Wie lange soll Russland noch der Prügelknabe sein? Herabwürdigung bleibt deutsche Politkunst

Wie lange soll Russland noch der Prügelknabe sein? Herabwürdigung bleibt deutsche Politkunst
Der Pressesprecher der Russischen Botschaft, Denis Mikerin, unterstrich mit seiner Gestik, wie wichtig ihm die deutsch-russischen Beziehungen sind. "Nur wenn Russland sich bewegt", sei deren Verbesserung möglich, meinten seine deutschen Gesprächspartner.
Was ist bei Talkshows wichtiger - Talk oder Show? Ein Kneipentalk mit einem russischen Diplomaten im Berliner Prenzlauer Berg drohte, wieder zu einer Selbstdarstellung deutscher Politmoralisten zu werden. Doch ein Mann aus dem Publikum brachte die Diskussion in eine andere Richtung.

von Wladislaw Sankin

Ein Grundsatz für Journalisten lautet: Dinge, die einmal gesagt werden, sind Meinung. Dinge, die tausendmal gesagt werden, sind Politik. Dass hierzulande mit dem Begriff „Annexion" der Krim mächtig Politik gemacht wird, ist längst bekannt.

Die Begriffe Russland und Annexion sind demnach unzertrennlich. Das verschafft mit einem Schlag der Diskussion enorm viel Raum - der Kontrahent wird mit einer schlimmen Anschuldigung ständig konfrontiert und hat nie Kraft und Zeit für eine Gegendarstellung. Dann wird zum tausendsten Mal in den Raum gestellt, dass er gar keine richtigen Medien hat, sondern nur staatlich gesteuerte Propaganda. Das erlaubt, dessen Stimme von vornherein vollends zu ignorieren.

Dass die Anschuldigungen praktisch herbeifantasiert werden, spielt dabei keine Rolle. Wichtig ist und bleibt nur der Narrativ, und was in kein Schema passt, wird ignoriert. Daher sind Diskussionsrunden und Talkshows zum Thema Russland oft nur ein Oxymoron. Im Vorspann ist die Sache meistens schon geklärt, und doch lädt man einen Alibi-Russen ein, - am besten einen höflichen Diplomaten - um dann auf ihn verbal einzuprügeln. Der Wahrheitsfindung oder Lösungsorientierung kommt man damit kein Stückchen näher.

Am 27. Juli fand im Rahmen der Veranstaltungsreihe Berliner Pub Talk in einer Kneipe im Berliner Prenzlauer Berg eine weitere Podiumsdiskussion solcher Art statt. In der Einladung wurde schon mit einem Satz die Stoßrichtung der Diskussion vorgegeben. Zu den Problemen, die die deutsch-russischen Beziehungen belasten, zählte der Veranstalter:

die Annexion der Krim, der Krieg in der Ukraine oder die Berichterstattung von RT Deutsch oder Sputnik und, nicht zu vergessen, die Sanktionen für Teile der russischen Wirtschaft."

Achtung, liebe Leser, nehmt Euch in Acht, bitte lasst Euch durch das Lesen dieses Artikels nicht destabilisieren. 

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Aber, Spaß bei Seite. Es wäre falsch zu behaupten, dass der Vorspann nur aus Anschuldigungen bestand. Es gebe auch gute Seiten. Der Berliner Pub Talk fand Tendenzen, die die deutsch-russischen Beziehungen verbessern könnten:

Wir teilen die deutschen Prioritäten“, schreibt Wladimir Putin in einem Beitrag für das Handelsblatt zum G20-Gipfel. Konkret geht es um Klimaschutz, Freihandel, den Kampf gegen Steueroasen und Freiheit im digitalen Raum."

So saßen die erlesenen Podiumsgäste in dem kleinen Kneipensaal. Draußen fuhr die Hochbahn und die Passanten warfen zerstreute Blicke herein. Die etwa 30 Zuschauer hörten den Rednern gebannt zu. Darunter waren Robert Ide, Leiter der Berlin/Brandenburg-Redaktion des Tagesspiegels, Stefan Liebich, Kandidat der Linken für den Wahlkreis Berlin-Pankow und Mitglied im Auswärtigen Ausschuss des Bundestages, Denis Mikerin, Pressesprecher der Botschaft der Russischen Föderation in Deutschland sowie die Moderatorin Sabine Gilleßen, ehemalige SPD-Funktionärin und überzeugte LGBT-Aktivistin.  

Nach einem gemütlichen Small-Talk zu Russland beziehungsweise dem Deutschland-Bezug der jeweiligen Gäste ging es schnell zur Sache. Die angriffslustige Moderatorin und der russlandkritische Politiker der Linken drängten den jungen russischen Diplomaten zur Verteidigung. Erst vor wenigen Monaten war er aus der Schweiz nach Deutschland gewechselt und bekam möglicherweise seine erste kalte Dusche während eines deutschen Polittalks ab. Der Journalist des Tagesspiegels outete sich schließlich auch noch als ein Befürworter der antirussischen EU-Sanktionen.

Denis Mikerin konnte zwar souverän und ausführlich zu verschiedenen Positionen Stellung beziehen, verhielt sich jedoch überaus diplomatisch und erlaubte sich keinen Deut Gegenkritik am Gastgeberland. Er stellte sogar schon am Anfang klar, dass Russland keine „lupenreine“ Demokratie sei. Das konnte jedoch die anderen Talkgäste nicht mehr besänftigen, sie kamen nun erst richtig in Fahrt.

Obligatorische Gay-Paraden

Um nur ein Beispiel für die Gesprächsphilosophie der Moderatorin bei diesem Talk zu nennen: Sabine Gilleßen ging davon aus, dass in Russland die Gay-Paraden stattfinden müssen, und wenn dies aus irgendwelchen Gründen nicht geschieht, sei dies für Deutschland ein „Problem". Und diese Einmischung erfolgte natürlich aus tiefer "Besorgnis".

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Bezeichnend war auch die Sanktionsfrage. So kritisierte der Politiker der Linken die Sanktionen nicht wegen einer fehlenden rechtlichen Basis, sondern nur aufgrund ihrer Ineffektivität und ihrer Schädigung für die Wirtschaft. Ist diese Position weniger zynisch? Stefan Liebich fand es schade, dass Kritik an Russland nicht angemessen genug in das Wahlprogramm seiner Partei aufgenommen worden ist. Die „Annexion der Krim“ ließe sich durch andere Verstöße gegen das Völkerrecht nicht relativieren.

Seine Rhetorik unterschied sich demnach kaum von der eines Politikers der Grünen oder der SPD. Liebich vertritt denjenigen Flügel der Linken, der die vermeintliche „Russland-Nähe“ seiner Partei im Wahljahr als Hindernis zu möglichen Koalitionsbündnissen im Spektrum Mitte-Links sieht.

"...der Karren steht noch dort"

Allerdings, und das sah das Konzept der Talkshow vor, konnten auch Gäste aus dem Saal Plätze auf dem Podium einnehmen und dadurch ein Element der Spontanität in die Runde werfen. In der zweiten Hälfte saß RT-Deutsch-Reporterin Maria Janssen auf dem Podium und fragte die deutschen Teilnehmer der Diskussion, ob Deutschland im postsowjetischen Raum etwa nicht eine spalterische Politik verfolge und ethnisch gefärbte Nationalismen fördere. Die Podiumsgäste zeigten ihr Unverständnis, worauf die Moderatorin der RT-Reporterin das Wort entzog. 

Nur der letzte Publikumsgast konnte die Stimmung im Saal etwas kippen. Sein Plädoyer für eine Diskussion darüber, dass die vermeintliche Annexion der Krim doch keine war, stieß unter mindestens der Hälfte der Anwesenden im Saal auf Applaus. Robert Ide sah sich am Ende sogar dazu veranlasst anzumerken, dass es in Russland sogar durchaus kritischen Journalismus gebe. Er war froh in Russland die Menschen zu finden, die ein wenig „so wie wir“ seien.

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Ich sprach nach der Veranstaltung mit dem Gast, der so eloquent und ruhig eine Meinung vorgetragen hatte, die es im deutschen politischen Mainstream kaum gibt. Und was stellte sich heraus? Der Diplom-Ingenieur Andreas Jopt spricht perfekt Russisch und ist seit Jahren in deutsch-russischen Wirtschaftsvertretungen aktiv. Für ihn als Mitglied des Deutsch-Russischen-Forums sind solche Veranstaltungen eine Routine.

Beim Berliner Pub Talk ist er Stammgast. Und: Vor drei Jahren, bei einem anderen Podium mit dem gleichen Thema, hatte er das gleiche gesagt. Man kann nur frei nach dem russischen Fabeldichter Iwan Krylow aus der Fabel „Der Schwan, der Hecht und der Krebs" sagen:

Wer schuld nun ist, weiß jeder hier und dort.

Der Karren aber steht noch dort."

(Im Original):

Wer schuld nun ist, wer nicht, darüber hier kein Wort, der Karren aber steht noch dort."

Solange die Gäste deutscher Talkshows nicht erkennen, dass es sich bei Russland um einen gleichberechtigten Partner handelt, bleiben solche Runden für gegenseitige Beziehungen eher schädlich. Denn wenn die Diplomaten in solch aggressiven und einseitig geführten Gesprächen keinen Nutzen mehr sehen, wer sollte dann an ihrer Stelle zum Zuge kommen?

 

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