Neue Studie: Kommt jetzt die Antibabypille für den Mann?

Neue Studie: Kommt jetzt die Antibabypille für den Mann?
Hormonelle Empfängnisverhütung wirkt bei Männern ähnlich wie bei Frauen - indem gezielte Hormonmanipulation die Regelung übergeordneter Steuerhormone hemmt.
Laut einer neuen Studie hemmt eine einmal täglich verabreichte Kapsel die Reproduktionshormone bei Männern. Das macht sie als Verhütungspille für Männer attraktiv. Derzeit sind noch keine oral einnehmbaren Empfängnisverhütungen für Männer erhältlich.

"Es ist schwer, ein Problem zu lösen, wenn man die Hälfte der Weltbevölkerung daran hindert, etwas dagegen zu tun", sagte Arthi Thirumalai, ein Endokrinologe am medizinischen Zentrum der Universität von Washington und Co-Autor der Studie. Die Entwicklung solcher Produkte für Männer sei wichtig, um ungeplante Schwangerschaften zu verhindern.

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Nach ungefähr einem Monat der Behandlung hat die Prototyp-Pille aus Dimethandrolonundecanoat, oder DMAU genannt, den Luteinisierungshormon-, Follitropin- und Testosteronspiegel der Probanden gesenkt. Letztere sind für die Spermienproduktion notwendig.

In dieser Periode litt keiner der insgesamt 83 Männer, die die Versuchsreihen abgeschlossen haben, unter beunruhigenden Beschwerden. Solche können nämlich bei einem dramatischen Testosteronabfall auftreten.

Hormonelle Empfängnisverhütung wirkt bei Männern ähnlich wie bei Frauen - indem gezielte Hormonmanipulation die Regelung übergeordneter Steuerhormone hemmt. Bei Männern unterdrücken höhere Dosen an Testosteron die Freisetzung des Luteinisierungshormons und Follitropins. Im Hoden werden so Enzyme inhibiert, die dafür zuständig sind, Testosteron und Spermien zu produzieren. Sobald die Behandlung beendet ist, stellt sich der Metabolismus wieder um. Fortpflanzungshormone werden wieder hergestellt.

Wirkstoff DMAU

Doch Testosteron bleibt nur für kurze Zeit im Blutkreislauf. Eine einzelne Dosis am Tag ist daher nicht lange als Verhütungsmethode für Männer geeignet. Eine Überdosis des Hormons könnte außerdem die Leber schädigen. Die Forscher sind sich jedoch einig, dass das DMAU-Präparat diese Probleme vermeiden kann.

Drei unterschiedliche DMAU-Dosen wurden getestet. Bei den Männern mit der höchsten Dosis zeigte sich ein steiler Abfall des Luteinisierungshormons, Follitropins und Testosterons, nachdem sie 28 Tage lang nur eine Tagespille eingenommen hatten. Diese niedrigen Spiegel verhindern die Entwicklung von Spermien.

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Was Nebenwirkungen angeht, so nahmen die Männer insgesamt etwas an Gewicht zu, und ihr Cholesterinspiegel ist gesunken. Niedrige Testosteronwerte können zudem zum Verlust von Erregung und Sexualfunktion führen. Aber nur acht Männer berichteten, dass sie während der Einnahme der Pille einen verringerten Sexualtrieb verspürten. Ferner zeigten Bluttests, dass die Pille die Leber nicht beeinträchtigte.

Die Forscher werden in Kürze eine dreimonatige klinische Studie starten, um die Spermienzahl bei Männern zu untersuchen, die das Medikament DMAU über einen längeren Zeitraum einnehmen. Wenn die Ergebnisse sich bewähren, wird die Pille von Paaren als Verhütungsmittel getestet werden.

Studienabbrüche wegen Nebenwirkungen

Doch ob die Kapsel in Zukunft in Apotheken erhältlich sein wird, ist zweifelhaft. Im Jahr 2011 wurde eine Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO für eine injizierbare Verhütungsmethode für Männer frühzeitig abgebrochen. Das Kontrazeptivum war mit 96 Prozent Zuverlässigkeit ebenso sicher wie moderne hormonelle Verhütungsmethoden von Frauen.

Grund für das Scheitern waren Nebenwirkungen, die bei 20 der über 300 Teilnehmer auftraten. Die 20 Teilnehmer mussten die Studie wegen dieser Beschwerden vorzeitig beenden. Zu den Begleiterscheinungen zählen Akne, Schmerzen durch die Injektion, depressive Episoden und Veränderungen der Libido. Dennoch: Der Hormoncocktail erwies sich – bei einer Injizierung alle zwei Monate – nach Angaben der beteiligten Wissenschaftler als ebenso effektiv wie die Antibabypille.

Ebenso viele Nebenwirkungen bei Frauen wie bei Männern

Doch Frauen sind einem ähnlichen Unterfangen ausgesetzt. Die möglichen Beschwerden können diversen Erfahrungsberichten und den Beipackzetteln in Pillenverpackungen entnommen werden.

Eine Befragung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung aus dem Jahr 2011 ergab, dass 53 Prozent der 18- bis 49-jährigen Frauen in Deutschland die Pille einnehmen. Mehr als die Hälfte der deutschen Frauen, die verhüten, nutzt die Antibabypille. Unter den 19-Jährigen nehmen circa 70 Prozent die Pille.

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Lange wurde die Pille als eine Entlastung und Instrument sexueller Freiheit angesehen. Doch es gibt zahlreiche Risiken wie Kopfschmerzen, Depressionen, Unregelmäßigkeiten in der Menstruation, Scheidentrockenheit, Stimmungsschwankungen sowie tödliche Effekte wie Lungenembolien und Thrombosen. Auch eine Verminderung der Libido ist möglich, die vielen Frauen erst auffällt, sobald sie die Pille nach jahrelanger Einnahme abgesetzt haben.

Bei absoluten Notfällen: die Pille danach

Und nicht nur das: Neben der Pille als Verhütungsmethode ist auch die sogenannte Pille danach seit 2015 rezeptfrei in deutschen Apotheken erhältlich. In Deutschland wurde die Rezeptpflicht dabei wesentlich später aufgehoben als in den meisten anderen europäischen Ländern. Und obwohl auch diese Pille erhebliche Nebenwirkungen für Frauen birgt, muss es so nicht zu einer stressgeladenen Abtreibung kommen – wiederum mit weiteren Risiken.

Gegen die Freiheit der Frau, sich gegen eine mögliche Abtreibung und für eine Pille danach zu entscheiden, ohne sich ärztlichen Rat einholen zu müssen, hat sich der neue Gesundheitsminister Jens Spahn damals sehr vehement geäußert. Zu Themen wie Empfängnisverhütung und Schwangerschaftsabbrüchen hat Spahn nämlich sehr dezidierte Ansichten:

Die Pille danach ist kein Smartie. Ihre Abgabe muss verschreibungspflichtig bleiben.

Solche Pillen sind jedoch eine sehr kostspielige Angelegenheit, vor allem für junge Frauen. Eine Aufklärung über Nebenwirkungen erhalten Käuferinnen zudem von Apothekern.

Problematisch bleibt weiterhin, dass bisher nur 50 Prozent der Bevölkerung ein Kontrazeptivum in Form von Tabletten einnehmen kann, obwohl die Einführung von ebensolchen Verhütungsmethoden für Männer theoretisch möglich ist. Bei Komplikationen sind bisher nur Frauen hormonellen Eingriffen ausgesetzt. Um zumindest die Entscheidungsmöglichkeit in einer Partnerschaft zu bieten, wer sich dem hormonellen Eingriff unterzieht, wäre die Einführung von Verhütungspillen für Männer eine mögliche Lösung.

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