"Stranger Things": Die 1980er Retrowelle hat auch die USA erfasst

"Stranger Things": Die 1980er Retrowelle hat auch die USA erfasst
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Die zweite Staffel der Science-Fiction-Gruselserie "Stranger Things" dürfte an Halloween wieder Zuschauerrekorde brechen. Warner wittern hinter dem 1980er-Nostalgieboom allerdings eine Gedankenwelt, die rechtskonservative Ideen und Politiker beflügelt.

von Reinhard Werner

Das lange Halloween-Wochenende dürfte dem On-Demand-Videodienst Netflix einen beachtlichen Zuwachs an Zusehern eingebracht haben. Zahlreiche Kunden der Plattform in aller Welt hatten bereits mit großen Erwartungen den Freitag der Vorwoche herbeigesehnt. An diesem Tag war erstmals die aus neun Folgen bestehende zweite Staffel der Science-Fiction- und Horrorserie "Stranger Things" abrufbar.

Bereits der erste Durchgang der Serie, die in den USA im Sommer 2016 erstausgestrahlt wurde, hatte Maßstäbe gesetzt. Innerhalb der ersten 35 Tage sollen Erhebungen zufolge 14,07 Millionen Menschen zwischen 18 und 49 Jahren in Amerika zugeschaut haben. Damit überrundete die Netflix-Produktion sogar namhafte Titel wie "House of Cards" oder "Daredevil". Bevor der On-Demand-Anbieter die von den Brüdern Matt und Ross Duffer entwickelte Serie unter Vertrag nahm, hatten mehrere herkömmliche TV-Sender deren Produktion abgelehnt.

Die ursprüngliche Idee hinter der Serie war durchaus kontrovers. Den Duffer-Brüdern zufolge entstand sie aus einer Debatte um das geheimnisumwitterte CIA-Projekt MK Ultra, im Zuge dessen in den 1950er bis 1970er Jahren die US-Regierung breit angelegte und in ihrer Methodik umstrittene Versuche an Menschen zur Gedanken- und Bewusstseinskontrolle durchgeführt haben soll. Das Projekt ist seit seinem Bekanntwerden Gegenstand einer Reihe von Spekulationen.

Sehnsucht nach der Vergangenheit macht Menschen spendabler

Auch in "Stranger Things" spielen geheime Untersuchungsprojekte der US-Regierung eine zentrale Rolle. Diese finden in einem Laboratorium nahe der fiktiven Kleinstadt Hawkins, Indiana statt und haben unbekannte Dimensionen und deren Lebensformen zum Gegenstand. In beiden Staffeln laufen diese Forschungsprojekte aus dem Ruder und haben zur Folge, dass die Barriere zwischen den Welten durchbrochen wird - mit schwerwiegenden Folgen für das Städtchen und seine Bewohner.

Das 2004 gegründete Netzwerk zählte nach eigenen Angaben im 1. Quartal 2017 rund 1,94 Milliarden Mitglieder, welche die Plattform zumindest einmal pro Monat besuchten.

In der Entwicklungsphase zu der Serie nutzten die Duffer-Brüder auch in intensiver Weise das Live-Streaming-Videoportal Twitch, das vorrangig zur Übertragung von Videospielen genutzt wird. Dort gibt es eine Abteilung mit Schwerpunkt auf Gaming-Gewohnheiten und Popularkultur der 1980er Jahre. In dieser sammelten die Brüder Inspirationen, testeten Reaktionen des potenziellen Publikums und suchten Elemente heraus, die Eingang in die Handlung finden sollten.

Im Juni 2016 begannen die Produzenten, das fertige Produkt auf YouTube zu bewerben. Neben den Millennials, die zu erheblichen Teilen altbekannte TV-Angebote zu Gunsten von Streamingdiensten und Pay-Angeboten wie Netflix hinter sich gelassen haben, bildete jedoch vor allem das Zielpublikum von Nostalgie-Marketing die Zielgruppe für "Stranger Things".

Der Gedanke hinter dieser Werbestrategie ist so einfach wie effektiv: Wie das Journal of Consumer Research herausgefunden hat, geben Menschen mehr Geld aus, wenn Produkte oder dazugehörige Werbekampagnen in ihnen nostalgische Gefühle auslösen.

Mit Blick auf die 1980er Jahre war dies im westlichen Kulturkreis ein Phänomen, das anfangs nur sporadisch und nur in der Literatur Beachtung fand. In Deutschland konnten beispielsweise Anfang der 2000er Jahre Florian Ilies mit "Generation Golf" und Jana Hensel mit dem ostdeutschen Pendant "Zonenkinder" Publikumserfolge schlicht und einfach damit erzielen, dass sie einen inneren Monolog über ihre Kindheit in den Jahren vor dem Mauerfall zu Papier brachten.

Den zunehmenden Erfolg der 80er-Retro-Produktionen in Deutschland erklärten Beobachter mit unerfüllten Erwartungen an die Wiedervereinigung und einer zunehmenden Distanz zu der veränderten weltpolitischen Rolle, die Deutschland im Zeitalter der Globalisierung spielen sollte.

Wesentlich spätere 1980er Nostalgiewelle in den USA

In den USA war die Retrowelle in der Popularkultur lange kein Thema, was mit dem größeren Fortschrittsoptimismus und dem Selbstbewusstsein der einzig verbliebenen Supermacht nach dem Ende des Kalten Krieges zu tun gehabt haben könnte. Man war der unangefochtene Führer der Welt und es ging darum, globale Zukunftsentwürfe für die Menschheit zu erarbeiten.

Spätestens in der zweiten Hälfte der 2000er Jahre - die Anschläge von 9/11 und der Irakkrieg hatten mittlerweile auch in den USA selbst den ungetrübten Optimismus gedämpft, den man aus den 1990ern kannte -, war es dort die Filmindustrie, die erstmals die 1980er wieder zum Thema machte. Im Jahr 2006 erschien ein filmisches Remake des Serienklassikers "Miami Vice", für viele der Inbegriff der 1980er Jahre schlechthin, mit Colin Farrell und Jamie Foxx in den Rollen der legendären Cops Sonny Crockett und Rico Tubbs. Der Film konnte nur knapp die Produktionskosten wieder einspielen - ein bedeutender Teil der ursprünglichen Fangemeinde hatte die Neuauflage ohne die Originalschauspieler und sogar ohne Alligator Elvis offenbar bewusst boykottiert.

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Erfolgreicher auf der Retro-Welle surften hingegen die ebenfalls 2006 erstmals gesendete Klamauk-Detektivserie "Psych", in der sich regelmäßige Andeutungen mit Blick auf die 1980er Jahre durch alle acht Staffeln zogen, die 2011 erschienene Steven-Spielberg-Produktion "Super 8" oder die 2013 erschienene Neuauflage von "Robocop", die die bekannte Korporatismus-Persiflage aus dem Jahr 1987 mit Themen wie dem Snowden-Skandal verband.

"Stranger Things" griff bislang jedoch am tiefsten in die Nostalgie-Kiste: Musik der 1980er Jahre, Mode, Frisuren, die Titelsequenz bis hin zur Schriftart - alles ist auf ein Publikum abgestimmt, das ohne zu zögern in der Lage ist, sämtliche Anklänge und Zitate von E.T., Stephen-King-Storys wie "Der Feuerteufel" oder "Stand By Me", Freddy-Krüger-Filmen, "Ghostbusters" oder den "Goonies" zu erkennen - und dem bei den eingespielten Songs von Toto über The Clash bis hin zu Kenny Rogers Bilder aus der eigenen Kindheit vor Augen treten.

Ein Bild aus

Matt Duffer macht auch gar keinen Hehl daraus, dass mit "Stranger Things" eine Zeit verklärt werden soll, in der Politiker wie Ronald Reagan, Margaret Thatcher oder Helmut Kohl mit offenen Kampfansagen an den liberalen Geist der vorangegangen Dekaden Wahlen gewinnen konnten:

Wir haben so viel Nostalgie für diese Ära und sie bedeutet uns so viel. Wir wollten etwas im Fernsehen wiederauferstehen lassen, das den klassischen Filmen ähnelt, die wir in unserer Jugend so geliebt haben: die Filme von Spielberg und John Carpenter oder auch die Romane von Stephen King.

Was für die Duffer-Brüder wie ein Lottogewinn ist, nämlich durch eine atmosphärisch dichte und ansprechend erzählte Geschichte aus den 1980er Jahren einen nie in dieser Größenordnung erwarteten Publikumserfolg zu landen, ruft andernorts Argwohn hervor.

Hat "Stranger Things" Trump mit zur Wahl verholfen?

Obwohl, was die Serie für das breite Publikum umso sympathischer machen dürfte, keinerlei politische Statements in "Stranger Things" transportiert werden - und auch die Wahlplakate von 1984 in einigen Vorgärten der Staffel 2 lediglich der Authentizität der Kulisse dienen -, geriet die Produktion bereits im Vorjahr in den Verdacht, zum späteren Wahlsieg Donald Trumps beigetragen zu haben. Offenbar sogar in noch stärkerem Maße als die angeblichen "russischen Einmischungsversuche".

Dies zumindest deutete das Portal Business Insider bereits vor der Wahl des letzten Jahres an - sogar unter Berufung auf republikanische Wahlstrategen.  

Nun erzählt "Stranger Things" einfach nur eine Geschichte. Die Serie bringt nicht einmal die tiefe Verbitterung und den Kulturpessimismus der kleinen Leute in den ländlich geprägten Gegenden der USA offen zum Ausdruck, wie das beispielsweise der Countrysänger Toby Keith in seinem 2015 erschienen, grimmigen Song "35 mph Town" tat.

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"Stranger Things" zeichnet einfach ein authentisches Bild des Lebens in einer US-amerikanischen Kleinstadt der 1980er Jahre, abseits von der Komplexität des modernen Lebens. Intakte Familien sind noch die Regel in Hawkins, es gibt keine Smartphones oder Kinder, die vor ihren Computern vereinsamen. Die Jugendliche verbringen ihre Freizeit zusammen mit Fahrrädern im Freien, beschäftigen sich mit Brettspielen und besuchen allenfalls mal eine Arcade-Spielhalle. Der Sheriff, die Lehrer und die Polizeibeamten genießen den Respekt der gesamten Gemeinschaft - stattdessen herrscht ein unterschwelliges Misstrauen gegenüber den Bundesbehörden und ihren vermeintlichen großen Projekten, deren negative Folgen die Verantwortlichen zu vertuschen suchen.

Man ist gerne in der gewohnten, überschaubaren Welt von Hawkins, die zwar ihre Probleme hat, aber auf die herkömmliche, traditionelle Art und Weise in der Lage ist, damit umzugehen. Identitätspolitik, Genderfragen, "Black Lives Matter" - das alles war in den 1980er Jahren kein Thema, und viele Amerikaner haben dies auch noch so in Erinnerung. Die Republikaner setzten im Vorjahr mit ihrem Kandidaten Donald Trump auch voll auf diese Karte.

Augenscheinlich haben wir unter Präsident Reagan gewonnen", erklärt Parteistratege John Thomas. "Wir haben den Kalten Krieg gewonnen. Wir waren in den 1980er Jahren eine Supermacht. Die Wirtschaft boomte. […] Deshalb denke ich, dass viele Menschen dort gerne wieder hin möchten."

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Trump wolle das Land wieder zurück in eine einfachere Zeit führen, und das treffe den Nerv vieler Menschen im Land, sekundiert ihm sein Kollege Matt Mackowiak.

Er [Trump] mochte die Welt, wie sie in unserer Kindheit war. Und viele von uns wurzeln in unserer Kindheit. Wenn unsere Kindheit glücklich war, wollen wir sie manchmal wieder hervorholen. Und ich denke, er würde uns selbst gerne zurückbringen in eine einfache Welt, in der Richtig und Falsch klar zutagetraten.

Den Glauben an den Fortschrittsmythos verloren

John Thomas weist darauf hin, dass Trump der erste Politiker war, der mit dem Versprechen eines permanenten Fortschritts, wie es so sonst alle Wahlkämpfe geprägt hatte, gebrochen hat. Er hat sein Vorhaben nicht verschwiegen, Amerika in frühere Zeiten zurückzuführen. Statt auf ein "Vorwärts" hat er die Nation auf ein "Macht Amerika wieder groß" eingeschworen.

Offenbar glaube ein bedeutender Teil der Bevölkerung nicht mehr an das Konzept eines permanenten Fortschritts, sondern will zurück in eine Zeit, die man als eine bessere in Erinnerung hat. Und diese Verklärung solcher besseren Tage macht auch die Magie von "Stranger Things" aus.

Das bleibt auch in Deutschland Kommentatoren nicht verborgen. Rajko Burchardt klagt entsprechend auf Moviepilot:

Die Rückbesinnung auf ein Jahrzehnt, das seinerseits schon Rückbesinnung war, nämlich ein Throwback in die behüteten (und ehrlich gesagt ziemlich langweiligen) 1950er Jahre, ist von einem unangenehmen kulturellen und moralischen Konservatismus geprägt.

In Deutschland ist es die AfD, die ein ähnliches Lebensgefühl anspricht. Politiker dieser Partei wie Björn Höcke sind selbst authentische Kinder der 1980er Jahre, die Miami-Vice-Sakkos und weiße Tennissocken getragen hatten, deren Freizeit sich zwischen langen Waldläufen und Sportübertragungen bewegte und für die die Erzählungen der Großeltern einen Gegennarrativ zu dem bildeten, was ferne, suspekte Eliten und Intellektuelle auf höchster Ebene als demokratischen Konsens etablierten.

Was auch in Deutschland der neuen Rechten entgegenkommt: Die 1980er Jahre werden auch für immer mehr Deutsche zum Inbegriff einer glücklicheren Vergangenheit. Und das, obwohl - wie es vor knapp zwei Jahren zum Gegenstand der Serie "Deutschland '83" geworden ist - die Angst vor einem Atomkrieg und vor vermeintlich oder tatsächlich drohenden Umweltkatastrophen stetig über dem seligen Kinderglück zwischen Tricotronic, sommerlichen Adria-Urlauben und ZDF-Weihnachtsserien wie"Patrick Pacard" gelegen hatte.