Russische Stimme, in Deutschland gehört: Zum Tod von Schriftsteller Daniil Granin

Russische Stimme, in Deutschland gehört: Zum Tod von Schriftsteller Daniil Granin
Eines der letzten Fotos des berühmten Sankt Petersburgers. Am 3. Juni 2017 zeichnete der russische Präsident Wladimir Putin Daniil Granin bei einem Festakt mit dem Staatspreis der Russischen Föderation für herausragende Verdienste auf dem Gebiet der humanitären Tätigkeit aus.
In der Nacht vom 4. auf den 5. Juli starb der Schriftsteller Daniil Granin im Alter von 98 Jahren. Er war eine seltene russische Stimme, die Klartext zu deutsch-russischen Beziehungen sprach und dabei gehört wurde. Heute wird er beigesetzt.

Daniil Granin wird posthum eine auch in Russland seltene Ehre zuteil: Drei Stunden lang dürfen die Bürger im Taurischen Palais in Sankt Petersburg von dem Schriftsteller Abschied nehmen. Anschließend wird er auf einem städtischen Friedhof beigesetzt. Er war mehr als nur ein Schriftsteller: Granin war ein Bürger, ein Leningrader, ein Mensch, der Epochen und Völker verband.

Schriftsteller Daniil Granin ist tot

Daniil Granin wurde am 1. Januar 1919 in Kursker Gebiet geboren, sein echter Name ist German. Nach dem Abschluss des Polytechnischen Instituts in Leningrad blieb er in der Stadt und arbeitete in den Kirow-Werken. Von dort aus ging er im Großen Vaterländischen Krieg auch an die Front und war einer der Stadtverteidiger während der Leningrader Blockade – einer Belagerung durch deutsche und finnische Truppen, die eine Million Menschen das Leben kostete. Beendet hat Granin den Krieg als Kompanie-Kommandeur für schwere Panzer.

Granin begann im Jahre 1949, eigene Werke zu veröffentlichen. Seine Bücher waren bald im Schulprogramm. Er war ein loyaler sowjetischer Schriftsteller, kein Dissident. Aber bemerkenswert war immer der Wandel, den er in jeder Epoche durchgemacht hat. Sein berühmtestes Buch war "Das Blockadenbuch", das zunächst im Jahr 1977 auszugsweise im Literaturjournal "Neue Welt" erschien. Vollständig als Buch wurde es 1984 veröffentlicht.

Das Buch ist eine Chronik, die auf Berichten der Überlebenden der Hungerblockade basiert. Ein starkes und grausames Dokument. Im Mittelpunkt des Buches standen die Überlebensstrategien der Menschen. Über die Menschen, die die Blockade erlebt hatten, sprach Granin auch im Deutschen Bundestag in seiner vielbeachteten Rede vom 27. Januar 2014. Seit dem Jahr 1954 war Granin ein häufiger Gast in Deutschland, zunächst in der DDR.

In Deutschland hatte er viele Freunde und Verbündete. Er wusste oft wenig Schmeichelhaftes über den Krieg und diejenigen zu sagen, die auf deutscher Seite in den Krieg zogen. Aber seine nachdenkliche und nüchterne Erzählweise, die zog die Menschen an. Auch im Bundestag weinten viele, als der damals 95-Jährige über das unfassbare Leiden der Menschen in der über zweieinhalb Jahre belagerten Stadt berichtete.

Hier sind einige Auszüge aus seinen Auftritten und Interviews verschiedener Jahre, zusammengestellt vom russischen Portal lenta.ru:

Daniil Granin. Über  Krieg  und  Hass

  • Als die Deutschen uns angriffen, war es für uns schwer, gegen sie in den Krieg zu ziehen, weil wir ideologisch hilflos waren: In den Schulen lernten wir die deutsche Sprache. Deutschland schien uns näher als Frankreich, England oder erst recht Amerika. Ernst Thälmann, Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg, und zur gleichen Zeit Goethe, Schiller, Beethoven – alle diese Namen waren uns sehr teuer. Wir wollten sie nicht töten, weil es auch die deutsche Parole war: "Proletarier aller Länder, vereinigt euch!"
Daniil Granin im Deutschen Bundestag am 27. Januar 2016
  • Aber als wir die Brände sahen, die Galgen, all das Grauen des Krieges, insbesondere, als wir vor den Deutschen davongelaufen waren, begann das in Erscheinung zu treten, was Puschkin als den "heiligen Zorn des Volkes" bezeichnete. Das war kein einfacher Prozess. Erst als wir diesen Hass entflammt hatten, entwickelten wir die Fähigkeit, zu töten.
  • Die Deutschen hätten nach Piter [häufige Bezeichnung für Leningrad bzw. Sankt Petersburg] hereingehen können, aber das haben sie aus irgendwelchen Gründen nicht getan. Am 17. September zogen wir nach Leningrad ab mit dem Gedanken: Alles ist zusammengebrochen. Ich konnte mich noch erinnern, als ich mit der Tram nach Hause fuhr und dort mich ins Bett legte. Ich sagte nur meiner Schwester: "Jetzt werden die Deutschen hereingehen – schmeiß ihnen eine Granate auf die Köpfe [wir wohnten unweit der Front] und rüttele mich wach."

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  • Man klaute uns den Sieg. Ich hatte ein Gespräch mit Helmut Schmidt, dem Altkanzler. Und ich fragte ihn: "Warum haben Sie den Krieg verloren?" Er antwortete mir sofort - er hatte seine Antwort schon parat, er war ein guter Politiker, ein professioneller Historiker, war selber im Krieg, sah und wusste alles: "Weil die USA in den Krieg eintraten." Aber Amerika trat sehr spät in den Krieg ein. Churchill sagte noch Ende 1941: "Die Gezeiten sind vorbei, jetzt fängt die Ebbe an."
  • Ich konnte lange nicht verstehen, woher diese Auffassung kam. Aber dann begriff ich: Gegen Amerika zu verlieren ist viel schmeichelhafter als gegen die elendige und barfüßige UdSSR. Und die amerikanische Propaganda griff das auf. Und jetzt ist das im Westen alles damit durchzogen, bis auf die Schulbücher. Aber das ist ungerecht und unanständig. Uns verdankt die Menschheit diesen Sieg, die Zerschlagung des Faschismus. Natürlich wird die Geschichte es wiedergutmachen, aber viel später. Aber mehrere Generationen leben bereits mit dieser Geschichte und werden noch damit leben.