Über Merkel, Hawking, Schwarze Löcher und das "konservative Manifest" der CDU

Über Merkel, Hawking, Schwarze Löcher und das "konservative Manifest" der CDU
Der Weltraum, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2018. Wenn Sie bei dieser Aufnahme eines Schwarzen Loches ganz genau hinschauen, entdecken sie tief im Innern die SPD.
Nachdem es die Union geschafft hat, mit Hilfe von drei Großen Koalitionen die Sozialdemokraten de facto verschwinden zu lassen, ist nun die AfD dran. Die Union entwickelt sich zunehmend zum Schwarzen Loch im Polituniversum Deutschlands.

von Timo Kirez

Es ist ein Jammer, dass Stephen Hawking am 14. März gestorben ist. Der Astrophysiker hätte noch noch viele wertvolle Erkenntnisse über die berüchtigten Schwarzen Löcher liefern können. Gerade im Hinblick auf das deutsche Polituniversum.

Ist Madame Merkel am Ende ein

Gemeinhin versteht man unter einem Schwarzen Loch ein Objekt, das in seiner unmittelbaren Umgebung eine so starke Gravitation erzeugt, dass weder Materie noch Information, also etwa Licht- oder Radiosignale, diese Umgebung verlassen kann.

Laut einem Kollegen von Hawking, dem im Jahr 2008 verstorbenen Physiker John Archibald Wheeler, bildet sich im Außenraum von hinreichend kompakten Massen oder Energieanhäufungen ein durch den Ereignishorizont (welch kolossaler Begriff!) charakterisiertes Raumgebiet, in das Materie nur hineinfallen, aber nicht wieder hinausgelangen kann.

Hier nun der aktuelle "Ereignishorizont", ursprünglich ein Begriff aus der allgemeinen Relativitätstheorie, der deutschen Politik: Die SPD ist in das Schwarze Loch namens "CDU J26-1945" (Schwarze Löcher haben immer kryptische Namen) hineingefallen und kommt nicht mehr raus.

Kein Wunder, kann man da nur sagen, schließlich ist die amtierende Bundeskanzlerin studierte Physikerin und kennt sich in der Materie aus. Der Titel ihrer Diplomarbeit lautete übrigens "Der Einfluß der räumlichen Korrelation auf die Reaktionsgeschwindigkeit bei biomolekularen Elementarreaktionen in dichten Medien." Na, wenn das keine Steilvorlage für Freunde von Verschwörungstheorien ist!

Hat Alexander Gauland von der AfD beim Test mitgemacht? Es wird sein Geheimnis bleiben.

Aber wir wollen uns nicht mit Elementarteilchen aufhalten. Die SPD steckt also im Schwarzen Loch fest und kann noch so viel zappeln und hüpfen - es gibt kein Entkommen mehr. Der einstige Stern am sozialliberalen Himmel ist den meisten mittlerweile schnuppe.

Doch Schwarze Löcher sind bekanntlich unersättlich. Sie rotieren und rotieren und brauchen neue Masse, die sie verschlingen können. Dazu passt nun eine Meldung der Deutsche Presse Agentur (dpa) vom Freitag:

Unionsinterne Kritiker von Kanzlerin Angela Merkel wollen nach einem Medienbericht mit einem "Konservativen Manifest" den Druck auf eine Abkehr vom CDU-Kurs der Mitte erhöhen. In dem Entwurf der vor einem Jahr gegründeten "Werte-Union" - eines Zusammenschlusses konservativer CDU- und CSU-Mitglieder - heißt es, Ehe und Familie und das Leitbild Vater-Mutter-Kinder seien die wichtigsten Grundlagen der Gesellschaft, wie die Rheinische Post berichtet." 

Und weiter schreibt die dpa:

Ferner müssten rechte, linke und islamistische Extremisten kompromisslos bekämpft, die doppelte Staatsbürgerschaft abgeschafft, die Wehrpflicht wieder eingeführt und Arbeitnehmer von Sozialabgaben entlastet werden."

"Holla die Waldfee!" könnte man jetzt denken, oder auf Neudeutsch "What the fuck?". Oder man erinnert sich plötzlich wieder an den unsäglichen Opel-Slogan aus den 1990er Jahren: "Wir haben verstanden." Aber lassen wir die Emotionen, oder "Affekte", wie die Philosophen sagen, beiseite, es geht ja schließlich um nüchterne Wissenschaft (obwohl offenbar gerade in der akademischen Welt ordentlich gebechert wird).

Also zurück zu den Schwarzen Löchern. Zwar ist die ganze Masse des Schwarzen Loches in einem Punkt, wir wollen ihn der Einfachheit halber "A-ngie" nennen, konzentriert, allerdings nimmt es durchaus eine gewisse Ausdehnung im Raum ein. Ins politische übersetzt bedeutet dies: Nach der SPD ist nun die AfD dran.

Ja, Freunde eines Alternativen Deutschlands, es geht Euch an den Kragen. Oder besser: an die Masse. Nachdem schon erste Irrlichter wie Seehofer und Spahn den Kurs vorgegeben haben, also Debatte um den Islam und die innere Sicherheit (auch so ein kolossaler Begriff!), folgt jetzt die nächste Rotation des Schwarzen Loches - ein "konservatives Manifest".

Es geht ein Gespenst um in Europa - das Gespenst des Konservatismus, möchte man mit Marx und Engels schreiben. Und nachdem sich die CDU erfolgreich als Geisterbeschwörer betätigt hat, spukt sie nun munter mit. Der Geist ist aus der Flasche und auf der Flasche finden wir nun einen Etikettenschwindel vor: Wo CDU draufsteht, ist AfD drin.

Doch Vorsicht, trinken schadet der Gesundheit. Erinnert sei an die aufschlussreiche Replik der Hexe aus dem 9. Kapitel (Übertitelt mit "Hexenküche") von Goethes Faust:

Mephistopheles:

Ein gutes Glas von dem bekannten Saft!
Doch muß ich Euch ums ältste bitten;
Die Jahre doppeln seine Kraft.

Die Hexe:

Gar gern! Hier hab ich eine Flasche,
Aus der ich selbst zuweilen nasche,
Die auch nicht mehr im mindsten stinkt;
Ich will euch gern ein Gläschen geben.
(Leise.) Doch wenn es dieser Mann unvorbereitet trinkt
So kann er, wißt Ihr wohl, nicht eine Stunde leben.

Jetzt weiß man auch, warum der Lindner nicht trinken wollte. Vorerst. Es kommen ja noch Wahlen. Doch um die AfD muss man sich Sorgen machen. Wer gedacht hatte, dass selbst deutsche Autobahnen nicht so viel Spuren haben, um die AfD rechts zu überholen, sieht sich eines Besseren belehrt. Wir erleben eine weitere Folge von "Star Wars, das Imperium schlägt zurück" - wird es der AfD gelingen nicht verschluckt zu werden? Wird sie den Gravitationskräften der Union widerstehen?

Als Linker kann man sich entspannt zurücklehnen und dem Treiben amüsiert und mit einer Tüte Popcorn zuschauen. Während die Konservativen sich gegenseitig das Weihwasser abzugraben versuchen, und sich, wie es der Titel des letzten Buches von Zygmunt Bauman treffend formuliert, nach "Retrotopia" sehnen, wird links plötzlich ganz viel Raum und Zeit frei.

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Und wenn sich die Linke ihre Lieblingsbeschäftigung, das gegenseitige Atomisieren, abgewöhnt, könnte man bald von einem anderen "Ereignishorizont" sprechen. Denn wie sagte Stephen Hawking einmal: "In der klassischen Theorie gibt es kein Entrinnen aus einem Schwarzen Loch", doch, so der Physiker weiter: "Gemäß der Quantentheorie können Energie und Informationen einem Schwarzen Loch entkommen."

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