Sumo: Frauen steigen in den Ring

Sumo: Frauen steigen in den Ring
Übergewicht ist kein Muss für deutsche Sumo-Frauen.
Wer an Sumo-Ringen denkt, hat japanische Kolosse vor Augen, deren Gang den Boden schüttern. Die 27-jährige Berlinerin Julia Dorny entspricht gar nicht diesem Klischee. Mit ihren 65 Kilogramm ist sie eine der deutschen Medaillenkandidatinnen bei den World Games 2017.

Vom 20. bis zum 30. Juli wird die polnische Stadt Breslau zum Zentrum der Sportwelt. Über 3.000 Sportler aus mehr als 100 Ländern kommen zur zehnten Auflage der World Games zusammen. Die World Games sind ein internationaler Wettkampf der nicht-olympischen Sportarten. Sie finden alle vier Jahre, jeweils im Jahr nach den Olympischen Sommerspielen, statt.

Sumo ist eine der 32 Disziplinen der Multisport-Veranstaltung. Und die deutsche Mannschaft hat große Hoffnungen. Für Kerstin Schmidtsdorf (39) und Anika Schulze (33) von Dynamo Brandenburg-Mitte bedeuten die Wettkämpfe viel.

Die World Games haben für uns den Stellenwert von Olympischen Spielen", unterstreicht Schmidtsdorf.

Kerstin Schmidtsdorf kommt von der Judomatte. Als Judoka war sie dreimal deutsche Mannschaftsmeisterin. Dann hat sie sich für Sumo entschieden. Im Vergleich zum Judokampf, der auf vier Minuten angelegt ist, dauern Sumo-Kämpfe meist nur wenige Sekunden. Die Regeln sind einfach: Man muss den Gegner dazu zwingen, den inneren Kreis zu verlassen oder ihn zu Boden werfen. Jedoch gibt es wegen des Zeitmangels keine Möglichkeit, lange zu überlegen – die Taktik muss automatisiert sein.

Anika Schulze versuchte sich mit 16 Jahren zum ersten Mal im Sumo-Ringen. Sie gewann ihr erstes Turnier. Und ein Jahr später kam sie  zu den World Games 2001 im japanischen Akita, wo sie Fünfte wurde. Bei den World Games 2005, 2009 und 2013 war sie nicht dabei – die Qualifikationen waren zu hart, weil nur 16 Sumo-Ringerinnen pro Gewichtsklasse teilnehmen durften. Für diese Spiele hat sich Schulze lange vorbereitet.

Mehr lesen:  Alter ist nur eine Zahl - 82-Jährige läuft 100-Meter-Strecke in 22 Sekunden [VIDEO]

Julia Dorny, die auch Judo betreibt, hat bereits 2016 die deutsche Sumo-Meisterschaft gewonnen. Außerdem war sie Dritte bei der europäischen Meisterschaft. Sie ist die erste Berlinerin, die Sumo-Ringen betreibt.

Sumo hat eine jahrtausendealte Geschichte, wobei es traditionell ein rein männlicher Sport geblieben ist. Erst seit zwanzig Jahren können Frauen an internationalen Wettkämpfen teilnehmen – eine echte Revolution. Nicht nur Frauen aus Japan, sondern auch aus Deutschland, Russland, Polen und der Mongolei finden immer mehr Gefallen an dieser Sportart.

Doch bisher ist der Frauenanteil bei Sumo weltweit nicht besonders hoch. Vor allem muss die soziale Akzeptanz verbessert werden. Wenn es um Sumo geht, denken die meisten sofort an die hampelnden dicken Männer aus Japan. „Das ist Blödsinn“, sagt Anika Schulze. Sumo ist eine ordentliche Sportart mit anstrengenden Trainingseinheiten. Strenge Disziplin und voller Einsatz werden verlangt.

Zur japanischen Eigenart des Sumos gehört auch spezielles Diät und Tagesablauf mit obligatorischen Tagesschlaf für professionelle Sumo-Ringer. Durchschnittlich konsumieren die Sportler 8.000 Kalorien am Tag, aber auch 20.000 sind keine Seltenheit.

Das berühmte Übergewicht ist ebenfalls kein Schlüsselfaktor. Während für die großen japanischen Sumo-Meister 20.000 Kalorien am Tag keine Seltenheit sind, achten die Europäer auf ihr Gewicht. Die Masse hilft ihnen natürlich, aber man muss beweglich und flexibel sein. Viele Frauen bevorzugen, in der Kategorie unter 65 Kilogramm zu bleiben. Für ihren ersten Kampf musste die deutsche Meisterin Julia Dorny sogar abnehmen.

Die Vorurteile gegen Sumo seien jedoch nicht das Hauptproblem, meint die Sportlerin. Es sind die Kosten. Diese sollen die Ringerinnen meist selbst bestreiten. Deshalb betreiben sie den Ringkampf nur in der Freizeit. Anika Schulze ist Heilerziehungspflegerin und jobbt nebenbei als Kellnerin, um das Geld für die Turnierteilnahmen zu verdienen. Insofern sind die World Games eine Chance, um für ihren Sport zu werben und dadurch Förderung zu erhalten. Für die Frauen, die jeden Tag zahlreiche Taktiken meistern, soll die Siegerstrategie kein Geheimnis sein.

Mehr lesen:  Chinesischer Sprinter misst sich mit Kampfjet und gewinnt [VIDEO]