G20 - Hauptsache Gewalt: Wie Mainstream-Medien über Proteste berichten

G20 - Hauptsache Gewalt: Wie Mainstream-Medien über Proteste berichten
Ein Fotograf springt auf einer Demonstration von Feuerwehrleuten in Spanien über eine Gas-Kartusche; Sevilla, 29. September 2012.
Der G20-Gipfel beginnt heute. Aus den Medien kann man den Eindruck gewinnen, als ob sich nicht die 20 wichtigsten Staatschefs treffen, sondern nur die Polizei und Demonstranten. Wissenschaftler haben untersucht, was in der Berichterstattung fehlt.

In seiner Untersuchung stellte das Berliner Institut für Protest- und Bewegungsforschung fest, dass die Medien auf Gewalt fixiert sind. "Gewaltfixierung als Wiederholungszwang" nannten die Wissenschaftler ihre Veröffentlichung. Egal, ob es um die Agenda 2010 geht, um Pegida oder den G8-Gipfel in Heiligendamm 2007: Die Berichterstattung stellt stets die Gewalt in den Mittelpunkt.

Man könnte den Eindruck bekommen, dass Hamburg in Schutt und Asche gelegt wird", meint Simon Teune, "bevor der eigentliche Gipfel überhaupt startet. [...] Autonome wie Polizisten wollen zeigen, wer in der Stadt das Sagen hat."

Symbolbild

In der tagesaktuellen Berichterstattung droht nach Ansicht der Wissenschaftler die inhaltliche Auseinandersetzung mit den Spitzenpolitikern auf dem Gipfel auf der Strecke zu bleiben. Das Problem besteht darin, dass die eigentlichen Inhalte, etwa der Gipfeltreffen, in den Hintergrund rücken. Wichtig scheinen nicht mehr die politischen Entscheidungen oder die verschiedenen Interessen. Auch die Motive des Protestes verschwinden hinter der Polizei-Berichterstattung.

Nur bei neuen Sachverhalten gewinnen Berichte an Tiefe

Simon Teune, einer der Autoren der Studie, beschreibt das Problem, dass die Beschäftigung mit Gewalt übermächtig erscheint. Teilweise nehme sie die Form einer selbsterfüllenden Prophezeiung an, wenn Journalisten sich dem Thema oft nicht entziehen könnten. Allerdings würden Medien in bestimmten Fällen über die eigentlichen Themen berichten, wenn der Sachverhalt neu und gerade gesellschaftlich und parlamentarisch relevant ist. 

So zeigte die Untersuchung, dass nach den großen TTIP-Demonstrationen stärker "in die Tiefe" berichtet wurde. Die Studie kritisiert, dass Demonstrationen in vielen Fällen lediglich "folkloristisch" beschrieben würden. Es fehlten Hinweise darauf, welche wichtige Rolle Demonstrationen für eine funktionierende Demokratie hätten. 

Gerade mit Blick auf den G20-Gipfel in Hamburg appelliert Protestforscher Simon Teune an die Journalisten, die Rolle der Polizei kritischer zu hinterfragen. Bei dieser "weltpolitisch bedeutsamen Großveranstaltung" sei die Polizei "keinesfalls ein neutraler Akteur, sondern beteiligte Konfliktpartei".

Das heißt, sie muss das Sicherheitskonzept gegen die Protestierenden durchsetzen, sie macht Öffentlichkeitsarbeit mit dem Ziel, eben das eigene Handeln zu legitimieren und den eigenen Handlungsspielraum zu erweitern. Das heißt, die Polizei ist Teil der Auseinandersetzung.

"Antiliberale" Proteste können als Einzige nirgendwo auf Empathie zählen

Journalisten müssten trotz des hohen Zeitdrucks versuchen, die "Deutungsroutine zu verlassen", wünschen sich die Protestforscher. Ob ein Protest als Chance auf Veränderung oder als Bedrohung wahrgenommen werde, hänge aber auch stark davon ab, in welchem Medium das Publikum sich informiert.

Die Wissenschaftler hatten knapp 370 Beiträge zu sieben Demonstrationen unter die Lupe genommen, die zwischen 2003 und 2015 stattgefunden hatten. Untersucht wurden elf Medien, darunter Tageszeitungen von taz bis Bild, die Wochenzeitungen Der Spiegel, Focus und Die Zeit sowie die öffentlich-rechtlichen Nachrichten.

Das Ergebnis zeige, dass Medien wie taz oder die Frankfurter Rundschau eher "empathisch" über Proteste berichten, solange diese keine "antiliberalen" Inhalte vertreten. Konservative Medien weisen Proteste dagegen tendenziell als "antidemokratische Inszenierungen" zurück. Die öffentlich-rechtlichen Medien versuchen demnach, einen Mittelweg zu gehen. 

Alexej Nawalni während seiner kurzzeitigen Inhaftierung im Gespräch mit Journalisten, Moskau 12. Juni 2017.

In einigen Artikeln werden Proteste als "leicht naive Form des Aktivismus" dargestellt, der von einer Minderheit artikuliert werde und wenig bedeutsam sei, so die Studie. Medienübergreifend werden allerdings "steinewerfende Linke" genauso abgelehnt wie übergriffige Pegida-Demonstranten, so Teune. Die Proteste in Heiligendamm 2007 wie auch die von Pegida ab 2014 bekamen die negativsten Bewertungen in den Medien.

"Gesellschaftliche Ungleichverhältnisse" bestimmen Tenor der Protest-Berichterstattung

Obwohl etwa alle untersuchten Medien die Demonstrationen nach dem Reaktorunfall im japanischen Fukushima positiv bewerteten, setzte sich kein Medium mit den Argumenten der Teilnehmer auseinander. "Der Protest verpuffte wirkungslos", glaubt Teune - obgleich Bundeskanzlerin Angela Merkel nur wenige Tage nach dem Unglück eigenmächtig ihre Energiewende ankündigte. Bei dem G8-Gipfel in Heiligendamm im Jahr 2007 ging es hingegen ausschließlich um Konflikte mit der Polizei. Die politischen Hintergründe konnten kaum durchdringen.

Die Studie beschreibt außerdem, dass die journalistische Berichterstattung "gesellschaftliche Ungleichverhältnisse" widerspiegelt. Proteste von "etablierten, ressourcenstarken Organisationen" werden von Journalisten positiver beschrieben. "Was in den Redaktionen als 'relevant' angesehen wird, entspricht deren Erfahrungshorizont, geprägt durch ein dominant weißes Mittelschicht-Milieu", lautet die Bilanz.

ForumVostok
MAKS 2017