Ist Deutschlands Kirche zu politisch? "Welt"-Chefredakteur polarisiert mit Weihnachts-Tweet

Ist Deutschlands Kirche zu politisch? "Welt"-Chefredakteur polarisiert mit Weihnachts-Tweet
Bild: Conny Melzer/pixelio.de
Teile der Twitter-Gemeinde nehmen Anstoß an einem Tweet Ulf Poschardts, in dem dieser den Kirchen in Deutschland eine zu politische und zu linke Ausrichtung vorwarf. Vor allem progressive Kräfte nahmen diese daraufhin in Schutz.

von Reinhard Werner

Die Zahlen zur Mitgliederentwicklung in den beiden großen so genannten Volkskirchen in Deutschland spiegelt auf drastische Weise deren Bedeutungsverlust wider. Waren im Jahr 1950 in Westdeutschland noch 50,6 Prozent der Bevölkerung Mitglieder der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) und gehörten im gleichen Jahr 45,8 Prozent der Katholischen Kirche an, ist der jeweilige Anteil im wiedervereinten Deutschland des Jahres 2016 auf 28,5 Prozent Katholiken und gar nur 26,5 Prozent EKD-Angehörige gesunken. Und das, obwohl Einwanderung aus Ländern wie Polen oder Italien zumindest zur Stabilisierung der Anzahl an Katholiken beigetragen haben dürfte.

Zudem ist der Anteil derer hoch, die organisatorisch immer noch einer Volkskirche angehören, dieser aber längst innerlich gekündigt haben. Nur noch etwas über zehn Prozent der Katholiken und sogar nur noch 3,4 Prozent der EKD-Protestanten sind regelmäßige Gottesdienstbesucher – im Vergleich dazu sind es fast 40 Prozent der Katholiken in Polen.

Dennoch ist der Besuch der Christmette am Heiligen Abend nach wie vor ein bedeutsamer Teil der christlichen Tradition in Deutschland, und das nicht nur im ländlichen Raum. Werden die Kirchenbänke über das Jahr hinweg immer leerer, besuchen selbst Personen, die sich von den Kirchen entfernt haben, an Ostern und an Weihnachten mit ihren Familien den Gottesdienst.

Streit um Essenz der christlichen Botschaft

Belastbare Zahlen darüber, wie sich der Besuch in diesem Jahr entwickelt hat, gibt es noch nicht. Der Chefredakteur der WeltN24-Gruppe, Ulf Poschardt, hat sich jedoch auf Twitter so seine eigenen Gedanken darüber gemacht, warum dem – möglicherweise ebenfalls bröckelnden – Teilnehmeransturm auf die Christmette voraussichtlich auch im kommenden Jahr keine neue Aufbruchsstimmung folgen dürfte, an deren Ende eine wachsende Zahl regelmäßiger Gottesdienstbesucher stünde.

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Zu weltlich, zu politisch seien die Inhalte, die Deutschlands Volkskirchen in den Mittelpunkt ihrer Verkündigung stellten. Selbst an Weihnachten, so deutet Poschardt an, stehe für die Kirchen die politische Erbauung über der geistig-spirituellen:  

Poschardts implizite Mahnung, es könnte Gläubige vom Gottesdienstbesuch abhalten, wenn die Kirchen allzu offensiv eine politische Haltung zum Ausdruck brächten, stieß schon bald auf heftigen Widerspruch.

Der den Grünen angehörende politische Berater Lucas Gerrits meint vielmehr, gerade in der klaren politischen Positionierung läge der tiefere Sinngehalt der christlichen Botschaft:

Poschardt überzeugte dies nicht, er sah sich durch diese Replik erst recht in seiner Einschätzung bestätigt:

In der FAZ wiederum nahm die Sprecherin der Grünen Jugend, Ricarda Lang, Anstoß an Poschardts Kirchenschelte und meinte, dieser sei selbst Teil des Problems. Lang, die selbst nicht gläubig sei und deshalb auch schon lange keine Kirche mehr besucht habe, meint hinter Poschardts Kritik gar verwerfliche Absichten zu erkennen:

Ihm geht es mit seinem Tweet nicht darum, christliche Werte zu schützen, sondern darum, sein total veraltetes Weltbild zu verteidigen und sich gegen ein solidarisches Miteinander zu stellen. Und diese Haltung wünscht er sich offenbar auch von den Kirchen. Vielleicht hätte er gestern lieber mal zuhören sollen, statt gehässige Tweets abzusetzen.

Poschardts Kritik als "voll Nazi" entlarvt

In weiterer Folge entspann sich eine Kontroverse, die zur Folge hatte, dass in einer Vielzahl von Beiträgen mutmaßliche Anhänger der SPD oder der Grünen meinten, nachweisen zu müssen, dass all jene Generationen zuvor, die in Weihnachten mehrheitlich vor allem ein Fest der Familie und des Gedenkens an biblisches Geschehen ohne erkennbaren aktuellen politischen Bezug gesehen hatten, dieses im Unterschied zu ihnen falsch verstanden und falsch begangen haben. Der deutsche Klerus offenbare, indem er seine Schwerpunkte veränderte, offenbar ein richtiges Bewusstsein, dessen es vielen Gläubigen noch ermangle.

Dabei zeigten sich die Wahrer des moralisch Guten in ihrem Urteil einmal mehr unbeirrbar:

Die Intensität der Parteinahme der fortschrittlichen Kräfte für die Kirchen freilich war dem einen oder anderen am Ende doch nicht ganz geheuer, so mahnte etwa Sascha Lobo:

Wie es sich für eine anständige deutsche Debatte gehört, durfte aber auch die Andeutung nicht fehlen, aus Poschardts Ansinnen spreche tatsächlich nichts Geringeres eine verborgene Sehnsucht nach der Wiedergeburt des Nationalsozialismus:

Die Debatte, ob der Niedergang der Kirchen in Deutschland auch etwas mit Inhalt und Intensität ihrer politischen Aussagen zu tun haben könnte, ging im zeitlichem Umfeld des Weihnachtsfestes 2017 jedoch noch weit über die Poschardt-Kontroverse hinaus.

Diakonie weist AfD-Spende zurück

Tage vor dem Fest hatte etwa das Diakoniewerk Sonneberg/Hildburghausen in Thüringen eine Spende in Höhe von 100 Euro, die der AfD-Bundestagsabgeordnete Dr. Anton Friesen für die örtliche "Tafel" leisten wollte, mit Verweis auf das "Menschenbild der AfD" zurückgewiesen.

Dieser Vorgang veranlasste die stellvertretende CDU-Vorsitzende Julia Klöckner zu Kritik:

Will die christliche Botschaft wirklich, dass wir andere ausgrenzen, selbst wenn sie selbst Menschen ausgrenzen, wie es die AfD zum Beispiel tut?

Auch wandte sich Klöckner gegen eine, wie sie es ausdrückte, Politisierung der Kirchen. In der Bild erklärte sie:

Es kommt vor, dass aus manchen Kirchenkreisen mehr zum Thema Windenergie und grüne Gentechnik zu hören ist, als über verfolgte Christen, über die Glaubensbotschaft oder gegen aktive Sterbehilfe.

Gysi-Lob offenbart unfreiwillig "kapitalistisches" Optimierungsverhalten der Kirchen

Linken-Politiker Gregor Gysi hingegen verteidigte die Kirchen und findet einem Bericht der KNA zufolge Papst Franziskus "geradezu fantastisch". Dieser stelle Menschheitsfragen und setzte sich wie das ursprüngliche Christentum für Gerechtigkeit ein, erklärte Gysi am Freitag im Interview des Kölner domradio.

Papst Franziskus umarmt eine Frau, Vatikan, 6. Juli 2016

Gysi zufolge seien die Kirchen in der Lage, allgemeine Moralvorstellungen in der Gesellschaft zu verankern:

Wenn es sie nicht gäbe, würde das niemand tun.

Allerdings gelte dies nicht mehr, wo es um Themen wie Abtreibungen, "Ehe für alle", künstliche Befruchtung oder Sterbehilfe gehe, wo die Kirche im Unterschied zur Situation vor mehreren Jahrzehnten nichts mehr verhindern könne.

Dieser Einschätzung zufolge wäre das politische Engagement offenbar so etwas wie ein betriebswirtschaftlich veranlasster Ausdruck einer Marktbereinigung: Die Kirche würde Bereiche verlassen, in denen es ihr schwerfalle, zu wirken, und sich stattdessen stärker auf die Vermarktung von Produkten konzentrieren, die in der Mehrheitsgesellschaft und in den Medien auf weniger Widerstände stoßen – wie Umweltschutz, Umverteilung oder Engagement "gegen Rechts". Das wirft jedoch umso mehr die Frage auf, ob ein solches Streben nach Marktanteilen nicht eher die kritischen Stimmen Poschardts, Klöckners oder der politischen Rechten bestätige.  

"Keine andere Schönheit als die des Wortes"

Auf dem rechtskonservativen Blog Philosophia Perennis wiederum übt Titus Müller in einem Gastbeitrag Kritik an der AfD, nachdem mehrere führende Funktionäre wie der Bundestagsabgeordnete Paul Hampel explizit die Parteimitglieder zum Kirchenaustritt aufgefordert hatten.

Müller mahnt:

Wenn die AfD die christliche Kultur wirklich bewahren will, muss sie bedenken, dass diese eine Frucht des Christentums und der christlichen Kirchen ist.

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Die Frage, ob Kirchen, die Fürbitten gegen Donald Trump oder für die syrischen Rebellen verlesen, AfD-Spenden nicht annehmen oder gegen den Volkswagen-Konzern predigen, nicht trotz, sondern vielmehr wegen dieser Praktiken an Rückhalt verlieren, beantwortet jedoch auch das nicht.

Das Blog Tagebuch eines Landpfarrers steuert zu der Debatte jedenfalls eine gänzlich anderweitige Einschätzung bei:

Warum suchten die Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg die Kirchen auf? Es gibt die einfachen Antworten, die uns nicht weiter zu beschäftigen brauchen. Nicht nur die Städte waren Ruinen; die Seelen gleichermaßen. Alles lag in Trümmern. Und das Wort des Christus war das einzig Unzerstörte, Unzerstörbare inmitten der Aschen. Es gab in jenen Tagen keine andere Schönheit als die des Wortes, das vor aller Zeit schon war. Die Menschen, und die Vögel der Angst saßen auf den Dächern ihrer Häuser, die Menschen lagen dieser Schönheit zu Füßen.

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