Motherboard: Warum 100 Prozent der Facebook-Posts von RT Deutsch immer der Wahrheit entsprechen

Motherboard: Warum 100 Prozent der Facebook-Posts von RT Deutsch immer der Wahrheit entsprechen
Theresa Locker ist Senior Editor bei dem Magazin Vice-News. Ihre äußerst fragwürdige Statistik wurde in sozialen Medien gerne geteilt - ohne dass jemand groß den Wahrheitsgehalt geprüft hätte.
Redakteure des Vice-Magazins bewerteten kürzlich Facebook-Posts - die eigenen, die von befreundeten Medien, wie etwa Spiegel-Online, und Facebook-Posts von RT Deutsch. Die überprüfbaren Bewertungen stellten sich als völliger Quatsch heraus. Aber der Vice-Redaktion unterliefen auch einige faktische Fehler. Bis heute will die Redaktion diese aber nicht richtigstellen.

Jeder Journalist kennt das Problem: Manchmal kann ein Fakten-Check auf unüberwindbare Hürden treffen. Gerade für die heißen Geschichten fehlen die Zeugen, Dokumente sind verschwunden, Experten unsicher. Ob man die Geschichte trotzdem bringt, liegt dann im Ermessensspielraum. Im Zweifelsfall bleibt eine Story liegen, bevor man sich auf rechtlich unsicheres Gebiet begibt.

Das zu Vice-Deutschland gehörige Magazin Motherboard stand kürzlich vor einer relativ einfachen Recherche: Senior Editor Theresa Locker und mehrere andere Redakteure hatten sich vorgenommen, den Wahrheitsgehalt von Hunderten Facebook-Posts zu prüfen. Sie hatten 1.905 Facebook-Meldungen von sieben unterschiedlichen Medien aus der letzten Novemberwoche des Jahres 2016 gesammelt. Unter den ausgewählten Medien befand sich auch RT Deutsch.

Angebliches "Falschzitat" stammte tatsächlich von Snowden

So sahen sich Theresa Locker und ihre Redakteure vor der Aufgabe, eine gestaltete Grafik zu bewerten. Neben einem Bild von Edward Snowden stand ein Zitat, darunter sein Name, daneben die Quelle: "Snowden" von Oliver Stone. Die Grafikerin von RT Deutsch wusste, dass Oliver Stone die Off-Texte zwischen den Szenen direkt aus Interviews mit dem bekannten Whistleblower gemacht hatte. Insofern sah sie sich auf der sicheren Seite, wenn sie den Film als Quelle angibt und Edward Snowden als Zitatgeber.

Das Motherboard-Team hingegen war irritiert. Wie kann ein Zitat von Snowden (Person) stammen, wenn es in dem Spielfilm namens "Snowden" von einem Schauspieler gesprochen wird? Sie bewerteten die Grafik als einen "falschen" Facebook-Inhalt. Auf einen ersten Hinweis aus unserer Redaktion, dass sich Edward Snowden wie von uns zitiert äußerte, antwortete Theresa Locker:

Ich fürchte, Sie verwechseln leider die Filmfigur mit dem echten Edward Snowden. Das angegebene Zitat stammt aus Oliver Stones fiktionaler Kinoadaption der Snowden-Geschichte; ich habe diesen Satz im Drehbuch gefunden.

Nun gut, man kann bei einer Senior Editor von Motherboard nicht voraussetzen, dass ihr bekannt ist, auf welcher Grundlage der Regisseur sein Drehbuch verfasst hat, nämlich auf der von Original-Aussagen des realen Protagonisten. Zudem könnte ausgerechnet diese brisante Stelle natürlich auch der Fantasie von Stone entsprungen sein. Was tut ein Journalist in einer solchen Situation? Den Regisseur anfragen, ob die betreffende Passage von ihm oder von Snowden stammt. Eine Kollegin erreicht Oliver Stone schließlich. Dieser antwortete umgehend: 

Vielen Dank für Ihre Anfrage. Die im Film zitierten Informationen stammen von Ed Snowden selbst, aber ich erinnere mich nicht mehr, ob er auch Deutschland nannte. Er erwähnte Mexiko, Brasilien und Australien. Mit freundlichen Grüßen, Oliver Stone

"Vice": Kernkompetenz - Playmates befragen

Inzwischen hat das Motherboard-Team seine so genannte Untersuchung veröffentlicht. Darunter als ein Beispiel für angeblich falsche Facebook-Posts von RT Deutsch auch das Snowden-Zitat. Neben zahlreichen kleineren und größeren Fehlern im Text ("RT Today") belegt Motherboard unsere angebliche Fehlerhaftigkeit noch mit weiteren Beispielen, die nach allem professionellen Dafürhalten vollkommen in Ordnung sind. Also folgt ein Hinweis an die Redaktion, dass wir ihnen die Recherche-Arbeit abgenommen haben und Oliver Stone bestätigt hat, dass das Zitat tatsächlich von Snowden stammt.

Quelle: Screenshot Motherboard Vice

Keine Reaktion bei der Senior Editor. Bis heute keine Richtigstellung. Warum ist dieses Beispiel wichtig? Weil die anderen drei Belege für angeblich falsche Facebook-Posts noch schwachsinniger sind als die behauptete Fehlerhaftigkeit des Snowden-Zitats. Aber das Ziel dieser Fake-Untersuchung [sic!] war es anscheinend, eine übersichtliche Grafik zu veröffentlichen, aus der hervorgeht, dass Vice ("10 Fragen an ein Playmate, die du dich niemals trauen würdest zu stellen") fast immer die "Wahrheit" postet, und andere nicht. 

Dumm nur, dass die kleine Stichprobe von vier Beispielen zu 100 Prozent in Ordnung ist. Mit dem Zahlenverstand und der Logik von Theresa Locker müsste man nun hochrechnen: 100 Prozent der Facebook-Posts von RT Deutsch entsprechen immer der Wahrheit. Aber zum Glück macht Theresa Locker nicht nur keine Anstalten, redaktionelle Fehler auszubessern. Sie ist sich auch nicht dessen bewusst, dass ihre analytischen und statistischen Grundkenntnisse völlig unzureichend sind.

Die Wähler und ihr Waldheim-Syndrom

Deshalb hat sie sich gleich noch einmal zu einer Statistik geäußert: Sie glaubt nämlich, dass die Wahltagsbefragung von Infratest Dimap (Stichprobe 100.000 Personen) "ziemlicher Quatsch" ist. Besonders die Frage 13 hat es ihr angetan ("Welche Partei haben Sie bei der letzten Bundestagswahl im September 2013 gewählt?"). Auf dieser Grundlage berechnet Infratest Dimap nämlich die Wählerwanderung. Warum die Zahlen zur Wählerwanderung ziemlicher Quatsch sind?

Kannst du dich noch daran erinnern, was du vor vier Jahren gewählt hast? Wenn dir das schwerfällt, bist du nicht alleine.

Trotz ihrer beschränkten Erinnerungsfähigkeit hat Theresa Locker es zum Senior Editor geschafft. Vielleicht hat sie unserere Mails auch vergessen? Eine Erklärung für diesen Trugschluss sei die "kognitive Harmonie", argumentiert Locker in Bezug auf mangelnde Erinnerungsfähigkeit. Das bedeutet, dass die Befragten versuchen, das eigene Verhalten auch im Bezug auf die Vergangenheit möglichst schlüssig zu erklären. Hoffentlich erinnert sich die Frau Senior Editor überhaupt noch an ihren Artikel, auch wenn sie im Nachhinein erkannt hat, dass er ziemlicher Quatsch ist.