"Freundlich, großzügig und gastfreundlich": Englische WM-Gäste in Russland erleben Realitätsschock

"Freundlich, großzügig und gastfreundlich": Englische WM-Gäste in Russland erleben Realitätsschock
Britische Fans feiern auf dem Fifa-Fan-Festgelände in Kaliningrad am 18. Juni 2018 während der Fußballweltmeisterschaft Russland 2018.
Die Zahl der zur Fußball-WM angereisten englischen Fans ist so niedrig wie seit 30 Jahren nicht mehr. Gründe sind politische Spannungen wie auch Warnungen vor gewalttätigen russischen Hools. Angereiste Engländer schildern jedoch eine ganz andere Realität.

Nicht einmal die dienstbeflissenen öffentlich-rechtlichen deutschen Medien, schon lange im Vorfeld der FIFA-Fußball-WM in Russland unablässig damit beschäftigt, die Sportberichterstattung durch politische Handreichungen zu ergänzen, um die nicht annähernd jeder Zuschauer sie gebeten hat, können es vollständig verbergen: Russland erlebt zurzeit ein friedliches und fröhliches Fußballfest, an dem Fans aus aller Welt sichtbare Freude haben.

Die Bilder am Rande der Spiele täuschen nicht: Ob es fußballbegeisterte Gäste aus Mexiko, Japan, dem Senegal, Kolumbien, Kroatien oder woher auch immer sind, sie feiern ausgelassen und farbenfroh ihre Mannschaften und fühlen sich in den russischen WM-Städten wohl und zeigen es.

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Nicht alle Nationen können sich jedoch freuen, so dominant im Straßenbild und in den Stadien vertreten zu sein wie so viele afrikanische, asiatische und lateinamerikanische, die mit von der Partie sind. Ein Land, von dem abseits des Platzes bislang wenig zu sehen ist, ist England.

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Nur 2.500 Fans im Stadion von Wolgograd waren da, um das Team der "Three Lions" anzufeuern, als dieses ihr Auftaktspiel gegen Tunesien bestritt. Nicht weniger als 4.000 Plätze blieben leer. Die gegnerischen Fans hatten keinerlei Probleme, das verlorene Häuflein zu übertönen und die Geräuschkulisse auf den Tribünen zu überbieten. Das änderte zwar nichts daran, dass England zumindest auf dem Platz mit 2:1 die Oberhand behielt. Dennoch stellte sich auf der Insel bald die Frage, wie es sein konnte, dass so wenige Fans vor Ort mit dabei waren, während die Einschaltquoten im Land selbst mit 21 Millionen Zuschauern beim Tunesien-Spiel sogar die königliche Hochzeit von Prinz Harry und Meghan Markle im Vormonat mit 13,1 Millionen deutlich übertraf.

Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft als Normalität

Die englischen Fans, aber auch Reporter, die sich doch auf den Weg gemacht hatten, wissen ihre eigenen Geschichten zu erzählen. Enda Brady von Sky News ist einer davon. Er erzählt davon, ohne erreichbares Taxi und Sprachkenntnisse um ein Uhr morgens mit seinem Equipment an einer Straße gestanden und keine rechte Ahnung gehabt zu haben, wie er in sein Quartier kommen soll. Ein Autofahrer sei von sich aus an ihn herangefahren und habe ihm freundlich angeboten, ihn zu seinem Hotel zu bringen - ohne eine Gegenleistung zu verlangen.

Die Begrüßung in dieser stolzen alten Stadt - dem früheren Stalingrad - konnte man als nichts weniger denn phänomenal bezeichnen. So viele Menschen wollten mit uns ihre Englischkenntnisse verbessern, haben ihre Alltagstätigkeiten unterbrochen, um uns zu helfen, und haben Fans aus allen Nationen eine unglaubliche Gastfreundschaft entgegengebracht.

Die Weltmeisterschaft sei noch nicht alt, aber es zeichne sich ab, dass sie auf eine völlig andere Weise vonstattengehen würde, als manche erwartet hätten.

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In Nischni Nowgorod, wo England sein zweites Gruppenspiel bestritt, erlebte Brady eine weitere Begegnung der ungewohnten Art:

Am Freitag geschah etwas, das mein Herz stehenbleiben ließ. In wenigen Sekunden sollte der Livedreh vom Leninplatz in Nischni Nowgorod im Vorfeld von Englands WM-Spiel beginnen, als zwei kräftige Jungs Mitte 20 auf uns zukamen, lebenstrunken und auf dem Weg nach Hause. Aber was als nächstes geschah, erstaunte mich. Sie blieben stehen, verhielten sich leise und hörten nur zu, was ich live auf Sendung sagte. Sie haben mich nicht angegriffen, sie haben mich nicht misshandelt. So viel zum Thema Ultras und Hooligans, über die die Medien seit zwei Jahren vor Turnierbeginn in exzessiver Weise berichtet hatten. Auf irgendeiner Straße in Großbritannien hätte das böse geendet. […] Ein Kollege hat mir gestern getextet, ich möge doch bitte 'dort drüben in Sicherheit bleiben'. Wollt ihr die Wahrheit hören? Ich fühle mich hier sicherer als in London.

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Brady verliert in seinem Bericht aus Russland harte Worte über Kollegen, die mit ihren übertriebenen Berichten über Gewalt und Hooligan-Gefahr in Russland die Pferde scheu gemacht hätten. Es könne durchaus sein, dass es solche Leute gebe, aber die Behörden seien sehr erfolgreich darin, sie aus dem Blickfeld zu halten.

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Die Einzigen, die sich bisher danebenbenommen hätten, seien die drei englischen Fans gewesen, die nach dem Entbieten des Hitlergrußes und Absingen antisemitischer Lieder in Wolgograd des Landes verwiesen wurden.

Seinen Kollegen rät er, sich zu beruhigen:

Es ist eine schöne Welt dort draußen, wenn Du dafür offen bist. Die Russen sind es sicherlich.

Der Korrespondent für Sky News ist offenbar nicht der Einzige, der solche Erfahrungen in Russland gemacht hat:

Mittlerweile hat sich auch die Vereinigung der Fußballanhänger (FSF) der Kritik an der Berichterstattung im Vorfeld der WM angeschlossen. Sie stellte fest, dass die Zahl der Fußballfans, die aus England zur WM angereist war, die niedrigste seit 30 Jahren gewesen sei. Vor 32 Jahren fand die FIFA-Weltmeisterschaft in Mexiko statt.

Noch nie so große Diskrepanz zwischen medialer und tatsächlicher Realität

Diese niedrige Besucherzahl habe zu tun mit dem "unverhältnismäßigem Hype" rund um die Gefahr durch Hooliganismus und die politischen Spannungen mit Russland, für die beispielhaft die Skripal-Affäre stehe. In einem Blogpost schreibt die FSF:

Noch nie hat es eine so große Diskrepanz gegeben zwischen dem Bild, das man von dem gezeichnet hat, was uns wahrscheinlich blühen würde, und der Realität, die wir so großartig erleben wie sie ist in Wolgograd.

Wäre alles eingetreten, wovor die Medien im Vorfeld von WM-Turnieren gewarnt hätten, wäre man, so die FSF, "in einem südafrikanischen Township ermordet, in der Ukraine von rassistischen Hooligans verprügelt oder mit vorgehaltener Waffe in Brasiliens Favelas ausgeraubt worden". Aber:

Es hat sich herausgestellt, dass ein bisschen Common Sense und Vorbereitung im Grunde ausgereicht haben, um uns Sicherheit zu bieten.

Die große Mehrheit des russischen Volkes habe sich "sehr freundlich, großzügig und gastfreundlich" verhalten. Englands Fans sollten, so die FSF, aus eigener Erfahrung wissen, welchen Preis man bezahlen könne, wenn man jedermann auf der Basis des Verhaltens einer Minderheit beurteile.

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