Medien und Propaganda: Die Russen kommen! …. aus den USA

Medien und Propaganda: Die Russen kommen! …. aus den USA
Machmal ist es schwierig, zwischen Form und Inhalt zu unterscheiden, machmal ist es auch gleichgültig....
Inzwischen belegen zahlreiche Recherchen, dass Versuche, die Wahlen in Europa zu beeinflussen, aus den USA kommen. Aber die Kollegen von der transatlantischen Troll-Fahndung verteidigen verbissen ihre Glaubensgrundsätze gegen die Realität.

von Malte Daniljuk

Inzwischen gehört es zur zentralen Erzählung des westlichen Politikbetriebes, dass der russische Präsident Wladimir Putin sich auf jede erdenkliche Weise, zumeist natürlich widerrechtlich, in die politische Meinungsfindung der westlichen Demokratien einmischt. Belege für diesen Vorwurf gibt es bis heute nicht. Aber die Erzählung wird stoisch weitergetragen, eher als ein Akt, sich seiner eigenen Identität zu versichern.

Jede Gesellschaft verfügt über diese Art von zentralen Erzählungen, entdeckte Claude Lévi-Strauss, als er die Märchen der brasilianischen Indianer untersuchte. Sie leisten weniger einen informativen Beitrag, sondern ziehen ihren Gebrauchswert daraus, dass sie eine Gemeinschaft der Geschichtenerzähler begründen. Indem bestimmte Menschen sich die selben Mythen auftischen, erkennen sie sich als Angehörige einer Gruppe.

Häufig, bemerkte Lévi-Strauss, bestehen diese Mythen inhaltlich aus leicht veränderten Varianten älterer Geschichten. Sie legen aber auch die „Denkgesetze“ einer Gruppe fest, definieren grundsätzlich geteilte Werte und basieren häufig auf einem einfachen Widerspruchspaar, etwa gut und böse. Diesen zentralen inhaltlichen Kern wiederholen die Märchenerzähler, auf ewig immergleich, aber stets ergänzt durch unterschiedliche Variationen.  

Illustration eines Hackers, Warschau, Polen, 28. Februar 2013.

Lässt sich das Märchen vom bösen Iwan besser beschreiben, als mit dem, was Claude Lévi-Strauss in den "Mythologiques" niederschrieb? Die aktuelle Variante dieser alten Geschichte vom bösen Iwan erblickte das Licht der Welt, als die transatlantische Wertegemeinschaft in eine ernste Sinnkrise geriet. Statt ihrer scheinbar smarten und liberalen Kandidatin führt nun die Karikatur eines Siebziger-Jahre-Machos die Freie Welt an.

Die westliche Mythen-Gemeinschaft

Daran konnte man unmöglich selbst schuld sein. Schon alleine, um den Trump-Unfall zu erklären, musste ein externer Böser her. Zudem droht nun, wie bereits nach dem Zweiten Weltkrieg, akut die Gefahr einer europäischen Einigung im größeren Rahmen. Auf "America First" folgt natürlich "Europe First". Und schließlich, wie Professor Stephen Walt in seinem „Plädoyer für den Krieg“ feststellte, brauchen die USA Kriege und Konflikte, um die Nation zusammenschweißen. 

Ganz nebenbei: Ein Blick auf die bereits beschlossenen Erhöhungen im Rüstungshaushalt der USA macht das Märchen vom bösen Iwan zu einem der wertvollsten Feindbilder überhaupt. Mit Osama bin Laden und seinen Mudschahedin ließen sich weder Panzer noch Flugzeuge bestellen, Kleinvieh macht eben nur kleinen Mist.

Wirft man aktuell einen Blick auf die Märchenonkel der transatlantischen Wertegemeinschaft, wird allerdings einmal mehr klar, was Jean Ziegler meinte, als er warnte, dass wir vor einem neuen Zeitalter der Irrationalität stehen. Immerhin lässt sich dem Märchen von tapferen Schneiderlein noch einige empirische Evidenz unterstellen. Das Märchen vom bösen Iwan kommt hingegen derartig faktenfrei daher, dass es geradezu vorsätzlich als Glaubensprüfung gestaltet zu sein scheint.

Theresa Locker ist Senior Editor bei dem Magazin Vice-News. Ihre äußerst fragwürdige Statistik wurde in sozialen Medien gerne geteilt - ohne dass jemand groß den Wahrheitsgehalt geprüft hätte.

Anlässlich der Bundestagswahl machte sich dennoch ein wahres Heer aus Geheimdienstlern, Journalisten und NGO-Mitarbeitern auf, um russische Trolle zu erlegen. Wenig überraschend liegt die Beute beinahe bei Null. Aber weil die Prophezeiung scheiterte, Russland würde sich in die Wahlen einmischen, passiert nun das, was Leon Festinger bereits in den 1960er Jahren beobachtet hatte: Die Gläubigen scharen sich noch enger um ihren - nunmehr leicht variierten - Glaubenssatz.

Aufmarsch der Trolle: Probleme mit der Himmelsrichtung

Das erschütterndste und zugleich aussagekräftigste Anschauungsstück lieferte kurz vor der Bundestagswahl das Magazin Der Spiegel. Die Rechercheure Marcel Rosenbach, Konstantin von Hammerstein und Roman Höfner haben tatsächlich eines der begehrten Troll-Exemplare gesichtet. Dumm allerdings, dass es sich dabei um einen lupenreinen weißen US-Amerikaner handelt, zudem bekennender Neonazi. 

Als hätten es die Qualitätsjournalisten damit nicht schwer genug, befindet sich An­d­rew Au­ern­hei­mer auch noch im Dauer-Exil in der CIA-Republik Ukraine. Nix Russland. Unter den Fittichen von Petro Poroschenko geben sich seit drei Jahren europäische und amerikanische Neonazis ihr Stelldichein. Bei ihren Kameraden in den Freiwilligenbataillonen können sie mit echten Waffen auf russlandfreundliche Aufständische schießen. Von dort aus betreibt Nazi-Troll Au­ern­hei­mer offensichtlich Internet-Kampagnen für Trump, Le Pen und die AfD.

Und es kommt noch dicker: Seit Monaten erzählt sich die Wertegemeinschaft bei jedem digitalen Sicherheitsleck, das müsse der Russe gewesen sein. Zum Beispiel veröffentlichte jemand kurz vor den französischen Präsidentschaftswahlen Zehntausende E-Mails von Emmanuel Macron. Vollkommen klar: Das waren die Russen. Doch nun finden Rosenbach und sein Team folgendes heraus:

„Es gibt Hin­wei­se, dass die ame­ri­ka­ni­sche Alt-Right-Ha­cker­sze­ne und Ser­ver des Dai­ly Stor­mer be­tei­ligt wa­ren, als kurz vor der fran­zö­si­schen Präsidentschaftswahl ge­hack­te E-Mails aus dem Ma­cron-La­ger auf­tauch­ten.“

Dai­ly Stor­mer, so heißt das Internet-Fanzine des bekennenden Antisemiten An­d­rew Auern­hei­mer. Unvoreingenommene Beobachter könnten nun geneigt sein, die amerikanische Spur weiterzuverfolgen. Sie würden schnell feststellen, dass in der amerikanischen Alt-Right-Szene auch Israel-Fans einträchtig gemeinsam mit Antisemiten ihre Kampagnen betreiben. Eigentlich eine erzählenswerte Geschichte, möchte man meinen.

Gerade veröffentlichte The Intercept eine Recherche über eine weitere amerikanische Troll-Fabrik: Die „jüdische Philantropin“ Nina Rosenwald betreibt die Internetseite Gatestone Institute. Auch dort wird unablässig und besonders vor den Wahlen in Deutschland gewarnt, dass das Land von Migranten und Muslimen überschwemmt werde. Die ins Deutsche übersetzten Gatestone-Beiträge erfreuen sich unter rechten Trolls extremer Beliebtheit, so The Intercept.

Zahlreiche Fake-Geschichten, die vor den Wahlen kursierten, etwa dass Deutschland nun Hotels beschlagnahme, um sie in Flüchtlingsunterkünfte umzuwandeln, stammen genau aus dieser Quelle. Ähnlich wie aus dem Neonazi-Umfeld von An­d­rew Au­ern­hei­mer lassen sich auch bei Nina Rosenwald schnell Verbindungen ins Weiße Haus finden, also: Zum Weißen Haus in Washington, nicht in Moskau. Auch das Regierungsgebäude der Russischen Föderation heißt Belyi Dom.

Weißes Haus? Welches Weiße Haus?!

Diese Art von Missverständnis käme den Jungs vom Spiegel sicher sehr gelegen, um ihr kleines Problem zu lösen: Wie mache ich aus amerikanischen Versuchen, die Wahlen zu beeinflussen, russische Kampagnen zur Beeinflussung? 

Am Besten einen Experten heranziehen: Die zur Zeit am höchsten dotierte Märchentante des Imperiums heißt Anne Applebaum. Der „konservative Think Tank“ American Enterprise Institute förderte die Journalistin ebenso wie der Springer-Verlag. Seit dem Putsch in der Ukraine ist sie eine zentrale Stichwortgeberin, was die transatlantischen Redewendungen in Bezug auf Russland betrifft. Im Sommer 2014 empfahl sie der Junta in Kiew, sich auf einen „Totalen Krieg“ mit Russland vorzubereiten.

Zusammen mit einem Pe­ter Po­me­r­ant­sev bezeugt sie den Spiegel-Journalisten, was diese auch nach intensivster Profi-Recherche im Dreierteam nicht entdecken konnten: „Die Alt-Right-Be­we­gung pflegt auch Kon­tak­te zu pro­rus­si­schen Netz­wer­ken.“ Und dann beginnt der sprachliche Eiertanz: „seit Lan­gem ist be­kannt“, „nach ih­rer Ein­schät­zung“, „geht davon aus, dass…“, „denk­bar ist auch …“. So klingt es, wenn Journalisten sprachlich sicherheitshalber auf Distanz zum dem Unsinn gehen, den sie fabrizieren.

Ärgerlich ist dann natürlich, dass sich Rosenbach und sein Team ausgerechnet Beispiele unterschieben lassen, die sich umstandslos überprüfen ließen. Mangels anderer Fakten müssen auch Applebaum und Po­me­r­ant­sev am Ende auf die normale Berichterstattung von RT Deutsch zurückgreifen, um zu belegen, was sich nicht belegen lässt. Dass das Spiegel-Team allerdings darauf verzichtet, die üblichen Verleumdungen auch nach zu recherchieren, das ist dann doch peinlich. So heißt es in Der Spiegel:

Ein Bei­spiel ist die Be­haup­tung, dass die Land­tags­wahl in Nord­rhein-West­fa­len zu­las­ten der AfD ge­fälscht wor­den sei. Ein zwei­ter Fall be­trifft eine be­wusst miss­ver­ständ­lich zi­tier­te Be­mer­kung des schwe­di­schen Po­li­zei­chefs über No-go-Be­zir­ke in sei­nem Land, über die man an­geb­lich die Kon­trol­le ver­lo­ren habe. Bei bei­den Vor­gän­gen hät­ten pro­rus­si­sche Bots in Deutsch­land die Be­rich­te rus­si­scher Aus­lands­me­di­en wei­ter­ver­brei­tet, 'ein Mus­ter der Zu­sam­men­ar­beit in Sa­chen Des­in­for­ma­ti­on'. 

Offensichtlich handelt es sich um die Meldung von RT Deutsch, dass die Partei Die Linke überprüfen lässt, ob sie die Ergebnisse der Landtagswahl anfechtet. Da hat Professor Applebaum wohl Die Linke mit der AfD verwechselt. Und, nun ja, dass die schwedische Polizei sich über No-Go-Areas erregt, berichteten wir mehrmals. Aber ein Bericht stammt von RT International - nicht etwa von RT Deutsch. Darin äußert sich mit Dan Eliasson ein schwedischer Polizeichef. Was daran „be­wusst miss­ver­ständ­lich“ sein soll, kann jeder Nutzer selbst prüfen.

Quelle: Screenshot Motherboard Vice

Die obersten Rechercheure des Spiegel sind der Sache jedenfalls nicht nachgegangen. Wenn es tatsächlich so sein sollte, dass der Beitrag in rechten Netzwerken weiterverbreitet wurde, haben deren Aktivisten vielleicht etwas von RT International gelernt. Im Beitrag erklärt nämlich Eike Sander von der Universität Göteborg, es brauche andere Maßnahmen als nur „mehr Polizei“, um mit dem Problem fertig zu werden:

Die Menschen dort sind nicht per se krimineller. Es gibt dort Arbeitslosigkeit und sozialen Ausschluss. Viele Probleme, die die Kriminalität steigern.

Wie auch immer: Weder kommen wir hinterher, jede Verleumdung und Verdrehung zu dementieren, noch haben wir bisher die Reichweite, um Bild, Spiegel und Co. zu schlagen. Für unsere Leser bleibt festzuhalten: Inzwischen ist bewiesen, dass dubiose amerikanische Aktivisten versuchen, die Wahlen in Europa zu beeinflussen. Offensichtlich haben sie tatsächlich auch Kontakte bis in Weiße Haus. Gleichzeitig zeigt die transatlantische Glaubensgemeinschaft mit dem Finger auf die Russen und schreit „Haltet den Dieb“.

Dazu passt sicher auch eine letzte Anekdote: Nachdem die deutschen Sicherheitsbehörden und das Bundeskanzleramt monatelang nach russischen Trollen gesucht haben - mit dem bekannten negativen Ergebnis -, kam jemand auf die Idee, nach diesem Widerspruch zu fragen. Auf die Frage, warum man denn so intensiv nach Moskau schaue, antwortete ein zuständiger Geheimdienstler: „Weil unsere amerikanischen Freunde uns seit Monaten beinahe täglich Hinweise schicken, dass da etwas Großes kommt.“

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