Tickende Zeitbombe: UN warnt vor antibiotikaresistenten Keimen in der Umwelt

Tickende Zeitbombe: UN warnt vor antibiotikaresistenten Keimen in der Umwelt
(Symbolbild). Eine Studie aus dem Jahr 2014 warnt davor, dass arzneimittelresistente Infektionen bis zum Jahr 2050 jährlich 10 Millionen Menschen töten könnten.
Die UNO warnte am Dienstag vor einer tickenden Zeitbombe im Zusammenhang mit antibiotikaresistenten Keimen, die sich in der natürlichen Umgebung finden. Es braue sich etwas zusammen, da immer mehr Antibiotika und Chemikalien durch den Menschen ins Wasser und in den Boden gelangen.

Laut dem Bericht droht ein gefährliches Szenario. Die Menschen seien einem noch höheren Risiko ausgesetzt, an Krankheiten zu erkranken, die durch die vorhandenen Antibiotika unheilbar sind. Die Erkrankung könne unter anderem schon durch so harmlose Tätigkeiten wie Schwimmen ausgelöst werden.

Weltweit führt die Einleitung von kommunalen, landwirtschaftlichen und industriellen Abfällen in die Umwelt dazu, dass Antibiotika-Konzentrationen in vielen Flüssen, Sedimenten und Böden zu finden sind", so der Bericht.

"Es treibt die Evolution resistenter Bakterien stetig voran", so die Untersuchung weiter. "Ein Medikament, das einst unsere Gesundheit schützte, ist jetzt in Gefahr, sie im Stillen zu zerstören." Der Bericht mit dem Titel „Frontiers 2017“ wurde auf der UN-Umweltversammlung, der weltweit wichtigsten Versammlung zu Umweltfragen, veröffentlicht. Gesundheitsaufseher machen sich schon jetzt große Sorgen um das schwindende Waffenarsenal gegen Keime.

Schon ein Bericht aus dem Jahr 2014 warnte davor, dass arzneimittelresistente Infektionen bis zum Jahr 2050 jährlich 10 Millionen Menschen töten könnten. Allein die kumulativen wirtschaftlichen Kosten würden sich bis 2050 auf etwa 100 Billionen US-Dollar belaufen. Damit würden die Kosten andere tödliche Krankheiten wie Herzerkrankungen und Krebs übersteigen.

Eine Mutter betet am Bett ihres an Dengue-Fieber erkrankten Kindes in Phnom Penh, Kambodscha, 4. Juli 2007.

Es ist ein allgemein anerkanntes Problem, dass der Missbrauch oder die Überverordnung von Medikamenten Bakterien ermöglicht, Resistenzen zu entwickeln, die die Behandlung an vorderster Front stumpf machen. Doch der neue Bericht fügt der Besorgnis einen weiteren Aspekt hinzu, einen weitgehend uneingestandenen und wenig erforschten Faktor hervor – die Umweltverschmutzung –, der zum Widerstandsproblem beiträgt.

Wir treten in eine, wie es die Leute nennen, post-antibiotische Ära ein, also gehen wir zurück in die Zeit vor den 1940er Jahren, als eine einfache Infektion sehr schwierig, wenn nicht gar unmöglich zu behandeln war.

Das sagte Will Gaze von der Universität von Exeter, der Mitverfasser des neuen Berichts, gegenüber der französischen Nachrichtenagentur AFP. Bakterien, die Antibiotika überleben, können Gene, die Arzneimittelresistenz sind, direkt untereinander übertragen. Die Gene können an zukünftige Generationen weitergegeben werden oder in der DNA des Keims weiter mutieren.

Heute werden etwa 70 bis 80 Prozent aller Antibiotika, die der Mensch einnimmt oder den Nutztieren verabreicht, wieder in die Umwelt ausgeschieden, zum Teil über Abwasser und die intensive Landwirtschaft.

Die Mehrheit der jährlich produzierten Hunderttausende Tonnen Antibiotika landet also in der Umwelt", erklärt Gaze.

Menschen und Tiere scheiden zudem resistente und nichtresistente Keime in die Umwelt aus, wo sie sich mit den Antibiotika und anderen natürlich vorkommenden Bakterien vermischen. Wenn man dem Mix noch antibakterielle Produkte wie Desinfektionsmittel und keimtötende Schwermetalle hinzufügt, können ideale Bedingungen dafür geschaffen werden, dass Bakterien an Orten, an denen Menschen mit ihnen in Kontakt kommen, eine Arzneimittelresistenz entwickeln.

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