Paris: Feuer und Flamme für den Westen – Russischer Künstler Pawlenski in Psychiatrie eingewiesen

Paris: Feuer und Flamme für den Westen – Russischer Künstler Pawlenski in Psychiatrie eingewiesen
Erst brannte er in Russland durch, nun brannte eine Bank in Paris.
Für einige galt Pjotr Pawlenski als Künstlerheld im Kampf gegen "das Regime" in Russland. Nun hat ein Pariser Gericht ihn in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Er hatte eine Filiale der Banque de France angezündet. Die westlichen Medien winden sich.

von Timo Kirez

Für die einen ist er ein Held – für die anderen einfach nur ein Spinner. Schon seit Jahren spaltet der russische Aktionskünstler Pjotr Pawlenski das Publikum und die Kritiker. Dabei verläuft der Graben nicht wie sonst üblich zwischen russlandkritischen und russlandfreundlichen Kunstfreunden, sondern vielmehr querbeet. Selbst unter kremlkritischen russischen Künstlern ist Pawlenski umstritten. Der Aktionskünstler hatte sich in Russland mit spektakulären Aktionen einen Namen gemacht.

So hatte er sich beispielsweise aus Protest gegen die Verurteilung von Mitgliedern der Punkrockband Pussy Riot unter anderem wegen schweren Hausfriedensbruchs im Jahr 2012 den Mund zugenäht. Im Jahr 2016 wurde Pawlenski zu einer Geldstrafe verurteilt, weil er eine Tür des Hauptsitzes des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB in Brand gesteckt hatte. Zwischendurch hatte er sich noch ein Stück des Ohrläppchens abgeschnitten und seine Hoden auf den Roten Platz in Moskau festgenagelt.

Pjotr Pawlensky protestierte 2014 gegen den "Missbrauch der Psychiatrie als politisches Unterdrückungsmittel". Dafür setzte er sich auf die Mauer einer psychiatrischen Klinik und schnitt sich einen Teil seines Ohres ab.

Im Dezember 2016 floh Pawlenski aus Russland, da ihm dort sexueller Missbrauch und Körperverletzung vorgeworfen werden. Die Schauspielerin Anastasia Slonina, die am regierungskritischen Theater teatr.doc in Moskau arbeitet, hatte Pawlenski beschuldigt, sich ihr in gesetzeswidriger Weise genähert zu haben. Zudem wird dem Künstler vorgeworfen, den Schauspieler Wasili Beresin, ebenfalls vom Theater teatr.doc, verprügelt zu haben.

Nähte sich aus Protest gegen die Verurteilung der Band

Folgenschwere Frankophilie

Um der Strafverfolgung zu entgehen, reiste Pawlenski nach Frankreich und erhielt dort politisches Asyl. Die Vorwürfe gegen ihn bestritt er. Auf die Frage französischer Medien, warum er ausgerechnet nach Frankreich geflohen sei, obwohl er weder Französisch noch Englisch spricht, beantwortete der Künstler mit:

Frankreich ist die Alma Mater der russischen Revolution. Alles, was an Russland gut ist, stammt aus Frankreich.

Diese heiße Liebe zu Frankreich erreichte in der Nacht zum Montag offenbar ihren Siedepunkt. Pawlenski zündete den Eingang einer Pariser Bankfiliale an. Seine Aktion erklärte er mit dem Wunsch, das Ausbrechen einer weltweiten Revolution bewirken zu wollen. Laut Berichten der französischen Zeitung Le Figaro wurden er und seine Gemahlin Oksana Chaliguin daraufhin verhaftet. Ihnen wird vorgeworfen, "mutwillig Eigentum durch Brandstiftung" vernichtet zu haben. Laut Le Figaro befindet sich der Künstler auf Grund eines Gerichtsbeschlusses in einer psychiatrischen Klinik.

"Stalinismus" mitten in Paris?

Gleiches war ihm auch schon in Russland widerfahren. Nachdem er 2015 die Tür des Inlandsgeheimdienstes FSB in Brand gesteckt hatte, wurde er im Januar 2016 kurzzeitig in die Psychiatrie überführt. Westliche Medien reagierten daraufhin sofort mit altbekannten Reflexen aus der Sowjetzeit. So schrieb der Spiegel, dass die Einweisung kritisch zu sehen sei. Denn, so der Spiegel:

Zu Zeiten der Sowjetunion wurden Regimekritiker systematisch in geschlossene Anstalten gesteckt, um sie als politische Gegner zu diskreditieren und auszuschalten.

Wenn es nach dieser Kampfrhetorik aus den Zeiten des Kalten Krieges geht, dann findet in Paris gerade eine Renaissance des Stalinismus statt. Oder ist der Mann, quer über alle ideologischen Differenzen hinweg, doch nur einfach "durchgeknallt"? Das herauszufinden wird nun Aufgabe der französischen Behörden sein. Auffallend ist jedoch, wie sich einige westliche Medien nun doch kritische Fragen zu stellen beginnen. In der "Kulturzeit"-Ausgabe vom Mittwoch stellte die Moderatorin Vivian Perkovic treffend fest:

Komisch, oder? Kritik und Brandstiftung am russischen Regime für uns irgendwie OK, aber Kritik am Kapitalismus, und dann brennt noch eine Bank, da hört der Spaß auf.

In der Tat wirken nun einige hochtrabende Lobgesänge auf Pawlenski der westlichen Kulturschickeria, wie zum Beispiel ein Beitrag bei Deutschlandfunk Kultur aus dem Jahr 2016, zumindest zwiespältig. In dem Beitrag wurde Pawlenski attestiert, wie seinerzeit die Wiener Aktionisten, die "repressiven Mechanismen seiner Gesellschaft bloßlegen". Und weiter:

Wie die russische Aktionskunst arbeitet er sich an dem Unterdrückungsapparat seiner Heimat ab: Polizei, Zensur, Geheimdienst und Psychiatrie.

Ob Kunst noch eine vitale Funktion in der Gesellschaft ausübt, beschäftigt Kritiker, Künstler und das Publikum gleichermaßen. Eine einfache Antwort darauf gibt es nicht. Das Bild zeigt ein

Die Unfreiheit in Russland habe Pawlenski mit seiner Arbeit zwar nicht beseitigt, so der Beitrag weiter, doch wie kein anderer Künstler habe er deren Mechanismen zur Anschauung gebracht.

Lies nach bei Foucault

Auch diese Logik lässt nur einen Schluss zu: Frankreich ist ein repressives Land, dass es schleunigst zu erlösen gilt. Übrigens keine besonders neue Idee. Hätte der Autor des Beitrags seinen Foucault gelesen, so wäre er spätestens nach der Lektüre von "Überwachen und Strafen: Die Geburt des Gefängnisses" ins Grübeln geraten.

In dem 1975 erschienen Buch zeichnet Foucault anhand der Entwicklung der modernen Strafsysteme im Europa des frühen 18. Jahrhunderts, vor allem am Beispiel Frankreichs und Englands, ein Bild von Repression und Überwachung. Ironischerweise musste sich Foucault damals große Kritik gefallen lassen, da zwei Jahre früher das Buch "Der Archipel Gulag" von Alexander Solschenizyn erschienen war und man Foucault vorwarf, er würde im Hinblick auf die Verhältnisse in der damaligen Sowjetunion ein übertrieben schwarzes Bild von Frankreich malen.

Ganz gleich, ob es sich bei Pawlenski nun um einen missverstandenen politischen Künstler oder um einen krankhaften Provokateur handelt: Eine tragische Figur ist er auf jeden Fall. Mit dem künstlerischen Wahnsinn ist es jedoch wie mit dem Kapital: Es muss immer dahin wandern, wo es sich den größten Profit erhofft.