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68.000 Frauen und Mädchen in Deutschland sind von Genitalverstümmelung betroffen

68.000 Frauen und Mädchen in Deutschland sind von Genitalverstümmelung betroffen
(Symbolbild). Der Eingriff wird ohne medizinische Begründung und zum Großteil unter unhygienischen Bedingungen, ohne Betäubung und von medizinisch nicht geschultem Personal oft mit Rasierklingen, Glasscherben und ähnlichem durchgeführt.
In einigen Teilen der Welt ist es immer noch grausame Praxis: 90 Prozent der Mädchen werden nach Angaben des Kinderhilfswerks UNICEF in manchen Ländern beschnitten. Auch in Deutschland leben viele Betroffene. Darauf machte die Bundesfamilienministerin jetzt aufmerksam.

Nach Angaben von Bundesfamilienministerin Franziska Giffey leben in Deutschland derzeit knapp 68.000 Frauen und Mädchen, die von weiblicher Genitalverstümmelung betroffen sind. Die Zahl sei in den vergangenen Jahren deutlich angestiegen, sagte die SPD-Politikerin am Donnerstag in Berlin. Im Vergleich zu Daten, die das Ministerium im Februar vor drei Jahren vorgelegt hatte, sei das ein Anstieg um 44 Prozent.

Die meisten betroffenen Frauen stammten aus Eritrea, Somalia, Indonesien, Ägypten und Nigeria. Der Grund für den Anstieg liege in der höheren Zuwanderung aus diesen Staaten, sagte Giffey. Auch bei den Minderjährigen seien die Zahlen erschreckend hoch: Bis zu 14.880 Mädchen seien in Deutschland von weiblicher Genitalverstümmelung bedroht.

(Symbollbild). Ein selbstgemachtes Instrument im Dorf Alakas an der Grenze zu Kenia, Nordost-Uganda, 31. Januar 2018.

Giffey sprach zugleich davon, dass es nicht einfach sei, solche Daten zu erheben. "Es ist ein Straftatbestand, so dass wir uns hier im Rahmen einer Dunkelfeldforschung bewegen." Die Erhebung wurde den Angaben zufolge im Auftrag des Ministeriums nach einer von dem Europäischen Institut für Gleichstellungsfragen entwickelten Methodik erstellt. "Weibliche Genitalverstümmelung ist eine schwere Menschenrechtsverletzung und eine archaische Straftat, die Mädchen und Frauen in ihrem Recht auf körperliche Unversehrtheit und sexuelle Selbstbestimmung verletzt", sagte die SPD-Politikerin. Ziel sei es, Mädchen und junge Frauen davor schützen und Hilfe anzubieten.

Hinter den abstrakten Zahlen stecken bewegende Schicksale. Spätestens seit dem Welterfolg "Wüstenblume", der Autobiografie der Somalierin Waris Dirie, ist das Thema einer breiten Öffentlichkeit bewusst. In Deutschland setzt sich Fadumo Korn dafür ein, dass es nicht wieder aus dem Bewusstsein verschwindet. Mit ergreifenden Worten beschrieb die vor 40 Jahren aus Somalia nach Deutschland gekommene Vorsitzende des Vereins "NALA e. V. Bildung statt Beschneidung" am Donnerstag in Berlin, was ihr als Kind widerfahren ist.

"Ich wurde mit sieben Jahren meiner Weiblichkeit beraubt." In der Steppe Somalias sei sie ohne jegliche Narkose und Vorbereitung von zwei Frauen festgehalten worden und mit einer Rasierklinge beschnitten worden. "Man kann sich das nicht vorstellen (...) Es gibt kein Wort, das diesen Schmerz beschreiben kann, wenn man ohne Narkose seine Organe herausgeschnitten bekommt." Sie sei dabei fast gestorben und ins Koma gefallen.

Ein Mädchen, das der Volksgruppe der Massai angehört, wartet in einer kenianischen Schule auf den Beginn einer Aufklärungsveranstaltung, die sich gegen Genitalbeschneidungen richtet. In Kenia sind rund 60 Prozent der Frauen von verschiedenen Formen dieser Verstümmelungspraxis betroffen.

Fadumo Korn sprach von einer "mächtigen Tradition" in Ländern, in denen die Genitalverstümmelung weiterhin durchgeführt wird. Ihr sei es wichtig, für die zu kämpfen, die keine Stimme hätten. Giffey verwies darauf, dass in den jeweiligen Landessprachen auch durch bestimmte Bezeichnungen suggeriert werde, dass Mädchen mit der grausamen Prozedur etwas Gutes getan werde. So sei von "Saubermachen" die Rede oder von einem "Schritt ins Frau-Sein". Man müsse aufklären. Unterstützung für Betroffene könnten etwa Hebammen leisten. Zudem verwies Giffey auf das bundesweite Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen", das rund um die Uhr auch mit mehrsprachigen Ansprechpartnern erreichbar ist.

Die frauenpolitische Sprecherin der FDP-Fraktion, Nicole Bauer, sagte am Donnerstag, die Bundesregierung tue aktuell nicht genug, um betroffene Mädchen und Frauen zu schützen. "Es muss endlich mehr Aufklärung zu diesem Thema geben, auch als Teil der Integrationskurse, und wirksame Gesetze." Für Betroffene brauche es zudem ein Register von spezialisierten Ärzten, deren Expertise etwa bei Geburten zu Rate gezogen werden könne.

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