein Muster bei vielen Schreibern: Erst falsch, unbelegt, propagandistisch, verkürzt und antidemokratisch berichten und bei Widerspruch oder den im Internetzeitalter üblichen "Shitstorms", den schuldlos Geprügelten mimen.

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Schumann weiß vielmehr aus eigener Erfahrung, wie in den großen Redaktionshäusern, aber auch gezielt aus politischen Institutionen heraus, kritische Berichterstattung immer wieder unterdrückt wird. Schumann kann von diesen Erfahrungen berichten, weil er eben selbst oft gegen den Strom schwimmt, Unbequemes recherchiert und ausspricht und sich dabei auch mit den Mächtigen anlegt. Ein Versuch den viele Lohnschreiber in den Herrschaftsmedien erst gar nicht wagen und folglich dann auch keine Einschränkung der Pressefreiheit in Deutschland bemerken können.

Bereits bei seinem Abgang vom Spiegel im Jahre 2004 berichtete Schumann, der aktuell für den Tagesspiegel schreibt, aber auch kürzlich Regie geführt hat bei dem Dokumentarfilm " Macht ohne Kontrolle - Die Troika" und öfters Gast bei Podiumsdiskussionen ist, von dem was er "interne Pressefreiheit in den Redaktionen" nennt:

In einem aktuellen Interview mit dem Magazin telepolis merkt Schumann zwar an, er wisse nicht ob sich die Situation bei seinem früheren Arbeitgeber mittlerweile geändert hat, analysiert aber gleichzeitig noch einmal im größeren Rahmen die Problematik:

"Diejenigen, die man kritisiert und deren öffentliche Aussagen man in Frage stellt, haben die Möglichkeit, sich bei Vorgesetzten und Chefredakteuren zu beschweren. Hinzu kommt: Wer kritisch Position bezieht, exponiert sich persönlich. Auch das ist nicht jedermanns Sache. Wer das tut, macht sich angreifbar - was natürlich viele Leute vermeiden wollen. Jedenfalls führt all das dazu, dass die große Mehrheit der Journalisten diesen beschwerlichen Weg scheuen, und das erst recht, wenn sie von ihren Vorgesetzten mit Gegenwind rechnen müssen.

[...]

Hinzu kommt noch das, was meine Kollegin Ulrike Hermann mal als implizite Korruption bezeichnet hat. Es ist doch so, wenn man, um es mal alt-links auszudrücken, den Mächtigen nach dem Maul schreibt, wird man auch eher eingeladen, dann kriegt man die besseren Moderations- und Vortragsangebote, die höheren Honorare. Man gehört dazu. Das ist nicht zu unterschätzen." Schumann merkt aber auch an, es mache wenig Sinn nun den von interner Korruption gebeutelten Leitmedien die Schuld am Zustand von Gesellschaft und Politik zu geben. Medien können zwar gewisse Themenbereiche ausleuchten, Kritik formulieren und üben eine Kontrollfunktion aus, letztendlich liege die Verantwortung aber beim Bürger selbst, so der Journalist:

"Die Medien machen doch genau das, womit sie durchkommen. Da sind sie nicht anders als die Politiker. Wir haben genau die Regierung, die wir verdienen, und wir haben auch genau die Medien, die wir verdienen. "

Aus diesem Grund rät Schumann auch dazu, Journalisten und Politiker direkt mit Kritik zu konfrontieren, sobald diese Sichtweisen verbreiten oder Entscheidungen treffen, die man als Bürger für falsch erachtet. Eine persönliche E-mail oder auch ein Anruf in der Redaktion oder dem Abgeordnetenbüro könne da wahre Wunder bewirken. Denn auch Journalisten und Politiker sind letztendlich nur Menschen, die auf Druck aus der Bevölkerung durchaus reagieren. Ebenso bestätigt Schumann die große Wirkung von Demonstrationen auf die interne Programmgestaltung in großen Medien. Sobald sich etwas auf der Straße regt, sind auch sonst angepasste Chefredaktionen bereit über ein Thema zu berichten, das sie sonst ausklammern würden. Nur müssen die Bürger dann auch aktiv werden. Oder mit Schumanns Worten:

"Medien können da nicht stellvertretend für eine massenhaft träge Bevölkerung die Revolution machen."

Ein weiteres großes Problem sieht der Tagesspiegel-Autor in den arrogant gewordenen und sich immer weiter von der Bevölkerung oder kritischen Medien abkoppelnden politischen Institutionen. Wie auch beispielsweise Angela Merkel mal wieder das "Aussitzen" (= Kritiker ignorieren) des BND-Skandals präferiert, machte Schumann ähnliche Erfahrungen seitens IWF und EU bei den Dreharbeiten zu seinem neuen Dokumentarfilm über das Troika-System und die finanzielle Erpressung Griechenlands.

Putin-Meme. Quelle: Internet

Die finanzpolitischen Institutionen, die mittlerweile oft über das Schicksal ganzer Völker in Europa bestimmen und in der Regel durch nichts demokratisch legitimiert sind, verweigerten sich dem Film-Team konsequent kritischen Fragen. Es gab eine regelrechte Boykott-Haltung. Schumann berichtet in diesem Zusammenhang, dass der EU-Kommisar Oli Renn ihm gegenüber auch bestätigt hat, dass dieser Boykott organisiert war. Letztendlich die pure Arroganz der Macht.

So konstatiert Schummann:

"Das bedeutet, dass diese Leute sich gegenüber der Öffentlichkeit nicht rechenschaftspflichtig fühlen. Oder nur dann, wenn sie Journalisten gegenüberstehen, die willfährig und brav sind. Das hat mich schockiert, denn es bedeutet, dass wir auf der Reise in die Postdemokratie doch schon viel weiter vorangekommen sind, als ich es erwartet habe."

Ob diese Reise abgebrochen wird und ein neuer Weg eingeschlagen wird, liegt jedoch - wie Harald Schumann richtig feststellt - letztendlich vor allem an der bisher meist trägen Bevölkerung selbst.

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