Großbritannien: Organisierter Missbrauch von Kindern seit 1981 - Polizei und Sozialarbeiter untätig

Großbritannien: Organisierter Missbrauch von Kindern seit 1981 - Polizei und Sozialarbeiter untätig
Ein Schild in der Nähe des Rathauses in Rotherham, Nordengland. Rotherhams Ratsvorsitzender und das gesamte Kabinett traten zurück, nachdem ein Bericht über die jahrelange sexuelle Ausbeutung von Kindern in der Stadt veröffentlicht worden war.
Fast 40 Jahre lang sind Hinweise auf sexuellen Missbrauch Minderjähriger durch Grooming-Banden im englischen Telford an die Behörden ergangen. Fast 1.000 Mädchen sollen betroffen gewesen sein. Unternommen wurde - ähnlich wie schon in Rotherham – lange nichts.

Die britische Zeitung Sunday Mirror hat nach eigenen Angaben 18 Monate lang im Zusammenhang mit Fällen organisierten Kindesmissbrauchs in der englischen Stadt Telford recherchiert. Was sie herausgefunden hat, könnte, so das Blatt, der schlimmste Grooming-Skandal in der Geschichte Großbritanniens gewesen sein. Der Sunday Mirror spricht von "Missbrauch in bislang nie dagewesenem Ausmaß".

Insgesamt sollen organisierte Gangs bis zu 1.000 minderjährige Mädchen in der Stadt in der Region West Midlands angelockt und in weiterer Folge sexuellem Missbrauch zugeführt haben. Mehrere Frauen sollen die Banden auch ermordet haben. Was die Angelegenheit als besonders skandalös erscheinen lässt: Es soll bereits Anfang der 1980er erste Hinweise an Sozialarbeiter und Behörden gegeben haben, wonach organisierte Banden, die vorwiegend aus Einwanderern aus mehrheitlich muslimischen asiatischen Ländern bestanden hätten, junge Mädchen aus der Stadt zum Zweck des sexuellen Missbrauchs ins Visier nahmen.

Nicht nur von Betroffenen oder deren Angehörigen seien Hinweise gekommen, auch besorgte Bürger hätten vielfach eindeutige Verdachtsfälle gemeldet und die Sicherheitsbehörden zum Handeln aufgefordert. Fast 40 Jahre lang hätte Polizei jedoch abgewiegelt und nichts unternommen, zum Teil habe man die Opfer wie Prostituierte behandelt und unter Druck gesetzt. Die Furcht, im Fall eines entschlossenen Vorgehens gegen die Banden des "Rassismus" geziehen zu werden, habe einen entscheidenden Anteil an der jahrzehntelangen Untätigkeit der Behörden gehabt.

Gleiches Muster wie in Rotherham

Bereits Ende der 2000er Jahre wurde ein ähnlicher Fall systematischen Missbrauchs in der Stadt Rotherham bekannt. Dort reichten die Hinweise auf so genanntes Grooming und auf systematischen sexuellen Missbrauch Minderjähriger bis ins Jahr 1997 zurück. Insgesamt etwa 1.400 Mädchen sollen in dem etwa 260.000 Einwohner zählenden Bezirk betroffen gewesen sein. Telford hat 170.000 Einwohner.

Die jüngsten Opfer der Grooming-Gangs in Telford sollen zum Zeitpunkt der Tat elf Jahre alt gewesen sein. Der erste Fall, auf dessen Spur der Sunday Mirror gestoßen war, der unter Berufung auf das Gesetz über die Informationsfreiheit Akteneinsicht verlangt hatte, reichte ins Jahr 1981 zurück. Damals sollen zwei Pädophile Mädchen aus einem lokalen Kinderheim nachgestellt haben. Einer der Verdächtigen soll einem Opfer zufolge in weiterer Folge hunderten Männern im gesamten Land minderjährige Mädchen zugeführt haben und mehrere tausend britische Pfund pro Nacht damit verdient haben.

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Im Jahr 1985 soll ein 18-Jähriger ein 14-jähriges Mädchen angelockt haben, um sie später anderen Männern für sexuelle Dienste zuzuführen. Bereits im Jahr 1996 will eine besorgte Einwohnerin der Stadt die Polizei über die Umtriebe eines mittlerweile als Schlüsselfigur in der Menschenhändlerszene verdächtigten Groomers informiert haben, der damals schon minderjährige Mädchen für sexuelle Dienstleistungen verkauft haben soll.

Akten aus den späteren 1990er Jahren zeigen, dass Sozialarbeiter Kenntnis von Vorfällen dieser Art erlangt hatten, aber wenig Entschlossenheit dahingehend zeigten, das Problem weiterzuverfolgen.  

Fünf Todesfälle im Zusammenhang mit den Ereignissen von Telford

Im Jahr 2000 soll es die ersten Todesfälle im Zusammenhang mit dem organisierten Missbrauch gegeben haben, als die 16-jährige Lucy Lowe zusammen mit ihrer Mutter und ihrer Schwester starb, nachdem mit Azhar Ali Mehmood einer der mutmaßlichen Hauptdrahtzieher deren Wohnhaus angezündet hatte. Im 2002 starb die 13-jährige Becky Watson, die ebenfalls über eine längere Zeit hinweg missbraucht worden sein soll, bei einem Autounfall, den die Behörden als "Streich" beschrieben hätten. Auch der Tod Vicky Rounds, die eine Freundin Beckys war und im Jahr 2009 im Alter von 20 Jahren an den Folgen einer Drogen-Überdosis starb, wird ursächlich mit dem Missbrauchsskandal in Verbindung gebracht. Round soll zuvor über neun Jahre hinweg durch die Hände mehrerer "Kunden" des Menschenhändlerrings gegangen sein.

Erst in den Jahren 2010 bis 2012 ermittelte - mutmaßlich durch die Vorfälle von Rotherham aufgeschreckt - erstmals auch die Polizei in Richtung eines möglichen Grooming-Untergrundes in Telford und ging von etwa 200 möglichen Beteiligten am Kindesmissbrauch aus. Nur neun Personen wurden damals festgenommen, zwei weitere Ermittlungsverfahren verliefen im Sande.

Im August 2016 berichtete der Sunday Mirror erstmals von Anhaltspunkten für einen Grooming-Ring, die Journalisten im Umfeld von Diskotheken, die vorwiegend von Minderjährigen besucht werden, zutage gefördert haben wollten. Einige Pastoren, die sich der Straßen-Seelsorge widmeten, konnten die Angaben bestätigen und richteten Beschwerden an die lokalen Behörden, denen diese jedoch nicht weiter nachgingen. Einen Monat später forderte die lokale Parlamentsabgeordnete Lucy Allan eine öffentliche Untersuchung des Gebarens der Behörden, Polizei und führende Beamte der Stadt erklärten jedoch in einem Schreiben an Innenministerin Amber Rudd, eine solche sei nicht vonnöten.

Eine Frau geht in Rotherham, Nordengland, geht an einem Geschäft vorbei.

Opfern zufolge soll der organisierte Missbrauch immer noch stattfinden. Die Mädchen würden durch Drogen, Schläge und nicht selten auch Gruppenvergewaltigungen gefügig gemacht. Die Leiter der Menschenhändlerringe würden die Opfer auch zu Hause aufsuchen und bedrohen. Eine 14-jährige Betroffene, deren Telefonnummer an Pädophile verkauft wurde, sagte:

Ich hasste, was passierte und meine Peiniger verursachten mir Gänsehaut, aber sie drohten mir, wenn ich zu irgendjemandem ein Wort sagte, würden sie auch an meine kleinen Schwestern gehen und meiner Mutter erzählen, ich würde mich prostituieren.

Sie gab an, sie wäre Nacht für Nacht in "ekelhafte Absteigen und dreckige Häuser" verschleppt worden, um dort mit mehreren Männern den Geschlechtsverkehr auszuüben. Mindestens zweimal pro Woche habe sich die Minderjährige von einer örtlichen Klinik die "Pille danach" abholen müssen, aber niemand habe je irgendwelche Fragen gestellt. Mit 16 wäre sie unter Drogen gesetzt und von fünf Männern gleichzeitig vergewaltigt worden.

"Keine emotionale Unterstützung" für die Opfer

Der Sunday Mirror zitiert auch Opfer, die beklagt haben, dass Polizeibeamte oder Sozialarbeiter, an die sie sich gewandt hatten, ihnen "keine emotionale Unterstützung" entgegengebracht und die Ermittlungen sogar aktiv zu unterminieren versucht hätten. In einem Fall, der sich jüngst ereignet habe, hätte sich das Opfer sogar fünf Mal erfolglos an die Sicherheitsbehörden gewandt, ehe die direkte Intervention einer Parlamentsabgeordneten die Untersuchung ins Rollen gebracht habe.

Sheila Taylor von der Fachgruppe Kindesmissbrauch des NWG Netzwerks, die bereits an der Aufarbeitung der Fälle von Rotherham mitgewirkt hatte, geht davon aus, dass die nunmehrigen Untersuchungen in Telford nur eine Spitze des Eisbergs ans Tageslicht fördern würden und viele Opfer sich gar nicht erst melden würden.

Man sei verhältnismäßig erfolgreich, wenn es darum gehe, weiße Mädchen zu identifizieren, die das hauptsächliche Ziel der Menschenhändler waren. Aber es habe auch Opfer aus anderen Bevölkerungsgruppen gegeben, männliche und weibliche, auch junge Menschen aus fahrenden Communitys oder solche mit körperlichen oder geistigen Behinderungen.

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Die Polizei und lokale Behörden weisen alle Vorwürfe von sich und erklärten, alle Berichte über Kindesmissbrauch würden "außerordentlich ernst genommen". Martin Evans von der West Mercia Police versicherte, man habe nicht nur das Personal verstärkt, um den Vorwürfen nachzugehen, sondern alle Ressourcen und Technologien, die auf dem Markt erhältlich wären, mobilisiert, um auch noch Fälle, die Jahrzehnte zurückliegen, aufklären zu können.

Gericht verneint rassistische Aufladung

Immerhin wäre die Operation Chalice im Jahr 2013 eine der ersten komplexen kritischen Grooming-Untersuchungen im Bereich Grooming auf nationaler Ebene gewesen und es seien in Telford und Wrekin immerhin sieben Männer zu insgesamt 49 Jahren Haft verurteilt worden.

Dass es bislang keine härteren Strafen gab, habe auch damit zu tun, dass trotz entsprechender, gut dokumentierter Äußerungen der Tatverdächtigen und der Einschätzung des früheren Generalstaatsanwalts Lord MacDonald, der von einem "hochgradig rassistischen" Charakter der Missbrauchsfälle sprach, keine Strafverschärfung auf Grund "rassistischer Aufladung" der Verbrechen zur Anwendung kam. Schließlich, so Richterin Penny Moreland, seien die Opfer "nicht aufgrund ihrer Rasse" zum Ziel der Verbrecher geworden, sondern "weil sie jung, leicht zu beeindrucken, naiv und verletzlich" waren.

Spätestens seit Januar 2018 scheint die Polizei jedoch den Ernst der Lage erkannt zu haben. Die Behörden von Northumbria haben angekündigt, ein waches Auge auf Vorgänge im Zusammenhang mit dem Missbrauchsskandal zu haben und eine konsequente Null-Toleranz-Politik zu verfolgen. Dabei ging es jedoch nicht um die Straftaten der Grooming-Banden, sondern um "beleidigende Kommentare", die als Reaktion darauf auf Facebook gepostet würden.