G20 und die Kunstdiktatoren vom "Zentrum für politische Schönheit"

G20 und die Kunstdiktatoren vom "Zentrum für politische Schönheit"
Ein Screenshot aus dem Video "G20: Tyrannenmord in Hamburg" des "Zentrum für politische Schönheit".
Eine Aktion des "Zentrums für politische Schönheit" sorgt seit Tagen für Schlagzeilen. Erst sollten Flugblätter gegen "Diktatoren", unter anderem in der Türkei und Russland, verteilt werden. Dann sollen diese gleich getötet werden - gegen einen Mercedes als Prämie.

von Timo Kirez

Von Joseph Beuys ist der Satz überliefert, dass er ja sowieso nur mit seinem Knie denke. Das war natürlich eine charmante Untertreibung. Wer sich ein wenig mit dem Wirken von Beuys auskennt, der weiß, dass da neben Filz und Fett auch viel Hirnschmalz zum Einsatz kam. Er hat immerhin den Kunstbegriff um die, wie er sie nannte, "soziale Plastik" erweitert. Die Idee dahinter besagt, dass jeder Mensch durch kreatives Handeln zum Wohl der Gemeinschaft beitragen kann und somit plastizierend auf diese einwirkt.

Bei anderen Künstlern fragt man sich allerdings, ob sie nicht wirklich mit dem Knie denken. So zum Beispiel auch bei Philipp Ruch. Der deutsch-schweizerische Philosoph und Aktionskünstler gründete 2008 das so genannte Zentrum für politische Schönheit und fungiert als dessen künstlerischer Leiter. In einer medienwirksamen Aktion forderte das "Zentrum für politische Schönheit" in den letzten Wochen zu einem Flugblatt-Wettbewerb auf ihrer Homepage auf. Unter dem Vorwand, der Geschwister Scholl zu gedenken - praktischerweise können die sich ja gegen groteske Vereinnahmungen nicht mehr wehren - forderte das Zentrum junge Menschen dazu auf, Flugblätter gegen vermeintliche "Diktaturen" zu gestalten.

Die Gewinner-Flugblätter sollten dann vor Ort, in dem jeweiligen "Land der Diktatur", verteilt werden. Welche Länder unter diese Kategorie fallen, wusste das Zentrum natürlich auch sehr genau. Zur Auswahl standen: Eritrea, China, Nord-Korea, Russland, Saudi-Arabien, Simbabwe, Sudan, Syrien, Tschetschenien, Türkei und Usbekistan. Finanziert werde die Reise in ein "Diktatoren-Land" von der Bayerischen Staatsregierung, zumindest behauptete das "Zentrum für politische Schönheit" dies auf seiner Homepage. Das stimmt natürlich nicht. Es handelt sich hierbei um einen Fake, oder auf gut Deutsch um eine Verarsche.

Bayerisches Innenministerium spricht von Urkundenfälschung

In einem Telefonat mit RT Deutsch erklärte das bayerische Innenministerium, dass es sich rechtliche Schritte gegen das Zentrum vorbehalte – unter anderem wegen Urkundenfälschung. Tatsächlich kam es in Istanbul dann offenbar zur Verteilung von Flugblättern im bekannten Gezi-Park. Darauf war unter anderem zu lesen:

An alle Türken - Erdogan und die AKP haben aus der Türkei eine offen totalitäre Diktatur gemacht, die auf dem politischen Islam, gepaart mit türkischem Nationalismus, beruht. [...] Seid keine willenlose Herde von Mitläufern, die zulässt, dass Nachbarn eingesperrt und getötet werden. Verteidigt die Demokratie. Bekämpft den Rassismus. Stürzt die Diktatur!

Die Forderungen in dem Flugblatt sind klar und unmissverständlich:

Wir fordern den Rücktritt des Diktators Erdogan und die Ausrufung von freien Wahlen. Wir fordern die Freilassung aller zu Unrecht Inhaftierten. [...] Wir fordern Humanismus und Demokratie.

Vor allem die beiden letzten Sätze auf dem Flugblatt haben es aber in sich:

Tod dem Diktator! Dieses Flugblatt wurde finanziert aus den Mitteln des Freistaats Bayern und der deutschen Bundesregierung.

Die Flugblätter sollen von einem ferngesteuerten Drucker in einem Istanbuler Hotelzimmer aus in Umlauf gebracht worden sein. Der Drucker war so positioniert, dass die ausgedruckten Flugblätter direkt aus dem Fenster auf die Straße fielen. Kurz nach der Aktion wurde das Hotelzimmer von Hotelangestellten gestürmt. Geschrieben haben sollen das Flugblatt mehrere junge Deutschtürken im Alter von 20 bis 24 Jahren.

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In einer weiteren Aktion am Montag direkt vor dem Kanzleramt in Berlin hat das "Zentrum für Politische Schönheit" im Vorfeld des G20-Gipfels noch einmal auf seine Aktion aufmerksam gemacht. Vor dem Bundeskanzleramt priesen die Aktivisten fünf Tage lang eine Limousine als "Geschenk" an. Auf einem Banner davor stand geschrieben:

Willst Du dieses Auto? Töte die Diktatur!

"Die Zivilgesellschaft erhält die einmalige Gelegenheit, den diktatorenfreundlichen Kurs der Bundesregierung zu korrigieren", begründen die Aktivisten ihre Installation. Tyrannentöter für ihre Leistungen auszuzeichnen, sei eine lange abendländische Tradition, heißt es weiter.

Nun ist nichts gegen den Einsatz für Demokratie und den Kampf gegen Diktaturen einzuwenden. Im Gegenteil. Zivilcourage ist ein hohes und gleichzeitig leider auch ein seltenes Gut. Was an dieser Aktion jedoch verstört, ist die Unfähigkeit, oder vielleicht auch der Unwille, zur Differenzierung.

Schweigen auf kritische Nachfrage

Kann man Länder wie Eritrea, China, Nord-Korea, Russland, Saudi-Arabien, Simbabwe, Sudan, Syrien, Tschetschenien, Türkei und Usbekistan wirklich einfach so über einen Kamm scheren? Mal abgesehen davon, dass Tschetschenien kein eigenständiges Land, sondern eine autonome Republik in Russland ist. Mehrfach hat RT Deutsch versucht, mit dem "Zentrum für politische Schönheit" Kontakt aufzunehmen. Zweimal wurde ein Rückruf angekündigt, der nicht kam. Ein Mail mit kritischen Fragen zu der Aktion wurde nicht beantwortet. Das ist bedauerlich, denn so muss sich nun jeder selbst seinen Reim auf diese Aktion machen.

Es gab auch innerhalb der Redaktion von RT Deutsch intensive Diskussionen über diese Aktion. Einige verstanden sie als eine Karikatur, eine Art Groteske, des üblichen Russland-Bashings. "Das können die nicht ernst meinen", war der erste Eindruck. Doch sukzessive setzte sich dann doch die Einsicht durch, dass die vermeintlichen Aktivisten die Sache tatsächlich ernst meinen. Um nicht zu sagen: todernst. Man ist mittlerweile von Teilen der Politik und Medien leider einiges gewohnt, wenn es um das Feindbild Russland geht. Doch dass nun auch vermeintliche Künstler in dieselbe Kerbe schlagen und sogar noch deutlich weitergehen, ist relativ neu und verstörend.

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Dass die Politik sich nicht immer Differenzierungen, zumindest nach außen, leisten mag, ist irgendwo noch nachvollziehbar. Politik, so scheint es, ist mittlerweile zu einem Dauerwahlkampf mutiert. Populismus findet sich von links bis rechts, inklusive der beiden so genannten Volksparteien. Doch von Künstlern darf man mehr erwarten. Differenzierungsvermögen und unabhängiges Denken sind gerade bei politischer Kunst die ausschlaggebenden Aspekte. Doch ein Text, in dem das "Zentrum für politische Bildung" erklärt, warum Russland ganz sicher eine Diktatur ist, liest sich wie ein Leitartikel in der BILD-Zeitung:

Das ist Politikverständnis auf John-McCain-Niveau. Noch ein Beispiel gefällig? Auf der Webseite findet sich auch eine sogenannte "Diktatoren-Hitparade":

In dieser "Hitparade" werden Russland unter anderem fünf Angriffskriege vorgeworfen. Nur welche das sein sollen und was die Quelle für diese Behauptung ist, bleibt Fehlanzeige. Auch wer die 110.000 "getöteten, nicht tolerierten Menschen" sein sollen, bleibt schleierhaft. Dass dann auch noch in einem Video, welches die Flugblatt-Aktion bewirbt, der russische Präsident Wladimir Putin mit Adolf Hitler auf eine Stufe gestellt wird, macht einen nur noch sprachlos. Dass es, abgesehen von der diesem Vergleich innewohnenden groben Verharmlosung des NS-Diktators, vor allem auch die Russen waren, die den Siegeszug Nazi-Deutschlands gestoppt und dafür einen Blutzoll von nahezu 30 Millionen Menschen gezahlt haben – geschenkt.

Neo-wilhelminische Schlingensief-Karikatur?

Dass der russische Präsident, ob man ihn nun mag oder nicht, demokratisch gewählt ist und nach wie vor eine große Popularität in der Bevölkerung genießt – auch geschenkt. Hauptsache blind draufhauen. Hauptsache, die Medien berichten darüber. Dass Philipp Ruch noch dazu Christoph Schlingensief als ein großes Vorbild preist, belegt, wie wenig er Schlingensiefs Arbeit verstanden hat. Denn genau der bei Ruch permanent hervortretende Eurozentrismus war Schlingensief immer suspekt. Schlingensiefs Werk durchzieht die kritische Auseinandersetzung mit der deutschen (Leidens-)Geschichte. Bei Ruch hingegen soll die Welt am deutschen Demokratie-Eifer genesen.

Kunst, wenn sie denn gelingt, ist immer eine Einladung. Sie kaut nichts vor, sie drängt einem nichts auf, stülpt einem nicht ein vorgefertigtes, starres Denkkorsett auf. Sie lässt dem Betrachter den Raum, um sich selber ein Bild zu machen. Alles andere wäre ein diktatorisches Kunstverständnis. Dass es dazu auch der Provokation bedarf, gehört gerade in einer Kunst, die sich politisch motiviert dünkt, dazu. Doch es gibt einen Unterschied zwischen Kunst und Denunziantentum.

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Dass es bei der Aktion des "Zentrums für politische Schönheit" weniger um Kunst, sondern vielmehr um politischen Aktivismus geht, bestätigt auch die Philosophin und Ethikerin Dagmar Fenner, die an der Universität Basel angewandte Ethik lehrt. In einer schriftlichen Stellungnahme auf Anfrage von RT Deutsch schreibt Fenner:

Bei solchen Aktionen von Künstlern scheint es sich nicht mehr im eigentlichen Sinne um "Kunst" zu handeln, weil ästhetische Kriterien wie formalästhetische Gestaltung und Fiktionalisierung zur Schaffung einer ästhetischen Distanz kaum eine Rolle spielen. Es geht vielmehr um politische Agitation und die politische Grundaussage ist relativ eindeutig, dass die Zivilgesellschaft sich an den verbrecherischen Diktatoren rächen soll und dafür auch der Tyrannenmord ein probates Mittel sei. Einen solchen Aufruf in einer bereits aufgeheizten Lage kurz vor dem G20-Gipfel insbesondere bei linksradikalen Gruppen ist ethisch sehr kritisch zu sehen.

Tugendterror statt Magie

Fenner hatte unter anderem 2013 das Buch "Was kann und darf Kunst? Ein ethischer Grundriss" geschrieben. Ein entscheidender Unterschied zwischen Kunst und Politik ist auch, dass es bei der Kunst nicht zwingend um Wahrheit geht. Ein Künstler muss nicht Recht haben. Er muss eigentlich auch nichts beweisen. Doch das "Zentrum für politische Schönheit" möchte unbedingt im Recht sein. Vor allem moralisch natürlich. "Kunst ist Magie, befreit von der Lüge, Wahrheit zu sein", hat Adorno einmal geschrieben. Von faulem Zauber sagte er nichts.