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Verschwörungstheorie des Tages: Auf den Spuren des "unheimlichen" WM-Maskottchens

Verschwörungstheorie des Tages: Auf den Spuren des "unheimlichen" WM-Maskottchens
So sehen fiese Hooligans heute aus - jedenfalls wenn es nach dem US-amerikanischen Sender ESPN geht.
Abgesehen von den eher dürftigen Leistungen der deutschen Nationalmannschaft verläuft die WM 2018 sehr erfolgreich. Die Fans haben Spaß, die Organisatoren sind zufrieden. Doch alle haben die Rechnung ohne den US-amerikanischen Journalisten Sam Borden gemacht.

von Timo Kirez

In dem Theaterstück "Warten auf Godot" des Iren Samuel Beckett verbringen die zwei Hauptfiguren des Stücks, Estragon und Wladimir, die meiste Zeit damit, auf einen gewissen "Godot" zu warten. Das Stück wird dem sogenannten "Theater des Absurden" zugerechnet, eine Theaterform, die Mitte des 20. Jahrhunderts entstand, und die Sinnfreiheit der Welt und den darin orientierungslosen Menschen auf die Bühne bringen wollte.

Russland: Nach den ersten beiden Siegen der Nationalmannschaft schwappt eine Welle der Begeisterung durch das Land.

Dementsprechend wiederholen die beiden Protagonisten Estragon und Wladimir im Stück von Beckett immer wieder denselben Dialog:

Wladimir: Komm, wir gehen!

Estragon: Wir können nicht.

Wladimir: Warum nicht?

Estragon: Wir warten auf Godot.

Wladimir: Ah – ja …

Doch der mysteriöse "Godot" kommt einfach nicht. Es ist zwar schwierig, von einem der größten literarischen Genies des 20. Jahrhundert die Brücke zu einem Sportjournalisten namens Sam Borden zu schlagen, doch die Parallelen sind nicht zu übersehen: Auch Sam Borden wartet offenbar. Im Unterschied zu Estragon und Wladimir wartet Borden jedoch nicht auf "Godot", sondern auf eine andere, zumindest im westlichen Teil der Welt "mystische" Gestalt – den russischen Hooligan. Aber der kommt scheinbar auch nicht. Doch Borden hatte eine "Eingebung".

Zwar verläuft die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland in einer friedlichen und freundlichen Atmosphäre, und die von einigen westlichen Medien im Vorfeld herbeischriebene Bedrohung durch gewalttätige russische Fans ist bis jetzt zum Glück ausgeblieben, doch wie sagt der Volksmund in Anlehnung an Matthäus 7,8: Wer sucht, der findet.

Und Borden ist tatsächlich fündig geworden. Das Objekt seines Misstrauens ist das WM-Maskottchen namens Sabiwaka. Denn Vorsicht, ein russisches WM-Maskottchen kann natürlich kein reines WM-Maskottchen sein – da muss es etwas Dunkles, etwas ungeheuer Böses dahinterstecken. Und so schreibt Borden in seiner Kolumne "Postkarten aus Russland" für den US-amerikanischen Sportsender ESPN:

Ich liebe Maskottchen. Vielleicht auch, weil ich schon immer eine Affinität zu Plüschtieren aller Art hatte. Aber: Ich habe gemischte Gefühle wegen Sabiwaka.

So weit, so gut, doch jetzt wird es interessant:

Sabiwaka, was laut Veranstalter "derjenige, der punktet" bedeutet, scheint ein perfekter Name für ein Fußballmaskottchen zu sein. Aber es ist auch bemerkenswert nahe an einigen anderen Worten auf Russisch, die, sagen wir, nicht ganz so freundlich sind, […] Sabiwaka […] ist ein Begriff für ein kurzes, gewalttätiges, energiegeladenes Kampfvideo, das im Allgemeinen von Hooligans ins Internet hochgeladen wird.

14. Juni: Vor der russischen Botschaft in Kiew rufen pro-ukrainische Aktivisten zu einem Boykott der Fußball-WM auf.

Und nicht nur der Name des Maskottchens bereitet Borden Kopfzerbrechen, auch mit dem Maskottchen selbst stimmt offenbar etwas nicht:

Ich habe Sabiwaka noch nicht persönlich getroffen, aber ich habe ihn bei ein paar Spielen und Fan-Events genau beobachtet und bin, wenn ich ehrlich bin, weder von seiner Agilität noch von seiner Kreativität oder seiner Wärme beeindruckt gewesen", so Borden.

Abgesehen davon, dass es im russischen durchaus noch weitere Wörter gibt, die ähnlich klingen wie "Sabiwaka", so zum Beispiel auch "Sapiwka", das die Gewohnheit bezeichnet, das Trinken von Wodka mit dem Essen von Sakuska zu kombinieren – was treibt einen Journalisten zu so gewagten Thesen? Zumal derselbe Borden in vorherigen Beiträgen für seine Kolumne offen zugab, kaum Kyrillisch, geschweige denn Russisch zu beherrschen. Das Motiv hinter dieser plüschigen Verschwörungstheorie wird schnell klar, wenn man den Beitrag von Borden weiterliest. Denn er schreibt:

[…] der Goldstandard für russische Maskottchen bleibt Mischa, der kuschelige und sensible Bär, der das Maskottchen der Moskauer Sommerspiele 1980 war.

Et voilà, möchte man da schreiben: Da sehnt sich jemand nach der guten alten Zeit. Als Russland noch UdSSR hieß und der reale Sozialismus herrschte – da war die Welt noch in Ordnung. Als die USA die Olympischen Spiele 1980 in Moskau boykottierten und Reagan drei Jahre später vom "Reich des Bösen" sprach, konnte sich der US-Amerikaner gemütlich in seinen Ohrensessel kuscheln und zum frisch aufgepoppten Popcorn greifen. Als man noch vermeintliche russische U-Boote vor Schweden jagte und sagen konnte "Dann geh doch rüber, wenn es Dir hier nicht passt" – Sic transit gloria mundi!

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Doch ein Russland, in dem Fans aus aller Welt gemeinsam ein friedliches, buntes Fest feiern – und sogar Fußball auf dem Roten Platz spielen dürfen –, das geht natürlich nicht. "Wo kämen wir hin?", ist man geneigt zu fragen, und könnte mit dem Schweizer Lyriker Kurt Mati auch gleich die Antwort mitliefern: "Wo kämen wir hin, wenn alle sagten, wo kämen wir hin, und keiner ginge, um zu sehen, wohin wir kämen, wenn wir gingen."

Anmerkung: In einer früheren Version dieses Artikels wurde "Sapiwka" als religiöse Prozedur bezeichnet. Aufgrund eines Kommentars wurde dieser Fehler korrigiert. Wir danken unseren aufmerksamen Lesern für ihre wertvollen Hinweise.

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