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Frauenrechte und die DDR – Interview mit Prof. Helga Hörz (Teil 2)

Frauenrechte und die DDR – Interview mit Prof. Helga Hörz (Teil 2)
Die sowjetische Kosmonautin Walentina Tereschkowa, DDR-Volksbildungsministerin Margot Honecker und die sozialistische Aktivistin Angela Davis, eine ehemalige politische Gefangene in den USA
Die Frauenrechts-Expertin Prof. Helga Hörz sprach mit RT Deutsch über den Kampf um Gleichstellung in der DDR. Im Zweiten Teil erklärt sie unter anderem die Familien- und Frauenpolitik der DDR - und was die "Wiedervereinigung" für die DDR-Frauen bedeutete.

Prof. Helga Hörz war Ethik-Professorin an der Berliner Humboldt-Universität. Sie arbeitete viele Jahre als Vertreterin der Deutschen Demokratischen Republik auf internationaler Ebene zu Frauen-Fragen, sowohl in der Internationalen Demokratischen Frauenföderation als auch für verschiedene UN-Gremien. Das Interview führte Hasan Posdnjakow.

Aufnahme während den Vorbereitungen für 10. Weltjugend- und Schülerfestivals in Berlin, DDR, am 1. Mai 1973.

War die Entscheidung von Frauen, in die Arbeitswelt zu gehen, eine freiwillige, oder gab es auch Druck auf Frauen, eine bezahlte Tätigkeit aufzunehmen, auch wenn sie das vielleicht gar nicht wollten? Gab es eine staatliche Politik, um Eltern, vor allem Mütter, dabei zu unterstützen, Beruf und Familie zu verbinden?

Es war sowohl und vor allem freiwillig, doch auch mit Druck verbunden. Neues setzt sich generell nicht ohne Zwang durch. Familien hatten sich zu entscheiden, wobei Vorurteile von Männern zu überwinden waren. Ihre Bequemlichkeit und ihr Wunsch, zu Hause von der Frau bedient zu werden, sind nicht zu unterschätzen. Manche Frau blieb Hausfrau, auf eigenen Wunsch, auf Druck ihres Mannes oder aus der Umgebung. Für Frauen, die beruflich tätig sein wollten und konnten, gab es viele staatliche Maßnahmen und betriebliche Förderprogramme, um Beruf und Familie vereinbaren zu können. Viele Betriebe hatten Kinderbetreuungseinrichtungen und eigene Ferienlager, die für alle bezahlbar waren. Es gab ausreichend Kinderkrippen und Kindergärten mit fundiert ausgebildetem Personal, sowohl staatlich, betrieblich und auch kirchlich. An allen Schulen gab es Hortbetreuung für Schüler/innen der Klassen 1 bis 4. Bis zu 78 Prozent der Kinder erfasste dieses für Mütter und Eltern wichtige Betreuungssystem. Betreuung und Bildung, verbunden mit Erziehung durch ausgebildete Kräfte, waren kostenlos. Lediglich für das Essen zahlten die Eltern einen geringen Betrag. An allen Schulen der DDR gab es für einen - ebenfalls minimalen - Geldbetrag ein warmes Mittagessen und Trinkmilch.

Das Angebot nutzten viele Eltern, wie ich aus eigener Erfahrung mit meinen Kindern weiß. Übrigens bin ich seit 65 Jahren mit dem gleichen Mann verheiratet, und wir haben uns stets bemüht, das für die Familie zu leisten, was jeder am besten kann und die Pflichten zu verteilen, damit Mann und Frau ihre beruflichen Pflichten erfüllen konnten. Während meiner Dienstreisen im In- und Ausland sorgte mein Mann für unsere drei Kinder. Unser Prinzip war: Haben unsere Kinder Probleme, sind wir für sie da. Wegen der Sorge für einen Enkel sagte ich beispielsweise eine mir dringend angetragene Auslandsreise ab.

Wie war die Situation von alleinerziehenden Müttern in der DDR?

Es gab keinerlei Diskriminierung alleinstehender Mütter. Abhängig von der Anzahl der Kinder zahlte man ihnen für vier bis dreizehn Wochen im Jahr eine Unterstützung von 65 bis 90 Prozent des Nettolohns, wenn sie zur Pflege ihrer erkrankten Kinder zu Hause bleiben mussten. Den gleichen Anspruch hatten auch alleinstehende Väter. Mütter und verheiratete Frauen erhielten monatlich einen bezahlten Hausarbeitstag. Ab 1977 kam diese Vergünstigung auch allen anderen vollbeschäftigten Frauen, die das 40.Lebensjahr erreicht hatten, zugute.

Wie wurde mit dem Thema der Sexualität von Frauen in der DDR umgegangen?

Eine wichtige Forderung, jahrzehntelang immer wieder erhoben, war das Recht der Frau, über ihren Körper selbst zu entscheiden. Als selbständige Persönlichkeit sollte die Frau darüber befinden können, welchen Partner sie wählt und ob sie ein Kind haben wollte oder nicht. 1972 beschloss die Volkskammer der DDR das Gesetz "Über die Unterbrechung der Schwangerschaft." Endlich war damit ein wichtiges Ergebnis im Kampf um die Rechte der Frauen gesetzlich fixiert. Nun konnte jede Frau frei bestimmen, ob sie innerhalb von 12 Wochen nach Beginn ihrer Schwangerschaft diese unterbrechen lassen wollte. Es gab keine Pflicht zur Begründung. Die Kosten übernahm die Sozialversicherung.

Zugleich sollte ein umfassendes Beratungssystem mithelfen, Frauen nicht in diese Gewissensentscheidung zu bringen, indem sie rechtzeitig über alle möglichen Verhütungsmaßnahmen Bescheid wussten und sie nutzen konnten. Mediziner hatten gegenüber Frauen, die zur Konsultation kamen, nur das Recht eines Beraters, der sie zwar über die bei einem Abbruch der Schwangerschaft möglicherweise auftretenden gesundheitlichen Probleme aufklären sollte, doch ihr dabei keine Entscheidung aufdrängen durfte. Eine nicht gewünschte Schwangerschaft konnten die Frauen kostenlos in einer Klinik unterbrechen lassen, und sie konnten eine nicht gewünschte Schwangerschaft durch kostenlose schwangerschaftsverhütende Mittel verhindern.

Keine Frau war gezwungen, durch Prostitution ihren Unterhalt zu finanzieren. Es gab Bücher über Sexualität. Ich war beteiligt an den Ausarbeitungen für ein "Lexikon der Humansexuologie", das 1990 erschien.

Welches Menschen- und Frauenbild stand hinter den Reformen für die Gleichberechtigung der Frauen in der DDR?

In der DDR galt das Ideal einer Familie, in der beide Partner gleichberechtigt alle ihre Aufgaben wahrnehmen, beide berufstätig sind, möglichst mehrere Kinder haben und die Frauen wegen der jahrhundertelangen Benachteiligung besonders gefördert werden. Gleichzeitig waren die alleinstehenden Frauen und Mütter zu schützen. Dabei traten Widersprüche zwischen Ideal und Wirklichkeit auf, wie sie in einer Gesellschaft, die sich der Überwindung der Männergesellschaft verschrieben hat, unbedingt zu erwarten sind. Alte Rollenklischees wirkten in manchen Köpfen weiter. Die Medien der DDR unterstützten in breitem Umfang die Auseinandersetzung mit ideologischen und gesellschaftlichen Hemmnissen beim Entwicklungsprozess zu selbstbestimmten Persönlichkeiten von Frauen und Männern, die sich auch durch Gefühlsreichtum auszeichnen. Die Themenbreite war beachtlich.

Symbolbild: Tulpen für den Internationalen Frauentag, Kiew, Ukraine, 4. März 2016.

Als Ethikerin war ich umfangreich in entsprechende Diskussionen in den Medien einbezogen. Wohltuend war, dass die Frau nicht als Sexobjekt in Zeitungen und Zeitschriften dargestellt wurde. Es gab den, wie man lästerte, "genehmigten Republik-Nackedei" in der Zeitschrift "Magazin". Berichte über FKK-Strände und Ausstellungen zeigten die Ästhetik des menschlichen Körpers. Die Medien stellten Frauen als Persönlichkeiten vor, die als Facharbeiterinnen, Bäuerinnen, Wissenschaftlerinnen die neue Stellung der Frau in der DDR verkörperten. Schriftstellerinnen führten in ihren Romanen ebenfalls eine philosophisch-kulturelle Auseinandersetzung um Frauenbilder in der DDR.

Nehmen wir an, ein bekannter Politiker oder Fabrikdirektor hätte in den 1960er Jahren frauenfeindliche Sprüche abgelassen und Frauen daran gehindert, eine gleichberechtigte Position in der Gesellschaft wahrzunehmen. Wie hätten sich die gesellschaftlichen und politischen Reaktionen darauf jeweils in der DDR und BRD unterschieden? Was waren die wichtigsten verbleibenden Probleme in der DDR auf dem Feld der Gleichberechtigung von Frauen?

Jede Frau hatte die Möglichkeit, sich bei den unterschiedlichen staatlichen und betrieblichen Einrichtungen, bei der Gewerkschaft, bei den politischen Parteien und Organisationen zu beschweren. Reaktionen dazu gab es dann in verschiedener Weise, von Kritik, Verwarnungen bis zu disziplinarischen Maßnahmen. Unter den Tisch gekehrt wurden solche Beschwerden keinesfalls. Filme und Medien prangerten an, wenn Verhalten vorlag, welches Frauen in ihrer Integrität angriff. Das, was sich reiche Männer in kapitalistischen Ländern erlauben können - denken wir an die Me-Too Bewegung - war nicht möglich.

Was hat die DDR auf internationaler Ebene unternommen, um die Stellung der Frauen zu verbessern? Gab es ähnliche Bemühungen seitens der BRD? Wurden Ihre Bemühungen in den UN-Gremien für Frauenfragen nach der Wende von der BRD gewürdigt?

Ich konnte meine wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Entwicklung von Frauenpersönlichkeiten, als gewählte Staatenvertreterin aus der DDR, in der UNO-Kommission "Zum Status der Frau" auf ihren Gestaltungswert überprüfen. So war ich an der Ausarbeitung der Konvention "Über die Beseitigung aller Formen der Diskriminierung der Frau" beteiligt. Die  Arbeit in dieser Kommission war eine Bereicherung für mich, weil ich Wissen über die reale Lage der Frauen in vielen Ländern der Welt sammeln konnte. Ich brachte unsere Erfahrungen in der DDR bei der Durchsetzung der Gleichberechtigung mit ein. Sie wurden mit großer Aufmerksamkeit aufgenommen. Vertreterinnen aus verschiedenen Ländern suchten das Gespräch mit mir, weil sie einige Erfahrungen der DDR modifiziert für ihre gesellschaftlichen Verhältnisse ausprobieren wollten.

Hillary Clinton mit ihrem Ehemann, dem ehemaligen Präsidenten Bill Clinton, New York, USA, 9. November 2016.

Für mich bestätigte sich, dass man Erfolge in der Entwicklung von Frauenpersönlichkeiten nur erzielen kann, wenn man die Geschichte ihrer Unterdrückung kennt und immer eine internationale Gesamtsicht behält, an der man sich reiben kann. Meine Arbeit in der Kommission fand ihre Anerkennung durch mehrmalige Wahl als Präsidentin oder Vizepräsidentin von Tagungen. Auf der 2. UNO-Weltfrauenkonferenz in Kopenhagen war ich 1. Vizepräsidentin "in charge of coordination" (Für die Koordination verantwortlich). Das ist die wichtigste Funktion auf solchen Konferenzen. Nach 1990 waren meine Erfahrungen und Leistungen in der UNO-Arbeit im wiedervereinigten Deutschland nicht mehr gefragt. Ich berichte ausführlich über meine Arbeit in der 2009 publizierten Autobiografie Zwischen Uni und UNO. Erfahrungen einer Ethikerin.

Nun hat die erwähnte Konvention, die am 3.9.1981 durch die UNO-Vollversammlung ratifiziert wurde, von den sieben Menschrechtsverträgen die zweithöchste Ratifikationsrate. 189 Staaten müssen alle vier Jahre vor dem Ausschuss CEDAW (Convention on the Elimination of all forms of Discrimination against Women) Rechenschaft über den erreichten Entwicklungsstand ablegen. Die DDR ratifizierte die Konvention 1980, als zweites Land der Welt, durch den Staatsrat und veröffentlichte sie im Gesetzblatt. Die BRD ratifizierte sie erst 1985, kurz vor der 3. UNO-Weltfrauenkonferenz in Nairobi. Die USA haben sie bisher gar nicht ratifiziert.

Welche Einflüsse hatte der Untergang der DDR auf die Stellung der Frauen im Ostteil der vergrößerten Bundesrepublik?

Im Zeitraum von fünf Jahren wurden mehr als vier Millionen Dauerarbeitsplätze im Osten vernichtet. Frauen traf es besonders hart. 64 Prozent Arbeitslosigkeit war das traurige Resultat unter Frauen. Sie hatten nicht nur oft sinnlose Umschulungen mitzumachen, sondern fanden auch weniger Zugangsmöglichkeiten zu ABM-Maßnahmen. Wenn sie noch in einem Arbeitsverhältnis waren, wurden sie schneller gekündigt. Die Bezahlung blieb unter den im Westen geltenden Tarifen. Das betraf und betrifft auch heute noch Frauen und Männer, die in einer bezahlten Tätigkeit, wenn auch meistens unter ihrem Ausbildungsniveau, übernommen wurden. Manche Frauen aus der DDR, vor allem, wenn sie sich in etablierten Parteien organisiert hatten, schafften den Karrieresprung in der Politik oder als Selbständige in der Wirtschaft.

Gibt es noch spürbare Unterschiede zwischen West-und Ost-Frauen?

Frauen aus dem Osten bringen ihr Wissen ein, unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen ihnen die erworbenen Kompetenzen in unterschiedlichen Tätigkeiten ihr Selbstvertrauen stärken, aber auch ihre ökonomische Unabhängigkeit garantieren hilft.  Sie haben kennengelernt und nicht vergessen, welche Leistungen ein Staat erbrachte, um Berufstätigkeit und Mutterschaft vereinbaren zu können. Wenn sie dieses Wissen an die nachfolgenden Generationen weitergeben, dann können zukünftige Generationen für ihre Persönlichkeitsentwicklung Forderungen stellen und besser durchsetzen, die auf dem historischen Wissen basieren, was machbar ist.

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