100 Jahre Russische Revolution: Populäre Mythen über den Roten Oktober

100 Jahre Russische Revolution: Populäre Mythen über den Roten Oktober
Ein Flachrelief von Wladimir Lenin auf einem Staudamm in Kirgisistan: Seine Losung war, dass Rätemacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes den Kommunismus bringt.
Egal ob es um die angeblich proletarische Revolution geht oder um Klagen über bolschewistische Willkür: Historische Betrachtungen zur Russischen Revolution vergessen auch 100 Jahre danach vielfach zeitgenössische Fakten. Hier die fünf hartnäckigsten Mythen.

von Malte Daniljuk

Allerorten müssen in diesen Tagen Würdigungen erscheinen, die den großen historischen Bruch des 20. Jahrhunderts einordnen sollen, die Russische Revolution. Dass hundert Jahre später keine Zeitzeugen mehr leben, erleichtert es den Kommentatoren, sich jeweils in dem zu bestätigen, was man ohnehin glaubt. Royalisten, Liberale und Leninisten verfügen jeweils über geordnete historische Sichtweisen, die sich natürlich aus dem Stoff bedienen, den die Ereignisse der Jahre 1917 und 1918 entwickelten.

Allerdings fügen sich diese Erzählungen vor allem in deren ohnehin vorhandenes Weltbild ein. Wo Widersprüche drohen, greift Selektivität. Schuld an den teilweise blutigen Ereignissen sind entsprechend immer die anderen politischen Lager. Recht einfach lassen sich aktuell noch die Geschichtsbetrachtungen der Royalisten und der leninistischen Linken auseinandernehmen. Dieser Aufgabe hat sich der Mainstream der deutschen Geschichtsbetrachtung verschrieben.

Kaum eine Zeitung kommt darum herum, zu betonen, dass Lenin und seine Bolschewiki schuld an allen möglichen blutigen Episoden des 20. Jahrhunderts tragen. Gerne treten die Überlegungen als historische Spekulationen auf, frei nach dem Motto: "Hätte, Hätte, Fahrradkette". In der New York Times verstieg sich Simon Sebag Montefiore gar zu der Aussage, dass Lenin der eigentlich Schuldige am Aufstieg des Nationalsozialismus sei:

Ohne Lenin hätte es keinen Hitler gegeben. Hitler verdankte seinen Aufstieg größtenteils der Unterstützung konservativer Eliten, die eine bolschewistische Revolution auf deutschem Boden fürchteten und glaubten, er allein könne den Marxismus besiegen.

Liberale und Sozialdemokraten: Unverschuldet gestürzt

Dass die Bolschewiki und linke Sozialrevolutionäre am 7. November die Provisorische Regierung stürzten, gilt insbesondere dem liberalen Geschichtsbewusstsein als vollkommen unrechtmäßiger Vorgang. Bis heute bemühen Historiker dafür Begriffe wie "Umsturz" und "Machteroberung". Dass die Bolschewiki tatsächlich den Willen einer großen Mehrheit der Bevölkerung repräsentierten, weil sie als einzige politische Kraft versprachen, den Krieg zu beenden und das Land zu verteilen, das ist in der aktuellen Rückschau geradezu ein Tabu.

Seit dem Februar 1917 regierte die Provisorische Regierung unter den liberalen Demokraten, den so genannten Kadetten, das russische Riesenreich. Noch im April 1917 versicherte Außenminister Pawel Miljukow seinen britischen Freunden, dass Russland sich "bis zum entscheidenden Sieg" am Weltkrieg beteiligt. Genauso führte später Alexander Kerenski von den nicht so besonders revolutionären "Sozialrevolutionären" im Sommer den Krieg weiter.

Angesichts der Tatsache, dass die Soldaten bereits zu Zehntausenden desertierten und mit ihren Waffen in der Hand nach Hause zurückkehrten, führte seine Regierung sogar die Todesstrafe wieder ein. Diese Entscheidung führte zu einem "wahren Aufruhr" unter den Soldaten, schreiben Zeitzeugen. Die meisten der brutalen Szenen, die zeigen, wie Truppen ihre Offiziere hinrichteten, stammen aus diesem Sommer 1917. Nach der zusammengebrochenen Juli-Offensive, auch bekannt als Kerenski-Offensive, erreichten Meldungen in diesem Stil das Hauptquartier:

Ein Großteil der Militäreinheiten befindet sich im Zustand völliger Auflösung. […] Sie hören nicht mehr auf die Befehle ihrer Vorgesetzten noch auf die Ermunterung ihrer Kameraden, antworten darauf nur mit Drohungen und Schüssen.

Konkret heißt die historische Lehre aus diesem Sommer, dass die Liberalen und Sozialdemokraten nicht in der Lage waren, den Krieg zu beenden. Erst dadurch gaben sie den Bolschewiki die Möglichkeit, ihre Revolution durchzuführen. Und dies nicht nur in einem allgemein politischen Sinn: Ganz konkret stellten die bewaffneten Deserteure und die meuternden Truppen den entscheidenen Machtfaktor, um die Provisorische Regierung zu stürzen.

Allgemeiner sollte die Lehre aus diesen Monaten jedoch lauten: Wer seine innenpolitische Strategie den Interessen ausländischer Mächte unterstellt, läuft konkret Gefahr, sich selbst aus dem politischen Leben zu katapultieren, und zwar nicht einfach wegen des fehlenden Patriotismus, sondern weil extrinsische Motive das eigene Handeln fehlleiten. Durch einen Friedensschluss und einen geordneten Rückzug von den Fronten des Weltkriegs hätten Liberale und Sozialdemokraten vermutlich überleben können.

Ihr hartnäckiger Kriegskurs an der Seite von Frankreich, Großbritannien und den USA gab Lenins Aprilthesen erst die nötige Glaubwürdigkeit: "Ohne den Sturz des Kapitals ist ein Ende des imperialistischen Krieges unmöglich!" Dass Kerenski schließlich mit einem Fahrzeug der amerikanischen Botschaft aus Petersburg flüchten musste und in den USA seinen Lebensabend verbrachte, stellt nur noch die passende Anekdote zum politischen Versagen der bürgerlichen Mitte dar.

Immerhin hatten es die Kriegskredite der USA an die Provisorische Regierung erst ermöglicht, dass Kerenski den Krieg weiterführte. Im April 1917 schickten die USA die führenden Außenpolitiker Elihu Root und Charles Crane mit dem Vorschlag nach Russland, die US-Regierung und private Banken würden unglaubliche 600 Millionen Dollar aufbringen, um es Russland zu ermöglichen, den Krieg weiterzuführen. Roots berühmte Vorgabe an Kerenski lautete: "Kein Kampf, keine Kredite." Als Root im Juli in die USA zurückgekehrt war, konnte er in den Zeitungen lesen, dass seine Gesprächspartner in Petersburg eine weitere Schlacht, die Kerenski-Offensive, verloren hatten.

Liberale und Sozialdemokraten: Die Bauern-Revolution

Die historischen Betrachtungen aller politischen Lager starren seit hundert Jahren auf Petersburg, Moskau und die wenigen städtischen Ballungsgebiete Russlands. Die Historiker waren jahrzehntelang ohnehin fixiert auf jene schriftlichen Zeugnisse, welche die offiziellen Institutionen des Staates produzieren. So prägten die Dokumente der Regierung und des Militärs das Bild der Russischen Revolution. Im Alltag des überwiegenden Teils der russischen Bevölkerung spielten diese offiziellen Ereignisse jedoch eine untergeordnete Rolle.

Weitgehend unabhängig vom politischen Spektakel in den Großstädten lief die eigentliche Revolution auf dem Land jedoch unablässig. Das Zarenreich war eine feudale Herrschaft, bis zum Ende bestand es aus der brutalen Willkür des Adels auf dem Land. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs lebten gerade 17 Millionen Menschen in Städten. Sie machten etwa 14 Prozent der 126 Millionen Bewohner des Zarenreiches aus.

Wenn es der erste Fehler von Liberalen und Sozialdemokraten war, dass sie den Krieg weiterführten und eine Armee aus Bauernsöhnen dazu zwangen, zu desertieren, dann war ihr zweites Versagen, dass sie sich um die Landreform herumdrücken wollten. Während die Provisorische Regierung in Petersburg noch lamentierte und versuchte, das Problem auf eine verfassungsgebende Versammlung zu verschieben, schufen die bewaffneten Bauern längst Fakten, und dies zumeist auf äußerst brutale Art.

In Tausenden von Dörfern sammelten sich im Laufe des Jahres 1917 die Bauern, nachdem bewaffnete Bauernsöhne von der Front zurückgekehrt waren. Sie zogen nachts zu den Anwesen der Großgrundbesitzer, plünderten die Herrenhäuser und lynchten deren Bewohner. Im Anschluss brannten sie die Gebäude zumeist nieder. Um die außergewöhnliche Brutalität der plebejischen Wut zu erklären, verwies der Historiker Orlando Figes darauf, dass die niedergeschlagene Revolution von 1905 gerade erst zwölf Jahre zurücklag.

Die russischen Bauern hatten noch gut in Erinnerung, in welcher Form die Repression damals zugeschlagen hatte. Figes, der anhand von Zeitzeugen ausführlich die Alltagsgeschichte der Revolution dokumentierte, sprach von einem "Terrorkrieg", den die zaristische Regierung damals "gegen das Volk" entfesselt habe - wohlgemerkt: unter Duldung des städtischen Bürgertums. In Regionen mit Bauernrevolten wurden ganze Dörfer von der Armee zerstört. Als es in den Gefängnissen keinen Platz mehr gab, erging der Befehl, die Bauern stattdessen zu erschießen.

Mit Verhaftungen alleine werden wir unser Ziel nicht erreichen. Es ist unmöglich, Hunderttausende zu verurteilen. Ich schlage vor, die Aufständischen zu erschießen und in Fällen von Widerstand ihre Häuser niederzubrennen", schrieb Innenmister Pjotr Durnowo an die Gouverneure.

Die paramilitärischen Schwarzen Hundertschaften und Kosaken begingen damals zahllose und unbeschreibliche Grausamkeiten an der aufständischen Bauernbevölkerung. Orlando Figes schätzt, dass bis zur Eröffnung der ersten Staatsduma im April 1906 mindestens 35.000 Menschen willkürlich erschossen oder exekutiert wurden. Allerdings sind dies nur diejenigen Fälle, die in irgendeiner Form dokumentiert wurden. Weitere 45.000 Menschen wurden deportiert oder ins Exil gezwungen.

Die Royalisten: Der unnötige und grausame Tod der Romanows

Zum festen Inventar der konservativen Kommentatoren gehört es, sich darüber zu beklagen, dass die Hinrichtung der Zarenfamilie im Juli 1918 vollkommen unnötig und grausam gewesen sei. Diese Sichtweise ist schon deshalb befremdlich, weil es seit Jahrhunderten zur festen Regel des Feudalismus gehörte, dass sich die potenziellen Erbfolger gegenseitig umbrachten. Offensichtlich macht es in einem System der erblichen Thronfolge durchaus Sinn, potenzielle Erbfolger physisch auszulöschen.

Die bewaffneten Revolutionäre bewachen das Kirier-Automobil der Provisorischen Regierung am 2. März 1917 in Petrograd.

Um diesen Zusammenhang zu erkennen, brauchte es keine Kommunisten. Über Jahrtausende gehörten die so genannten Diadochen-Kämpfe zum Schicksal der Adels- und Königshäuser. Teilweise löschten sich komplette Familienzweige mithilfe von Gift und Meuchelmorden gegenseitig aus, allesamt nach medizinischem Dafürhalten recht grausam. Selbstverständlich hatte es auch im Umfeld der Romanows zahlreiche ungeklärte Todesfälle von potenziellen Amtsanwärtern gegeben.

Vonseiten der Bolschewiki bestand also sehr wohl eine höhere Rationalität, als sie die Zarenfamilie auslöschten. Selbst wenn es dazu keinen politischen Beschluss gegeben haben sollte, bleibt das unpolitische Raubmotiv: Kaum eine historische Beschreibung kommt ohne den Hinweis aus, dass die Damen des Hauses zehn Kilo Diamanten in ihrer Unterwäsche transportierten. Soviel ist sicher: Im Russland des Jahres 1918 reichte sehr viel weniger Besitz, um Opfer eines Raubmordes zu werden.

Bleibt die Frage der Verhältnismäßigkeit: Natürlich spielt die Zarenfamilie aus royalistischer Perspektive eine ganz besondere Rolle. Aber generell zählte ein Menschenleben zu dieser Zeit nicht besonders viel, und daran hatte Nikolaus Romanow einen entscheidenden Anteil. Zum Zeitpunkt der November-Revolution hatten bereits 1,8 Millionen Russen ihr Leben in einem Weltkrieg verloren, den der Zar mit großem Engagement und wenig militärischer Kompetenz verfolgt hatte. Jeder einzelne von ihnen starb unnötig und grausam.

Die leninistische Linke: Der Mythos von der proletarischen Revolution

Die russische Bauernrevolution ist nicht nur bemerkenswert hinsichtlich des absoluten Versagens der liberalen Parteien. Auch bis weit über die leninistische Geschichtsschreibung hinaus etablierten die Vorgänge in Russland den Mythos von der "proletarischen Revolution". Er durchzog schließlich das ganze 20. Jahrhundert, ohne dass in diesen hundert Jahren auch nur eine einzige Revolution in einem entwickelten Industrieland stattgefunden hätte.

Wenn die Gruppe der Industriearbeiter bereits vor dem Ersten Weltkrieg eine winzige Minderheit war, wie die Urbanisierung zeigt, dann war sie nach dem Weltkrieg und dem Bürgerkrieg schlicht nicht mehr vorhanden. Laut der Volkszählung von 1923 lebten in Russland damals zehn Millionen Menschen weniger als zu Beginn des Krieges. Allein die Rote Armee verlor im Bürgerkrieg 700.000 Soldaten, die gesamte Industriestruktur war zerstört.

Das hindert verschiedene linke Strömungen keineswegs daran, es bis heute als "wissenschaftlich erwiesen" zu betrachten, dass die Arbeiterklasse die Vorhut einer angeblich zwangsläufig anstehenden Revolution sei. Während sich Kohorten von linken Akademikern in Europa und den USA mit allen Facetten des "wissenschaftlichen Sozialismus" beschäftigten, fanden die Revolutionen in ganz anderen Ländern statt, in Ländern, die wie das zaristische Russland feudal, absolutistisch und ländlich geprägt waren.

Entsprechend erwies sich in den vergangenen 100 Jahren eher die "Liga gegen Kolonialismus" als das Erfolgsmodell für den Export der Revolution und weniger die Kommunistische Internationale. Auf dem großen Kongress der Liga im Jahr 1927 in Brüssel fanden sich zahllose Politiker und Aktivisten ein, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ihre Länder in die Unabhängigkeit führten, zumeist unter sozialistischen Vorzeichen. Die Revolutionen des 20. Jahrhunderts fanden alphabetisch gesehen von Algerien bis Zimbabwe statt, oder historisch betrachtet von China bis Nicaragua.

Schaut man auf diese Vorgänge, dann ist das Rezept für eine erfolgreiche Revolution recht einfach. Dort, wo große Teile der Bevölkerung unter traditioneller Armut und Elend leiden und von allen politischen Gestaltungsmöglichkeiten ausgeschlossen sind, kann eine zu allem entschlossene Minderheit, die weder Tod noch Folter fürchtet, einen erfolgreichen Umsturz organisieren. Genau wie auch in Russland spielten dabei in allen diesen Ländern städtische Intellektuelle und Arbeiter eine wichtige Rolle.

Anders als feudale Verhältnisse oder Kolonialherrschaft ermöglichte das Entwicklungsmodell der westlichen Industriestaaten jedoch nach 1945 einen relativen Wohlstand und auch eine begrenzte politische Teilhabe, selbst für die Arbeiterklasse. Dass dies möglich war, auch daran muss 100 Jahre nach der Russischen Revolution erinnert werden, lag nicht zuletzt daran, dass die Sowjetunion existierte.

Die großen tariflichen Zugeständnisse, welche die Gewerkschaften in den westlichen Industriestaaten bis in die 1980er Jahre erzielen konnten, erklären sich auch daraus, dass die Sowjetmacht bei allen Tarifverhandlungen unsichtbarer Teilnehmer war. Der SPD-Politiker Kurt Schumacher hatte als eine wesentliche Strategie des Kalten Krieges die Magnettheorie formuliert. Danach würde der "Wettlauf des Systeme" einfach von denjenigen gewonnen, die ihrer Bevölkerung die attraktiveren Lebensbedingungen bieten können.

Die Prosperität der Westzonen kann den Westen zum ökonomischen Magneten machen. Diese ökonomische Magnetisierung des Westens muss ihre Anziehungskraft auf den Osten so stark ausüben, dass auf die Dauer die bloße Innehabung des Machtapparates dagegen kein sicheres Mittel ist", so Schumacher bereits im Jahr 1947.

Die unbegrenzte Leidensfähigkeit und Tatkraft der russischen Bevölkerung

Will man die Russische Revolution und ihre Rolle im 20. Jahrhundert würdigen, kommt eine ehrliche Einschätzung außerdem nicht umhin, die erstaunliche Leistungsfähigkeit des sowjetischen Modells einzugestehen. Beide Weltkriege zerstörten Russland in einem außerordentlichen Umfang, stärker als irgendein anderes europäisches Land. Trotzdem gelang es den sowjetischen Kommunisten, eine Industrialisierung voranzutreiben, die bis weit in die 1970er einen Entwicklungsstand ermöglichte, der mit dem Lebensstandard in den westlichen Industrieländern durchaus vergleichbar war.

Während im Rest von Europa bereits jahrelang Frieden herrschte, verwickelten die Weißen Truppen die Sowjetmacht noch bis 1921 in einen blutigen Bürgerkrieg. Die Generäle Denikin und Wrangel erhielten für ihren Krieg gegen die Revolutionsregierung natürlich großzügige Hilfe aus dem Westen. Erst 1921 begannen die russischen Kommunisten ernsthaft über ein neues wirtschaftliches Modell für die Sowjetunion zu diskutieren. Zu diesem Zeitpunkt hatten der Weltkrieg und der Bürgerkrieg mehrere Millionen Menschen das Leben gekostet.

Eine systematische Industrialisierung setzte erst ab dem Jahr 1928 mit dem ersten Fünf-Jahres-Plan unter Josef Stalin ein. Während sich die westliche Geschichtsschreibung vor allem auf die brutalen Methoden und die anfänglich katastrophalen Auswirkungen konzentriert, wird gerne übersehen, dass die Sowjetunion bereits im Jahr 1941 in der Lage war, der damals modernsten Armee der Welt, der Deutschen Wehrmacht, ernsthaften Widerstand entgegenzusetzen und sie schließlich zu besiegen.

Auf dem Weg dahin hatte Stalin zudem die politische und militärische Elite der Bolschewiki gründlich ausgelöscht. Das politische Modell von Lenins "demokratischem Zentralismus" war offensichtlich auf ganz eigene Diadochen-Kämpfe angelegt. Von Antonow-Owsejenko über Bucharin und Kamenew bis Trotzki waren sämtliche Mitglieder der bolschewistischen Führung hingerichtet worden. Im Land selbst hatten Fehlplanung und Hungersnöte mehreren Millionen Menschen das Leben gekostet.

Trotzdem hatte das Land schließlich einen Entwicklungsstand erreicht, von dem die Bewohner der meisten Länder auf der Welt bis heute nur träumen können. Dass sämtliche Basisdienstleistungen wie Gesundheit, Bildung, Wohnraum und Energie sowie natürlich Grundnahrungsmittel selbstverständlich vorhanden sind, mag bis vor kurzem noch den meisten Menschen in Westeuropa selbstverständlich erschienen sein, aber etwa in Griechenland dürfte inzwischen der eine oder die andere verstanden haben, dass dies nicht vom Himmel fällt.

Umso beeindruckender, und damit komme ich zu einem letzten Mythos hinsichtlich der Revolution und der Sowjetunion, ist die Leistung der russischen Bevölkerung. Mit scheinbar unbegrenzter Leidensfähigkeit, Opferbereitschaft und Tatkraft haben die Russen ihr Land inzwischen ein drittes Mal unter widrigsten Bedingungen wiederaufgebaut, zählt man die Zerstörungen der Jelzin-Ära dazu. Im Fremdbild, aber selbst in der Sicht vieler Russen auf das eigene Land ist dieser Aspekt kaum präsent.