Archäologischer Sensationsfund am Ur-Rhein – Muss die Menschheitsgeschichte neu geschrieben werden?

Archäologischer Sensationsfund am Ur-Rhein – Muss die Menschheitsgeschichte neu geschrieben werden?
Bei dem Fund handelt es sich um die Kronen eines rechten oberen Backenzahns und eines linken oberen Eckzahns. Offenbar wurden die Zähne nur 60 Zentimeter voneinander entfernt gefunden.
Forscher haben bei Eppelsheim Zähne von Menschenaffen gefunden, die 9,7 Millionen Jahre alt sind. Sie ähneln in Afrika gefundenen Fossilien – doch die Funde in Afrika sind vier bis fünf Millionen Jahre jünger als die aus Deutschland. Die Forscher stehen vor einem Rätsel.

Eine 9,7 Millionen Jahre alte Entdeckung sorgt für Kopfzerbrechen bei deutschen Wissenschaftlern. Die gefundenen Zähne scheinen zu einer Spezies zu gehören, von der bisher nur bekannt ist, dass sie einige Millionen Jahre später in Afrika auftauchte. Wie das Mainzer Naturhistorische Museum am Mittwoch mitgeteilt hat, entdeckten ein Team deutscher Archäologen im ehemaligen Flussbett des Rheins ein rätselhaftes Gebiss.

Wie eine Magnolie oder Lilie soll sie ausgesehen haben, die Ur-Blume. Symbolbild: Magnolia virginiana (in: American Medicinal Plants aus dem Jahr 1887)

Die Zähne scheinen keiner in Europa oder Asien entdeckten Art zu gehören. Sie ähneln am ehesten denen der frühen Homininskelette von Lucy (Australopithecus afarensis) und Ardi (Ardipithecus ramidus), die in Äthiopien entdeckt wurden. Doch der neue Fund aus Eppelsheim bei Mainz ist mindestens vier Millionen Jahre älter als die afrikanischen Skelette. Diese Tatsache irritierte die deutschen Wissenschaftler dermaßen, dass sie die Veröffentlichung des Fundes zunächst für ein Jahr zurückhielten.

Ein Spezialistenteam wird weitere Untersuchungen an den Zähnen durchführen. "Es sind eindeutig Affenzähne", sagte der Leiter des Teams, Herbert Lutz, gegenüber dem Online-Magazin Merkurist.

Die Merkmale ähneln afrikanischen Funden, die vier bis fünf Millionen Jahre jünger sind als die in Eppelsheim ausgegrabenen Fossilien. Das ist ein großer Glücksfall, aber auch ein großes Rätsel."

Der Mainzer Oberbürgermeister Michael Ebling erklärte während einer Pressekonferenz, die Entdeckung werde die Wissenschaftler dazu zwingen, die bisher bekannte Geschichte der frühen Menschheit zu überdenken.

Ich möchte nicht überdramatisieren, aber ich nehme an, dass wir nach dem heutigen Tag damit beginnen müssen, die Geschichte der Menschheit neu zu schreiben", so Ebling.

Der rheinland-pfälzische Archäologe Axel von Berg sagte gegenüber Medien, er sei sich sicher, dass die Funde große Beachtung finden werden. "Das wird die Experten verblüffen", so von Berg. Der erste Bericht über den Fund soll in einer Woche bei Researchgate hochgeladen werden. Die Zähne werden weiterhin eingehend untersucht, sollen aber ab Ende Oktober in der rheinland-pfälzischen Landesausstellung "vorZEITEN" zu sehen sein. Danach werden sie laut „Welt“ im Naturhistorischen Museum Mainz ausgestellt.

Die Archäologen stießen auf die Zähne, während sie Kies und Sand im Bett des Ur-Rheins, dem ehemaligen Rheinlauf, durchsiebten. Seit 1820, als dort die ersten Affenfossilien gefunden wurden, ist das Gebiet eine Art Brutstätte für fossile Überreste. Seit 2001 wurden 25 neue Arten entdeckt. Die Zähne wurden neben den Überresten einer ausgestorbenen Pferdegattung gefunden. Der Fund der ausgestorbenen Pferdegattung half dabei, die Datierung der Zähne zu präzisieren.

Die ältesten jemals entdeckten menschlichen Fossilien wurden diesen Juni in Marokko ausgegraben. Der Fund wurde als ein wichtiger Schritt in der Erforschung der menschlichen Herkunft und dessen Ursprung gefeiert. Die Fossilien aus Marokko sind etwa 100.000 Jahre älter als alle bisher bekannten Funde. Als älteste Fossilien, die einen Hinweis auf das Leben auf der Erde geben, gelten Funde aus dem Nuvvuagittuq-Grünsteingürtel in der kanadischen Provinz Québec. Forscher des Londoner Zentrums für Nanotechnologie hatten dort winzige Fossilien, die nur halb so breit wie ein menschliches Haar und bis zu einem halben Millimeter lang sind, in blumenförmigen Quarzstrukturen gefunden. Das Alter wurde vom University College London auf etwa 3,77 bis 4,29 Milliarden Jahre datiert.