Verkappte Muslimbrüder? - Kontroverse um Neuköllner Moschee und ihren Imam

Verkappte Muslimbrüder? - Kontroverse um Neuköllner Moschee und ihren Imam
Der Imam Mohamed Taha Sabri auf der Auftaktveranstaltung des "Marsches der Muslime gegen Terrorismus" am 9. Juli 2017.
Eine bekannte Neuköllner Moschee soll enge Verbindungen zur Muslimbruderschaft unterhalten. Das Pikante daran: Der Imam des Gebetshauses wurde vor zwei Jahren mit dem Berliner Verdienstorden bedacht, weil er sich zu "demokratischen Werten" bekenne.

Wie der RBB am Dienstag berichtete, soll die As-Salam-Moschee ("Haus des Friedens") in Berlin-Neukölln, auch als "Neuköllner Begegnungsstätte" (NBS) bekannt, Verbindungen zur Muslimbruderschaft unterhalten. Demnach gibt es bezüglich des Vermieters der Moschee-Immobilie personelle Überschneidungen zur "Islamischen Gemeinschaft in Deutschland" (IGD) – einer Vereinigung, die vom Berliner Verfassungsschutz beobachtet wird. Sie gilt als die mitgliederstärkste Organisation von Anhängern der Muslimbruderschaft in Deutschland.

Kurz vor der Vereinsgründung der NBS im Jahr 2007 sei das Grundstück vom "Verband Interkultureller Zentren" (VIZ) für 550.000 Euro erworben worden. Der RBB schreibt:

Den Kaufvertrag schloss auf Käuferseite eine Frau namens Houaida Taraji aus Neuss ab, die vor dem Notar angab, als Bevollmächtigte im Auftrag des Verbands Interkultureller Zentren zu handeln. Gleichzeitig war Houaida Taraji damals Vizepräsidentin der IGD – jener Organisation, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird.

Der VIZ überlasse der Begegnungsstätte das rund 1.000 Quadratmeter Grundstück für eine unterdurchschnittliche Monatsmiete von 700 Euro. Das gehe aus einem Jahresabschlussbericht von 2014 hervor, den das Zentrum dem RBB zur Einsicht überlassen hat. Häufig nehme man "symbolische Mieten", für den Unterhalt der Immobilie kämen dann aber die Vereine selbst auf, sagte der Vorsitzender beim Vermieter VIZ, Samir Falah, gleichzeitig Präsident der IGD, gegenüber dem Sender.

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Muslimbrüder zwischen den Fronten

Die Muslimbruderschaft wurde 1928 in Ägypten gegründet. Zu ihren Ablegern zählt etwa die palästinensische Hamas, die vom Westen als Terrororganisation eingestuft wird. Auch dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan wird eine Nähe zu der religiösen Gemeinschaft nachgesagt. Die inhaltliche Bandbreite und Praxis der einzelnen Ableger der Bruderschaft ist groß, auch der jeweilige Grad an Militanz ist unterschiedlich ausgeprägt. Was alle eint, sind eine rigide Auslegung des Islam und ein fanatischer Hass auf Israel.

Die Muslimbrüderschaft beteiligt sich vielerorts am demokratischen Prozess. So hat Ägyptens Bevölkerung den Muslimbruder Mohammed Mursi nach dem Sturz des Diktators Husni Mubarak im Juni 2012 bei den ersten freien Wahlen zum Präsidenten gewählt – ein Jahr später putschte das Militär ihn aus seinem Amt. Religiöse Extremisten wie der Al-Kaida-Führer Aiman az-Zawahiri geißeln die Bruderschaft jedoch dafür, dass sie "tausende junge muslimische Männer dazu verlockt, sich in Menschenschlangen zu Wahlen einzureihen, statt in die Schlangen für den Dschihad".

Der Imam der Moschee, Mohamed Taha Sabri, sagte gegenüber RBB über mögliche Verbindungen zur IGD: "Unser Verein hat damit nichts zu tun!" Auf die Frage, was er von der Muslimbruderschaft halte, antwortete er:

Was heißt, was halte ich davon? Das ist eine Gruppierung, die außerhalb von Europa und Deutschland existiert. Wir leben in einer anderen Realität, in einer anderen Gesellschaft, wir haben eine andere Situation, wir haben andere Probleme.

Laut RBB wurde in den Räumlichkeiten der Moschee im März 2016 das deutsche Pendant zum European Council of Fatwa and Research gegründet. Fatawa sind Rechtsurteile muslimischer Gelehrter. Deren Einfluss werde "von Sicherheitsbehörden mitunter als problematisch eingeschätzt, weil sie vor allem junge Menschen im Sinne eines sehr konservativen Islambildes lenken", so der Sender.

In diesem Zusammenhang zitiert der Sender die Islamismus-Analystin Sigrid Herrmann-Marschall:

Mittelfristig darf man von diesem Zusammenschluss Weisungen für durchaus erhebliche Teile der muslimischen Community erwarten. Liberale Ansätze werden das nicht sein. Es wird eher dazu dienen, genau den liberalen Islam in Deutschland und Europa mit vereinter Kraft zurückzudrängen.

Die 21-Jährige vor und nach dem Säure-Angriff.

Mohamed Taha Sabri: Ein Imam mit Verdienstorden

Der Imam der Moschee, Mohamed Taha Sabri, ist einem größeren Publikum durch seinen Auftritt in der ARD-Sendung Anne Will bekannt, an der auch Nora Illi vom "Islamischen Zentralrat Schweiz" (IZRS) teilnahm. Die Sendung sorgte für Aufsehen, weil die vollständig mit einem Niqab umhüllte Schweizerin die Verbrechen des "Islamischen Staates" relativierte. Der IZRS hat unter anderem auch Videos angefertigt, die Kritiker als unverhohlene Werbung für terroristische Gruppen in Syrien werten. Sabri bildete quasi als Vertreter der Mainstream-Muslime den moderaten Gegenpart.

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Im Jahr 2015 wurde Sabri der Verdienstorden des Landes Berlin verliehen. In der Begründung heißt es, der Imam sei überzeugt, dass sich "der Islam gut mit der deutschen Kultur vereinbaren" lasse:

Seiner Meinung nach lässt sich das Bekenntnis zu demokratischen Werten aus dem Koran ableiten – Hass, Gewalt und Terrorismus hingegen seien mit dem Koran nicht vereinbar. Um Vorurteile abzubauen, schafft er Räume der Begegnung.

Erst vor einer Woche war die As-Salam-Moschee Ausgangspunkt des "Marsches der Muslime gegen den Terrorismus", den diese gemeinsam mit der Gemeinde der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche organisiert hatte. Im Rahmen des Projektes reisen 60 muslimische Geistliche durch Europa, um Orte zu besuchen, an denen "Menschenfeinde im Namen der Religion des Islams Terroranschläge verübt haben".

Die Initiative geht auf den Pariser Imam Hassen Chalghoumi und den jüdischen Schriftsteller Marek Halter zurück. Auch Sabri gehört zu den Reisenden: "Ich bin es meiner Religion schuldig, sie von Islamismus zu befreien und Gegenbilder zu schaffen."

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Differenzierter Blick tut Not

Ist der Imam nun ein Wolf im Schafspelz und seine Moschee gar eine "logistische Schläfer-Organisation", wie die Berliner Zeitung vor einem Jahr fragend in den Raum warf? Wie RT Deutsch aus Sicherheitskreisen erfuhr, seien den Sicherheitsbehörden die Verbindungen des Imams und der Neuköllner Mosche zu den Muslimbrüdern schon länger bekannt. Gleichzeitig nehme man dort aber auch zur Kenntnis, dass Sabri von radikalen Islamisten angefeindet wird.

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Denn der Imam gestattet es nicht, dass die Radikalen in den Räumen der Moschee für den "Heiligen Krieg" in Syrien und anderswo werben können. Aus diesem Spektrum erhält Sabri deshalb Morddrohungen, zweimal wurde er vor seiner Moschee niedergeschlagen. Die Bild-Zeitung betitelte ihn deshalb sogar als "Anti-ISIS-Imam".

Den Unmut der Radikalen zog Sabri zudem auf sich, als er sich deutlich von einer frauenfeindlichen Hetzrede des Imams Sheikh al-Elia in der Neuköllner Al-Nur-Moschee distanzierte. "Ich schäme mich für diese Predigt!", sagte Sabri. Al-Elia habe sich auf Fatawa aus dem 6. Jahrhundert berufen, die "nicht in unser Zeitalter gehören". Eine Frau könne im Islam "frei über ihr Leben entscheiden. Und Geschlechtsverkehr muss für beide Partner einvernehmlich sein", so Sabri.

Die Kontroverse über die As-Salam-Moschee läuft Gefahr, in eine Vereinfachungen geschuldete Schräglage zu geraten. Weder gibt es "den" Islam, noch sind alle Muslime, die den radikalen Islamismus ablehnen, automatisch Liberale nach westlicher Fasson. Auch konservative Muslime können für die Einhaltung von Recht und Gesetz eintreten, ohne deshalb etwa die "Ehe für alle" befürworten zu müssen.

In Zeiten, in denen es Dschihadisten gelingt, in Europa tausende junge Menschen für den Krieg in Syrien oder im Irak zu rekrutieren, dürften Imame, die sich – auch unter Gefährdung des eigenen Lebens – klar gegen alle Gewaltaufrufe positionieren, nötiger denn je sein. Ungeachtet aller mutmaßlichen Kontakte zur Muslimbruderschaft.