Nicht patriotisch genug? Hollywood erlebt Fiasko auf amerikanischem Heimatmarkt

Nicht patriotisch genug? Hollywood erlebt Fiasko auf amerikanischem Heimatmarkt
Die Einnahmen an den Kinokassen fielen dieses Jahr in den warmen Monaten gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres um ganze 16 Prozent.
Während die Hollywood-Produktionen des Sommers auf den internationalen Märkten stabile Ergebnisse erzielten, kämpfen die Filmbosse in den USA selbst mit einem deutlichen Publikumsrückgang. Kritiker attestieren Hollywood fehlende Bodenständigkeit.

von Reinhard Werner

Der Prophet zählt nichts im eigenen Land, heißt ein dem Matthäusevangelium nachempfundener Spruch des Volksmundes. Die Filmindustrie in Hollywood scheint die Aktualität dieses Bonmots zunehmend am eigenen Leibe zu verspüren.

Während die Erfolgsbilanz aktueller Filmproduktionen aus der Traumfabrik auf dem internationalen Markt stabil ist und die Exporte von US-Produktionen in alle Welt ungebrochen florieren, ist dem Magazin Hollywood Reporter der US-Unterhaltungsindustrie zunehmend der heimische Markt weggebrochen.

Die Einspielbilanz des Sommers vor dem bevorstehenden Labor-Day-Wochenende fällt für die Filmbosse in Hollywood höchst durchwachsen aus. Die Einnahmen an den Kinokassen fielen in den warmen Monaten gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres um satte 16 Prozent. Dies stellt den deutlichsten Rückgang an Publikumsinteresse überhaupt während der letzten Jahrzehnte dar – und das, obwohl es bereits 2014 einen Rekordrückgang von 14,6 Prozent gegeben hatte. Erstmals seit 2006 erreichen die Gesamteinnahmen aus Hollywood-Produktionen nicht die Vier-Milliarden-Dollar-Marke.

Macht Hollywood keine Filme mehr für Amerikaner?

Obwohl sich unter den Filmstarts auch durchaus namhafte Produktionen wie "Fluch der Karibik: Salazars Rache", "Transformers: The Last Knight" oder "Der dunkle Turm" befanden, schafften es nur wenige Produktion der größeren Studios, zufriedenstellende Ergebnisse einzufahren. Dabei handelte es sich meist um Familienfilme wie Boss Baby, Ich – Einfach unverbesserlich 3, Actionfilme wie Wonder Woman oder Kriegsfilme wie Dunkirk: Die Schlacht von Dünkirchen.

Der konservative Kolumnist Ben Shapiro meint in der Entwicklung einige Tendenzen erkannt zu haben, die sich über die Jahre verfestigt hätten - und dass Hollywood, abseits von familientauglichen Comicfilmen, die den kleinsten gemeinsamen Nenner für alle erreichbaren Publikumssegmente darstellen, "keine Filme mehr für Amerikaner" macht.

Oliver Stone bei einem Photocall zur Präsentation seines Films

Tatsächlich deutet vieles darauf hin, dass die politischen Entwicklungen in den USA sich in unvorteilhafter Weise sowohl auf die Stoffauswahl als auch auf die Erfolge von Hollywood-Produktionen in den jeweiligen Zielmärkten auswirken.

Hollywood gilt in den USA und weltweit als eine Hochburg liberalen Denkens, bekannte Schauspieler hatten sich regelmäßig kritisch über die Politik des früheren US-Präsidenten George W. Bush geäußert und tun dies umso mehr jetzt über jene von Präsident Donald Trump. Die Leitthemen des liberalen politischen Diskurses vom Klimawandel über die "Homo-Ehe" bis hin zu vermeintlichem oder tatsächlichem Rassenhass finden sich immer stärker in den Filmhandlungen wieder.

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In den US-amerikanischen Großstädten und in den Hochburgen der Demokraten, vor allem aber in Kanada und Westeuropa scheint diese Form des Haltungskinos auch auf hohe Resonanz zu stoßen. So hat der als Tabubruch betrachtete, Ende 2005 herausgekommene Western "Brokeback Mountain", dessen Helden homosexuelle Cowboys waren, an seinem Premierentag 547.425 US-Dollar allein in fünf Kinos der Städte New York City, Los Angeles und San Francisco eingespielt. Hingegen teilte sich das Gesamt-Einspielergebnis auf mehr als 83 Millionen US-Dollar in ganz Nordamerika, aber 95 Millionen im Ausland, darunter Europa.

"American Sniper": In den USA hui, in Europa pfui

Gänzlich anders die Relationen beim 2014 erschienenen Film "American Sniper" über einen US-amerikanischen Scharfschützen im Irak. Bei einem Budget von ganzen 58 Millionen US-Dollar spielte die von Kritikern des "Militarismus" geziehene Produktion weltweit 547,1 Millionen US-Dollar ein. Damit übertraf der Streifen trotz seiner Altersbeschränkung sogar weltweite Publikumserfolge wie "Hunger Games – Mockingjay Part I" und konnte damit an frühere erfolgreiche Kriegsepen wie "Der Soldat James Ryan" anknüpfen.

Allerdings lagen die Einnahmen allein in Nordamerika mit Schwerpunkt USA bei 350 Millionen, während der Eastwood-Film anderswo weltweit nur knapp 200 Millionen einspielen konnte. Zum Vergleich: Mit Stand 29. August liegt das bisherige Einspielergebnis von "Fluch der Karibik: Salazars Rache", dessen bekanntester Protagonist Johnny Depp als besonders prononcierter Trump-Kritiker gilt, in Nordamerika lediglich bei 172,1 Millionen US-Dollar, im Rest der Welt hingegen bei 619,7 Millionen.

Boshaftes Trump-Poster für eine Zirkus ähnliche Show mit Spielen und Aktivitäten für alle Altersklassen in Cleveland, die zeitgleich mit den Parteitagen der Republikaner lief ; Ohio, USA, 17. Juli 2016

Ben Shapiro beklagt in seinem Beitrag, Hollywood hätte einst amerikanische Werte exportiert, mittlerweile exportiert es internationale Werte an ein internationales Publikum. Und er fragt:

"Ist der Mangel an patriotischen Inhalten nun das Ei oder die Henne? Hat Hollywood damit aufgehört, patriotische Produktionen hervorzubringen, weil sie die Einspielergebnisse im Ausland im Blick hatten, oder haben sie aufgehört, patriotische Filme zu machen, zu Hause Marktanteile zu verlieren, und sind deshalb darauf angewiesen, höhere Ergebnisse im Ausland einzufahren?"

Filme gegen Putin als möglicher Strohhalm

Auch religiös-konservative Filmkritikblogs wie decentfilms.com oder die Dove Foundation führen den Ansehensrückgang von Hollywood-Produktionen auf dem heimischen Markt darauf zurück, dass Produktionsfirmen und Schauspieler sich in einer zu einseitigen Weise politisch exponieren und mittlerweile bereits in Kinderfilmen versuchen würden, dem Publikum ihre liberalen Werte aufzuzwingen.

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Nur Familienproduktionen ohne versteckte politische Handreichungen, patriotische Filme und auch Nischenproduktionen für den religiösen Teil der Bevölkerung wie das Ehedrama "Fireproof" würden demnach auch in den USA selbst flächendeckend auf Erfolge zählen können. Diese wiederum würden jedoch im säkular-humanistischen Europa keine adäquaten Einspielergebnisse erwarten lassen.  

Möglicherweise werden Produzenten nun versuchen, zum Zwecke der Schadensbegrenzung auf Stoffe umzusteigen, die den sonst verpönten Appell an den Patriotismus mit eigenem liberalem Sendungsbewusstsein zu verbinden suchen. Filme mit aktuellen Stoffen und Russland als Feindbild scheinen sich diesbezüglich anzubieten. Auf diese Weise ließe sich amerikanische Größe beschwören, während man gleichzeitig dem Publikum progressive Werte unterjubeln könnte.

Dazu gehört bereits im Vorfeld die passende Selbstinszenierung: So wurde der russische Präsident Wladimir Putin aus mindestens zwei bevorstehenden, Kreml-bezogenen Spionage-Thrillern herausgeschnitten. Grund dafür sei die Furcht vor einer möglichen Vergeltung durch "russische Hacker".