Fünf Wochen undercover bei Amazon: "Katastrophale Arbeitsbedingungen"

Fünf Wochen undercover bei Amazon: "Katastrophale Arbeitsbedingungen"
© REUTERS/Noah Berger/File Photo
Die Zeitung Sunday Mirror hat einen Undercover-Reporter in die englische Amazon-Logistikzentrale in Tilbury eingeschleust. Dieser spricht von unwürdigen Arbeitsbedingungen. Belastungsstörungen und physische Leiden seien bei den Arbeitern häufig.

Kameras zeichnen jede Bewegung auf. Etwa 300 Gegenstände pro Stunde soll ein Mitarbeiter des Mega-Versandzentrums zusammensuchen, so besagen es die Gerüchte. Ein Bildschirm macht die Beschäftigten darauf aufmerksam, wenn sie Gefahr laufen, diese Marke zu verfehlen.

Der britische Sunday Mirror hat über fünf Wochen lang einen Undercover-Reporter in das Logistikzentrum des globalen Versandriesen Amazon im englischen Tilbury, Provinz Essex, geschickt. Dieser berichtet nun über die dortigen Arbeitsbedingungen, die am vergangenen Freitag, dem Black Friday, an zahlreichen Standorten - darunter auch in Deutschland - zu Ausständen beigetragen hatten.

Ambitionierte Zielvorgaben - kein natürliches Licht

Die Zeitung berichtet, dass Arbeiter mental und physisch unter "nicht tolerierbaren" Arbeitsbedingungen leiden. Zum Teil würden die Beschäftigten "im Stehen einschlafen", während sie teilweise in 55-Stunden-Wochen versuchen, die Zielvorgaben des Unternehmens zu erfüllen.

Wer nicht mit den harten Zielvorgaben mithalten konnte, wurde gefeuert", erklärte der Undercover-Reporter. "Einige, die unter der Belastung zusammengebrochen sind, mussten abtransportiert werden."

Die Arbeit, in der erst vor kurzem eröffneten Verpackungszentrale, die nach eigenen Angaben Europas größte Einrichtung dieser Art darstellt und größer als elf Fußballfelder ist und jährlich 1,2 Millionen Waren versenden soll, biete auch sonst nur wenige Annehmlichkeiten, berichtet der Sunday Mirror weiter.

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In der Halle gebe es kein natürliches Licht. Die Beschäftigten könnten daher nicht einmal erkennen, wann es Tag und wann es Nacht wäre. Die Arbeiter verdecken von sich aus die Uhren, heißt es in dem Bericht, um nicht daran erinnert zu werden, wie lange die Schicht noch dauert. Der Undercover-Reporter berichtet von Schichten von 7.30 bis 18 Uhr mit jeweils zwei halbstündigen Pausen, die gerade dazu reichten, zum Essen in die Kantine zu laufen.

In der Weihnachtszeit ist eine 55-Stunden-Woche der Normalfall

Im Weihnachtsgeschäft würden jedoch regelmäßig 55 Arbeitsstunden pro Woche vorausgesetzt. Wer zur Toilette wollte, musste bis zu 500 Metern durch das Gebäude laufen - die dafür in Anspruch genommene Zeit ging natürlich von jener ab, die blieb, um die Zielvorgabe zu erreichen. Die Toiletten selbst befanden sich, so hieß es im Sunday Mirror, in einem fürchterlichen und ekelerregenden Zustand. Die Arbeiter machten ihrem Frust über die Bedingungen unter anderem auf der Pinnwand Luft.

Bei meinem Einstand fragte einer, warum die Fluktuation unter den Mitarbeitern so hoch wäre", zitiert das Blatt einen Arbeiter. "Es liegt daran, dass sie Menschen kaputtmachen. All meine Freunde glauben mittlerweile, ich wäre gestorben. Aber ich bin nur ausgebrannt."

Streikposten vor dem Amazon-Werk in Leipzig, 2. Oktober 2017.

Für Amazon kommen die Enthüllungen zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Nach früheren Beschwerden über schlechte Arbeitsbedingungen und niedrige Löhne hatte der Versandriese angekündigt, die Situation für die Mitarbeiter zu verbessern.

In einer jüngst veröffentlichten Stellungnahme hieß es:

Amazon sorgt für einen sicheren und positiven Arbeitsplatz mit konkurrenzfähigen Löhnen und Sozialleistungen. Wir sind stolz darauf, tausenden Menschen in unseren Versandzentren im Vereinigten Königreich Arbeit zu geben. Wie die meisten Unternehmen erwarten wir im Gegenzug ein bestimmtes Leistungslevel."

Die Zielvorgaben seien realistisch, erklärte das Unternehmen:

Die Ziele basieren auf zuvor erreichten Leistungen unserer Mitarbeiter. Unsere Partner werten wir diesbezüglich über einen längeren Zeitraum aus."

In Schottland jährlich 43 Ambulanzeinsätze

Im Vorjahr beschäftigte Amazon in Großbritannien etwa 24.000 Mitarbeiter und erzielte dabei einen Umsatz von 7,3 Milliarden Britische Pfund (etwa 8,16 Mrd. Euro).

Sobald die Gegenstände herausgesucht sind, gehen sie in ein Verpackungszentrum, wo Arbeiter etwa 120 Gegenstände pro Stunde – Gerüchten zufolge soll das inoffizielle Ziel auf 200 angehoben worden sein – oder 85 Sendungen mit mehreren Versandgegenständen versandfertig machen sollen.

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Der Sunday Mirror berichtet über eine Vielzahl an stressbedingten Erkrankungen der Mitarbeiter wie Oberschenkel- oder Bänderzerrungen. Im größten schottischen Kundenzentrum des Versandhändlers soll es im Vorjahr zu insgesamt 43 Ambulanzeinsätzen gekommen sein. In die Kategorie A der schwerwiegendsten Vorfälle fielen demnach 15 Rettungseinsätze mit insgesamt 23 Arbeitern, die ins Krankenhaus eingeliefert werden mussten. Aus Anrufprotokollen geht hervor, dass in Dunfermline zwei Mitarbeiter nach Stürzen, einer wegen "traumatischer Verletzungen" und zwei infolge von "Industrieunfällen", behandelt wurden.

Ein Amazon-Sprecher erklärt hierzu:

Unabhängige Sicherheitsexperten bestätigen, dass wir alle relevanten Rechtsvorschriften und Verordnungen beachten."