40 gegen 40 Millionen: Wachsende Ungleichheit in Deutschland und weltweit

40 gegen 40 Millionen: Wachsende Ungleichheit in Deutschland und weltweit
Oxfam hat seinen neuesten Bericht zur Vermögensverteilung vorgelegt. Die soziale Kluft nimmt demnach hierzulande wie auch weltweit zu. Laut der Hilfsorganisation war der Reichtum noch nie in den Händen so weniger Menschen konzentriert. Die Politik müsse nun handeln.

Vor dem Beginn des Weltwirtschaftsforums im schweizerischen Davos hat Oxfam am Montag seinen aktuellen Bericht zur Vermögensverteilung vorgestellt. Darin konstatiert die Hilfs- und Entwicklungsorganisation eine wachsende soziale Ungleichheit, sowohl weltweit als auch in Deutschland.

Laut neusten Erhebungen verfügen demnach weltweit 42 Personen über den gleichen Reichtum wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung, immerhin 3,7 Milliarden Menschen. Das reichste Prozent der Menschheit besitze mehr Vermögen als die übrigen 99 Prozent zusammen.  

Deutsches Privatvermögen ist auf Rekordhoch. Was die Verteilung betrifft, gibt es weniger erfreuliche Aussichten. Symbolbild: Bundesweiter Aktionstag für Steuergerechtigkeit, Reichstagsgebäude, Berlin 15. September 2017.

Oxfam stützt sich bei den Berechnungen auf Daten der Schweizer Großbank Credit Suisse sowie die Milliardärsliste des US-Magazins Forbes. Der Trend der Ungleichheit beschleunigt sich laut dem Bericht. So habe die Klasse der Superreichen noch nie in einem vergleichbaren Zeitraum so viele neue Mitglieder erhalten.

Im vergangenen Jahr gab es die größte Zunahme an Milliardären in der Geschichte, alle zwei Tage kam einer dazu. In nur 12 Monaten (März 2016 - März 2017) haben die Milliardäre ihren Reichtum um 762 Milliarden US-Dollar vermehrt. Dieser gewaltige Anstieg hätte die extreme Armut weltweit siebenmal beenden können“, heißt es in dem Bericht.

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Neue Werte: Ärmere Hälfte geht leer aus

Von den im genannten Zeitraum neu geschaffenen Werten seien 82 Prozent in die Hände des reichsten 1 Prozent geflossen. Die ärmere Hälfte der Welt hat davon demnach überhaupt nichts abbekommen. Innerhalb des letzten Jahrzehnts seien die Einkommen gewöhnlicher Arbeiter um 2 Prozent, die Vermögen der Milliardäre hingegen um 13 Prozent gestiegen.

Die Ungleichheit lässt sich auch an den Geschlechtern festmachen. Während neun von zehn Milliardären männlich sind, verdienen Arbeiterinnen im Schnitt weltweit 23 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen, so Oxfam. Laut dessen Vorstandsvorsitzenden Mark Goldring belegten die Zahlen, dass „etwas mit der globalen Wirtschaft sehr schief läuft.“

Die Konzentration extremen Reichtums an der Spitze ist kein Zeichen für eine florierende Wirtschaft, sondern ein Symptom für ein System, das Millionen hart arbeitender Menschen, die unsere Kleidung herstellen und unsere Nahrung anbauen, auf Armutslöhne setzt“, sagte Goldring.

Beispielhaft zeigt der Bericht die Lage von Kakaobauern: Noch in den 1980er Jahren flossen 18 Prozent eines verkauften Schokoladenriegels in ihre Taschen. Gegenwärtig sollen es weniger als 6 Prozent sein.

Deutschland: 40 Leute besitzen so viel wie 40 Millionen

„Soziale Ungleichheit ist ein Hemmschuh für die Beseitigung der Armut in der Welt“, sagte Jörn Kalinski von Oxfam Deutschland. Trotz anhaltender Konjunktur sei die Bundesrepublik ein „Ungleichland“. Hierzulande verfügten die reichsten 40 Personen über das gleiche Vermögen wie die ärmere Hälfte der Bevölkerung, so die Oxfam-Expertin Ellen Ehmke. Ein normaler Arbeitnehmer müsste 157 Jahre arbeiten, um das durchschnittliche Jahreseinkommen eines DAX-Vorstandsvorsitzenden zu erzielen.

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Noch frappierender ist der Unterschied in anderen Teilen der Welt. So verdient ein Vorstandschef einer der fünf weltweit führenden Modemarken in nur vier Tagen, wofür ein Textilarbeiter in Bangladesch sein ganzes Leben lang schuften muss.

Ein großes Problem sieht Oxfam in fehlender flächendeckender Bildung und öffentlicher Gesundheitsversorgung, auch in Deutschland. Hierzulande hätten es Kinder aus einkommensschwachen Familien schwer, denselben Bildungsstand zu erreichen wie Kinder von Besserverdienern.

Regierungspolitik im Interesse der Großkonzerne

Bei der Bekämpfung der extremen Armut sind laut der Hilfsorganisation aber Fortschritte erzielt worden. So habe sich die Zahl der Menschen, die weniger als 1,90 US-Dollar pro Tag zur Verfügung haben, zwischen 1990 und 2010 halbiert und sei seitdem weiter gesunken. Die zunehmende Einkommensungleichheit habe jedoch verhindert, dass deutlich mehr Menschen der extremen Armut entkommen konnten.

Für die wachsende soziale Kluft macht Oxfam Großkonzerne und reiche Privatpersonen verantwortlich. Diese nutzten „ihre Macht und ihren Einfluss, um sicherzustellen, dass die Regierungspolitik in ihrem Interesse funktioniert“. Weiter heißt es:

Und das Großkapital konzentriert sich rücksichtslos mit allen Mitteln auf die Maximierung der Rendite für seine Aktionäre – sei es durch die Senkung der Löhne oder die Vermeidung von Steuern.

Oxfam fordert die Regierungs- und Wirtschaftsvertreter, die am Dienstag in Davos zusammenkommen, dazu auf, gegen die Steuervermeidung von Konzernen und Privatpersonen vorzugehen und faire Einkommen für Männer und Frauen durchzusetzen.

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(rt deutsch/dpa)