Archangelsk: Ein Reisebericht aus dem kurzen Sommer im russischen Norden

Archangelsk: Ein Reisebericht aus dem kurzen Sommer im russischen Norden
Die Stadt Archangelsk ist keine Perle der Architektur. Aber hier finden sich alle Baustile, welche die russische Geschichte prägten, darunter auch die berühmten Holzkonstruktionen.
Mit dem Lomonossow-Theater nach Archangelsk - kurz nach Herbstbeginn. Der russische Norden zeigt hier seinen besonderen Charme, etwa mit Lachs, Kaviar und Wodka. Auch das Meer und die traditionellen Holzkonstruktionen schaffen eine einmalige Stimmung.

von Gerd Ewen Unger

Es war der künstlerische Leiter des Lomonossow-Theaters, Andrej Timoschenko, der uns zur Eröffnung der Theatersaison nach Archangelsk eingeladen hatte. Wir nahmen gerne an, denn es war für mich eine gute Gelegenheit, nicht nur die Stadt kennen zu lernen, sondern auch einen Eindruck vom Leben im europäischen Teil Nordrusslands zu bekommen.

Archangelsk liegt am Weißen Meer, weit im Norden. Im Sommer geht die Sonne nicht unter, dafür im Winter praktisch auch nicht auf. Wir besuchten die Stadt im Herbst. Tag und Nacht hielten sich gerade noch die Waage. Die Blätter der Bäume hatten jedoch schon ihre Farbe gewechselt, das Licht des Nordens tauchte sie zudem in Gold.

Archangelsk ist von Moskau aus mit der russischen Fluglinie Aeroflot gut zu erreichen. Knapp zwei Stunden dauert der Flug von Moskau aus gen Norden bis zum Landeanflug auf den kleinen Flughafen des nördlichen Oblasts.

Lachs und Kaviar zum Empfang

Dass man im Flieger auch in der Economy-Class Lachsbrötchen gereicht bekommt, hielt ich für ein Zeichen dafür, dass sich Aeroflot in den letzten Jahren ziemlich gemausert hatte. Es hatte allerdings wohl mehr mit den generell verbreiteten kulinarischen Gepflogenheiten im Norden zu tun. Dessen ungeachtet ist Aeroflot tatsächlich sehr zu empfehlen. Die Fluglinie spielt inzwischen ganz weit vorne mit.  

Ein Fahrdienst holte uns vom Flughafen ab und fuhr uns stilecht in einem alten Wolga zu unserer Unterkunft. Dort war der Empfang ausgesprochen herzlich. Es gab einen Begrüßungs-Wodka, Lachs und Kaviar. Alles fühlte sich recht gut an, wenn auch ein wenig dekadent.

Ein erster Spaziergang durch die Stadt schloss sich an. Er vermittelte einen gemischten Eindruck. Es gibt in Archangelsk zweifellos schöne Ecken. Dort, wo die typischen Holzhäuser gut erhalten und renoviert sind, strahlt die Stadt einen ungemeinen Charme aus. Doch der Stadt als Ganzes Schönheit zu bescheinigen, wäre gelogen. Die Stadt ist auf Sumpf gebaut, was sichtbare Probleme mit sich bringt.

Die Bürgersteige bestehen vielfach aus Holz, denn die Versuche, die Wege zu pflastern, sind weitgehend gescheitert. Der Boden senkt sich, das Pflaster verschiebt sich und bildet eine Aneinanderreihung von Stolperfallen.

Widrige Baubedingungen treiben Preise in die Höhe

Auch die traditionellen Holzhäuser sind davon betroffen. Über die Jahre verschieben sie sich, rechte Winkel werden zur Seltenheit, Verstrebungen brechen und irgendwann ist ein solches Gebäude unbewohnbar und steht noch lange als Ruine inmitten der Stadt. Die modernen Wohnkomplexe ruhen daher auf tief im Boden verankerten Betonsäulen, um so die notwendige Stabilität zu gewährleisten.

Diese aufwendige Bauweise ist sicherlich ein Grund, warum die Preise für Wohnungseigentum in Archangelsk ähnlich hoch sind wie in Moskau. Aber sie ist nicht der alleinige Grund. Archangelsk ist eine reiche Stadt. Ein großer Hafen ist ein wichtiger Umschlagplatz, unweit der Stadt befindet sich die Sewmasch-Werft, in der unter anderem Schiffe für zivile und militärische Zwecke gebaut werden.

Armut, wie sie in deutschen Städten sichtbar ist, sucht man hier vergebens, Arbeitslosigkeit gibt es praktisch nicht. Entsprechend gestalten sich die Preise. Archangelsk liegt preislich auf dem gleichen Niveau wie das 1.200 Kilometer entfernte Moskau.  

Nach unserem Spaziergang sitzen wir, wie in Russland üblich, gesellig in der Küche beisammen. Es gibt mit Kaviar gefüllte Blini, russische Eierkuchen. Dazu Lachs und wieder wird mit Wodka angestoßen. Auf die Freundschaft.

Wir unterhalten uns über den bevorstehenden Theaterabend. Die Theatersaison wird mit "Amphytrion" in einer Bearbeitung des deutschen Dramatikers Peter Hacks eröffnet. Ich finde es spannend, dass die Leitung des Hauses einen deutschen Autor ausgewählt hat. Außer mir findet das allerdings niemand. "Wieso nicht?", ist die Gegenfrage. Hacks wird allem Anschein nach in Russland oft gespielt.

Das Theater ist für eine Stadt von der Größe Bielefelds beeindruckend. Das Ensemble ist groß, das Theatergebäude selbst wurde offensichtlich vor kurzem aufwendig renoviert, die Inszenierung des Regisseurs Vladimir Chrutschof ist in sich stimmig, unterhaltsam und überrascht mit vielen originellen Ideen.

Verordnete Sprachlosigkeit zwischen Deutschen und Russen

Ich werde dem Direktor des Theaters vorgestellt. Sergej Samodow begrüßt mich auf Deutsch. Ein kurzes Gespräch schließt sich an. Er wünscht sich mehr Besucher aus Deutschland. Es wäre nicht nur gut für seine Sprachkenntnisse. Auch diese Begegnung ist von großer Herzlichkeit und Zugewandtheit getragen.

Ich bedauere innerlich, dass es so wenig Austausch mit Russland gibt. Kulturell und geschichtlich steht uns Russland sehr nah. Deutschland und die Deutschen werden in Russland geschätzt - trotz allem. Allein in Deutschland weiß man von dieser uns entgegengebrachten Wertschätzung nichts. Sie dringt in keiner Weise durch. Und seit der neue Eiserne Vorhang vonseiten Deutschlands, der EU und des Westens immer noch ein Stückchen höher gezogen wird, drohen die wenigen Verbindungen, die es gibt, wieder abzubrechen.

Die deutsche Partnerstadt von Archangelsk ist Emden. Unweit der Uferpromenade weist ein monumentaler Wegweiser den Weg zu den Partnerstädten von Archangelsk. Es sind 3.620 Kilometer bis in die ostfriesische Seehafenstadt.

Ein Blick auf die Webseiten der beiden Städte verdeutlicht den Unterschied in der Wichtigkeit der Städtepartnerschaft. Während Archangelsk jedes Jahr ein deutsches Festival veranstaltet und aktiv an den Schule Wissen über die Partnerstadt vermittelt, nimmt sich das Angebot auf der Webseite Emdens deutlich bescheidener aus.

Selbst im Zusammenhang mit der aktuell stattfindenden interkulturellen Woche findet sich nicht ein einziges Angebot, das die Partnerschaft mit der Stadt in Russland auch nur thematisieren würde. Dafür gibt es natürlich etwas zu Flucht und Vertreibung. Von Fluchtursachen wollen wir freilich heute wie damals nicht sprechen. Es würde ein schlechtes Licht auf uns werfen.   

Diese Geringschätzung bedauere ich wirklich tief, denn gerade in Zeiten der geopolitischen Anspannung könnten Kontakte auf persönlicher, auf regionaler und lokaler Ebene viel zu wechselseitigem Verständnis beitragen und Brücken schlagen. Man muss dies allerdings auch wollen und sich ein Stück weit von den Linien der großen Politik und der antirussischen Dauerbeschallung vonseiten deutscher Medien emanzipieren.

Eine friedvolle Stadt mit weitem Horizont

Nach der Premiere saßen wir noch zusammen. Wieder gab es Lachs und Kaviar, dazu Wodka. Und als der Kaviar alle war, wurde eine weitere Dose aufgemacht. Es war ein geglückter Tag und ein vollauf geglückter Abend.

Am nächsten Tag unternahmen wir einen weiteren Spaziergang durch die Stadt. Es ging weiter in Richtung Wasser. In den kurzen Sommern drängt es die Menschen an den langen und ausgedehnten städtischen Strand. Aber auch jetzt im Herbst findet sich hier eine große Zahl an Spaziergängern. Der Blick, der sich von hier aus eröffnet, geht ins Unendliche.

Eine unglaubliche Weite breitet sich vor dem Auge aus. Es ist, als könne man die Krümmung der Erde sehen, so weit ist der Himmel. Allein dafür lohnt sich eine Reise in den Norden Russlands. Die klare Luft macht die Seele ruhig. Architektonisch mag Archangelsk keine Perle sein, doch besitzt der Ort eine naturgegebene Schönheit. Es ist alles von großer Friedfertigkeit.

Am späten Nachmittag geht es schon zurück. Aus dem Flugzeug blicke ich hinab auf die Sumpflandschaft, die Archangelsk umgibt. Sie ist mit herbstbunten Wäldern durchsetzt. Wieder diese Weite. Zum Abschluss unserer Reise reichte die Flugbegleiterin im Flugzeug Lachsbrötchen.