Das Duett der Kandidaten: Warum der Merkel-Schulz-Auftritt doppelt unsinnig war

Das Duett der Kandidaten: Warum der Merkel-Schulz-Auftritt doppelt unsinnig war
Angela Merkel auf allen Bildschirmen: Das TV-Duell zwischen Martin Schulz und der Kanzlerin in Berlin, Adlershof, 3. September 2017.
Weder braucht das politische System in Deutschland eine Inszenierung von Spitzenkandidaten aus den beiden stärksten Parteien. Noch ist es informativ, zwei Vertreter einer großen Koalition vor die Kameras zu stellen. Das TV-Duell in der ARD kann abgeschafft werden.

von Malte Daniljuk

Die letzten Umfragen von Infratest und INSA zeigen deutlich, dass es aktuell nur eine Koalitionsmöglichkeit gibt: die Große Koalition. Weder Rot-Rot-Grün (zusammen 43,5 Prozent) noch verschiedene Kombinationen der CDU (37) mit den Grünen (6,5) oder der FDP (8) haben eine sichere Aussicht auf eine Mehrheit im nächsten Parlament. Zumindest eine Regierungskoalition aus zwei Parteien scheint ausgeschlossen zu sein, solange sie nicht SPD und CDU heißen.

Entsprechend verhielten sich die Spitzenkandidaten im gestrigen TV-Duell. Angela Merkel und SPD-Spitzenkandidat Schulz fanden über 90 Minuten lang unzählige Möglichkeiten, genau das Gleiche zu sagen. Für Sprachwissenschaftler mag die Debatte daher einigen Unterhaltungswert gehabt haben, einfach weil Aussagen mit gleichem Inhalt, aber unterschiedlichem Ausdruck ein einschlägiges Forschungsfeld der Linguistik darstellen.

Merkel und Schulz lieferten sich ein Duell der Synonyme. Die Dramaturgie hatte diesen Umstand vermutlich vorhergesehen, was angesichts von acht Jahren geteilter Regierungsverantwortung in den Kabinetten Merkel 1 und 3 auch keine Kunst ist. Daher hatten die Moderatoren noch eine Schnellfragerunde vorgesehen. Hier sollten die Berufspolitiker, ohne groß nachzudenken, einfach mit Ja oder Nein antworten. Und tatsächlich gelang es mithilfe dieser Methode, in einer Frage einen Dissens unter den beiden zu provozieren: Schulz sprach sich für das Wahlrecht ab 16 aus, die Kanzlerin dagegen.

Ansonsten bedankten die Spitzenkandidaten der Großen Koalition sich artig beieinander, wenn sie vom Anderen eine gelungene rhetorische Vorlage bekamen. Beide nickten verständnisvoll wissend, wenn der jeweils andere sprach. Noch während der Debatte twitterte Nicola Beer, die Generalsekretärin der FDP, es handle sich eher um ein Duett denn um ein Duell.

Wenig überraschend konzentrierte sich die mediale Besprechung deshalb eher auf die Haltungsnoten innerhalb einer zwangsläufig großen Koalition. Merkel sei eher „defensiv“ gewesen, Schulz „angriffslustiger“, so der Tenor. Das eigentliche Problem brachte vielleicht die Stuttgarter Zeitung am ehrlichsten auf den Punkt, wenn sie in ihrer Nachbesprechung die Inhalte kurzerhand zur Nebensache erklärt:

Aber interessant ist ja nicht nur das ,Was', sondern auch das ,Wie'. Argumente brauchen Worte. Wie also haben die beiden Profis geredet, wie haben sie die Sprache eingesetzt, wie war die Rhetorik?“

Medien- und Kommunikationswissenschaftler stehen dem Format aus genau diesem Grund ohnehin skeptisch gegenüber. Selbst wenn sich die politischen Positionen nicht derartig zur Mitte hin verdichten, wie es in Deutschland gegenwärtig der Fall ist, tendieren TV-Duelle zwischen den Spitzenkandidaten dahin, den Wahlkampf zu entpolitisieren und auf Formfragen zu fokussieren.

Beim TV-Duell begegneten sich Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihr Herausforderer Martin Schulz.

Der Soziologe Bernd Gäbler, Professor für Medienwissenschaften und ehemaliger Leiter des Grimme-Instituts, kritisierte die gestrige Veranstaltung denn auch mit deutlichen Worten.

Die Sendung war mehr Parallelslalom als Duell“, so Gäbler. „In diesem Nebeneinander demonstrierten die Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihr Herausforderer Martin Schulz inhaltlich eigentlich nur, dass eine Große Koalition jederzeit wieder möglich ist.“

Es ist noch gar nicht lange her, da kam ein Bundestagswahlkampf auch ohne ein sogenanntes TV-Duell aus. Außer den Fernsehanstalten schien eine solche Veranstaltung auch niemandem zu fehlen. Noch im Jahr 1980 lehnte laut Emnid eine Mehrheit der Bundesbürger eine Zwei-Mann-Show vor laufenden Kameras ab. In den USA handelt es sich hingegen seit Jahrzehnten um die wichtigste Zeremonie im Präsidentschaftswahlkampf.

Die dortigen Parteien können auf einen „Horse Race“-Effekt setzen, weil der Präsident direkt gewählt wird. Deshalb ist dort, wie auch in anderen präsidialen Systemen, die Berichterstattung auf einen Wettkampf zwischen zwei Kandidaten ausgerichtet. So gestaltete es sich ganz typisch, dass Claus Strunz mit der Frage an Martin Schulz einstieg, wie er sich seine sinkenden Umfragewerte erkläre.

Sympathiewerte statt Inhalte, Haltungsnoten statt fachlicher Bewertung

In einem Horse-Race-Wahlkampf können Journalisten ihr Publikum mit täglich neuen Umfragen unterhalten. Die Kopf-an-Kopf-Inszenierung bestimmt die politische Kultur in den USA derartig, dass sich entfernte Beobachter teilweise unsicher sind, für welche Partei der betreffende Kandidat überhaupt startet. Dass dieses Modell sich inzwischen auch in Deutschland durchgesetzt hat, entspricht aber weder dem politischen System noch ist es anderweitig sinnvoll.

Bekanntlich handelt es sich bei dem politischen Modell Deutschlands um eine auf Parteien ausgerichtete Demokratie. Die Bürger wählen den Direktkandidaten aus ihrem Wahlkreis und geben eine weitere Stimme für eine Partei ihrer Wahl. Erst wenn eine der Parteien eine Mehrheit an Abgeordneten ins Reichstagsgebäude bringt, kann sie ihren Spitzenkandidaten für die Wahl zum Kanzler oder der Kanzlerin aufstellen.

Gewählt wird dieses Amt jedoch von den Abgeordneten. Insofern erschien es den Parteien über viele Jahrzehnte vollkommen unsinnig, einen medialen Gladiatorenkampf zu inszenieren. Die begründete Befürchtung lautete, dass die Journalisten stärker auf politikferne Eigenschaften der Kandidaten abstellen - Sympathiewerte ersetzen Inhalte, die Haltungsnoten übertrumpfen die fachliche Bewertung, der Rennverlauf die Sachthemen.

Beeinflusst vom amerikanischen Stil versuchten über die Jahrzehnte immer wieder einzelne Parteien und deren Kandidaten, vor den Bundestagswahlen ein TV-Duell zu inszenieren. Oft versprachen sich die Wahlkampfstäbe der Herausforderer davon irgendeinen Vorteil. So versuchte Willy Brandt im Jahr 1969 den Amtsinhaber Kurt Georg Kiesinger zu einer Debatte im ZDF zu überreden.

(von links nach rechts:) Claus Strunz (SAT.1), Sandra Maischberger (Das Erste),  Maybrit Illner (ZDF) und  Peter Kloeppel (RTL)

Kiesinger, historisch bekannt für seine ehemalige Mitgliedschaft in der NSDAP, lehnte mit der einigermaßen sachfremden Begründung ab, es stehe dem Kanzler der Bundesrepublik „nicht gut an, sich auf ein Stühlchen zu setzen und zu warten, bis ihm das Wort erteilt wird“.

Bei den nächsten Wahlen im Jahr 1972, nun hieß der Amtsinhaber Willy Brandt, begründete der SPD-Mann bereits etwas kompetenter, warum er nun nicht mehr für ein Format zu Verfügung steht, das er vier Jahre zuvor selbst gefordert hatte: „Es geht nicht um eine Kanzlerwahl, sondern um eine Bundestagswahl“, beschied er dem Herausforderer Rainer Barzel.

Die kurze Geschichte vom deutschen TV-Duell

Bis sich dieses Format endgültig durchgesetzte, dauerte es noch 30 Jahre. Erst im Bundestagswahlkampf des Jahres 2002 kam es schließlich zu einem „Duell“ zwischen Gerhard Schröder und Edmund Stoiber. Der SPD-Mann hatte zum einen bereits Erfahrungen mit TV-Duellen im niedersächsischen Landtagswahlkampf. Zum anderen konnte er sicher davon ausgehen, dass er gegenüber seinem Herausforderer bessere Stilnoten bekommen würde, da Stoiber nicht nur allgemein geringere Sympathiewerte aufweisen konnte, sondern bereits mit dem mündlichen Hochdeutsch seine Probleme hat.

Die Verteidiger von TV-Duellen in den Medienanstalten argumentieren hingegen, dass sie den Wahlkampf lebhafter gestalten und auch zu Menschen bringen, die sich für das politische Programm weniger interessieren. Allerdings lässt sich bisher keine Form von politischer Aktivierung durch diese Form von Wahlkampfritual feststellen. Die Wahlbeteiligung sank auch in den vergangenen 15 Jahren kontinuierlich weiter, obwohl die meisten Parteien inzwischen stärker auf personalisierten Wahlkampf und ausgefeilte Medienstrategien setzen.

Einfluss darauf hatte die Arbeit von Professor Frank Brettschneider. Er hatte in den 1990er Jahren untersucht, wie die Wahlkämpfe in den USA und Großbritannien sich immer stärker auf die Person des Spitzenkandidaten fokussierten. Sein Ergebnis: Wenn für die Wähler kaum Unterschiede in den Programmen der Parteien zu erkennen sind, orientieren sie sich stärker an den Kandidaten. Allerdings, so Brettschneiders Ergebnis damals, spielen dabei auch die politiknahen Eigenschaften eine Rolle, etwa die wahrgenommene Führungsqualität, die Vertrauenswürdigkeit oder die Entscheidungsfreude. 

Eine Aussage bestätigte Brettschneiders Forschung aber schon damals: Die Personalisierung des Wahlkampfes wurde bereits in den 1990er Jahren von Medien und Journalisten vorangetrieben, die immer stärker über Personen statt über Themen berichten. Im aktuellen Wahlkampf wird das jedoch kaum eine Auswirkung haben, so der Professor an der Universität Hohenheim heute morgen nach dem Duell

Wahrscheinlich werden wir in einer Woche nicht mehr groß darüber reden. Da gab es viele Gemeinsamkeiten und wenige Unterschiede. Solche TV-Duelle haben aber nur dann einen Einfluss auf Wahlen, wenn Unterschiede wirklich deutlich werden, wenn etwas gesagt wird, das auch in den folgenden Tagen in der Anschlusskommunikation immer wieder wiederholt wird.“

In Vorbereitung auf das „kleine TV-Duell“, in dem sich heute Abend die Spitzenkandidaten von den Linken, der AfD, den Grünen und der FDP treffen, hat jedenfalls schon ein Kandidat für eine mögliche Anschlusskommunikation gesorgt: Cem Özdemir, Parteichef und Spitzenkandidat der Grünen, regte ernsthaft an, sich die USA zum Vorbild zu nehmen. Dort, so behauptete Özdemir, gebe es immerhin gemeinsame Streitgespräche zwischen allen Kandidaten, also auch aus den kleineren Parteien. Natürlich ist das Unsinn.

Weil in den USA die Kandidaten der kleineren Parteien überhaupt keine Rolle spielen, hatte Russia Today International in den vergangenen Wahlkämpfen deren Debatten übertragen. So fand etwa Jill Stein, die Kandidatin der amerikanischen Grünen, ausschließlich bei RT ausführlich Platz für ihr Programm. Entweder Cem Özdemir wollte sich mit seiner Bemerkung als RT-Fan zu erkennen geben, oder er hat einfach CNN mit RT verwechselt. Das „kleine TV-Duell“ überträgt die ARD heute, ebenfalls um 20.15 Uhr. 

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