Russland als ewiger Feind: Russophobie als Bestandteil der westlichen Identität

Russland als ewiger Feind: Russophobie als Bestandteil der westlichen Identität
Oleg Borissowitsch Nemenski, geboren 1979, ist Politologe und Historiker.
RT Deutsch sprach mit dem Historiker Oleg Nemenski. Er arbeitet am Institut für Strategische Studien und erforscht die Geschichte der slawischen Völker. Russophobie stellt seiner Meinung nach ein tief verwurzeltes Phänomen dar, das dem Antisemitismus ähnelt.

Herr Nemenski, was ist das – die Russophobie? Welchen Ursprung hat diese Erscheinung?  

Die Russophobie wird in jüngster Zeit besonders oft erwähnt, darunter auch von unseren Politikern. Zu Zeiten der Sowjetunion war es hingegen nicht angebracht, darüber zu sprechen. Das Wort an sich stammt aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Am häufigsten wird darunter bloß eine Abneigung gegenüber den Russen und Russland verstanden.   

Ein voreingenommenes und feindseliges Verhältnis solcher Art ist gang und gäbe zwischen benachbarten Völkern, zumal dann, wenn es sich dabei um große Nationen handelt, die das Schicksal der jeweils anderen – möglicherweise sogar in großer Entfernung lebenden – Ethnien stark beeinflussen. Also scheinen die Russen als eines dieser Völker dazu verdammt zu sein, eine große Menge an Hassern zu haben.

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Es ist aber schwer, das komische Gefühl loszuwerden, dass die Russophobie etwas Besonderes an sich hat – etwas, was über den Rahmen historischer Ansprüche und Vorurteile hinausgeht.             

In den Vorwürfen, die gegen Russland und den Russen immer wieder erhoben werden, gibt es eine gewisse konstante Logik, die nur schwer zu begreifen ist. Aber alle überzeugten Russophoben pflegen sie ziemlich gut zu erfassen. 

Das heißt, wir reden hier über kein übliches Ressentiment, wie es in vielen Bevölkerungsgruppen verbreitet ist?

In alledem scheint keine bloße Abneigung durch, sondern eine regelrechte Ideologie, die sich in der Beschreibung alles Russischen äußert – von Geschichte über Politik und Kultur bis hin zum Alltag und Benehmen jedes einzelnen russischen Bürgers. Hier fällt einem nur eine Parallele ein – die zum Antisemitismus.    

Die letztere Ideologie ist gut untersucht und wir wissen um ihre Wurzeln, wie und wo sie sich im Mittelalter entwickelt und welche Formen sie in anderen Epochen angenommen hat. Ungefähr das Gleiche lässt sich auch im Fall der Russophobie verfolgen. Wie ich es sehe und in meinen Artikeln zu beschreiben versuche, ist die Russophobie im 16. Jahrhundert entstanden. Sie wurde infolge des Livländischen Krieges überwiegend im polnischen Milieu ins Leben gerufen. 

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Bereits zu jener Zeit verfügten die Polen, als sie Anfang des 17. Jahrhunderts nach Moskau kamen, über ein konkretes und einheitliches Instrumentarium von Ideen und Handgriffen, mit denen sie Russland und das russische Volk beschrieben. Das Wesen dieses Bildes änderte sich seitdem fast nicht. Dafür aber verbreitete es sich dank der aktiven Mitwirkung der polnischen Emigration und dank der jeweiligen politischen Umstände, wie z.B. Angst in Großbritannien vor der Eroberung Indiens durch Russland im 19. Jahrhundert, auf die ganze westliche Welt.

Warum soll ausgerechnet Polen ein besonderer Multiplikator sein?  

Das ist nicht verwunderlich, zumal der Westen im Laufe seiner Geschichte die meisten Informationen über Russland und dessen Volk ausgerechnet durch polnische Vermittlung erlangte. Im 19. Jahrhundert wurde die Russophobie wie auch der Antisemitismus aus dem rassistischen Gesichtspunkt heraus überdacht und neu adaptiert.

Eine große Rolle spielten dabei wiederum polnische Autoren wie Franciszek Duchiński, der die Russen einer besonderen uralischen Rasse, den sogenannten Turanern, und nicht den Ostslawen zuordnete. Übrigens war auch der deutsche Nationalsozialismus eine Art Fortsetzung dieser polnischen Tradition. Es lässt sich sogar sagen, dass die Russophobie allmählich zum immanenten Teil der westlichen Identität wurde.

Die Logik hinter der Russophobie basiert auf einer Art Orientalisierung, das heißt auf der traditionellen Beschreibung der östlichen Länder als eines Gegensatzes zum Westen, als eine "Unterzivilisation", die vom Westen etwas lernen soll. Das hat auch der bekannte  Wissenschaftler Edward Said beklagt.

Das bedeutet, die Russophobie entstand analog zum Rassismus gegenüber den von Westeuropa kolonisierten Gebieten, etwa im arabischen Raum?

Diese orientalisierende Auffassung wurde vorherrschend während der Renaissance und des Zeitalters der Entdeckungen. Daher war die Entstehung der Russophobie im Laufe des Livländischen Krieges durchaus logisch und mit dem spezifischen Kulturprozess der westchristlichen Länder verbunden.                 

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So wurde Russland damals eben als Orient abgestempelt, sodass auch die Tradition entstand, es ausschließlich in negativer Weise wahrzunehmen. Aber im Unterscheid zu der arabischen Welt war Russland kein radikales Gegenteil, sondern das verdorbene Spiegelbild: eine christliche, aber ketzerische Zivilisation - so wurde nämlich damals der orthodoxe Glaube empfunden -, ein Erbe des Byzantinischen Reiches, dem der Westen noch im Mittelalter äußerst negativ gegenübergestanden hatte.

Dazu noch lehnte Russland hartnäckig die kirchliche Union ab und sammelte um sich alte russische Lande wie Weißrussland und die Ukraine – das Erbe des Heiligen Fürsten Wladimir, dessen Hälfte bereits Polens Hoheitsgebiet war. Das Ergebnis war, dass man Russland als eine Art Spiegelwelt wahrzunehmen begann – und dessen Stärke als Gefahr für den ganzen Westen.

Hat die Russophobie eine reale Grundlage?

Keine. Die Russophobie hat überhaupt nichts mit der Erforschung Russlands und den realen Kontakten zu dem Land zu tun. Sie ist nur ein negativer Abdruck der westlichen Bedenken: Alles, was der Westen in sich mag, projiziert er in umgekehrter Weise auf Russland. All das hat mit Russland überhaupt nichts zu tun. Es sind nur reine Fantastereien.

Quell und Verantwortlicher aller Probleme des Westens: Wladimir

Es gibt ein reales Russland – und ein Russland, das der Westen sich erdacht hat. Das sind zwei verschiedene Länder. Der Westen beschäftigt sich sehr wenig mit der Erforschung Russlands. Außerdem blockiert er Informationen und kulturelle Kontakte – aus dem einfachen Grund, dass diese das gewohnte Bild Russlands stören, das der Westen als Teil seiner Identität braucht.          

Damit der westliche Mensch sich als solcher empfinden kann, braucht er im Kopf das Bild des ihm entgegengesetzten Ostens. Vor allem handelt es sich dabei um das Bild Russlands. Sollte dieses Bild einmal kaputtgehen, würden mit ihm auch das westliche Selbstbewusstsein und alle darauf fußenden nationalen Ideologien und übernationalen Projekte scheitern.

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Das ist tatsächlich sehr gefährlich. Eben deswegen widersetzt man sich zurzeit so aktiv der Berichterstattung durch die russischen Medien. Der westliche Mensch, der auf Russland anders als üblich blickt, wird zum Dissidenten. Die Gesellschaft findet ihn gefährlich und greift zu Repressalien gegen ihn. Diese Gefahr läuft jeder westliche Mensch, der nach Russland kommt oder ein russisches Buch liest.  

Gewöhnlich folgen darauf zwei grundverschiedene Reaktionen: Entweder man beginnt begeistert das reale Russland für sich zu entdecken, das sehr stark von dem gewohnten Bild abweicht, oder aber man findet immer etwas auszusetzen, damit die gewohnte Denkweise erhalten bleibt.

Einige entwickeln diese Suche nach einem Haar in der Suppe sogar zu ihrer beruflichen Gewohnheit – das trifft insbesondere auf die in Russland arbeitenden westlichen Journalisten zu, die nur darüber schreiben dürfen, was der Redaktionspolitik entspricht. In den meisten Fällen ist das die Anschwärzung Russlands.

Sollten wir gegen die Russophobie kämpfen? 

Natürlich, aber ohne große Hoffnung auf den Sieg. Andererseits war früher im Wesen auch der Antisemitismus Normalität. Nun aber wird er stark tabuisiert. Die wichtigste Waffe in einem solchen Kampf sind die wahren Informationen über die Russen und Russland, die Offenheit des Landes gegenüber dem Tourismus, die Entwicklung persönlicher Kontakte sowie eine proaktive Informations- und Aufklärungstätigkeit.

Man sollte natürlich aber auch auf dem Rechtsweg vorgehen – und zwar gegen die Lügen über Russland, die im Westen bereits als guter Ton gelten. Das betrifft auch die Arbeit in internationalen Organisationen.

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Wie sind der Antiputinismus und die Russophobie miteinander verbunden? 

Das Hauptmodell bei der Beschreibung Russlands im Westen ist, dass Russland ein "Land der ewigen Tyrannei und Sklaverei" sei. Es sei das absolute Gegenteil des Westens als Zivilisation der guten Verwaltung (heutzutage lies: Demokratie) und Freiheit. Die Russen werden demnach als ein Volk dargestellt, das kraft seiner Geschichte und Genetik zur freiwilligen Sklaverei neige und zu keiner Demokratie fähig sei, indem es sich nach einem starken Führer sehne.        

Laut diesem Schema soll an der Spitze Russlands immer ein Tyrann stehen – ein absoluter Herrscher, der seine Macht missbraucht. Mit seltenen Ausnahmen wie zum Beispiel Michail Gorbatschow, der Russland ruiniert hat, werden alle Zaren, Generalsekretäre und Präsidenten als solche Tyrannen dargestellt. Wie einst Iwan der Schreckliche wird nun auch der jetzige Präsident Wladimir Putin auf die gleiche Weise beschrieben.

Zwischen dem Bild eines Zaren in der polnischen und deutschen Publizistik des 16. Jahrhunderts und dem Bild von Wladimir Putin in der heutigen westlichen Presse gibt es überhaupt keinen Unterschied – sie sind identisch. Ich wiederhole, der Westen braucht für sein Russlandbild kein reales Material, denn er bedient sich einer Schablone, die die westliche Kultur selbst ansetzt, sodass jede Beschreibung nach dieser Schablone erfolgt.

Warum hat eigentlich die Berichterstattung in russischen Medien so wenig Einfluss auf das Bild von Russland im Westen?

In seinen Beschreibungen nimmt der Westen gewöhnlich keine Rücksicht auf die öffentliche Meinung in Russland und die Stimmung seines Volkes. Alles wird nur durch die Person des jeweiligen Herrschers gedeutet. Was zähle schon das Volk, wenn es aus lauter Sklaven bestehe? Die Leute im Westen hätten dagegen eine öffentliche Meinung, die die Regierung beeinflusse und deren Politik bestimme. Folglich sei in Russland alles umgekehrt.  

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Das Ergebnis ist, dass Russland vollständig mit seinem Oberhaupt identifiziert und seine Handlungen durch dessen Willen beschrieben werden. Dieser Wille wird dabei als alogisch, emotionell und zweifellos böse abgestempelt, weil er als das Gegenteil des logischen, rationalen und guten Willens der westlichen Regierungen gelten soll. Wenn man genau unter die Lupe nimmt, wie die westliche Presse das moderne Russland beschreibt, bemerkt man das sofort. Man kann auch in alten Zeitungen blättern, ohne einen Unterschied zu bemerken.    

Momentan spricht man im Westen gern über die so genannten Putinversteher. Das ist ein Problem: Was kann man nun mit solchen Menschen tun? Wie können sie es nur wagen, ihn zu verstehen? Denn Putin oder Russland – in diesem Fall wird das Land wieder mit dessen Oberhaupt identifiziert – zu verstehen, heiße das Böse zu verstehen und es auch zu rechtfertigen... Das sei aber ein wahres Gedankenverbrechen!

Solche Menschen dürften wohl der westlichen Gesellschaft gleichsam wie Satanisten erscheinen. Das Problem besteht aber darin, dass es bisher keine legalen Kampfmittel gegen sie gibt.             

Ich glaube jedoch, dass sie sich allmählich werden finden lassen. So hat man im Kampf gegen die russischen Medien bereits den Narrativ erfunden, zwischen "Information" und "Propaganda" zu unterscheiden. Als nächster Schritt wird man wohl rechtlich oder durch die Tätigkeit von Sonderkommissionen verankern, welche Ideen und Meinungen als Informationen erlaubt und welche dagegen als angebliche Propaganda verpönt gehören.

Es wird sich wohl auch schon etwas gegen die Putinversteher finden lassen, oder wessen auch immer, der in Russland an der Macht stünde. Es liegt auf der Hand, dass man versuchen wird, sie von der Gesellschaft zu distanzieren – mal schauen, ob nur geistig, oder aber auch physisch. Denn Gedankenverbrechen werden im Westen seit eh und je als die gefährlichsten eingestuft.

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Wo verläuft die Trennlinie zwischen der Kritik an Russland und der Russophobie? Denn man hört oft Folgendes als Argument: "Warum bauscht ihr eure Hysterie um die Russophobie auf? Vertragt ihr etwa keine Kritik?"

Ja, es ist sehr wichtig, zwischen diesen Sachen zu unterscheiden. Denn die Kritik an Russland – wie auch jedem anderen Staat – ist durchaus normal und sogar wünschenswert. Das ist besonders im Inland wichtig. Die Ablehnung jeder Kritik unter dem Motto "Sie sind bloß russophob" kann nur zu sehr schlimmen Folgen führen.    

Um die Russophobie von der Kritik klar abzugrenzen, muss man Kriterien finden, die den Russenhass als eine Art Ideologie erscheinen lassen. Als eines solcher Kriterien kann meiner Meinung nach die oben erwähnte Logik fungieren, die auf der Vorstellung eines binären Gegenüberstehens Russlands und des Westens und Vorwürfen basiert, dass allen Russen kraft ihrer Geschichte und Genetik eindeutig negative Eigenschaften immanent sind. Das trifft übrigens auch auf Äußerungen über alle anderen Völker zu. 

Ich glaube aber nicht, dass wir die Russophobie im inländischen Informationsraum völlig blockieren sollten: Sie ist als ein Reizfaktor nützlich, der uns Russen zu einer aktiven intellektuellen Arbeit und einem tieferen Bewusstwerden über uns selbst und unsere Geschichte anspornt. Gerade heute brachen wir das sehr.  

Wie erklären Sie die ausgeprägt antirussische Stimmung vieler liberaler Experten im Westen, darunter Karl Schlögel, aber auch vieler Kenner der russischen Kultur und des Landes nach der Wiedervereinigung der Schwarzmeer-Halbinsel Krim mit Russland?

Leider ist es im Westen fast unmöglich, Russland-Experte zu sein, ohne sich zur Russophobie zu bekennen. Sonst bringt man sich schlicht um eine gute und angesehene Stelle. Ich habe schon immer zahlreiche westliche "Sowjetologen" bemitleidenswert gefunden, die sich die ganze Zeit lang selbst darauf trimmen mussten, ihren Untersuchungsgegenstand zu hassen. Diese geistige Praxis ist zweifelsohne sehr gefährlich, denn sie verdirbt die Seele.    

Kein seltenes Phänomen: Wissenschaftler im Dienste der NATO

Es fehlt ihnen sehr an einem tiefen Verständnis der russischen Kultur. Der große Unterschied zwischen dem östlichen und westlichen Christentum besteht in der Frage, welcher Weg zur Erkenntnis Gottes vorzuziehen ist: durch Liebe oder durch die Erforschung Gottes und Seiner Schöpfung. Wir Orthodoxen sind nämlich davon überzeugt, dass man etwas lediglich durch Liebe erkennen kann, während das Wissen ein zusätzlicher Zugang ist.

Etwas nur durch das positive Wissen zu erfassen, ohne es zu lieben, ist unmöglich. Das erkennt man sehr an vielen westlichen Russisten: Mit all ihrem umfangreichen Wissen und mit all ihren großen wissenschaftlichen Verdiensten fehlt es ihnen erstaunlicherweise sehr an Verständnis. Leider wissen sie halt nicht, dass ihnen die Fähigkeit zur Erkenntnis ohne Liebe eben nicht gegönnt ist.                    

Die Krim-Frage ist hier übrigens sehr prinzipiell, weil sie heutzutage jenen banalen alltäglichen Faschismus aufs Sichtbarste zum Vorschein bringt, den seine Träger schlicht übersehen und nicht wahrnehmen, zumal er keine formalen Kriterien aufweist. Denn diese Frage besteht darin, wer wem gehört: die Menschen dem Staat oder doch der Staat den Menschen. Hat ein Volk das Recht, darüber zu entscheiden, in welchem Staat es lebt? Oder hat der Staat das absolute Recht, darunter auch das Recht, ein Volk zu vernichten, das unter seiner Hoheit nicht leben will?

Bezieht sich die typische Position der NATO-Staaten auf eine formale staatsrechtliche Position?

Für diejenigen, die davon überzeugt sind, dass die Krim ein Teil der Ukraine sein soll, ist der Staat alles und der Mensch – nichts. Diese Anschauung ist äußerst gefährlich. Und obwohl sie mit den traditionellen westlichen Menschenrechten keineswegs vereinbar ist, teilen sie nach wie vor sehr viele. Die Anhänger dieser Auffassung können sich in dieser Frage lediglich mit angeblichen Mängeln bei der Durchführung des Referendums auf der Krim oder mit ihrem Zweifel daran rechtfertigen, dass die verstärkte Ukrainisierung des Volkes und die Ablehnung eines jeglichen offiziellen Status für die russische Sprache tatsächlich einen Ethnozid darstellen. Das sind aber im Regelfall Versuche, seine reale Denkweise zu verbergen.  

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Es sei übrigens angemerkt, dass dieser Alltagsfaschismus, der den Menschen und die Gesellschaft tatsächlich als das absolute Eigentum des Staates betrachtet und ihnen kein Selbstbestimmungsrecht gewährt, exakt mit jenen traditionellen Beschreibungen Russlands als eines Landes übereinstimmt, in dem ein solches System historisch bedingt herrsche.      

Und das ist kein Zufall, denn Russland fungiert in der westlichen Kultur als das schwarze Alter Ego. Es versinnbildlicht alles Böse und Gemeine, was der westliche Mensch über sich selbst und sein Land denken kann und was allerdings auch - und das will man nicht wahrhaben - dem Westen selbst eigen ist.   

Oft gerät man dadurch in eine Falle: Indem man das "böse" Russland schilt, frönt man eben den Lastern, die den Russen zugeschrieben werden.

Ich glaube, um exakt das in sich selbst bekämpfen zu können, muss man sich häufiger an eine alte christliche Weisheit erinnern, die besagt, dass die Grenze zwischen Gut und Böse nicht zwischen den Völkern und nicht einmal zwischen den unterschiedlichen Menschen verläuft, sondern in der Seele jedes einzelnen Menschen selbst.      

Oleg Borissowitsch Nemenski, geboren 1979, ist Politologe und Historiker. Er ist Experte des Slawistik-Instituts an der Russischen Akademie der Wissenschaften, Mitarbeiter des Zentrums für Ukrainistik und Weißrussistik an der Staatlichen Lomonossow-Universität Moskau und Mitarbeiter des Russischen Instituts für Strategische Studien.

Seine Forschungsgebiete sind das historische und ethnische Bewusstsein der westlichen und östlichen Slawen Ende des 16. und Anfang des 17. Jahrhunderts sowie das Entstehen und die Entwicklung deren nationaler Ideologien im 19. und 20. Jahrhundert. Als Politologe beschäftigt sich Oleg Borissowitsch Nemenski mit den modernen Beziehungen zwischen Russland, der Ukraine, Weißrussland und Polen und mit deren inneren Widersprüchen aufgrund ihrer Außenpolitik.