Mainstream-Medien und AfD: Steigbügelhalter für den Feind

Mainstream-Medien und AfD: Steigbügelhalter für den Feind
Die AfD-Spitzenkanidaten Alice Weidel und Alexander Gauland vor der Presse, Berlin, 25. September 2017.
Zwar verlegen sich die üblichen Verdächtigen auf das Leugnen und Ignorieren. Aber die Diagnose ist schwer von der Hand zu weisen: Die Mainstream-Medien haben nicht nur der AfD und ihren Politikern sehr viel Platz eingeräumt. Auch die Afd-Agenda des sogenannten Flüchtlingsproblems übernahmen die Medien.

Nach dem Wahltag schlägt die Stunde der Soziologen. Bereits am Montag nahmen die Leiter von vier demoskopischen Instituten vor der Presse Stellung. Nach den letzten Landtagswahlen hatten sie sich noch Vorhaltungen machen lassen müssen, dass sie die Wahlabsichten falsch eingeschätzt hatten, insbesondere was die AfD betrifft. Nun können die Chefs von Allensbach, Forsa und Co. den Ball zurückspielen.

Die Medien, aber auch die Politiker anderer Parteien, hätten der AfD einfach zuviel Aufmerksamkeit geschenkt. Das ist Konsens unter den Instituten. Nico Siegel, der Geschäftsführer von Infratest Dimap, verweist darauf, dass Medien und etablierte Politiker „Agenda-Setting für die AfD“ betrieben haben. Dass das Flüchtlingsthema in den letzten Wochen vor der Wahl wieder dominant wurde, habe der AfD ihr zweistelliges Wahlergebnis beschert.

„Dadurch, dass alle Parteien sich an der AfD abgearbeitet haben, ist der Partei eine ganz besondere Bedeutung zugekommen, die sie in den Monaten zuvor gar nicht mehr hatte“, so auch Renate Köcher von Allensbach. 

Auch Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen kritisiert, dass sich „die gesamte Medienlandschaft auf die AfD gestürzt“ hat. Er führt etwa das Kanzlerduell an, in dem es ausführlich um die Flüchtlingspolitik ging. Schon dass das Thema eine solch wichtige Rolle spielte, „zahlte auf das Konto der AfD ein“, so Jung.

Einen weiteren Aspekt nennt Nico Siegel: Es sei ein Fehler gewesen, die AfD und ihre Sympathisanten in die „Nazi-Ecke“ zu stellen. Die Stigmatisierung der AfD war „nicht hilfreich“ und könne genau die gegenteilige Reaktion auslösen, so Siegel.

Bei Medien und Journalisten führen solche Vorhaltungen - wie immer - zu routiniertem Schweigen und Leugnen. Es sei "nicht an uns" eine Partei "groß oder klein" zu machen, reagiert ARD-Chefredakteur Rainald Becker in ungewohnter Bescheidenheit, als habe er noch nie davon gehört, dass Redakteure auswählen und gewichten:

"Es geht darum, über einen Wahlkampf zu berichten. Und in diesem Wahlkampf war die AfD und waren die Themen der AfD auch immer wieder Thema. Und deshalb waren sie auch Bestandteil unserer Berichterstattung."

Als Julian Reichelt, seines Zeichens Vorsitzender der BILD-Chefredaktion, damit konfrontiert wird, dass sein Blatt in den letzten Wochen eine Kampagne gegen Flüchtlinge im AfD-Stil fuhr, behauptet er in seinem jugendlichen Stil, das könne ihm niemand beweisen:

"Da kann man immer sagen: Das treibt ihnen nur noch mehr Wähler in die Arme. Das ist möglich. Aber alles andere als belegt." 

Im Magazin Stern beklagt sich Nachrichtenredakteur Florian Schillat, die Medien würden nun zum Sündenbock gemacht, das sei "postfaktisch". Zwar argumentiert er weniger redundant als ARD-Chefredakteur, aber er beweist, dass er selbst postfaktisch argumentieren kann. Das Ergebnis, dass die Medien mit hergestellt haben, muss rückwirkend herhalten, um das eigene Verhalten zu rechtfertigen:

"Den Aufstieg der AfD, ein schließlich durch die Bundestagswahl bestätigter Fakt, einfach zu ignorieren?"

Auch wenn Leugnen und Ignorieren überwiegt: Erstmals lassen sich auch selbstkritische Stimmen finden. Ebenfalls im Stern schreibt etwa Carsten Heidböhmer, Kulturredakteur, auch das eigene Magazin habe der "Versuchung nicht immer widerstehen können", bestimmten "Entgleisungen und Tabubrüchen" überproportionale Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Das habe der AfD zweifellos genutzt:

"Natürlich tragen auch andere Medien - Print wie online - eine Mitschuld. Allzu oft haben sie den von der Rechtspartei inszenierten Eklats ausgiebig Raum gegeben - von Alice Weidels Talkshow-Flucht bis zu Gaulands Wunsch, stolz zu sein auf Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen. Das ist ausdrücklich als Selbstkritik zu verstehen."