Brot und Spiele: Die Abgründe des kommerzialisierten Fußballbetriebes

Brot und Spiele: Die Abgründe des kommerzialisierten Fußballbetriebes
Der französische Top-Club PSG hatte in der gerade zu Ende gegangenen Transferperiode, trotz vergleichsweise geringen Einnahmen, groß eingekauft. Es kamen Neymar für rund 222 Millionen Euro und und Kylian Mbappé, erst einmal auf Leihbasis, doch danach sind für ihn 180 Millionen Euro fällig.
Paris Saint-Germain legt 222 Millionen Euro für einen jungen Brasilianer hin. Doch das Fußballvolk, gierend nach Unterhaltung jeder Art, trägt seine bitter verdienten Groschen in die Arenen der Kommerzballgesellschaften und ihrer herangezüchteten Gladiatoren.

von Flo Osrainik

Was zu viel ist, ist zu viel. Und 222 Millionen Euro Ablöse bei einem Gehalt von rund 100.000 Euro - nicht im Jahr, am Tag - für einen jungen Brasilianer namens Neymar, der unter anderem schon eine Luxusjacht im Wert von 8 Millionen US-Dollar, zahlreiche Luxuskarossen, Immobilien oder Diamantohrringe besitzt, sind zu viel, auch wenn er den Ball unendlich lange danteln oder schnell wie der Blitz damit rennen kann. So ungefähr meint das jedenfalls Uli Hoeneß, der sich selbst mit dreistelligen Millionenbeträgen und Balldantlern auskennen sollte.

Dem Fußballer Javi Poves aus Spanien reichten im Jahr 2011, da war er 24, hingegen zehn Minuten Profifußball für Sporting Gijon in der Primera Division, um sich angewidert vom "kapitalistischen Fußball-System", wie er damals sagte, abzuwenden. Einst spielte er, wie so viele, Fußball aus Liebe zum Spiel. Er kündigte seinen Vertrag, um Geschichte zu studieren und soll kein Geld mehr von Sporting entgegengenommen haben. Das vom Klub zur Verfügung gestellte Auto gab er zurück, da es sich falsch anfühle, zwei Wagen zu haben.

Multimillionäre in den Weltstädten, Sklaven auf Katars Baustellen

Aber ganz offensichtlich sieht man das weder in Paris noch bei den unterhaltungsbedürftigen Zuschauern des durchkommerzialisierten Fußballs in Resteuropa so. Auch ein frei von Moral handelnder Investor wie Nasser Al-Khelaifi wird dem nichts abgewinnen können. Der katarische Präsident von Paris Saint-Germain dürfte in den Pariser Banlieues womöglich genauso wenig soziale Missstände erkennen wie ein Franz Beckenbauer in Katar Sklaven auf den Baustellen für die Fußballweltmeisterschaft der FIFA.

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Kann sein, dass sich der "Kaiser" vor Ort nur von Geschenken seiner Gastgeber blenden ließ. Vielleicht wusste Beckenbauer auch nicht, dass Sklaven in absoluten Monarchien wie in Katar keine Eisenketten mehr tragen, denn heute gibt es Bankkonten, die einfach leer bleiben können. Auch müssen moderne Gladiatoren keinen Tod mehr fürchten und dürfen sich nach Eintritt des Rentenalters, also spätestens mit Ende 30, den Kopf darüber zerbrechen, was mit der restlichen Lebenszeit anzufangen ist.

Der Zusammenhalt der Sklaven, Lohnsklaven oder auch Arbeiter wurde jedenfalls schon früh, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, aufgebrochen, indem man die anfangs erfolgreichen Interessenvertretungen der Arbeiter zerschlug. Dafür begann man früh, Werkklubs zu gründen. In Deutschland zum Beispiel bei Bayer, Wacker, Carl Zeiss, Volkswagen und Opel. International war Gleiches etwa bei Royal Arsenal (FC Arsenal), Lancashire and Yorkshire Railway (Manchester United), Philips (PSV Eindhoven), Pommery (Stade de Reims), Peugeot (FC Sochaux) oder Parmalat (AC Parma) der Fall. Auch entstanden zahlreiche weitere Werksteams in West- und Osteuropa (Zenit Sankt Petersburg, BATE Baryssau, Schachtar Donezk) und in anderen Teilen der Welt, ob in Asien (Urawa Red Diamonds, Sanfrecce Hiroshima), Südamerika oder Afrika, um ein Identitätsgefühl gegenüber dem Konzern und gegen andere Arbeiter herzustellen.

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Mit Propaganda, wegen der Begeisterung der Nazis für diese Methode der Meinungsmache später in Öffentlichkeitsarbeit (PR) umbenannt, hat man es dann auch geschafft, die Interessen der breiten Arbeiterschaft dahin zu steuern, dass diese ihre Wochenlöhne für Tickets und Trikots der millionenschweren Gladiatoren ausgibt, um die Logos von Konzernen Spazieren zu tragen und obendrein in Scharen sogar zu den Auswärtsspielen in die Arenen zu pilgern. Und das selbst dann, wenn die Leute dafür kreuz und quer über den Kontinent reisen müssen.

Wen stört da schon der an maximale Ungerechtigkeit grenzende Umstand, der einem Jungkicker im Schlaf mehr Geld beschert als manch ein Baustellensklave fern der Heimat und Familie unter der glühend heißen Sonne Katars in seinem ganzen Arbeitsleben zusammenbuckeln könnte?

Bleiben etwa die Ränge bei Spielen der ersten Ligen in Frankreich, Spanien, England, Deutschland oder Italien, gar der Champions League, leer, die Regale in den Fanshops voll und die Fernsehgeräte aus? Nein! Und das, obwohl schon die Gehälter der Mannschaftskollegen des 25-jährigen Neymar oder auch der Hintermänner dieser ganzen Sportinszenierungen nichts weiter als Hohn und Spott für jeden ehrlich und hart arbeitenden Menschen sind.

Wie sich Fußballklubs prostituieren

Wen juckt es, dass sich Konzerne und Oligarchen ihren ganz persönlichen Fußballverein gleichsam als Kurtisane besorgen, um diese als Kapitalgesellschaft auf den Strich zu schicken oder sie für ihre private Liebhaberei zu vergewaltigen? Sie gehen das Ganze nicht einmal sportlich mit einem Neustart in der letzten Liga an, um sich durch den Amateursumpf nach oben zu spielen.

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Unter dem billigen Vorwand, in die Region zu investieren, nimmt man den Platz alter Vereine ein. Dabei spielt es für den unkritischen Fußballkonsumenten keine Rolle, dass man, um etwa Jugend- oder Sportzentren zu errichten, was ja auch ein Versagen der Politik sein könnte, keineswegs einen Fußball- oder Sportverein auslöschen muss. Ein Sportzentrum ließe sich auch einfach so errichten. Ob und wie das allerdings den Absatz der eigenen Produkte steigert, steht auf einem anderen Blatt. Und eben darin unterscheidet sich ein Fußballfan vom beliebig austauschbaren Zuschauer und Dauerklatscher der Partymeilen des Public Viewing.

Die TSG Hoffenheim hatte in der Ober- und bis vor gut zehn Jahren in der Regionalliga im Schnitt keine 2.000 Fans, aber eben Fans. Ähnlich sah es beim SSV Markranstädt, heute RB Leipzig, aus. Mittlerweile spielen beide, die TSG 1899 Hoffenheim Fußball-Spielbetriebs GmbH und die RasenBallsport Leipzig GmbH, in der ersten Liga. Dabei kommt der SAP-Ableger aus dem überschaubaren Örtchen Hoffenheim auf knapp 30.000 Zuschauer pro Heimspiel und die sächsische Filiale von Red Bull (RasenBallsport) zieht rund 40.000 Besucher an. In beiden Fällen ein Vielfaches der Einwohnerzahl der jeweiligen Orte. Wie man mit einem Kleinstadtklub auch ohne Milliardär erfolgreich sein kann, zeigen hingegen zum Beispiel die Zweitligavereine SV Sandhausen und FC Erzgebirge Aue.

Götzendienst und Widerstand

Für den Psychologieprofessor Rainer Mausfeld von der Christian-Albrechts-Universität Kiel führt eben jener gedankenlose Konsumismus, sich von irgendeinem Event belustigen zu lassen und in der anonymen Masse unterzugehen, zu einem Identitätsverlust, einer unersättlichen Gier nach verschiedenen Formen von Falschidentitäten, die mit der eigenen Lebenswelt nicht viel zu tun haben und durch belanglose Unterhaltung, durch Plattformen wie Facebook und vermeintliche Stars und Sternchen, gefördert wird. Wie sagte doch Albert Einstein:

Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muss man vor allem ein Schaf sein.

In der Sendung Blickpunkt Sport kritisierte zuletzt Ewald Lienen, Trainer des FC St. Pauli, den albernen Autogramm- und Selfiewahn im Fußballsport. In anderen Ländern hätten die Menschen mehr Stolz und eine größere Wertschätzung von sich und ihrer Arbeit, weshalb es dort nicht so viele Autogrammjäger wie in Deutschland gibt. Lienen hatte schon als Spieler eine klare Haltung und wollte die Fußballweltmeisterschaft unter der damaligen Militärdiktatur in Argentinien boykottieren. Es bleibt abzuwarten, wie viele Fans und Akteure seinem Beispiel folgen, wenn die FIFA-WM in Katar ansteht.

Ein anderes Beispiel für Widerstand und Haltung stellen die Fans von Manchester United dar. Aus Protest vor der Übernahme ihres Klubs durch den US-Investor Malcolm Glazer, die Lancashire and Yorkshire Railway existiert seit 1921 nicht mehr, gründeten sie ihren eigenen Klub, den FC United of Manchester. Der fangeführte Sechstligist verfügt heute über ein vereinseigenes Schmuckkästchen (Broadhurst Park) mit Platz für 4.400 Fans, einen eigenen TV-Kanal und für 7- bis 16-Jährige werden kostenlose Ferienkurse angeboten. Und das alles ohne Mäzen.

Ähnlich machten es wenige Jahre zuvor die Fans vom FC Wimbledon mit der Gründung des mittlerweile drittklassigen AFC Wimbledon. Bemerkenswert ist dabei, dass der AFC in Besitz einer von Fans errichteten Non-Profit-Organisation ist.

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Auch die Fans von Austria Salzburg gingen nach der Übernahme durch den Brausekonzern Red Bull des Oligarchen Dietrich Mateschitz - Red Bull hat seitdem sechs Fußballfilialen in vier Kontinenten hochgezogen, vielleicht schluckt man ja schon bald die restlichen neun Erstligisten Österreichs - ebenso ihren eigenen Weg. Zeitweise schafften es die Mozartstädter sogar in den Profifußball zurück. Dabei solidarisierten sich 23 Klubs aus Österreich, 53 aus dem restlichen Europa, zwei aus den USA und zuletzt die Fans von Maccabi Haifa unter dem Motto "Herz statt Kommerz" sowie zahlreiche Klubs unterer Ligen mit der violetten Bewegung der Austria.

Aber sogar bei Hoeneß kommen langsam Zweifel an der Entwicklung auf, denn "irgendwann werden die Zuschauer das nicht mehr mitmachen", wie er meint. Noch ärgerlicher als das Fernbleiben von Fußballspielbesuchern ist es, wenn, wie in unmittelbarer Nachbarschaft vom Büro Hoeneß bei der FC Bayern München AG, der Investor (Hasan Ismaik) nicht mehr so recht mitspielt. Dann heißt es runter in die höchste Amateurklasse. So wie beim TSV 1860 München. Und für die braucht man auch keine Fußballkonsumenten mehr, denn dort treffen sich jede Woche tausende Fans so mancher Kultvereine, ob von Lok Leipzig (VfB Leipzig), Rot-Weiß Essen oder den Offenbacher Kickers wieder, um den echten Fußball, nicht jenen mit Fernglas aus der hundertsten Reihe weit über den Champagnerlogen, zu leben und den Geruch des Rasens zu inhalieren.

Seitenwechsel oder gleich ganz vom Platz?

Der junge Ex-Verteidiger Poves aus Gijon hatte dagegen nicht mal mehr Lust auf unterklassigen Fußball. "Je besser man den Fußball kennenlernt, desto klarer sieht man, dass sich alles nur ums Geld dreht", gab dieser damals gegenüber der spanischen Zeitung El Pais zu Protokoll. Er wollte einfach nicht mehr Teil eines Systems sein, in dem wenige Leute viel Geld einkassieren, weil andere Menschen in Südamerika, Afrika und Asien sterben. Die Entscheidung des Spaniers, der sich damals als weder links noch rechts bezeichnete und Bücher wie "Das Kapital" oder "Mein Kampf" las, wird von Hoeneß, Neymar und Kollegen womöglich genauso wenig nachvollzogen wie der Widerstand gegen den modernen Fußball an sich.

Solange sich Arbeiter die Hemden multinationaler Konzernmannschaften überstülpen und sich mit Showveranstaltungen wie der US-Version eines deutschen Pokalfinales von ihren eigentlichen Interessen ablenken lassen, rollt der Ball für die Investoren schließlich auf das richtige Tor. Und wenn die Ränge dabei noch voll bleiben, stört auch kein achtminütiges Pfeifkonzert.

Aber wer weiß, vielleicht kommen abgehängte Klubs eines Tages auf die Idee, eine Herz- statt Kommerzliga zu gründen, ohne Kapitalgesellschaften und Mäzene. Sponsoren würden Sponsoren bleiben, Budgetobergrenzen könnten für Spannung und soziale Bindung zwischen Zuschauern und Akteuren sorgen. Denn eines ist klar: Bevor Gehaltsexzesse und der Handel mit Kindern durch gierige Eltern und Berater im Fußball durch die korrupte FIFA oder die nicht minder von Lobbyismus zersetzte Politik verboten werden, gewinnt ein von Fans geführter Klub wie Austria Salzburg die Champions League.

Der Autor ist in der österreichischen und deutschen Formel-Ford-Meisterschaft gefahren und hat mehrere Jahre Amateurfußball bis zur sechsten deutschen Liga gespielt.

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