Jagd auf Nazi-Kriegsverbrecher: Mossad veröffentlicht Akten über seine Suche nach Mengele

Jagd auf Nazi-Kriegsverbrecher: Mossad veröffentlicht Akten über seine Suche nach Mengele
Über Jahrzehnte hinweg suchte Israels Auslandsgeheimdienst nach dem flüchtigen KZ-Arzt Josef Mengele. Zweimal soll Mossad die Chance gehabt haben, zuzugreifen. Beide Male scheiterte die Festnahme jedoch an internen widrigen Umständen.

Der israelische Auslandsgeheimdienst Mossad wird die Akten über seine jahrzehntelange Suche nach dem mutmaßlichen NS-Kriegsverbrecher Josef Mengele der Öffentlichkeit zugänglich machen. Das berichtet das Nachrichtenportal Arutz Sheva. Auf diese Weise wird erstmals ein breites Publikum die Möglichkeit erlangen, Einsicht zu nehmen in Details der Jagd israelischer Sicherheitsdienste auf den berüchtigten "Todesengel".

Mengele war nach derzeit gesichertem Stand der Geschichtsschreibung innerhalb des nationalsozialistischen Konzentrationslagersystems unter anderem damit befasst, dort eingelieferte Gefangene - vorwiegend Juden - in unterschiedliche Kategorien zu selektieren. Einige davon, hauptsächlich Kinder, wählte er aus, um an ihnen sadistische "medizinische" Experimente zu vollführen, andere zur Zwangsarbeit, die Übrigen bestimmte er zur Ermordung in den Gaskammern von Auschwitz oder anderen Vernichtungslagern.

Das Gebäude im nordargentinischen Nationalpark Teyú Cuaré. 9. März 2015

Die große Bedeutung Mengeles im Massenmordsystem der Nationalsozialisten und seine Prominenz machten ihn zu einem Hauptziel für Bestrebungen des Mossad, ihn aufzuspüren und vor Gericht zu stellen. Auch nachdem es Israels Auslandsgeheimdienst gelungen war, mit dem bekannten SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann 1960 in Buenos Aires eine der Schlüsselfiguren der europäischen Judenvernichtung während des Zweiten Weltkriegs zu fassen, hielt Jerusalem daran fest, auch den in Günzburg geborenen KZ-Arzt seinem irdischen Richter vorzuführen.

Die Zeitung Jedi'ot Acharonot hat am Freitag erste Details der bislang geheim gehaltenen, so genannten Meltzer-Akte des Mossad veröffentlicht. Diese enthält Dokumente, Bilder und Kartenmaterial, das bis in die 1950er Jahre zurückreicht und von den vielfältigen Bemühungen kündet, den mutmaßlichen Massenmörder dingfest zu machen.

Deutsche Botschaft stellte Mengele noch 1956 einen Reisepass aus

Mengele, der Auschwitz kurz vor der Befreiung des Todeslagers durch die Rote Armee verlassen hatte, hat sich nach Kriegsende offenbar auf den Namen Dr. Josef Memling lautende, falsche Papiere besorgt und sich in Deutschland als gewöhnlicher Kriegsgefangener getarnt. Nach drei Jahren des Untertauchens setzte er sich mithilfe eines Netzwerks aus ehemaligen SS-Angehörigen mit Kontakten zum Internationalen Roten Kreuz nach Südamerika ab, wo er unter anderem in Argentinien als Abtreibungsarzt praktizierte.

Erstmals auf seinen möglichen Aufenthaltsort aufmerksam wurden Behörden und Nachrichtendienste Mitte der 1950er Jahre, als der mutmaßliche Kriegsverbrecher im Zusammenhang mit einer Heirat bei der deutschen Botschaft in Buenos Aires Ausweispapiere auf seinen echten Namen beantragte. Da in Deutschland kein Haftbefehl gegen ihn vorlag und die zuständigen Behörden es verabsäumten, die Liste der international gesuchten Kriegsverbrecher zu checken, erhielt er 1956 einen deutschen Reisepass. Im gleichen soll er sogar noch einmal über New York und Genf nach Europa eingereist sein, um seine spätere Ehefrau Martha in Engelberg zu treffen und seine Geburtsstadt Günzburg noch einmal zu besuchen.

Japanischer Finanzminister Taro Aso, Bari, Italien, 12. Mai 2017

Erst Ende der 1950er Jahre leitete die Staatsanwaltschaft Memmingen Ermittlungen gegen Mengele ein, nachdem ein anonymer Leser auf einen Fortsetzungsroman des Schriftstellers Ernst Schnabel in den Ulmer Nachrichten, in dem der KZ-Arzt Erwähnung fand, der Redaktion mitteilte, in Günzburg wären mehrere Personen über dessen Aufenthalt informiert. Die Redaktion leitete das Schreiben an Schnabel weiter, dieser übergab es der Staatsanwaltschaft. Im Februar 1959 erließ die Staatsanwaltschaft Freiburg im Breisgau einen Haftbefehl.

Der Mossad hatte unterdessen bereits seinerseits Suchmannschaften ausgesandt, um Mengeles habhaft zu werden, der mittlerweile seinen Aufenthaltsort nach Paraguay verlegt hatte. Der Auftrag lautete, ihn aufzuspüren und gefangen zu nehmen – oder, sollte dies nicht zu einem vertretbaren Aufwand gelingen, ihn zu liquidieren. Mit dem ehemaligen SS-Obersturmbannführer und Mastermind der Judenvernichtung in Europa, Adolf Eichmann, konnte Israels Auslandsgeheimdienst 1960 jedoch eine noch einflussreichere Persönlichkeit der NS-Ära festsetzen und in Israel vor Gericht stellen.

Operation gegen Eichmann ließ Mengele hellhörig werden

Die Eichmann-Entführung ließ Mengele jedoch hellhörig werden. Obwohl er als "José Mengele" 1959 die paraguayische Staatsbürgerschaft erlangen konnte, die das Land ihm 20 Jahre später wieder entzog, wurde ihm der Boden unter den Füßen dort zu heiß und er flüchtete mit einem falschen brasilianischen Pass, der auf "Peter Hochbichler" lautete, Mitte Oktober 1960 nach Brasilien.

Dem Mossad soll es dennoch mehrfach gelungen sein, seine Fährte aufzunehmen und Fluchthelfer zu identifizieren. Der frühere Geheimagent und Minister Rafi Eitan erklärte 2008 in einem Gespräch mit dem "Spiegel", es habe im Frühjahr 1960 einen Hinweis gegeben, wonach sich Mengele in Buenos Aires aufhalte, und die Adresse, von der die Rede war, habe gestimmt.

Quelle: Russisches Verteidigungsministerium

Allerdings sei Eichmann zu diesem Zeitpunkt bereits festgenommen gewesen und das aus nur elf Personen bestehende Kommando musste diesen bis zu seinem Abflug in einem Gebäude versteckt halten und beaufsichtigen. Der damalige Mossad-Chef Isser Harel soll angeordnet haben, auch Mengele zu fassen und im gleichen Flugzeug nach Israel zu bringen. Eitan jedoch lehnte dieses Vorgehen ab, da die Kapazitäten nicht ausreichten, um beide Festnahmen durchzuführen und das Manöver die Eichmann-Operation gefährdet hätte. Außerdem hatte Eichmann in der Zwischenzeit die Adresse wieder verlassen und war nicht mehr dorthin zurückgekehrt.

Im Jahr 1962 soll sich der Meltzer-Akte zufolge noch einmal eine Möglichkeit geboten haben, Mengele zu fassen. Der Mossad-Agent Zvi Aharoni und dessen Team sollen einen Hinweis erhalten haben, wonach eine Person, die Mengele ähnele, sich in einer abgelegenen Gegend nahe São Paulo aufhielt.

Fahndung mithilfe von Abhörwanzen und Honigfalle

Die Information erwies sich als zutreffend, diesmal verweigerte jedoch die Zentrale des Mossad den Zugriff, da eine Vielzahl an gleichzeitig erforderlichen Maßnahmen im Nahen Osten so viele Kräfte band, dass eine weitere Kommandoaktion zu diesem Zeitpunkt nicht stattfinden konnte. Als die Kapazitäten eine solche Maßnahme wieder erlaubten, war Mengele allerdings schon wieder verschwunden.

In den darauffolgenden Jahrzehnten gab es zwar weiterhin Bemühungen, den berüchtigten KZ-Arzt aufzuspüren, aber erst Anfang der 1980er Jahre wurden diese wieder mit einem größeren Nachdruck verfolgt. Zuvor war mit Benjamin Rotem nur ein einziger Agent mit der Aufgabe betraut. Im 1986 erschienenen Buch "Mengele: The Complete Story" berichteten Gerald L. Posner, Michael Berenbaum und John Ware über Budgetengpässe, widrige außenpolitische Umstände und weitere Schwierigkeiten, die einer erfolgreichen Suche im Wege standen.

Wie aus den nun veröffentlichten Akten hervorgeht, sollen die Nachrichtendienstmitarbeiter von 1983 an versucht haben, über Mengeles Sohn Rolf, der in West-Berlin lebte, an Informationen über dessen Vater heranzukommen.

Dabei sollen Agenten bei mehreren Gelegenheiten in Räumlichkeiten des Sohnes eingebrochen sein und Dokumente gesichtet haben, Abhörgeräte eingesetzt und sogar eine "Honigfalle" auf diesen angesetzt haben, in der Hoffnung, so den aktuellen Aufenthalt des Gesuchten eruieren zu können. Da beide an einem 16. März Geburtstag hatten, hoffte man, dass Rolf und Josef Mengele an diesem Tag ein Telefongespräch miteinander führen würden, das eine Ortung des ehemaligen Nazi-Schergen ermöglicht hätte.

Bis zum Schluss unbelehrbar

Die Bemühungen kamen jedoch zu spät. Zu diesem Zeitpunkt war Josef Mengele bereits verstorben. Im Jahr 1985 konnten Behörden bestätigen, dass der berüchtigte KZ-Arzt, der zuletzt unter dem Namen "Wolfgang Gerhard" in der Nähe von São Paulo gelebt hatte, dort auch 1979 bei einem Badeunfall ums Leben gekommen war. Sein Leichnam wurde anschließend ebenfalls unter einem falschen Namen bestattet. Mengele soll seinen Tagebuchaufzeichnungen zufolge bis zuletzt überzeugter Nationalsozialist gewesen sein und keinerlei Anflug von Reue gezeigt haben.

Nachdem eine DNA-Probe und die Aussage seines Sohnes die Identität des 1985 entdeckten Leichnams als die Josef Mengeles klären konnten, wurden seine exhumierten Überreste über 30 Jahre lang an der Universität São Paulo gelagert. Die Familie beantragte keine Herausgabe des Leichnams. Professor Dr. Daniel Romero Muniz, der diesbezüglich auch einen gerichtlichen Prozess gewonnen hatte, erklärte im März dieses Jahres, die Überreste zu Zwecken medizinischer Forschung zu spenden.