Das Erbe der Neandertaler: Wie die Gene der Vorfahren immer noch unsere Gesundheit prägen

Das Erbe der Neandertaler: Wie die Gene der Vorfahren immer noch unsere Gesundheit prägen
Eine Zeitachse der menschlichen Evolution mit lebensgroßen Statuen unserer Vorfahren wird im Neandertaler-Museum der nordkroatischen Stadt Krapina gezeigt.
Wissenschaftler verkündeten am 5. Oktober die zweite vollständige Sequenzierung eines Neandertaler-Genoms. Untersuchungsobjekt waren die 52.000 Jahre alten Knochen einer Frau, die in der Vindija-Höhle in Kroatien gefunden wurde.

Gemeinsam mit den DNS-Merkmalen einer anderen Neandertalerin sowie jener einer Vielzahl moderner Menschen gibt eine Reihe von Analysen aus jüngerer Zeit neue Hinweise darauf, wie die DNS von Neandertalern zu unserem genetischen Erbgut beigetragen hat und uns heute noch beeinflussen könnte.

Eine neue Studie, abgedruckt in der Zeitschrift Science, eröffnet, dass die untersuchten Gene 1,8 bis 2,6 Prozent des gesamten Genoms von Menschen eurasischer Abstammung ausmachen. Das menschliche Genom ist aus 3,3 Milliarden DNS-Bausteinen aufgebaut. Das heißt, dass wir mindestens 60 Millionen dieser Bausteine von unseren mutmaßlichen Vorvätern, den Neandertalern, geerbt haben.

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Dieselbe Studie belegt zudem, dass mehrere Bereiche des neu entdeckten Neandertaler-Genoms aus Kroatien eng mit verschiedenen gesundheitlichen Unwägbarkeiten verbunden sind, die noch heute existieren - einschließlich Probleme mit dem Blutcholesterinspiegel, mit Schizophrenie, Essstörungen und rheumatoider Arthritis.

Dennoch: Neandertaler tragen nicht gleich die Schuld an allen medizinischen Leiden, die uns Menschen heute noch befallen.

Das betont auch der Leiter der Studie, Kay Prüfer vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Immerhin beeinflussen Hunderte, wenn nicht Tausende von Faktoren die Genexpression:

Das sind nur Assoziationen. Also bedeutet das nicht, wenn man eine bestimmte Variante eines Gens hat, dass man entweder eine Krankheit haben wird oder nicht. Das bedeutet nur, dass die Möglichkeit eher besteht. […] Es gibt ein allgemeines Missverständnis, dass die Dinge, die von den Neandertalern kommen, im Allgemeinen schlecht sind, aber das ist nicht wahr.

Neandertaler-Stoffwechsel an urzeitliche Umweltbedingungen angepasst

Zudem können einige genetische Beiträge der Neandertaler potenziell sogar hilfreich sein und den Krankheiten auch entgegenwirken. Die Gene beeinflussen unter anderem den Vitamin-D-Haushalt und regulieren sogar den Gehalt von Fetten im Körper. 

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Die Neandertaler haben ihren Stoffwechsel an die Bedingungen angepasst, die die Umwelt im urzeitlichen Europa und in Zentralasien geschaffen hat. Die Gene codieren Enzyme, die ihnen dabei halfen, fetthaltige Nahrung schnell zu verstoffwechseln. So gewann ihr Körper die Energie, die in kälteren Klimazonen oder auch bei der Jagd notwendig war.

Auch auf die menschliche Psyche nehmen die Neandertaler-Gene maßgeblichen Einfluss

Die bezeichneten Gene beeinflussen auch die Stimmung, die Beziehung zu Rauschmitteln und den Schlafrhythmus. So führen bestimmte Allele zu häufigem Mittagsschlaf. Solche Menschen sind dafür umso öfter nachtaktiv. Doch die Gene können auch Narkolepsie verursachen.

Es gibt weitere Allele, die extrem gehäuft bei Rauchern auftauchen. Einige Gene hängen sogar mit fehlender Motivation, Desinteresse und sozialer Isolation zusammen. Auch das Gefühl von Einsamkeit wird von dem genetischen Erbgut erheblich beeinflusst.

Kleine Populationen und Inzucht bei Neandertalern

Interessanterweise fanden Forscher auch Hinweise darauf, dass die Populationen der Neandertaler wahrscheinlich sehr klein waren. Das könnte zu Inzucht geführt haben. Die Eltern des Vindija-Exemplars weisen zum Beispiel nur etwa 1,6 Unterschiede pro 10.000 Bausteine von DNS auf. Diese kleinen Populationen könnten auch erklären, warum die Neandertaler schließlich ausgestorben sind.

Zum Vergleich: Moderne Menschen in Afrika zeigen rund zehn Unterschiede in 10.000 [Basenpaaren], Europäer und Asiaten circa sieben Unterschiede in 10.000 - viel mehr als wir bei Neandertalern sehen. Das zeigt wieder, dass Neandertaler in nur sehr kleinen Bevölkerungen lebten", so Prüfer.