Interview mit Thomas Anders: "Das war für die Bevölkerung eine Sensation"

Interview mit Thomas Anders: "Das war für die Bevölkerung eine Sensation"
Die Popularität von Thomas Anders in Russland ist ungebrochen. Schon zu Zeiten der Sowjetunion füllte er dort mit Modern Talking ganze Stadien. Kaum ein deutscher Künstler erfreut sich in Russland gegenwärtig so großer Beliebtheit wie der 55-Jährige.

Herr Anders, in Russland ist mir Ihre überaus große Popularität aufgefallen. Im Osten, insbesondere in Russland, sind Sie ein Star - sowohl in den großen Metropolen als auch in der entlegenen Provinz, bis weit hinein nach Asien. Über die unterschiedlichen Kulturen hinweg, die in Russland zusammenleben, sind sie bekannt. Selbst als ich in Grosny, der Hauptstadt der Islamischen Republik Tschetschenien, war, war ihre Musik nahezu allgegenwärtig. Das hat mich tief beeindruckt, aber natürlich auch Fragen aufgeworfen, die ich Ihnen bei dieser Gelegenheit stellen möchte. Wie erklären Sie sich diese Popularität ausgerechnet im Osten, ausgerechnet in Russland? Welchen besonderen russischen Nerv treffen Sie mit ihrer Musik, den andere Künstler des Westens offenbar nicht treffen?

Das Bolschoi Theater in Moskau

Die Popularität beruht darauf, dass durch Glasnost - Mitte der 80er - die damalige UdSSR sich dem Westen notgedrungen öffnete. Die damalige Duma beschloss nicht nur die Öffnung auf politischer und wirtschaftlicher Ebene, sondern auch für die Kultur. Modern Talking war der erste westliche Musikact, dessen Schallplatten auch offiziell in der UdSSR verkauft werden durften. Das war für die Bevölkerung eine Sensation. Noch heute höre ich oft: 'Mit ihrer Musik fing unser neues Leben an!' Wahrscheinlich trifft nun auch genau diese Musik den Geschmack der Menschen.

Persönlich besuche ich gerne Konzerte in Russland. Die Atmosphäre unterscheidet sich grundlegend von deutschen Konzerten. Doch ist der Unterschied schwer zu fassen. Wie würden Sie das Besondere des russischen Publikums beschreiben? Wie gestaltet sich der Kontakt zu ihrem osteuropäischen und insbesondere dem russischen Publikum?

Ich habe nicht den Eindruck, dass sich das Verhalten der Konzertbesucher von westlichen Zuschauern unterscheidet. Das war Ende der 80er anders. Die Zuschauer waren abwartend und nicht so frei. Konzerte waren auch immer unter Aufsicht des Militärs. Durch Youtube wissen heute alle Menschen, wie man sich bei Konzerten "verhält".

Lassen Sie uns gemeinsam eine kleine Zeitreise antreten. Es ist schon eine Weile her, seit Sie Ihre erstes Konzert in der damals noch existierenden Sowjetunion gegeben haben. Können Sie sich erinnern? Lassen Sie uns bitte teilhaben an dieser ersten Reise. Mit welchen Gefühlen sind Sie in die damals noch existierende Sowjetunion gefahren? Wie wurden Sie aufgenommen?  

Es waren ganz andere Gefühle als heute. Ich stamme noch aus der Generation, für die der "Kalte Krieg" täglich in den Nachrichten stattfand und kommentiert wurde. Dementsprechend war auch mein Bauchgefühl, als ich das erste Mal nach Russland reiste.

Und wenn Sie das mit heute vergleichen? Welche Veränderungen sehen Sie?

Für mich sind es große Veränderungen. Die Menschen leben freier und offener. Wenn auch nicht so wie wir es aus Deutschland kennen. Eine Geschichte, die ich nie vergessen werde, ist folgende: Ende der 1980er war die Kulinarik für mich sehr gewöhnungbedürftig. Es war alles fett und schmalzig. Mitte der 90er flog ich wieder nach Moskau, und meine damaliges Management begleitete mich. Ich machte im Vorfeld auf russische Küche aufmerksam. Als wir dann ins Restaurant kamen, wurde auf das Tagesgericht hingewiesen:

Babysteinbutt in Champagnersoße mit Wildreis ... Mehr muss ich nicht sagen.

Inzwischen habe ich gute und intensive Bekanntschaften auch in Tschetschenien. Von dort aus werde ich regelrecht bombardiert mit Fragen zu Ihrem künstlerischen Wirken, zu vergangen und künftigen musikalischen Projekten. Da ist beispielsweise Ali aus der tschetschenischen Hauptstadt Grosny. Er ist mit Sicherheit der größte Fan von Thomas Anders, den ich bisher kennengelernt habe. Er sammelt alles, was es auf Vinyl von und mit Ihnen gibt, und hält sich beständig auf dem Laufenden. Die zentrale Frage ist allerdings immer, wann Sie ein Konzert in Tschetschenien oder der Region Nordkaukasus geben? Ist das geplant? Und planen Sie weitere Kooperationen mit russischsprachigen Künstlern?   

Momentan ist dies nicht geplant. Aber die Möglichkeit besteht, ja. Im März gehe ich auf große Tournee durch Russland und spiele Shows in acht verschiedenen Städten. Für Frühjahr 2019 ist auch eine Tournee in Planung. Vielleicht ist dann Grosny dabei.

Thomas Anders, ich danke Ihnen sehr für Ihre Ausführungen und wünsche Ihnen für Ihre aktuelle Tour, die Sie unter anderem nach Sibirien führen wird, viel Erfolg und alles Gute. Grüßen Sie mir Russland.

Herzlichen Dank.

Das Interview führte Gert Ewen Ungar.