Brauchen wir eigentlich Kunst?

Brauchen wir eigentlich Kunst?
Ob Kunst noch eine vitale Funktion in der Gesellschaft ausübt, beschäftigt Kritiker, Künstler und das Publikum gleichermaßen. Eine einfache Antwort darauf gibt es nicht. Das Bild zeigt ein "Untitled" benanntes Bild des 1997 verstorbenen Künstlers Martin Kippenberger.
Die zeitgenössische Kunst sieht sich oft dem Vorwurf ausgesetzt, abgehoben und elitär zu sein. Doch liegt das an der Kunst - oder an dem Publikum? Ein Interview mit der Ethik-Professorin Dagmar Fenner über Kunst, Politik, Tabus und politische Korrektheit.

von Timo Kirez

Prof. Dr. Dagmar Fenner studierte Philosophie und Germanistik in Basel und absolvierte gleichzeitig ein Musikstudium auf dem Kontrabass. Sie spielte in verschiedenen professionellen Orchestern und unterrichtet als Titularprofessorin für Philosophie an den Universitäten Basel und Tübingen. Sie ist zudem Autorin zahlreicher Bücher zu ethischen Themen, die sich an ein größeres Publikum richten. Darunter "Was kann und darf die Kunst" und "Einführung in die Ethik."

Wenn wir uns vorstellen, dass ein seltsamer Virus alle Künstler, die es auf der Welt augenblicklich gibt, auf einen Schlag dahinraffen würde - was würde der Menschheit ohne Kunst fehlen?

Abgesehen vom Zusammenbrechen des Kunstbetriebs und dem Fehlen der Künstler als Privatpersonen im Nahbereich würde man den Verlust wahrscheinlich nicht direkt spüren. Alle anderen institutionellen, gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Prozesse würden ihren gewohnten Gang nehmen, sodass man den Kunstbetrieb gewissermaßen als "nicht systemrelevant" bezeichnen könnte! Der "Verlust" ist subtiler und trifft auf individueller Ebene natürlich diejenigen Menschen am meisten, in deren Leben Kunst eine große Rolle spielt. Was "der Menschheit" insgesamt fehlte, wäre ein Freiraum, in dem Menschen experimentieren, dem monotonen und funktionalen Alltag entkommen können und aus einem Reservoir von verspielten und verqueren Formen, Farben, Tönen und Gedanken neue Kraft und neue Ideen schöpfen können.

Kunst fehlt nicht im direkten und existentiellen Sinn wie Nahrung, Kleidung oder Obdach, aber ihr Wegfall verschließt Möglichkeiten zur kritischen Distanz und Reflexion auf überholte Normen oder Strukturen und eingeschliffene Gewohnheiten. Etwas pathetisch ausgedrückt ginge eine Chance zur Weiterentwicklung der Kultur hin zu reichhaltigeren und komplexeren Welt- und Selbstdeutungen und damit letztlich zur Kultivierung der Menschheit verloren - was natürlich schwer messbar ist!

Wie erklären Sie sich den Vorwurf des "Elitismus" an die Adresse der zeitgenössischen Kunst? Ist er berechtigt? Oder liegt es an dem Publikum?

Faktisch ist sicherlich ein großer Teil der zeitgenössischen Kunst "elitär" in dem Sinne, dass sie nur von wenigen Kennern wirklich verstanden und genoßen werden kann. So sitzt dann beispielsweise in vielen Konzerten mit ausschließlich neuer Musik eine handvoll auserlesener Liebhaber der Szene. In meinem Musikstudium hatte ich einen Komponisten als Theorielehrer, der einmal eines seiner eigenen Werke mit uns analysierte. Wir waren alle platt, was da für eine hochkomplexe ausdividierte Struktur dahintersteckte! Denn beim oberflächlichen Höreindruck nahmen wir nur eine schwer bekömmliche "Kakophonie" wahr. So kommen dann Laien etwa auch angesichts irgendwelcher Kleckse oder monotoner Flächen schnell zum Fehlurteil: "Das könnte ich auch!" oder "Das ist doch keine Kunst!". 

Ich wäre jetzt aber vorsichtig mit normativen Schlüssen und einer pejorativen Deutung des Wörtchens "elitär". Zeitgenössische Kunstwerke sind den Rezipienten im Vergleich zu älteren einfach noch unvertraut und erst spätere Generationen werden damit aufwachsen und einen unmittelbaren Zugang dazu haben. Das war mit den meisten Kunstrichtungen der Vergangenheit genauso. Auch die von uns als "schön" empfundenen Werke des Impressionismus oder Expressionismus lösten zu ihrer Zeit Skandale aus. Künstler sehen es aber natürlich als ihre Aufgabe an, neue Sprachen und Ausdrucksmöglichkeiten zu finden und sich darüber hinaus auch in der Kunstlandschaft zu verorten - was dann zu einer gleichfalls das Verständnis erschwerenden Selbstreferentialität führt. Wenn man denn unbedingt "Schuldige" finden will, dann wäre angesichts dieser Kommunikationsstörung in der Gegenwartskunst am ehesten die Kunstvermittlung in der Pflicht!

Was würden Sie dem 1995 verstorbenen deutschen Dramatiker Heiner Müller erwidern, der einmal gesagt hat, dass Kunst nichts mit Moral zu tun hat?

Kunst hat sicherlich nicht mehr direkt etwas mit Moral zu tun in dem Sinn, als die Kunst sich schon lange von der Aufgabe befreit hat, eine bestimmte gesellschaftlich geltende Moral zur Darstellung zu bringen. Im 18. Jahrhundert haben sich die Künstler von der Kirche und dem Mäzentatentum befreit und mussten keine vorgegebenen Botschaften wie moralische Werte oder Parabeln des Christentums mehr veranschaulichen. Wenn man heute von der "Autonomie der Kunst" als wesentlichem Merkmal der modernen Kunst spricht, meint man genau diese Befreiung von externen Zwecksetzungen.

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Gleichwohl wäre es ein Missverständis daraus zu schließen, eine solche "autonome Kunst" könne oder dürfe überhaupt nichts mehr mit Moral zu tun haben. Denn ein Blick in die Kunstwelt zeigt schnell, dass sich sehr viele Künstler mit moralischen Themen auseinandersetzen und aktuelle, moralisch brisante Themen wie etwa den Umgang mit Flüchtlingen oder auch Umweltprobleme aufgreifen. Typisch für Kunst ist es aber, dass sie anders als philosophische oder religiöse Abhandlungen keine klaren Antworten für moralische Probleme oder gar konkrete Anweisungen für moralisch richtiges Handeln gibt, sondern eher Fragen aufwirft und Probleme veranschaulicht. Eine autonome Kunst kann zwar in Bezug auf Moralvorstellungen oder unmoralische Handlungsweisen in einer Gesellschaft durchaus Stellung beziehen und Misstände aufdecken. Ihre "interne" moralspezifische Funktion ist aber eher eine indirekte, indem sie durch starke Bilder auf Probleme und Konflikte aufmerksam macht bzw. die Menschen dafür sensibilisiert und zum kritischen Mitdenken aufruft.

Kann es Situationen geben, in denen unethisches Verhalten in der Kunst gerechtfertigt sein kann?

Ja, es wird sogar zu Recht als wichtige Aufgabe einer autonomen Kunst angesehen, überkommene Moralvorstellungen zu kritisieren und Tabus zu brechen. Insbesondere literarische Texte werden häufig als "moralische Laboratorien" bezeichnet, weil in ihnen mit moralischen Normen und den Konsequenzen ihrer Befolgung oder Übertretung experimentiert werden kann. Denn grundsätzlich ist es ja so, dass durch sogenannte Als-ob-Handlungen in der fiktiven Welt der Kunst niemand zu Schaden kommt wie in der realen Alltagswirklichkeit: So wird bei einem Mord oder sonstigen Gewaltakt auf der Bühne oder in einem literarischen Text niemand wirklich getötet oder verletzt. Dadurch ist es möglich, künstlerisch die Grenzen des ethisch Erlaubten auszuloten.

Ob ein unethisches Verhalten in der Kunst im Einzelfall tatsächlich ethisch gerechtfertigt ist, hängt letztlich von der "inneren Haltung" des Kunstwerks zu moralisch relevanten Handlungsweisen ab. Bei narrativer Kunstwerken aus dem Bereich Literatur, Theater oder Film lässt es sich oft relativ eindeutig "herauszulesen", welche Einstellungen zu den moralischen Verstößen zur Darstellung gebracht werden. So wird bei einem Gewaltakt durch den weiteren Verlauf des Textes oder der Inszenierung klar, ob die Tat verurteilt wird und beispielsweise die Täter bestraft werden oder ob sie als Sieger hervorgehen und Gewalt somit verherrlicht und als optimale Handlungsstrategie präsentiert wird. Im ersteren Fall können sinnvollerweise geltende moralische Gebote gestützt werden, wohingegen der zweite Fall natürlich aus ethischer Sicht problematisch wäre. 

Der Tabubruch in der Kunst ist mittlerweile fast ein Klischee. Was ist eigentlich die Funktion von Tabus in einer Gesellschaft?

Tatsächlich haben Tabus ihre Funktion und ihre Existenzberechtigung in modernen Gesellschaften eigentlich weitgehend verloren: Das Prinzip des "Tabus" entstammt ursprünglich einem sakralen Kontext und diente in traditionellen Gesellschaften dazu, bestimmte Dinge oder Verhaltensweisen in einen Bereich des absoluten Todschweigens zu verbannen, weil sie eine Bedrohung für das individuelle oder gesellschaftliche Leben darstellten. Tabus markieren also Grenzen dessen, was überhaupt gedacht, gefühlt, gesagt und getan werden darf.

In heutigen offenen und demokratischen Wissensgesellschaften erscheint ein solcher Bewältigungsmechanismus des Ausblendens als unzeitgemäss und kontraproduktiv. Da alles, was die Gemeinschaft betrifft, im öffentlichen Diskurs besprochen und eventuell mit moralischen oder rechtlichen Normen geregelt werden soll, gibt es auch nur noch wenige Tabus wie vielleicht Inzest oder Polygamie. Gerade im Bereich der Sexualität und auch der Gewalt hat die moderne Kunst sicherlich einen großen Beitrag zur Enttabuisierung beigetragen.

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In den 1960er und 1970er Jahren wirkte es so, als ob Tabubrüche noch möglich, und zum Teil sogar auch nötig, waren. Man hatte den Eindruck, dass politische Kunst auf mehr Widerstand traf. Heute hat man oft den Eindruck, dass sich Künstler und Publikum einig sind – trotzdem wird es als politische Kunst deklariert. Ist die sogenannte "politische Korrektheit" ein Fluch oder ein Segen?

Wenn es heute weniger politische Kunst in einem engen Sinn gibt, die also lautstark gegen herrschende gesellschaftliche und politische Verhältnisse protestiert, lässt dies natürlich unterschiedliche Deutungen zu: Im besten Fall bedeutet es, dass sich solche Proteste zu einem großen Teil erübrigt haben, weil in modernen westlichen Demokratien viele grundlegende politische Probleme gelöst sind. Natürlich gibt es weltweit gesehen genügend Menschenrechtsverletzungen, totalitäre Diktaturen und Kriege, gegen die sich eine globale Kunst engagieren kann. Im schlechtesten Fall gibt es eine Schere im Kopf gegenwärtiger Künstler, die sich der Forderung nach "politischer Korrektheit" unterwerfen – sodass diese dann tatsächlich zum Fluch würde.

Zumindest bis zum neuerlichen Aufschwung nationalistisch-faschistischer und rassistischer Tendenzen schien das Projekt Europa tatsächlich eine stabile friedliche Ordnung demokratischer Staaten für die Zukunft zu garantieren. Grundsätzlich kann Kunst aus meiner Sicht aber auch dann als "politisch" deklariert werden, wenn sie einen Konsens der Mehrheitsgesellschaft gegen drohende Erosionen verteidigt oder längst für überwunden gehaltene Fehler der Vergangenheit wachhält. Nachdem Ökokrise, Weltarmut und Migrationsbewegungen längst als politische Aufgaben ins allgemeine Bewusstsein getreten sind, werden vielleicht moralische Streitfragen dringender: so zum Beispiel Fragen nach den Gefahren und Risiken der sich rasant entwickelnden Biotechnologien wie Gentechnik und Hirn-Doping oder die mit den neuen Medien verbundenen Probleme veränderter Meinungsbildungsprozesse angesichts von Trollen oder Shitstorms – wobei diese Fragen natürlich auch eine politische Dimension erreichen können.

Gibt es ethisch gesehen Grenzen, welche die Kunst absolut nicht übertreten darf?

Eine klare Grenze der Kunstfreiheit ist zunächst einmal erreicht bei der Gefährdung von Leben oder Gesundheit der Darsteller oder Rezipienten wie z. B. bei risikoreichen Dreharbeiten, Theater- oder Tanzaufführungen. Man denke an die schweren Unfälle bei den Dreharbeiten zu Werner Herzogs Dschungelepos "Fitzcarraldo". Verwerflich ist meines Erachtens auch die Nutzung von Tieren als Bestandteilen von Kunstwerken, die getötet werden oder großen Schaden erleiden. Berühmt geworden ist Damian Hirsts Kunstwerk mit einem extra für das Kunstwerk gefangenen, getöteten und in Formaldehyd eingelegten Tigerhai. Bis vor Gericht schaffen es häufig Verletzungen von Persönlichkeitsrechten wie die Rechte auf Ehre oder auf Privatsphäre der in Kunstwerken dargestellten und klar identifizierbaren realen Personen. Zu einer juristischen Grundsatzdebatte führte zum Beispiel Klaus Manns Roman "Mephisto".

Problematisch kann auch realistische historische oder dokumentarische Kunst sein, die Fakten und Fiktionen vermischt und den Rezipienten über den Anteil an Realitätsentsprechungen täuscht oder seine Gefühle und Phantasien in eine einseitige Richtung lenkt. Auch in politisch engagierter Kunst können Schriftsteller aufgrund ungenügender Recherche und undifferenzierten Analysen Zusammenhänge falsch darstellen und unnötig provozieren und polarisieren. Grundsätzlich tragen Künstler aus ethischer Sicht die Verantwortung für die Folgen ihrer Werke in der realen Welt und in gewissen Grenzen auch für die Art und Weise ihrer Rezeption.

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