Stalins letzter Tag: Drei Theorien gehen von Mord aus

Stalins letzter Tag: Drei Theorien gehen von Mord aus
Filmszene aus "The Death of Stalin" (2017)
Der jüngst erschienene Film "The Death of Stalin", eine umstrittene Komödie des schottischen Satirikers Armando Iannucci um die von politischen Wirren geprägte Zeit nach dem Ableben des Sowjetführers, heizt aktuell einmal mehr die Diskussionen an.

Obwohl Stalin nach offizieller Darstellung eines natürlichen Todes gestorben sein soll, machen bis heute durchaus auch noch einige andere Theorien die Runde - auch die, wonach politische Konkurrenten den "Generalissimus" ermordet haben sollen.

An die offizielle Version des plötzlichen, aber natürlichen Todes an jenem schicksalhaften 5. März 1953 wollten schon unmittelbar nach seinem Ableben manche nicht glauben. Der Historiker Gennadij Kostyrtschenko beispielsweise erinnert an die Aussage des späteren Sowjetführers Nikita Chruschtschow 1956 gegenüber einem französischen Journalisten, wonach Stalin nach einem heftigen Wortwechsel mit einer Gruppe hochrangiger Parteigenossen einen Schlaganfall erlitten haben soll. In dem Streit drohten die Genossen ihrem Staatschef demnach mit einer Revolte und womöglich sogar mit physischen Angriffen.

Unzufrieden seien sie vor allem mit den Plänen Stalins gewesen, die sowjetischen Juden im fernen Sibirien anzusiedeln, so Chruschtschow. Zumal jenes Ansinnen zeitlich etwa mit der so genannten Ärzteverschwörung zusammenfiel: Ende 1952 hatte Stalin ein angebliches Komplott hochrangiger, vorwiegend jüdischer Mediziner gegen sich gewittert, infolge dessen vermeintlicher Aufdeckung zahlreiche Ärzte verhaftet und hingerichtet wurden.

Titelseite der französischen Zeitung 'l'Humanite', Paris, 7. März 1953

Und Chruschtschow war nicht der einzige, der sich an eine solche Szene erinnert haben will. Laut Kostyrtschenko sprach auch der sowjetische Schriftsteller Ilja Ehrenburg gegenüber dem französischen Philosophen Jean-Paul Sartre in zahlreichen Details darüber, dass sich Stalin, dessen Pläne eine heftige Gegenreaktion hervorriefen, sich tatsächlich bereits von seinen Untergebenen bedroht fühlte.

Angeblich hätten ihm jene bereits mit einem Putsch gedroht: So war die Rede davon, die Armee gegen ihn aufzubringen, wenn er nicht von der geplanten Umsiedlung der Juden in den Fernen Osten absehen würde. Einer dieser innerparteilichen Gegner, selbst ein Jude, soll dem Sowjetführer gar persönlich sein Parteibuch ins Gesicht geworfen haben. Erschrocken über so viel Mut und Aufruhr habe Stalin dann einen Schlaganfall erlitten.

ABER: Diese Version gilt Historikern zufolge wenig wahrscheinlich, da weder in Stalins persönlichen noch in den Parteiarchiven irgendwelche Pläne zur Deportation der Juden gefunden werden konnten. Außerdem ist bis heute unklar, warum Chruschtschow diesen Streit überhaupt noch einmal ansprach. Zuvor hatte er, der sich als Generalsekretär der KPdSU von Beginn an gerne auf Kosten des bereits verstorbenen Stalin in Szene gesetzt hatte, nicht einmal in seinen Memoiren, die in den 1970er Jahren im Westen erschienen, Bezug auf einen solchen angeblichen Streit genommen. Womöglich wollte Chruschtschow, der 1955 den Machtkampf gegen Stalins Nachfolger Georgi Malenkow gewonnen hatte, sich aber auch durch diese Geschichte einfach selbst zusätzlich hervorheben und legitimieren.

Joseph Stalin und der junge Nikita Chruschtschjow, 1936 Joseph Stalin und der junge Nikita Chruschtschjow, 1936

Der Mann mit der Axt

Eine andere Theorie sieht in Chruschtschow derweil nicht nur einen bis dato rebellischen Untergebenen Stalins, sondern gar den Hauptarchitekten des möglichen Mordes an dem Sowjetführer. So habe Chruschtschow im Juli 1964 bei der Begrüßung der ungarischen Delegation auf einer öffentlichen Veranstaltung plötzlich begonnen, über Stalin zu sprechen: "Es gab viele brutale Diktatoren in der Geschichte der Menschheit, aber sie alle starben ebenso durch die Axt, wie sie zuvor ihre Herrschaft mit der Axt aufbauten." In den sowjetischen Zeitungen wurde diese Stelle aus Chruschtschows Rede natürlich herausgekürzt.

Der Geschichtswissenschaftler Alexander Dugin sieht in Chruschtschow persönlich den Mann mit der Axt. Dugin zufolge hat Stalin sowohl seinen Minister für Staatssicherheit, Semjon Ignatjew, als auch Chruschtschow entlassen wollen. Jene aber seien ihm zuvorgekommen: Um ihren Mord an Stalin zu decken, hätten sie bewusst auch noch Lawrentij Berija, den mächtigen Kopf der sowjetischen Geheimpolizei, getötet.

Vergiftet vom Chef der Geheimpolizei

Jener Berija ist jedoch wiederum auch selbst Protagonist von Verschwörungstheorien rund um Stalins Tod. Als zweitmächtigste Person im Staat könnte sich Berija vor einer neuen Säuberungswelle gefürchtet haben, die womöglich auch ihn erfassen hätte können. Ist Berija dieser zuvorgekommen?

Der Historiker Nikolaj Dobrjucha schreib in seinem Buch "Wie Stalin getötet wurde", dass Berija den Staatschef vergiftet habe. Dazu habe er ein seltenes Schlangen- oder Spinnengift benutzt. Dobrjucha führt als Argument für seine Behauptung Aussagen von Stalins langjährigem Außenminister Wjatscheslaw Molotow an, wonach Berija nach Stalins Ableben einmal stolz behauptet habe, er sei es ja gewesen, der letztlich "euch alle vor Stalin gerettet" habe.

Das Publikum wird an den Rätseln und Verschwörungstheorien um Stalins Tod wohl auch in den nächsten Jahren nicht an Interesse verlieren.

Stalins Totenmaske in der Ausstellung "Mensch und Regierung im 19. bis 20. Jahrhundert" im Museum der russischen politischen Geschichte in Sankt Petersburg

ABER eines ist faktisch belegt: Als die Parteigenossen vom Schlaganfall Stalins erfuhren, beeilte sich niemand, doch noch schnell einen Arzt zu holen. Außerdem ist der Ort des Todes umstritten. Offiziell heißt es, er habe im Kreml einen Herzschlag erlitten. Tatsächlich wurde Stalin jedoch in seiner Datsche aufgefunden. Und da auch in den medizinischen Protokollen noch eine Vielzahl an Widersprüchen offen ist, wird Stalins Tod wohl noch über einige Zeit hinweg nichts an Rätselhaftigkeit und Mystik einbüßen.

Der Artikel erschien im Original bei unserem Kooperationspartner Russia beyond the Headlines.