icon bookmark-bicon bookmarkicon cameraicon checkicon chevron downicon chevron lefticon chevron righticon chevron upicon closeicon v-compressicon downloadicon editicon v-expandicon fbicon fileicon filtericon flag ruicon full chevron downicon full chevron lefticon full chevron righticon full chevron upicon gpicon insicon mailicon moveicon-musicicon mutedicon nomutedicon okicon v-pauseicon v-playicon searchicon shareicon sign inicon sign upicon stepbackicon stepforicon swipe downicon tagicon tagsicon tgicon trashicon twicon vkicon yt

Faktencheck zur Medienberichterstattung: Hat Russland tatsächlich Corona-Impfstoff "zugelassen"?

Faktencheck zur Medienberichterstattung: Hat Russland tatsächlich Corona-Impfstoff "zugelassen"?
Der Aufschrei im deutschen Mainstream war groß: "Der Impfstoff-Murks aus Moskau" titelte die FAZ, "Hochriskantes Experiment" die ARD. Das ZDF-heute-journal bringt sogar ein Video, in dem Putin angeblich erklärt, der erste Corona-Impfstoff sei in Russland "zugelassen". Doch stimmt das?

von Florian Warweg

Fangen wir zunächst mit der von fast allen deutschen Medien angeführten Primärquelle für die angebliche "Zulassung" des russischen Corona-Impfstoffs an: der entsprechenden Ankündigung des russischen Präsidenten Wladimir Putin. 

Russland hat nach den Worten von Wladimir Putin den weltweit ersten Corona-Impfstoff zugelassen", heißt es gleich im ersten Satz bei Springers Welt.

In Russland wurde ein Impfstoff gegen das Coronavirus zugelassen, obwohl noch eine Testphase fehlt", erklärt uns die Zeit.

Nach den Worten von Präsident Wladimir Putin hat Russland den weltweit ersten Corona-Impfstoff zugelassen", verkündet die Tagesschau.

Putin betreibt üble Impfstoff-Propaganda", schäumt die Süddeutsche Zeitung.

Auffallend, sowohl die hier zitierten Beispiele als auch fast alle anderen deutsche Medien verzichten darauf, den russischen Präsidenten im Wortlauf zu zitieren. Mit einer renommierten Ausnahme: Das heute-journal bringt die Aussagen von Putin in originaler Videoaufnahme mit deutschem Voiceover. Laut der ZDF-Übersetzung sagt Putin: 

Heute Morgen ist der weltweit erste Impfstoff gegen die neuartige Coronavirus-Infektion zugelassen worden.

Im russischen Original heißt es allerdings unmissverständlich: 

Насколько мне известно, сегодня утром впервые в мире зарегистрирована вакцина против новой коронавирусной инфекции.

Und "зарегистрирована" heißt mitnichten, wie dem russischen Präsidenten vom ZDF in den Mund gelegt, "zugelassen", sondern ohne jeglichen Spielraum "registriert". Das ist ein enormer Unterschied. Denn die Registrierung ist in Russland (und auch in vielen anderen Ländern) eine juristische Formalität. Gewöhnlich muss ein Medikament eine aus drei Phasen bestehende klinische Studie absolviert haben, um registriert zu werden. In den ersten beiden Phasen werden Sicherheit und Verträglichkeit des Wirkstoffs unter Beweis gestellt. In der dritten Phase der klinischen Studie wird die Wirksamkeit des Präparats bewertet.

Aufgrund eines Erlasses der Regierung der Russischen Föderation vom 3. April 2020 erachtete das Gesundheitsministerium es allerdings für möglich, den Corona-Impfstoff unter gewissen Vorbehalten zu registrieren. So sollen an der weiteren Studie des Präparats 2.000 Menschen beteiligt sein. Der Föderale Dienst für die Aufsicht im Bereich Verbraucherschutz und Schutz des menschlichen Wohlergehens (Rospotrebnadsor) soll Qualität und Sicherheit des Vakzins auf allen Etappen kontrollieren. Der Erlass der russischen Regierung regelt die Verwendung von Medikamenten bei besonderen Vorkommnissen, darunter Pandemien.

Ausnahmslos alle deutsche "Leitmedien" leugnen in ihrer Berichterstattung aber genau diesen Aspekt. Da ist die Rede davon, Russland würde diese wichtige dritte Phase der Massentests einfach überspringen. Beispielhaft sei auf den entsprechenden Artikel des Spiegel verwiesen, dort heißt es

Russland hat am Dienstag den weltweit ersten Corona-Impfstoff zugelassen. Die finale Sicherheitsprüfung hat das Land dabei offenbar einfach übersprungen.

Faktencheck zur Medienberichterstattung: Hat Russland tatsächlich Corona-Impfstoff "zugelassen"?
Screenshot spiegel.de

Dabei hätte den deutschen Qualitätsjournalisten ein Blick auf die offizielle Seite des verantwortlichen Forschungsinstituts genügt. Dafür braucht es noch nicht mal Grundkenntnisse der russischen Sprache. Die Seite gibt es unter anderem auch in englischer, französischer und spanischer Sprache. Dort wird klar und deutlich das weitere Testprozedere nach der Registrierung dargelegt:

Die klinische Phase-3-Studie mit mehr als 2.000 Personen in Russland, einer Reihe von Ländern des Nahen Ostens (VAE und Saudi-Arabien) sowie Lateinamerikas (Brasilien und Mexiko) wird am 12. August beginnen. Der Impfstoff hat am 11. August vom russischen Gesundheitsministerium ein Registrierungszertifikat erhalten [...]. Die Massenproduktion des Impfstoffs wird voraussichtlich im September 2020 beginnen.

Die Behauptung aller führenden deutschen Medien, der Impfstoff sei "zugelassen" worden, obwohl angeblich die wichtige Phase III übersprungen würde, ist in dieser Form falsch. Weder wurde er, wie bereits ausgeführt, offiziell "zugelassen", noch wird auf die dritte Testphase verzichtet.

Mehr zum Thema - Corona-Impfstoff: Wie russischen Forschern der Durchbruch gelang

Eine rühmliche Ausnahme in der gehässigen und faktisch falschen Berichterstattung bietet die Onlineplattform NachDenkSeiten. Dort schreibt NDS-Redakteur Jens Berger mit Verweis auf die Internetseite des Impfstoffprojektes Sputnik V:

Der Impfstoff wurde also nicht "zugelassen", sondern "registriert" und für die dritte Phase mit 2.000 Probanden freigegeben. Damit ist er der siebte Impfstoffkandidat, der in die dritte Phase geht. Vielleicht sollte man Putins Ankündigung daher mit einem Augenzwinkern lieber unter PR-Coup verbuchen. Schon lustig, dass ihm die Leitartikler da voll auf dem Leim gegangen sind und vor Wut schäumen. Nun dürfen wir gespannt sein, denn es ist davon auszugehen, dass sehr ähnliche – wenn auch nicht ganz so extreme – Verkürzungen auch bei den britischen, amerikanischen und deutschen Projekten durchgeboxt werden. Mal schauen, ob die Leitartikler dann ähnlich kritisch sind.

Im Gegensatz zu ihren deutschen Pendants gelang den meisten englischsprachigen Leitmedien eine korrekte Wiedergabe der Aussage des russischen Präsidenten und den Darlegungen der russischen Forscher: Selbst bei CNN heißt es korrekt: 

Faktencheck zur Medienberichterstattung: Hat Russland tatsächlich Corona-Impfstoff "zugelassen"?
Screenshot cnn.com

Auch das Wall Street Journal scheint sich noch vernünftige Übersetzer leisten zu können: 

Faktencheck zur Medienberichterstattung: Hat Russland tatsächlich Corona-Impfstoff "zugelassen"?
Screenshot wsj.com

Das renommierte US-amerikanische medizinische Fachjournal Science hat sich - im Gegensatz zu den deutschen Journalisten - das vom russischen Gesundheitsministerium ausgestellte Zertifikat angeschaut. Dort wird laut Science klar ausgesagt, dass der Impfstoff nicht vor Januar 2021 eingesetzt wird:

Das Zertifikat ermöglicht es, den vom Gamaleya-Forschungsinstitut für Epidemiologie und Mikrobiologie in Moskau entwickelten Impfstoff "einer kleinen Zahl von Bürgern aus gefährdeten Gruppen" zu geben, darunter medizinisches Personal und ältere Menschen. Das Zertifikat besagt jedoch, dass der Impfstoff bis zum 1. Januar 2021, vermutlich nach Abschluss größerer klinischer Studien, nicht breit eingesetzt werden kann.

Mehr zum Thema - Putin: Weltweit erster Corona-Impfstoff in Russland offiziell registriert – eigene Tochter geimpft

Die faktisch falsche Berichterstattung der deutschen Medien dient aber auch als gutes Beispiel dafür, dass man sich in seiner journalistischen Berichterstattung immer auf die Primärquellen beziehen sollte. In diesem Fall die Aussagen von Wladimir Putin auf Russisch sowie die Angaben des verantwortlichen Forschungsinstituts. Denn neben den deutschen Medien haben auch die Presseabteilungen des Kreml und die Social-Media-Abteilung des russischen Außenministeriums ihren Anteil an dieser Form der Berichterstattung. So sprechen beide Institutionen in ihrem englischen Auftritt von "approved", was tatsächlich dem Deutschen "zugelassen" entspricht:

RT Deutsch kontaktierte die Presseabteilung der Russischen Botschaft in Berlin. Diese erklärte es als bedauerlichen Übersetzungsfehler und verwies darauf, dass man im Zweifelsfall immer auf die Originalquellen schauen sollte, Russisch sei schließlich eine der Amtssprachen der Vereinten Nationen.

RT Deutsch bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

Richtigstellung: Zuvor hieß es im Artikel, dass die Registrierung in Russland eine juristische Formalität sei, damit die dritte Testphase beginnen könne.

Folge uns aufRT
RT
Trends: # Corona-Pandemie, # Medienkritik

Diese Webseite verwendet Cookies. Klicken Sie hier, um mehr zu erfahren

Cookies zulassen