Las Vegas: Spekulationen über Motive und Verbindungen des Todesschützen gehen weiter

Las Vegas: Spekulationen über Motive und Verbindungen des Todesschützen gehen weiter
Arbeiter reparieren das zerbrochene Fenster im Mandalay Hotel, aus dem Stephen Paddock auf die Zuschauermenge schoss.
Während die Öffentlichkeit in den USA knapp zwei Wochen nach den verheerenden Schüssen auf Teilnehmer eines Country-Festivals in Las Vegas langsam zur Tagesordnung übergeht, blühen Spekulationen und Gerüchte über den Schützen und sein Motiv.

von Reinhard Werner

Knapp zwei Wochen nach dem Massaker von Las Vegas ermitteln die Behörden in den USA immer noch, um Klarheit über mögliche Mitwisser oder Helfer des mutmaßlichen Todesschützen Stephen Paddock zu erlangen. Paddock hat bisherigen Erkenntnissen zufolge am Sonntag der Vorwoche während eines Jason-Aldean-Konzerts durch Schüsse aus mindestens zwei umgebauten Sturmgewehren mindestens 58 Besucher eines Countrymusik-Festivals erschossen und mehr als 500 verletzt.

Paddock nahm sich anschließend selbst das Leben, ehe ein Sondereinsatzkommando seine Suite stürmen konnte. Nach wie vor wollen die Ermittlungsbehörden nicht zweifelsfrei bestätigen, dass es sich bei dem 64-Jährigen tatsächlich um einen Einzeltäter gehandelt hat.

Wie das Nachrichtenportal PJ Media berichtet, haben sowohl der örtliche Sheriff Joe Lombardo als auch Vertreter der Bundesermittlungsbehörde FBI anklingen lassen, nach möglichen weiteren Verdächtigen im Zusammenhang mit dem Massenmord zu suchen.

Dem Augenschein nach erscheine es nach Auffassung des Sheriffs als wenig wahrscheinlich, dass Paddock tatsächlich über die Fähigkeiten verfügte, einen so umfangreichen, aufwendigen Akt unbemerkt, alleine und ohne jedwede Hilfestellung zu bewältigen.

Nun mal ehrlich… Er muss zumindest an irgendeiner Stelle Hilfe gehabt haben.

Auch das FBI hat bestätigt, in mehrere Richtungen zu ermitteln und dabei auch Spuren in aller Welt im Zusammenhang mit Reisemustern zu verfolgen.

Unterdessen deuten neue Erkenntnisse darauf hin, dass Paddock offenbar ein noch größeres Blutbad beabsichtigt hatte. Das in Las Vegas erscheinende Review-Journal zeigte anhand einer Skizze, dass der mutmaßliche Attentäter neben dem in nordöstliche Richtung ausgerichteten Hotelfenster, aus dem heraus er die Festivalbesucher beschoss, auch noch ein ostwärts ausgerichtetes Fenster zerbrochen hatte, von dem aus er Schüsse auf zwei Flugbenzintanks abgegeben haben soll in der Hoffnung, diese zur Detonation zu bringen.

Einer vertrauenswürdigen Quelle der Zeitung zufolge sollen zwei Einschusslöcher in einem der beiden Tanks festgestellt worden sein. Da Flugbenzin jedoch schwer entzündlich sei und Tanks wie jener in Mandalay Bay noch über zusätzliche Mechanismen verfügten, um den Ausbruch von Feuer zu vermeiden, sei Paddocks diesbezüglicher Versuch fehlgeschlagen. Mike Boyd, ein Berater im Bereich der Fliegerei aus Colorado, sprach von einer "sehr amateurhaften Annahme", ein Maschinengewehr könnte einen Benzintank zur Explosion bringen.

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Stephen Paddock soll bisherigen Behördenerkenntnissen zufolge ursprünglich beabsichtigt haben, nach der Tat zu fliehen. Dies berichtet Associated Press. Details dazu hätten die örtlichen Ermittlungsbehörden jedoch nicht verraten.

Immenses Arsenal und präzise Planung

Der Sheriff von Clark County, Joseph Lombardo, präzisierte in einer Pressekonferenz die Überlegungen über mögliche Helfer, indem er auf das immense Arsenal an Sprengmitteln hinwies, die in Paddocks Auto gefunden wurden, sowie auf die akribische Planung. Paddock soll bereits eine Woche vor der Tat eine Art Testlauf durchgeführt haben und habe möglicherweise noch weitere Angriffe geplant. In diesem Sinne sei es zu werten, dass Paddock bereits während des "Life Is Beautiful"-Festivals am Wochenende zuvor Hotelzimmer angemietet hatten, die ihm ein Überblicken des Veranstaltungsgeländes ermöglichten. 

Der konservative Blogger Paul Joseph Watson hat in einem Video zudem eine angebliche Hotelrechnung für "Room Service" für zwei Personen präsentiert, ausgestellt auf den Namen Paddocks, datiert vom 27.9., obwohl der spätere Todesschütze offiziell erst am Tag danach eingecheckt haben soll.

Hotelbetreiber MGM hat die Authentizität einer solchen Rechnung Tage nach dem Vorfall jedoch noch nicht bestätigt.

Auch soll eine mysteriöse Frau Konzertbesucher 45 Minuten vor der Tat gewarnt haben, diese würden alle sterben.

Der frühere Geheimdienst-Leutnant Tony Shaffer erklärte unterdessen in einem Interview, er halte ein "politisches Motiv für denkbar" und verweist auf die massive Zunahme linksextremer Gewaltaufrufe und Übergriffe in den Vormonaten. Shaffer zieht Parallelen zum Attentat auf republikanische Kongressabgeordnete im Juni auf einem Baseballfeld in Alexandria. So sei das Alter des Attentäters ähnlich, auch seine instabile psychische Verfassung. Konservative und Waffenbesitzer seien möglicherweise die Ziele der Bluttat gewesen. Die "Dehumanisierung" politisch Andersdenkender im liberalen Diskurs habe einem Menschen wie Paddock möglicherweise die subjektive Gewissheit verliehen, in seinem Handeln moralisch gerechtfertigt zu sein.

Kommentatoren wie Alex Jones deuteten sogar an, die Tat könnte eine Provokation gewesen sein, um einen Bürgerkrieg wie in Russland 1917 auszulösen.

Politisches Motiv derzeit nicht erkennbar

Gegen eine politische Motivation spricht jedoch, dass Paddock nie mit politischen oder religiösen Statements in Erscheinung getreten ist und nicht einmal als Wähler registriert war. In Umlauf geratene Aufnahmen, die ihn als Teilnehmer einer Anti-Trump-Demo auswiesen, oder ein auf seinen Namen lautender Account in sozialen Medien, der entsprechende politische Inhalte aufwies, erwiesen sich nicht als authentisch.

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Das Attentat ließ auch noch weitere Fragen und Spekulationen aufkommen. So soll die Freundin des mutmaßlichen Täters zwei Sozialversicherungsnummern gehabt haben und gleichzeitig mit zwei Männern verheiratet gewesen sein. Paddock hatte ihr wenige Tage vor der Tat eine hohe Summe auf die Philippinen überwiesen, also in ein Land, das im Visier radikal-islamischer Terroristen steht. Gleichzeitig hatten die Waffen, die Paddock verwendete, einen Gesamtwert von 100.000 US-Dollar.

Polizisten sperren nach einer Schießerei den Tatort ab. Die Zahl der in den USA durch Schusswaffen getöteten Personen gleicht bürgerkriegsähnlichen Zuständen.

Diese Umstände ebenso wie eine Bekundung der Terrormiliz "Islamischer Staat" wenige Stunden nach der Tat, für den Massenmord verantwortlich zu sein, haben auch Gerüchte über einen möglichen terroristischen Hintergrund der Tat aufkommen lassen. In der Erklärung behaupten die Terroristen, Paddock wäre im Vorfeld der Tat zum Islam konvertiert. Die Ermittlungsbehörden zweifeln bislang jedoch an der Substanz dieser Behauptungen. Der IS trete häufig als Trittbrettfahrer auf, wenn sich irgendwo eine spektakuläre Bluttat ereigne.

Die Freundin Paddocks war im zeitlichen Umfeld der unterdessen nachweislich nicht in den USA und auch die Polizei schließt jede Beteiligung ihrerseits aus.

Ein liberaler Faschismus als Kult der Gewalt gegen die

Die Spekulationen über mögliche weitere Motive umfassen auch mögliche Spielschulden, die der begeisterte Spieler Paddock in den Monaten vor der Tat angesammelt haben könnte. Der spätere mutmaßliche Todesschütze war durch risikoreiches Spielen zu einem Vermögen gekommen. Es gibt jedoch bis dato keine gesicherten Erkenntnisse dahingehend, dass er in jüngster Zeit hohe Verluste erlitten hätte.

In eine ähnliche Richtung gehen Hinweise, wonach Stephen Paddock einen irrationalen Hass auf Casinos entwickelt haben könnte, seit er 2014 einen Entschädigungsprozess über 32.000 US-Dollar verlor. Anlass waren Knöchelverletzungen, die er sich 2012 zugezogen hatte, nachdem er in einer Spielhalle ausgerutscht war und auf ein Hindernis auf dem Boden stieß. Für die medizinische Behandlung wollte er Entschädigung, einem außergerichtlichen Angebot stimmte er nicht zu, seine Klage wurde in weiterer Folge abgewiesen. Allerdings ereignete sich dieser Vorfall im Cosmopolitan Hotel und Casino, nicht im Mandalay Bay und ein Bezug zum Route 91 Harvest Country Festival besteht auch nicht.

Vorhersehbare Reaktionen sind eingetreten

Paddocks Bruder Eric erklärte, der Vorfall sei gekommen "wie ein Asteroid, der vom Himmel fällt". Stephen Paddocks Vater Benjamin Hoskins Paddock war ein Serienbankräuber mit diagnostizierten psychopathischen und sogar suizidalen Neigungen. Seine Söhne kannten ihren Vater, der vor einigen Jahren, jedoch gar nicht persönlich. Dass eine ererbte psychische Krankheit die Tat ausgelöst haben könnte, ist der letzte Themenkomplex, der Gegenstand öffentlicher Spekulationen ist.

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Die politischen Implikationen der Tat gestalteten sich in einer vorhersehbaren Weise. Während die Rechte versucht, Beweise für ein terroristisches oder politisches Motiv zu finden, instrumentalisiert die Linke die Tragödie, um einmal mehr nach schärferen Waffengesetzen zu rufen oder ideologiegeschwängerte Debatten über Donald Trump, die NRA, den Recht auf Waffenbesitz oder "Weiße Männer" zu lancieren, die angeblich unter Massen-Todesschützen überrepräsentiert wären.

Der entscheidende Schönheitsfehler dabei: Stephen Paddock hätte selbst alle Backgroundchecks bestanden, die Nancy Pelosi, die Sprecherin der Demokraten im Repräsentantenhaus, unter dem Eindruck der Tat gefordert hatte. Und der 40-Millimeter-Granatenwerfer, mittels dessen Paddock seine halbautomatische AR-15-Schusswaffe modifiziert hatte, sowie die Granaten, die Paddock in seinem Besitz hatte, gelten bereits nach derzeitiger Gesetzeslage als "destruktive Vorrichtungen", die zu besitzen dem Großteil der Waffenbesitzer untersagt sind und die bei einer Bundesbehörde registriert sein müssen.

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Auch was die demografische Relation zwischen Massen-Todesschützen und der Gesamtbevölkerung anbelangt, erweist sich die These von einem weißen Überhang als nicht belastbar. Vielmehr entspricht der Anteil weißer und afro-amerikanischer Täter bei Schusswaffenattacken mit mehreren Todesopfern weitgehend auch deren jeweiligem Bevölkerungsanteil, während gemessen daran Asiaten über- und Hispanics unterrepräsentiert sind.

Ob die tatsächlichen Motive des Schützen jemals offengelegt werden können, steht nach wie vor in den Sternen. Die Gerüchteküche über mögliche verborgene Hintergründe wird jedoch weiterhin brodeln.