Heute vor 60 Jahren: Erster Sputnik-Flug sorgt für Schock in den Führungsetagen des Westens

Heute vor 60 Jahren: Erster Sputnik-Flug sorgt für Schock in den Führungsetagen des Westens
Der originalgetreue Nachbau des ersten künstlichen Erdsatelliten Sputnik 1 im Washingtoner Nationales Luft- und Raumfahrtmuseum (National Air and Space Museum NASM).
Vom System-Wettlauf getrieben schaffte die Sowjetunion vor 60 Jahren den erfolgreichen Start des ersten künstlichen Erdsatelliten ins All. Heute steht jedoch die Zusammenarbeit im Vordergrund der Weltraumforschung.

Bis Mitte des 20. Jahrhunderts wurde das Wort „Sputnik“ im Russischen als gängiges Synonym für die Worte „Mitreisender“ oder „Weggefährte“ verwendet. Als man jedoch in der Sowjetunion am 4. Oktober 1957 den ersten von Menschen erschaffenen Satelliten in die Umlaufbahn der Erde schoss, bekam das Wort eine neue Konnotation: „Himmelskörper, der sich um einen Planeten bewegt“. Das Projekt hieß „Sputnik 1“.

In diesem Sinne etablierte sich das Wort „Sputnik“ auch in vielen anderen Sprachen als Bezeichnung für einen künstlichen Satelliten. Doch das Wort wird nicht nur mit Satelliten assoziiert, sondern steht auch für den Beginn des Weltraumzeitalters. Und so hat das Wort auch eine politische Tragweite: Der Start der sowjetischen Raumfahrt veranlasste die Welt, ihr Russlandbild zu überdenken. Denn bis dahin hatte Russland als ein in technologischer Hinsicht zurückgebliebener Staat gegolten. Der frühere wissenschaftliche Direktor der ESA Roger-Maurice Bonnet erinnert sich:

Das war ein bedeutendes Ereignis, es war der Beginn des Wettlaufs ums All. Und es waren die Sowjets, damit hatte niemand gerechnet. Man hatte geglaubt, dass es die Amerikaner würden, die dann nur wenig später folgten, aber es war ein Schock überall in den westlichen Hauptstädten, zu wissen, dass die Sowjets so etwas hinbekommen."

Der Start-Komplex auf dem Weltraumhafen

Lesen Sie außerdem -  Deutsche Wissenschaftler entwickeln Lichtanlage, die so stark wie 10.000 Sonnen scheint

Die sowjetische Führung hatte die Entwicklung und den Bau eines Satelliten 1955 angekündigt, vier Tage nachdem die USA dasselbe getan hatten. Kosmonaut Alexandr Kaleri erzählt, wie der erste Satellit sein sollte: simpel, aber wirkungsvoll:

Nach den ersten erfolgreichen Starts der R7-Rakete sollte ein möglichst einfacher Sputnik ins All geschickt werden - ohne wissenschaftliches Equipment, sondern einfach nur mit Batterien, einem Wärmeregulierungssystem und einem Sender.

Mit einem Gewicht von nur 83 Kilogramm und 58 Zentimetern Durchmesser war der erste künstliche Satellit mit vier circa 2,5 Meter langen Antennen ausgestattet. Sein erstes berühmtes Piep-Signal sendete das Gerät nur wenige Minuten nach dem Start aus. Seitdem konnten die Radioempfänger in der ganzen Welt es zwei Wochen lang hören. In 92 Tagen seines Fluges in der Höhe zwischen 288 und 947 Kilometern über die Erde legte Sputnik mit 1.440 Erdumrundungen rund 60 Millionen Kilometer zurück. Der Erfolg kam nach nur zwölf Jahren in einem durch den Krieg weitgehend zertörten Land zustande. 

Ich glaube, es war wirklich emotional wichtig für die sowjetische Bevölkerung, denn es war ein bedeutsamer Durchbruch. Der Beweis für technologischen Fortschritt, der Beweis für den Erfolg aller Programme, die damals liefen, unter der Leitung von Sergei Koroljow und anderen Wissenschaftlern. Gemeinsam schafften sie es, eine Raumfahrtindustrie aufzubauen, die in vielen Bereichen weltweit führend ist," sagte der Roskosmos-Generaldirektor Igor Komarow in einem Euronews-Interview.

UdSSR-Werbeclip zum Sputnik-Start:

Autor: Kurze Dokumentation zum Sputnik-Start

Kaum einen Monat nach dem Sputnik-Start starteten die sowjetische Konstrukteure den sehr viel schwereren Sputnik 2 mit Hündin Laika an Bord. Das erste Lebewesen im All - auch wenn sie wenige Stunden nach dem Start wegen Überhitzung starb, da die Kühlaggregate versagten. Der Ehrgeiz blieb aber ungebrochen: Der Kosmonaut Alexander Kaleri betont:

Die Regierung gab ein Programm zur künftigen Erkundung des Weltalls heraus. In diesem Dokument erwähnten sie Raumsonden, die zum Mond fliegen, Flüge zum Mars und zur Venus, sie erwähnten Weltraumflüge mit Menschen, sie sprachen über Menschen, die auf den Mars treten, auf Venus und den Mond, und dort Stationen errichten. Ich möchte Sie nur darauf hinweisen: Das war im Dezember 1959!"

Ein Airbus 350 auf der MAKS-Luftfahrtmesse bei Moskau.

Und so begann eine lange Reihe sowjetischer Premieren: Der erste Mann im All, die erste Frau im All, der erste Weltraumspaziergang, die erste (unbemannte) Mondlandung - die erste weiche Landung auf der Venus und auf dem Mars. 

Sputnik war unglaublich wichtig, denn er läutete den Wettlauf ins All zwischen den USA und der Sowjetunion ein. Die Leute verkennen oft seine Bedeutung, denn sie denken, es war ja nur ein Satellit. Aber die entscheidende Bedrohung war die Rakete, die ihn ins All brachte. Eine Interkontinental-Rakete, die die Sowjetunion entwickelt und einen Monat zuvor erstmals getestet hatte. Und zum ersten Mal in ihrer jüngeren Geschichte fühlten die USA sich bedroht," sagt der Historiker John Krige vom Georgia Institute of Technology sagt in einem Interview dem Sender Euronews.

Was für die Strategen des Kalten Krieges ein Schock war, hat die weltweite Bevölkerung sowohl im Westen als auch im Osten begeistert: So schuldet Berichten zufolge das berühmte DDR-Auto dem Sputnik-Fieber seinen Namen: Als im Jahr 1958 Beschäftigte des Autowerks Zwickau über den Namen des neuen DDR-Volkswagens abstimmen durften, wählte die Mehrheit die Übersetzung des russischen Wortes Sputnik - Trabant (Begleiter).

Mehr lesen -  Indische Rakete bringt 31 Satelliten in Umlaufbahn

60 Jahre nach dem ersten Sputnik-Flug geht es Russland bei der Weltraumforschung weniger um Konkurrenz als um Kooperation mit ESA und NASA, bekräftigt Roskosmos-Chef Komarow:

Ich denke, heute ist es nicht so wichtig, in welchem Bereich wir die Ersten sind. Entscheidend ist, welche Ziele wir uns mit unseren Partnern setzen. Ich meine diese wirklich bedeutenden Missionen, die uns zu Durchbrüchen verhelfen. Dazu gehört ExoMars, deren zweite Etappe wir 2020 einläuten wollen sowie auch Missionen zum Mond, mit denen wir die Mondumgebung genauer erkunden werden und eine Station dort aufbauen, die besucht und bewohnt werden kann.