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Litauisches Gericht muss über Holocaust-Vergangenheit entscheiden

Litauisches Gericht muss über Holocaust-Vergangenheit entscheiden
Ein litauisches Gericht muss sich am 5. März der eigenen Vergangenheit stellen und entscheiden, ob ein als Nationalheld gefeierter Mann ein Kriegsverbrecher war oder nicht. Das Foto zeigt ein KZ der Nazis bei Kaunas/Litauen.
Wie in der Ukraine werden auch in Litauen Männer als nationale Helden verehrt, die während des Zweiten Weltkrieges am Holocaust gegen Juden beteiligt waren. Nun muss ein Gericht entscheiden, ob Jonas Noreika ein Nationalheld oder Kriegsverbrecher war.

In Litauen wird Jonas Noreika als "General Sturm" (General Vėtra) verehrt, der den litauischen Untergrund gegen die sowjetische Invasion angeführt hat. Die offizielle Geschichtsschreibung sieht ihn auch als einen Widerstandskämpfer gegen die Nazis, die ins Baltikum einrückten und die Rote Armee zurückdrängten. Als sich das Kriegsglück der Nazis gegen sie wendete, und die Rote Armee im Zuge ihrer Gegenoffensive wieder das Baltikum besetzte, stand Jonas Noreika ganz oben auf der Liste der meistgesuchten Männer der Sowjets. Im März 1946 wurde er gefasst und schließlich 1947, mit nur 37 Jahren, hingerichtet.

In Litauens Hauptstadt versammeln sich Anhänger der Waffen-SS zum gemeinsamen Gedenken. (16. März 2017)

Nach der Unabhängigkeit Litauens 1990 wurden Straßen und Statuen nach Noreika benannt, der für die Freiheit seiner Nation sein Leben gab und fortan, insbesondere in der Exilgemeinschaft der Litauer in den USA und Kanada, Kultstatus als Märtyrer erlangen sollte. Viele Litauer, die selbst Blut an den Händen und Kriegsverbrechen an Juden begangen haben, sind mit dem Rückzug der Nazis ebenfalls geflohen und in die USA oder Kanada ausgewandert.

Eine ähnliche Entwicklung erlebt auch die Ukraine, wo Männer wie Stepan Bandera oder Roman Schuchewytsch posthum zu Nationalhelden erklärt wurden, die während des Zweiten Weltkrieges fürchterliche Verbrechen an Juden, Polen und Sowjets begangen haben.

Nun hat Grant Arthur Gochin, ein Vermögensberater aus Los Angeles, dessen jüdische Familie im Wirkungskreis von General Sturm in Litauen gelebt hat und etwa 100 Angehörige dem Holocaust zu Opfer fielen, das Genocide and Resistance Research Center of Lithuania verklagt. Diese staatliche Einrichtung wird von einem Direktor geleitet, der jeweils direkt durch den Ministerpräsidenten ernannt wird und dem litauischen Parlament unterstellt ist. Eine der Hauptaufgaben der Einrichtung ist es, die Naziherrschaft aufzuarbeiten sowie gefangene oder deportierte Bürgerinnen und Bürger Litauens aufgrund von Dokumenten ausfindig zu machen und Reparationszahlungen von Deutschland für sie zu erwirken.

Obwohl es den Kern des Instituts in Vilnius betrifft, verschließt es offensichtlich die Augen vor den Verbrechen der als Freiheitskämpfer verehrten Nationalhelden. Deshalb hat Grant Arthur Gochin diese staatliche Einrichtung verklagt, um die "Auszeichnung für ordentliches Verhalten während des Krieges" wieder zurückzunehmen, die sie Jonas Noreika ausgestellt und ihn somit von seinen Verbrechen reingewaschen hat. Gochin hatte bereits in der Vergangenheit mehrmals versucht, litauische Behörden davon zu überzeugen, dass einige der vermeintlichen Nationalhelden diesen Status nicht verdient haben und sich stattdessen der Kriegsverbrechen schuldig machten. Doch statt auf Verständnis oder Kooperationswille stieß der Amerikaner mit litauischen Wurzeln auf eine Mauer des Schweigens. "Ich habe herausgefunden, dass es eine Agenda ist", sagte er gegenüber der Chicago Tribune.    

Unerwartete Unterstützung für seine Klage erhielt er von Silvia Foti, der Enkelin von Jonas Noreika. Im Gegensatz zur kanadischen Außenministerin Christya Freeland, die ebenfalls Enkelin eines Mannes (Michael Chomiak) ist, der in der Ukraine ein Nazi-Kollaborateur war, sie das aber leugnet, stellt sich Foti der dunklen Vergangenheit ihrer Familie.

Ursula von der Leyen am Montag in Rukla

Während ihrer Recherche für ein Buch über ihren Großvater stolperte sie über Dokumente, die ein ganz anderes Bild auf ihn warfen, als es die Familiengeschichte bis dahin skizzierte. Auslöser für die tiefgründige Recherche war der Tod von Silvia Fotis Mutter und Großmutter, deren eingeäscherten Überreste Ende 2000 nach Litauen gebracht wurden. Beim Gottesdienst in der Kathedrale von Vilnius erwies ihr sogar Präsident Vytautas Landsbergis die letzte Ehre. Andere Gäste nahmen Foti und deren Bruder Ray zur Seite und fragten nach dem Buch über Noreika. "Unser Land braucht Helden", sagten sie zu ihr.

Doch statt einen Helden fand Silvia Foti in Dokumenten und Erzählungen von Überlebenden des Zweiten Weltkrieges einen Mann, der direkt am Holocaust gegen Juden beteiligt war.

Jonas Noreika spielte bewusst eine Rolle in der Säuberung von Juden aus Litauen. Er hat alles in seiner Macht Stehende getan, um den Nazis bei den Morden an Juden zu helfen, und nichts, um sie zu stoppen.

Diese vernichtende Erkenntnis aus ihrer Recherche über ihren eigenen Großvater stimmt auch mit jener von Grant Arthur Gochin und anderen unabhängigen Historikern in Litauen überein. Deshalb hat Foti der Klage Gochins gegen das Genocide and Resistance Research Center of Lithuania einen Brief beigelegt, der den angeführten Beweisen aufgrund des familiären Bezugs zu Noreika noch mehr Gewicht verleihen soll. Für Gochin ist deshalb Silvia Foti eine wahre litauische Heldin:

Ihre Integrität hat meinen Glauben in die Menschlichkeit wiederhergestellt. Ich hoffe, dass Litauen sie eines Tages als Heldin anerkennen wird.

Bis dahin ist es ein weiter und vor allem schmerzvoller Weg für ein Land, das die Vorwürfe gegen die Nationalhelden vehement abstreitet. Bei dem Prozess am 5. März in Vilnius geht es daher um weit mehr als die Forderung zur Rücknahme eines Gütesiegels, welches Kriegsverbrecher von ihren Taten für die Geschichtsbücher reingewaschen hat. Es geht um die Frage, ob es Litauen schafft, sich seiner eigenen Vergangenheit zu stellen.  

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