Neue Studie bestätigt: Dramatisches Insektensterben in Deutschland - Rätseln über Ursachen

Neue Studie bestätigt: Dramatisches Insektensterben in Deutschland - Rätseln über Ursachen
Weder die Ursachen noch die Folgen des Insektensterbens sind bis dato ausreichend untersucht.
Seit dem Sommer 2017 macht der Begriff des "Insektensterbens" die Runde – die Berichte stießen zunächst auf Skepsis. Doch eine neue Studie bestätigt die Befürchtungen und stellt drastische Rückgänge fest - zum Teil bis zu 80 Prozent.

Wer in Biologie aufgepasst hat, weiß: Insekten sind unentbehrlich für das Ökosystem. Sie bestäuben Obstbäume und Gemüsepflanzen. Sie zersetzen Aas, Totholz oder Kot. Zudem sind sie für viele andere Tiere eine unverzichtbare Nahrungsquelle. Der renommierte Insektenkundler Thomas Schmitt spricht gar von "Dienstleistern am Ökosystem". Doch das Schwirren und Zirpen wird mancherorts deutlich seltener. Die diesen Sommer zuerst vom Entomologischen Verein Krefeld vorgestellten Zahlen sorgten für Furore.

Ein Insektensterben sorge landesweit für einen dramatischen Schwund der Bestände. Zum Teil liege der Verlust an Bienen, Schwebfliegen oder Faltern bei bis zu 80 Prozent. Selbst die US-amerikanische Fachzeitschrift "Science" griff das Thema auf. Doch sehr schnell wurden auch Zweifel an den Zahlen laut. Die Werte seien nicht belastbar, da sich die Untersuchung lediglich auf zwei Standorte in Deutschland und zwei Jahre bezöge. Doch nun legt eine neue Studie nach.

Alarmierender Gesamttrend über 27 Jahre hinweg

Der aktuellen Studie zufolge ist die Zahl der Fluginsekten in Teilen Deutschlands tatsächlich erheblich zurückgegangen. In den vergangenen 27 Jahren nahm deren Gesamtmasse um mehr als 75 Prozent ab, berichten Wissenschaftler im Fachmagazin PLoS ONE. Die Analyse bestätigt die ersten, im Sommer vorgestellten Zahlen.

Imkern zufolge haben 50 Prozent der Bienenvölker den Winter 2016/2017 nicht überlebt. Gründe seien intensive Landwirtschaft, das Fehlen von Streuobstwiesen und Hecken sowie der massive Einsatz von Pestiziden.

Nicht an der Studie beteiligte Experten sprechen von einer überzeugenden Arbeit, durch die bisherige Hinweise auf ein massives Insektensterben auf eine solide Basis gestellt worden seien. Der Deutsche Bauernverband ist hingegen der Meinung, dass die Studie mehr Fragen aufwerfe als dass sie Antworten gebe. Das muss nicht verwundern, da intensive Landwirtschaft als eine der möglichen Ursachen für das Insektensterben angesehen wird.

Caspar Hallmann von der niederländischen Radboud University in Nijmegen und seine Mitarbeiter hatten Daten ausgewertet, die seit 1989 vom Entomologischen Verein Krefeld gesammelt worden waren, also von ehrenamtlichen Insektenkundlern. Diese hatten in insgesamt 63 Gebieten mit unterschiedlichem Schutzstatus in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und in Brandenburg mithilfe von Fallen Fluginsekten gesammelt und deren Masse bestimmt. Welche Arten in den Fallen landeten, untersuchten die Forscher nicht.

Sie verglichen dann, wie sich in einzelnen Lebensräumen - etwa in Heidelandschaften, Graslandschaften oder auf Brachflächen - die Biomasse über die Zeit verändert hatte. Insgesamt landeten 53,54 Kilogramm wirbellose Tiere in den Fallen - was Millionen Insekten entspricht. Die Auswertung zeigte, dass der Verlust in der Mitte des Sommers - wenn am meisten Insekten herumfliegen - am größten war: knapp 82 Prozent. "Ein Schwund wurde bereits lange vermutet, aber er ist noch größer als bisher angenommen", sagte Erstautor Hallmann.

Intensiv-Landwirtschaft als möglicher Einflussfaktor

Auf der Suche nach möglichen Gründen für den Insektenschwund untersuchten die Wissenschaftler etwa den Einfluss von Klimafaktoren, der landwirtschaftlichen Nutzung und bestimmter Lebensraumfaktoren. Die Analyse brachte jedoch keine eindeutige Erklärung. Vermutlich spiele die intensivierte Landwirtschaft samt dem Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln sowie der ganzjährigen Bewirtschaftung eine Rolle, erklären die Forscher. Untersucht haben sie diese Hypothese aber nicht. Die Intensivierung der Landwirtschaft sei eine plausible Ursache für den Rückgang, sagt auch Teja Tscharntke, Agrarökologe an der Georg-August-Universität Göttingen. Zu den Faktoren gehörten unter anderem große Felder, nur wenige schmale Feldränder und wenige Hecken und Gehölze.

Rentiere in Kautokeino im nördlichen Norwegen, 5. April 2000

Der deutsche Bauernverband besteht jedoch auf weitere Untersuchungen. "In Anbetracht der Tatsache, dass die Erfassung der Insekten ausschließlich in Schutzgebieten stattfand, verbieten sich voreilige Schlüsse in Richtung Landwirtschaft", sagte Generalsekretär Bernhard Krüsken. "Die neue Studie bestätigt und betont ausdrücklich, dass es noch dringenden Forschungsbedarf zum Umfang und den Ursachen des dargestellten Insektenrückgangs gibt."

Auch das Klima könne als wichtiger Faktor nicht ausgeschlossen werden, sagt Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Halle. Was immer die Gründe für den Insektenschwund sind - sie haben einen weit verheerenderen Effekt als bisher erkannt, fassen die Autoren der aktuellen Studie zusammen.

Experten drängen auf möglichst zeitnahe Gegenmaßnahmen

Das betont auch Dr. Thomas Schmitt, Direktor am Senckenberg Deutschen Entomologischen Institut in Müncheberg: Hummeln, Honigbienen und Wildbienen seien als Bestäuber wichtig für viele Pflanzen. Werden Nutzpflanzen nicht mehr regelmäßig angeflogen, entstehen der Landwirtschaft große Verluste, wie Schmitt erklärt. Zudem vertilgen bestimmte Insekten wie beispielsweise Laufkäfer laut Schmitt gerne Pflanzenschädlinge.

Alle Experten sind sich darin einig, dass die Folgen und das geografische Ausmaß dringend genauer erforscht werden müssen. Alexandra-Maria Klein, Landschaftsökologin von der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, warnt davor, mit einer Änderung der Landnutzung zu lange zu warten: Sonst könnte es "für einige Insekten zu spät sein".

(rt deutsch/dpa)