Frustrierter NATO-Troll im Springer-Interview: RT ist uns immer einen Schritt voraus

Frustrierter NATO-Troll im Springer-Interview: RT ist uns immer einen Schritt voraus
Über die so genannten NATO-Trolls war bisher wenig bekannt. Doch jetzt gab einer davon, der aktiv gegen RT und Russland gehetzt hat, dem Springerblatt "Welt" ein Interview. Ein halb satirischer Einblick in Habitat, Motivation und Gedankenwelt dieser Spezies.

von Florian Warweg

Am Wahlabend des 24. Septembers überträgt RT Deutsch live zivilgesellschaftliche Proteste vor der Wahlparty der AfD. Plötzlich tritt ein strohblonder Mittzwanziger vor den Ruptly-Kameramann und fängt an, diesen auf Englisch zu beschimpfen:

Die Krim ist ukrainisch. Fuck Russia Today! Fuck Putin! Ihr habt Schuld an dieser Scheiße hier. Und Russia Today ist kein Journalismus. Es ist Propaganda. Und jeder, der mit RT spricht, der für RT arbeitet, ist ein verdammter Drecksack.

Nach weiteren Tiraden holt er "spontan" eine NATO-Flagge aus seiner North-Face-Jacke, breitet sie vor der Kamera aus und versucht den Kameramann am weiteren Filmen zu hindern.

Zwei Wochen später veröffentlicht die Springerpostille "Die Welt" ein Interview mit dem Troll, den sie versehentlich unter seinem vollen Klarnamen, Matthias Goedeking, vorstellen, zu seiner Aktion gegen RT unter dem Titel "Ein provokantes Symbol gegen Putins Russland".

Das Interview und die Nennung seines Namens ermöglichen nun erstmals eine erste soziologisch-ethnologische Klassifikation der Spezies NATO-Troll. Diese Klassifikation wird von der Medien- und Geheimdienstexpertin Dr. h.c. Erika Dorothea Kasner begleitend kommentiert, die zudem Verbesserungsvorschläge an die Führungsoffiziere der NATO-Trolls ausgibt.

Soziologisch-ethnologische Klassifikation der Spezies NATO-Troll:

1. Phänotyp:

Kurze, strohblonde Haare, kräftige Gestalt, markantes Kinn. Baldur von Schirach hätte zweifellos seine Freude an dieser Erscheinung gehabt. Spiegelt in seiner reinen Äußerlichkeit ein kaum zu überbietendes Klischee vom "arischen Deutschen" wider, einzig das über Jahre hinweg professionell antrainierte Betroffenheitsgesicht macht deutlich, dass es sich bereits um die Post-45er-Variante dieses Modells handelt.

Verbesserungsvorschlag an die verantwortlichen Führungsoffiziere: Die nächste Ansprache an die russische Bevölkerung via RT-Livestream vielleicht nicht mithilfe dieses Typus "Herrenmensch" in Verbindung mit einer NATO-Flagge konzipieren. Wirkt beim Zuschauer im russischsprachigen Raum nach Unternehmen Barbarossa und NATO-Bombardierung von Serbien eher kontraproduktiv. Zudem berichtet RT Deutsch, der Name lässt es fast vermuten, in deutscher Sprache und richtet sich folglich auch an ein deutschsprachiges Publikum. Wie sinnvoll und zielführend in diesem Kontext die Ansprache "an die Bevölkerung Russlands" vonseiten der NATO-Trolls in englischer Sprache ist, überlasse ich Ihrer strategisch-taktischen Einschätzung. 

2. Kleidungsstil des NATO-Trolls:

Als Standardkleidung bei Außeneinsätzen von NATO-Trolls kristallisiert sich die Hardshell-Jacke Resolve des US-Outdoorunternehmens North Face heraus.

Wind- und Wasserdicht bis 20.000 Millimeter Wassersäule leistet sie ihren Dienst sowohl bei Wasserwerfereinsätzen als auch in der noch nicht genau lokalisierten Trollhöhle im spätklassizistischen Stil in Berlin-Mitte.

Mietshaus Krausnickstraße 3 & 3A

Verbesserungsvorschlag an die verantwortlichen Führungsoffiziere: Schwarze Outdoor-Jacken bei öffentlichen Auftritten eher vermeiden. Ungewollte Verwechselungsgefahr, da sowohl die Antifa als auch rechtsextreme Gruppen wie die Autonomen Nationalisten gerne auf diese Art von Kleidungsstil zurückgreifen.

3. Wie verdient sich der NATO-Troll sein tägliches Brot?

Matthias G. hat Kommunikationswissenschaften an der Universität der Künste in Berlin studiert und war zunächst für die Amadeu Antonio Stiftung tätig. Seit Juni 2017 arbeitet er bei Werk21, einer "Full-Service-Agentur aus Berlin für Kunden aus den Bereichen Politik, Verwaltung, Verbände und NGO". Zu den Auftraggebern gehören unter anderem die Bundesregierung, die US-amerikanische Denkfabrik Aspen Institute, die Heinrich-Böll-Stiftung sowie die SPD-Bundestagsfraktion.

Werk21 entwickelt nach eigener Aussage "individuell zugeschnittene Konzepte für unsere Kundinnen und Kunden" für "erfolgreiche Kampagnen, zielgruppenspezifische Öffentlichkeitsarbeit" im Kontext von politischer Kommunikation.

Screenshot von der werk21-Webseite

Verbesserungsvorschlag an die verantwortlichen Führungsoffiziere: Bitte bei der Konstruktion der Cover-Vita das nächste Mal etwas mehr Zeit einplanen. Muss ein NATO-Troll wirklich offiziell bei einer Agentur tätig sein, die für US-Denkfabriken und die Bundesregierung im Bereich politischer Kommunikation tätig ist? Machen Sie es dem Russen nicht zu leicht! 

4. Argumentative Blaupausen eines NATO-Trolls:

  • In den unkommentierten Live-Übertragungen von weltweiten Protesten durch RT sehen NATO-Trolls die größte Gefahr. Denn damit will RT, so die Troll-Argumentation, bewusst den Westen schwächen:

DIE WELT: Sind Sie zufällig auf das [RT-]Kamerateam gestoßen bei der Demonstration?

Matthias G.: Nein, das war geplant. Es gibt bei solchen Events immer einen Russia-Today-Livestream. Schließlich gehört es zur Strategie des Senders, vermeintliche Ausschreitungen unkommentiert im Netz zu zeigen. Es soll das Bild vermittelt werden, dass im Westen Unruhen herrschen, um ihn zu schwächen.

Verbesserungsvorschlag an die verantwortlichen Führungsoffiziere:

Die kommunikative NATO-Troll-Strategie, insbesondere zu kritisieren, das RT live und unkommentiert weltweite Proteste überträgt, ist nur wenig erfolgsversprechend. Selbst ein überzeugter Transatlantiker wird Probleme haben, die Hysterie und Gefahr nachzuvollziehen, die von einem ungefilterten und unkommentierten Livestream ausgeht. Der Verweis, dass diese Live-Übertragungen grundsätzlich den Westen schwächen sollen, gerät zudem schon bei einer oberflächlichen Recherche auf der RT-Webseite ins Wanken, da auch regelmäßig Proteste der russischen Opposition von RT live übertragen werden:

RT Deutsch live aus Moskau: Demonstration gegen neues Netzwerkdurchsuchungsgesetz

Live: Nawalny-Unterstützer sammeln sich zu verbotener Kundgebung in Moskau

Live: Russische Opposition hält Gedenkmarsch für Boris Nemzow in Moskau

Was das für Implikationen für die Überzeugungskraft der NATO-Troll-Argumentation hat, muss wohl nicht näher ausgeführt werden.  

  • Das Zeigen der NATO-Fahne dient vor allem als "provokantes Symbol" gegen Russland und Putin, impliziert aber kein Bekenntnis zum westlichen Militärbündnis, sondern "gegen gefährliche Regime":

DIE WELT: Russia Today bezeichnet Sie als NATO-Troll. Sind Sie das?

Matthias G.: Na ja. Ich habe während meiner Aktion eine NATO-Fahne rausgeholt. Das war aber weniger ein Bekenntnis zur NATO als einfach ein provokantes Symbol, das meine Position gegen Putins Russland verdeutlichen sollte. Wahrscheinlich war ich in deren Augen ein Troll, ja. Ich hoffe aber trotzdem, dass meine Aktion bei den meisten Zuschauern als etwas Anderes im Gedächtnis bleibt. Als eine Aktion des Protests gegen ein gefährliches Regime nämlich.

Verbesserungsvorschlag an die verantwortlichen Führungsoffiziere:

Dr. h.c. Erika Dorothea Kasner will sich zu den Auslassungen von Matthias G. nicht weiter äußern - "Das ist unter meiner Würde" – und verweist auf die einschlägigen Kommentare im Welt-Forum:

5. Psychologische Verfasstheit der NATO-Trolls:

  • Im Ganzen ziehen NATO-Trolls eine von Frust geprägte Bilanz ihrer Tätigkeit:  

DIE WELT: Warum, glauben Sie, hat der Sender das Video ins Netz gestellt?

Matthias G.: Dass das Video eingestellt worden ist, ist sinnbildlich für die Funktion des Senders. Russia Today ist uns einen Schritt voraus. […]

Verbesserungsvorschlag an die verantwortlichen Führungsoffiziere:

Ihre NATO-Trolls müssen, trotz der verständlichen Frustration bei deren Tätigkeit, noch etwas an ihrer verbalen Selbstkontrolle arbeiten. Gerade im kommunikativen Bereich zeigen sich hier erstaunliche Defizite. Das Eingeständnis, dass RT immer einen Schritt voraus ist, kann und sollte man in schonungslosen internen Lagebesprechungen auf jeden Fall thematisieren. Aber doch bitte nicht bei öffentlichen Interviews mit NATO-freundlichen Presseorganen.