Homöopathie-Therapie: Kritiker fordern die gesetzlichen Krankenkassen auf, sie nicht mehr zu zahlen

Homöopathie-Therapie: Kritiker fordern die gesetzlichen Krankenkassen auf, sie nicht mehr zu zahlen
Symbolbild. Viele Ärzte schwören allen Widerständen und wissenschaftlichen Zweifeln zum Trotz auf die Wirksamkeit der sogenannten Globuli.
Viele Krankenkassen zahlen homöopathische Therapien, obwohl sie laut großen Studien keine Wirkung besitzen. Damit müsse Schluss sein, fordern Kritiker. Die Kassen unterstreichen die Nachfrage. Die Boom-Zeiten des Homöopathie-Marktes in Deutschland könnten womöglich vorbei sein.

Quecksilber, Pflanzenteile, Hundekot: Hochverdünnte Stoffe sollen Krankheiten heilen oder zumindest lindern können, glauben Anhänger der Homöopathie. Kaum eine Therapieform ist derart umstritten. Viele Patienten versprechen sich eine sanfte Heilung durch die Zuckerkügelchen oder Tropfen, während Wissenschaftler warnen: Globuli besitzen keine Wirkung, sondern stellen nur eine Schein-Behandlung dar. Kassen dürfen eigentlich nur die Kosten von anerkannt wirksamen Therapien erstatten, doch für Homöopathie und ähnliche Verfahren hat der Gesetzgeber Sonderregeln geschaffen. Sie müssen nicht in aufwendigen Studien ihre Wirksamkeit unter Beweis stellen.

Bill Gates investiert 50 Millionen Dollar in Alzheimer-Forschung - auch aus persönlichen Gründen

In den sozialen Medien tobt schon lange ein Streit in dieser Frage, der in den letzten Monaten weiter Fahrt aufgenommen hat. So erregte der bayerische Hals-Nasen-Ohren-Arzt Christian Lübbers mehrfach deutschlandweit Aufmerksamkeit: Er twitterte im Januar dieses Jahres über ein Kind mit eitriger Mittelohrentzündung, bei dem er Globuli im Gehörgang fand. Auch setzt sich Lübbers zusammen mit dem „Informationsnetzwerk Homöopathie“ dafür ein, dass gesetzliche Krankenkassen die Therapien nicht mehr bezahlen. Mehrere Kassen mischen in den Diskussionen mit - eine entzog sich nun dem Austausch.

„Völlig überraschend“ habe „eine der größten deutschen Krankenkassen“ ein bereits vor Wochen vereinbartes Gespräch über die Zukunft der Homöopathie-Erstattung abgesagt, erklärte das Netzwerk in einer Mitteilung Mitte Dezember. „Geplant war ein dreistündiges Gespräch mit der hohen Verwaltungsebene“, sagt Lübbers. Ein „konstruktiver Meinungsaustausch“ habe die Vor- und Nachteile abwägen sollen. Die Techniker Krankenkasse offenbarte bei Twitter später selbst, dass sie das Treffen abgesagt hatte. Warum? Ein Sprecher erklärte auf Anfrage, die Kasse habe bemerkt, „dass eine Veröffentlichung der Gesprächsergebnisse beabsichtigt war“. „Dies entsprach nicht unserem Verständnis des geplanten Gesprächs.“

Für Gesundheitspolitiker ist die Homöopathie ein heikles Thema. „Man sollte den Kassen schlicht verbieten, die Homöopathie zu bezahlen“, erklärte SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach noch im Jahr 2010. „Keine Äußerung zur Homöopathie“, heißt es nun aus seinem Büro.

Der SPD-Landesparteitag hatte im Mai gleichfalls ein Ende der Kostenerstattung gefordert. Außerdem solle es ähnlich wie seit kurzem in den USA Warnhinweise über fehlende Wirknachweise auf den Mitteln geben, da „weder ein sinnvolles Erklärungsmodell noch eindeutige Nachweise einer Wirksamkeit vorliegen“, heißt es in dem Antrag. Der SPD-Bundesparteitag überwies ihn Anfang Dezember an die Bundestagsfraktion.

Für Jürgen Windeler vom Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, zuständig für die Wirksamkeits-Prüfung von Therapien, ist klar, dass die hochverdünnten Homöopathika nur Scheintherapien sind. „Menschen verstehen nicht, warum sie ihre Brille selber zahlen müssen - und gleichzeitig erstatten die Kassen Homöopathie“, sagt er.

Krankenkassen glauben ja selber nicht an den Nutzen dieser Verfahren.“

Tatsächlich argumentieren Kassen praktisch nie mit guten Daten zur Wirksamkeit von Homöopathika. Stattdessen unterstreichen sie die Nachfrage: So verweist die Techniker Krankenkasse auf Kundenbefragungen, die gezeigt hätten, dass „manche Versicherte“ sich „sogenannte komplementärmedizinische Angebote“ wünschen.

Dabei sind die Boom-Zeiten des in Deutschland über eine halbe Milliarde Euro schweren Homöopathie-Marktes womöglich vorbei. Noch vor wenigen Jahren stiegen die Zahlen der verkauften Packungen nach Angaben der Pharma-Marktforschungsfirma IQVIA um jährlich bis zu zehn Prozent, doch 2016 brach die Absatzsteigerung auf nur noch 0,3 Prozent ein. In den ersten drei Quartalen dieses Jahres wurden rund drei Prozent weniger Homöopathika verkauft. Ärzte verschrieben 13 Prozent weniger homöopathische Mittel auf Kassenrezept als im Vorjahreszeitraum.

Mehr zum Thema - Homöopathie in Russland offiziell zu Irrlehre erklärt

(dpa/rt deutsch)

Diese Webseite verwendet Cookies. Klicken Sie hier, um mehr zu erfahren

Cookies zulassen