Ich nix verstehen, ich Hipster - CDU-Politiker beklagt englischsprachige Parallelgesellschaft in BRD

Ich nix verstehen, ich Hipster - CDU-Politiker beklagt englischsprachige Parallelgesellschaft in BRD
(Symbolbild). Laut dem CDU-Politiker findet in Deutschland eine "kulturelle Gleichschaltung" statt.
Wenn es nach Jens Spahn geht, droht Deutschland eine weitere Parallelgesellschaft. Der CDU-Politiker warnt vor "elitären Hipstern", die sich von den Normalbürgern abschotten. Das sei nicht "weltoffen", sondern "provinziell." Vor allem Berlin sorgt ihn.

von Timo Kirez

Deutschland hat schon spannendere Wahlkämpfe erlebt. Vermutlich auch unterhaltsamere. Die Umfragewerte geben nichts her. Keine Politskandale erschüttern die Republik. In solch tristen Zeiten haben Nischenthemen Hochkonjunktur. Der CDU-Politiker Jens Spahn geht offenbar gern Essen in Berlin.

Denn ihm ist aufgefallen, dass da etwas nicht stimmt. Gegenüber der Neuen Osnabrücker Zeitung sagte der Parlamentarische Staatssekretär beim Bundesminister für Finanzen: 

Mir geht es zunehmend auf den Zwirn, dass in manchen Berliner Restaurants die Bedienung nur Englisch spricht",

so der 37-jährige Spahn. Und weiter:

Auf so eine Schnapsidee käme in Paris sicher niemand.

Nun kann man darüber spekulieren, welchen Zwirn Spahn trägt, und wo er zu Dinieren pflegt. Eine Currywurst-Bude wird es vermutlich nicht sein. Und dann noch Frankreich als Vorbild – auch das hat man von einem deutschen Politiker schon lange nicht mehr gehört. Nachdem die übliche Welle der Empörung in den sozialen Medien Fahrt aufgenommen hatte, legte Spahn sogar noch einmal nach. In einem Beitrag für die "Zeit" griff der Politiker das Thema noch einmal auf und fügte dem zuvor diagnostizierten gleich noch ein weiteres Bedrohungsszenario hinzu.

"Höfische, elitäre Kultur" am Entstehen

Deutschland droht demnach nicht nur Gefahr von Kellnern - auch Hipster geraten nun in Spahns Wahlkampfvisier. Der Politiker hat sogar eine historische Parallele zum Thema Parallelgesellschaft parat:

Im 18. Jahrhundert wurde an allen europäischen Höfen Französisch gesprochen",

so Spahn in der Zeit. Und er ergänzt:

Versailles und die französische Kultur galten damals als Maß aller Dinge. Die Verwendung der Fremdsprache diente aber auch immer der Distinktion, der bewussten Abgrenzung zu den Unkundigen in den anderen Klassen: Bedienstete, Handwerker und Bauern sprachen kein Französisch. Heute erleben wir in den Biotopen unserer Großstädte eine neue Form dieser höfischen, elitären Kultur.

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Die allgegenwärtige Verwendung des Englischen in deutschen und europäischen Großstädten sei laut Spahn als "das augenfällige Symptom einer bedauerlichen kulturellen Gleichschaltung" zu werten. Spahn sprach tatsächlich von "Gleichschaltung" – zudem kritisierte er die urbanen Milieus in Metropolen wie Berlin, in denen "elitäre Hipster" eine "völlig neue Form der Parallelgesellschaft" darstellen würden:

Wir erleben, wie sich elitäre Hipster gegenüber den Normalbürgern abschotten. Das ist nicht weltoffen, sondern provinziell.

"Provinzielle Selbstverzwergung"

Spahn schreibt weiter: "Es geht mir vor allem um uns Deutsche selbst." Er sieht eine

anbiedernde Bereitschaft, vorschnell und ohne Not die eigene Muttersprache hintanzustellen - selbst in Situationen, wo das gar nicht nötig wäre.

Das bloße Verwenden einer anderen Sprache sei kein Ausweis von Internationalität, sondern zeuge von "provinzieller Selbstverzwergung". Die Opfer der nur Englisch sprechenden elitären Hipster seien die Deutschen, die nicht so gut Englisch könnten, und die Zuwanderer, so Spahn.

Es ist doch absurd: Wir verlangen von Migranten mit Recht, dass sie Deutschkurse absolvieren, um sich zu integrieren. Währenddessen verlegen sich die Großstädte hipsterhaft aufs Englische und schotten sich so von Otto Normalverbraucher ab.

Damit werde nicht Weltoffenheit, sondern eine verschärfte Form des elitär-globalisierten Tourismus gelebt:

Alle, die nicht mithalten können bei der Generation easyJet, bleiben außen vor.

In Berlin habe sich "eine völlig neue Form von Parallelgesellschaft entwickelt: Junge Leute aus aller Welt, die unter sich bleiben". Die von Spahn gescholtenen elitären Hipster werden vermutlich mit seiner Kritik nichts anfangen können. Respektive sie gar nicht erst verstehen, denn sie sprechen, um in der Logik Spahns zu bleiben, kein Deutsch.

Freuen werden sich allerdings die Schwaben in Berlin. Nach jahrzehntelangem Schwaben-Bashing trifft es endlich mal andere.

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