Che Guevara und der Kampf für eine bessere Welt: Heute vor 50 Jahren von CIA-Agenten ermordet

Che Guevara und der Kampf für eine bessere Welt: Heute vor 50 Jahren von CIA-Agenten ermordet
Eines der berühmtesten Motive des 20. Jahrhunderts schoss der Fotograf Alberto Korda im März 1960 in Havanna.
In jeder neuen Generation nehmen Menschen die Figur von Che Guevara auf. Er steht für die Identität zwischen Denken und Handeln, für eine kompromisslose Hingabe an die Gerechtigkeit. Am 9. Oktober 1967 ermordeten ihn CIA-Agenten in Bolivien.

von Maria Müller, Montevideo

Schon zu Lebzeiten war er eine Symbolfigur. Er verkörperte die Hoffnungen einer Epoche, nachdem sich zahlreiche Länder in den 1950iger und 1960iger Jahren aus der kolonialen Herrschaft befreit hatten. Zusammen mit den populären ersten Präsidenten der neuen Staaten - etwa Jawaharlal Nehru in Indien, Algeriens Ben Bella oder Ho-Chi-Minh in Vietnam - gab er diesen Völkern eine politische Stimme.

Im Visier der Naumann-Stiftung: Die Bronze-Statue des argentinischen Revolutionärs Ernesto

Die damals gegründete Organisation der Blockfreien Staaten hatte einen starken Einfluss auf das internationalistische Denken des Che Guevara. Der erfolgreiche Guerillakrieg von Mao Tse Tung in China, mit dessen Strategie, von den Dörfern aus die Städte einzukreisen, markierte eine geopolitische Vision gegenüber den imperialen Mächten. Die Idee, dass die Länder der so genannten Dritten Welt über revolutionäre Prozesse das globale Kräfteverhältnis gegenüber dem industrialisierten Norden zu ihren Gunsten verändern könnten, beflügelte auch Che Guevara. 

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Wer war der Mensch, Che Guevara? Der Spitzname Che bedeutet etwa "hey, Mensch!", ein Wort der Alltagssprache am Rio de la Plata, das von Ernesto viel gebraucht wurde. Denn er stammt aus Argentinien. Sein voller Name ist Ernesto Guevara de la Serna.

Ernesto wurde 1928 in Argentinien als ältestes Kind einer siebenköpfigen Familie geboren, eine Familie des gebildeten Mittelstands mit Vorliebe für Literatur. Bereits als Kind und Jugendlicher hatte Ernesto Zugang zu einer großen Hausbibliothek. Er begeisterte sich früh für die neue lateinamerikanische Poesie von Pablo Neruda, Machabo und García Lorca. Er las die Werke europäischer Philosophen wie  Sartre und Camus und später die Schriften des antikolonialen Analytikers Franz Fanon.

Che Guevara als Säugling auf dem Schoss seiner Mutter Celia de la Serna, an der Seite sein Vater Ernesto Guevara Lynch, Juni 1928

In seiner Kindheit lebte Ernesto einige Jahre in einem abgelegen Gebiet in Paraguay. Dort hatten die Eltern Land erworben, um Mate-Pflanzen anzubauen. Sie gerieten jedoch in Konflikt mit den umliegenden Plantagenbesitzern, weil sie den Landarbeitern gerechtere Löhne zahlten und Arbeitszeiten respektierten. Schließlich musste die Familie ihr Grundstück verlassen und zog wieder nach Argentinien. Diese Erfahrung hinterließ in dem kleinen Ernesto ein erstes Gefühl für Ungerechtigkeiten.  

Ernesto Guevara im Kreise seiner Familie währen eines Strandurlaubs in Mar del Plata: Celia Guevara de la Serna, Celia de la Serna, Roberto und Ana María Guevara de la Serna, Ernesto Guevara, sein Vater Ernesto Guevara Lynch mit Juan Martín Guevara de la Serna in seinen Armen, Dezember 1945

Er studierte Medizin in Buenos Aires und begann eine viel versprechende Berufslaufbahn als Arzt. Als ihm bewusst wurde, dass die ärztliche Versorgung vor allem das Privileg der besser gestellten Schichten war, suchte er neue Wege. Es folgte eine Etappe der Reisen durch Südamerika. Mit einem Freund legte er auf dem Motorrad tausende von Kilometern zurück. Später, im Jahr 1960, schrieb er über diese Zeit:

Bis auf Haiti und Santo Domingo habe ich alle lateinamerikanischen Länder besucht. So wie ich reiste, zuerst als Student und später als Arzt, kam ich in engen Kontakt mit Armut, Hunger und Krankheit. Ich erfuhr, dass Kinder aus Geldmangel nicht behandelt werden; dass die Menschen durch den Hunger und die ständige Erniedrigung wie betäubt sind. Und ich fing an zu begreifen, dass solche Dinge mir fast so wichtig sind wie mein Beitrag in der medizinischen Forschung. Ich wollte diesen Leuten helfen."

Nach dem Abschluss seines Studiums kam er im Dezember 1953 in  Guatemala an, wo er hautnah den blutigen Umsturz gegen den demokratisch gewählten Präsidenten Jacob Arbenz Guzman erlebte. Das Vorgehen gegen Arbenz war von Washington inszeniert worden, weil er soziale Maßnahmen und eine Landreform zugunsten der Bauern durchführen wollte. Von dieser Zeit an war Che Guevara überzeugt, dass die USA immer wieder versuchen würden, Regierungen zu zerstören, wenn diese die soziale Ungleichheit beseitigen wollten. 

US-Soldaten während der Invasion der Karibikinsel Grenada 1983- Quelle: PETER CARRETTE

Guevara verlagerte im September 1954 seinen Wohnsitz nach Mexiko-Stadt. Dort traf er im Juni 1955 Raul Castro und später dessen älteren Bruder, Fidel Castro. Fidel plante, die von den USA unterstützte Diktatur des Fulgencio Batista auf Kuba zu besiegen. Guevara erkannte sofort, daß Fidel die revolutionäre Orientierung besaß, nach der er gesucht hatte. Er kämpfte an seiner Seite im Guerillakrieg in Kuba bis zum Sturz von Batista. 

Nach dem Sieg der revolutionären Kräfte im Januar 1959 leitete er zeitweise die kubanische Nationalbank und das Ministerium für Industrie. Er  traf sich mit den führenden Politikern aus den anti-kolonialen Kämpfen  rund um den Erdball, um den kubanischen Sozialismus zu erklären und für Unterstützung zu werben, darunter in China, Indien und Algerien. Dort bestärkte er den Gedanken einer Union von blockfreien Staaten als einer dritten, unabhängigen globalen Kraft.

Am 11. Dezember 1964 hielt Ernesto Che Guevara seine brühmte Rede vor der UNO, in der er zur Befreiung der Völker vom Kolonialismus und Neokolonialismus aufrief. Er forderte, die Souveränität der Staaten sowie ihr Recht auf unterschiedliche politische und wirtschaftliche Systeme zu achten. Er betonte, dass die zwischen den USA und der Sowjetunion vereinbarte "Friedliche Koexistenz" nicht nur für die Großmächte gelten könne, sondern für jedes Land der Erde Gültigkeit haben müsse. Die Kriege seien vom Raub an Bodenschätzen motiviert. Er forderte eine weltweite gleichberechtigte Abrüstung. Insbesondere sollten alle Atomwaffen vernichtet werden, was heute so aktuell ist wie damals.

Bereits in dieser Rede klagte Che Guevara an, dass an mehreren Orten der Karibik Söldner für einen Einsatz gegen Kuba trainiert werden, dass die USA verbieten, Medikamente an Kuba zu liefern und sie den internationalen Handel mit der Insel blockieren. Maßnahmen, welche die USA bis heute gegen Kuba praktizieren.

Auch seine Kritik an der Organisation der Amerikanischen Staaten (OAS) erscheint heute so aktuell wie vor 50 Jahren:

...die OAS hat uns ausgeschlossen und den Mitgliedstaaten verordnet, die diplomatischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu Kuba abzubrechen. Die OAS hat die Agressionen gegen unser Land zu jedem Zeitpunkt und unter jedem Vorwand autorisiert und dabei die elementalsten Gesetze des internationalen Rechts verletzt. Sie hat die Beschlüsse der UNO vollständig ignoriert."

Das Time Magazine ernannte Che Guevara damals zu den hundert einflussreichsten Personen des 20. Jahrhunderts. Es schrieb über ihn:

Che Guevara überzeugte Fidel Castro mit Kompetenz, Diplomatie und Geduld. Als Granaten gebraucht wurden, richtete Che eine Waffenfabrik dafür ein. Wenn es an Brot mangelte, organisierte Che die Brotfabriken, um es zu backen. Wenn neue Rekruten Taktik und Disziplin lernen sollten, brachte Che sie ihnen bei. Als eine Schule nötig war, um die Bauern zu alfabetisieren, organisierte er eine Landschule."

Die kubanische Revolution hat überlebt, trotz des Bemühens der USA, sie zu untergraben und trotz vieler Versuche, Fidel Castro selbst zu ermorden. Kuba hat Revolutionäre und linke Regierungen auf der ganzen Welt und besonders in Lateinamerika inspiriert. 

Jugi Gagarin, Kosmonaut und der erste Mensch im Weltall neben Ernesto Che Guevara in Moskau, 11. November 1964

Hugo Chavez aus Venezuela war dafür ein Beispiel. Er setzte die politische Vision des Che Guevaras von einer Union der Länder des Südens in Lateinamerika in die Praxis um. Gemeinsame Interessen können als Block besser verteidigt werden. Organisationen wie die UNASUR, der Handelsvertrag ALBA oder CELAC wurden aus diesem Gedanken geboren und haben im vergangenen Jahrzehnt zu Stabilität und einem wirtschaftlichen Wachstum beigetragen. Innere Konflikte konnten im Dialog zwischen den Ländern beigelegt werden. Auch die Koordination unter den BRICS-Staaten gründet sich auf diese Logik.

Che Guevara als Industrieminister mit sowjetischen Ökonomen in Havanna, 22. Mai 1964

Die interkontinentale Sichtweise der kubanischen Revolutionäre hat auch in Südafrika entscheidend zu einem militärischen Sieg über das Apartheidregime beigetragen. Beim Besuch des damaligen südafrikanischen Präsidenten Nelson Mandela in Kuba erklärte dieser im Jahr 1991: 

Wir hätten das Apartheid-Regime ohne die Hilfe Kubas nie besiegt. Ich verdanke meine Freiheit nach 30 Jahren Haft Fidel Castro".

Unter den afrikanischen Völkern genießt Kuba großes Ansehen und Dankbarkeit. 

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Che Guevara steht für den kämpferischen Internationalismus, für ein solidarisches Handeln unter den Völkern der drei Kontinente Asien, Afrika und Lateinamerika - als einzige Möglichkeit, sich aus den wirtschaftlichen und militärischen Zwängen der imperialen Staaten zu befreien.  

Er war der tiefen Überzeugung, dass die kubanische Revolution geschützt werden muss, indem die politischen Kräfteverhältnisse weltweit verändert werden. Die zwischen Ernesto und Fidel kontrovers diskutierte Idee, dass sich der revolutionäre Prozess dafür auf dem lateinamerikanischen Kontinent ausbreiten sollte, brachte Che Guevara 1966 nach Bolivien. Eine zweite, entscheidende und letzte Etappe seines Lebens begann und endete in den Bergen Boliviens.

"Che Guevara in Bolivien" - Gemälde des russischen Malers Wladislaw Loch, Moskau 1969

Die USA haben rasch reagiert und unter Führung von CIA und Spezialeinheiten der US-Armee das bolivianische Militär auf die Guerilla-Einheiten angesetzt. Im Oktober 1967 schliesslich wurde die Gruppe des Che aufgerieben. Er selbst kam in Gefangenschaft und wurde kurz darauf umringt von Militärs erschossen. Seine letzten Worte waren:

Die Revolution ist unsterblich!"

Am 17. Oktober 1997 wurden Che Guevaras Überreste von Bolivien nach Kuba überführt und dort in einem Staatsbegräbnis in Santa Clara beigesetzt. Hunderttausende grüssten "El Che" ein letztes Mal.