Schweden: Neo-Nazis dürfen an jüdischem Feiertag vor Stockholmer Synagoge aufmarschieren

Schweden: Neo-Nazis dürfen an jüdischem Feiertag vor Stockholmer Synagoge aufmarschieren
Die Synagoge in Stockholm wurde zwischen 1867 und 1870 erbaut.
Erinnerungen an den Nationalsozialismus werden in schwedisch-jüdischen Gemeinden wach: Damals wie heute marschieren Nationalsozialisten an hohen jüdischen Feiertagen auf, um sich gegen das Judentum zu bekennen - an Jom Kippur vor der Stockholmer Synagoge.

"Jom Kippur", der Tag der Sühne im jüdischen Glauben, ist auch als Versöhnungstag bekannt. Je nachdem, was der jüdische Kalender aussagt, wird er im September oder Oktober begangen. Die Gläubigen fasten und beten. In diesem Jahr wollen allerdings Neo-Nazis an diesem hohen Feiertag die Ruhe der Juden in der schwedischen Hauptstadt und ihren Weg zur Versöhnung durch einen Aufmarsch stören.

Aron Verständig, der Leiter des Offiziellen Komitees der jüdischen Gemeinden Schwedens, und Allan Stutzinksy, der Leiter der Jüdischen Gemeinde Göteborg, drücken ihren Unmut über den Neonazi-Aufmarsch vor der Stockholmer Synagoge aus: 

Während des Holocausts war es für deutsche Nazis üblich, ihre furchtbaren Verbrechen während der wichtigsten Tage des jüdischen Kalenders zu begehen. Abseits unserer Angst um die eigene Sicherheit kommen unschöne Assoziationen für uns Juden hoch. 

Das zerstörte Gebäude in Växjö am Morgen nach dem Brand, 17. Mai 2017.

Es geht um den Aufmarsch der "Nordic Resistance Bewegung" (auch als Nordfront, oder Nordic Front bekannt). Verständig ist nicht gegen ein generelles Demonstrationsverbot, dies teilte er dem schwedischen Radio mit: 

Wir sind definitiv nicht gegen die Demonstration selbst. Das Problem ist: Wenn dies so nah an der Synagoge passiert, führt dies zu sehr viel Sorge unter den Mitgliedern der Gemeinschaft und es erweist sich als ein Sicherheitsrisiko. 

Die Neutralität Schwedens im Zweiten Weltkrieg bot einigen Juden Schutz, aber dennoch galt ein strenges Einwanderungsgesetz für Juden, die nach Schweden wollten. Es gibt keine genaue Statistik zur derzeitigen Zahl der jüdischen Bevölkerung in Schweden, da keine ethnische Registrierung besteht.

Schätzungen gehen von rund 20.000 Juden aus. Insbesondere in Stockholm gibt es noch ein wahrnehmbares kulturelles Leben der jüdischen Gemeinde mit einer Vorschule, einem Kindergarten, einer Bibliothek und einer jüdischen Zeitung, die alle zwei Monate erscheint. Hinzu kommt ein wöchentliches jüdisches Radioprogramm.

Ein kurzer Blick auf die Webseite der Nordfront genügt, um die Einstellung der Neo-Nazi-Gruppe gegenüber dem Judentum festzumachen: 

Nordfront ist eine Nachrichtenseite, die heraussticht und versucht, gegen die alten, oftmals von jüdischer Hand kontrollierten Massenmedien-Imperien anzugehen. Wir haben jeden Monat über 300.000 einzigartige Leser und wachsen stetig. 

Die Gruppierung konzentriert sich auf die nordischen Länder. Es geht den Mitgliedern um das "Überleben ihrer Rasse", welche sie durch Zuwanderung gefährdet sieht. Neben den neonationalsozialistischen Gruppen sind es auch antisemitische Übergriffe mit radikal-islamischem Hintergrund und ein gesellschaftlich vielfach akzeptierter linker Antisemitismus, der bis in die hohe Politik reicht, die innerhalb der jüdischen Bevölkerung Schwedens Unsicherheit hinsichtlich ihrer Zukunftsaussichten auslösen.