Zensur in der Sowjetunion: "Freiheit beschränken, um Befreiung zu ermöglichen"

Zensur in der Sowjetunion: "Freiheit beschränken, um Befreiung zu ermöglichen"
© Sputnik/Wladimir Rodionow
Ob nun von "Hassrede", "staatsfeindlicher Hetze" oder "konterrevolutionärer Propaganda" die Rede ist: Staaten können sehr kreativ sein, wenn es darum geht, die Bürger vor unerwünschten Inhalten zu schützen. Das galt auch für die Sowjetunion.

Das Internet kannte die Russische Sowjetrepublik (RSFSR) noch nicht und auch keine sozialen Netzwerke, in denen sich Hassreden hätten verbreiten können. Die Menschen vor massiven Anfechtungen von innen und außen, die durch die Oktoberrevolution entstanden waren, zu schützen, das war den Regierenden jedoch schon damals ein Anliegen.

Unter dem Banner der "Befreiung" der Arbeiter, Bauern, Frauen und anderer Bevölkerungsgruppen, die der marxistischen Doktrin zufolge als unterdrückt galten, hatten die Bolschewiken von der bürgerlich-liberalen Kerenski-Regierung die Macht an sich gerissen. Auch die Pressefreiheit hatten sie auf ihre Fahnen geschrieben.

Und doch gehörte das "Dekret über die Presse" zu den ersten Maßnahmen der neuen Führung, das sich gegen "bürgerliche" Kritik an der Revolutionsregierung richtete. Der Vorsitzende des Rats der Volkskommissare, Wladimir Lenin, rechtfertigte die Maßnahme des Provisorischen Revolutionskomitees mit der Notwendigkeit, die "konterrevolutionäre Presse aller Schattierungen" daran zu hindern, "ungehindert die Gedanken der Massen zu vergiften und ihr Bewusstsein zu vernebeln".

Lenin meinte in diesem Zusammenhang:

Jeder weiß, dass die bürgerliche Presse eine der mächtigsten Waffen der Bourgeoisie darstellt. Insbesondere in jenem entscheidenden Augenblick, da die neue Macht, die Macht der Arbeiter und Bauern, sich lediglich selbst bestätigen kann, war es unmöglich, dieses Instrument völlig in den Händen des Feindes zu lassen, denn in solchen Augenblicken ist dieses nicht weniger gefährlich als Bomben und Maschinengewehre. Deshalb haben wir vorübergehend außerordentliche Maßnahmen gesetzt, um den Sumpf des Schmutzes und der Diffamierung zu bewältigen, in dem die Boulevard- und Emotionspresse den jüngsten Triumph des Volkes nur allzu gern ertränken würde.

Lenin versprach, alle von der Regierung auf den Weg gebrachten Auflagen für die Presse würden wegfallen, sobald es der Kommunistischen Partei gelungen sei, ihre Macht im Land zu festigen.

Als in Ungnade gefallene Persönlichkeiten von Fotos verschwanden

Dazu sollte es jedoch nicht kommen. Stattdessen wurde die Medienzensur sogar noch stärker. Erst Michail Gorbatschow hob im Zuge seiner Glasnost-Politik Ende der 1980er Jahre restriktive Maßnahmen gegen die Pressefreiheit in der Sowjetunion weitgehend auf. Dabei sollten die Restriktionen lediglich einem guten Zweck dienen. Die Große Sowjetische Enzyklopädie (GSE) erklärte, die Zensur in der Sowjetunion habe "einen unterschiedlichen Charakter, verglichen mit jenem, der in bürgerlichen Staaten existiert, und diene lediglich dem Schutz der Interessen der Arbeiterklasse".

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Lenins Nachfolger als Sowjetführer, Josef Stalin, der ein Land übernahm, das immer noch in einem Bürgerkrieg steckte, nutzte die restriktiven Instrumente in der sowjetischen Medienpolitik nicht nur dazu, fundamentaloppositionelle Neigungen im Keim zu ersticken. Er sorgte dafür, dass die technischen Möglichkeiten der Medien seiner Zeit auch seinem Unterfangen dienten, Partei und Staat vollständig hinter seiner Person zu vereinigen. Die sogenannte Große Säuberung während der 1930er Jahre hatte nicht nur Schauprozesse und Hinrichtungen politischer Gegner zur Folge, auch das bildliche Angedenken an diese sollte aus dem Bewusstsein der Bevölkerung verschwinden.

Fachleute arbeiteten emsig daran, jedwede Spur in Ungnade gefallener Politiker und hoher Beamter von Fotografien und Presseaufnahmen zu entfernen. Einer davon war Nikolai Jeschow, langjähriger NKWD-Chef, der die politischen Repressionen der Jahre 1936 bis 1938 geleitet hat. Am Ende fiel er jedoch selbst bei Stalin in Ungnade, wurde 1940 von der Geheimpolizei verhaftet und anschließend hingerichtet. Danach verschwand auch er selbst von allen Fotografien, die ihn zusammen mit dem Sowjetführer zeigten.

Ein späterer NKWD-Chef, Lawrenti Beria, der ebenfalls führend in Stalins Säuberungspolitik involviert gewesen war, wurde sogar nachträglich aus der GSE entfernt. Seine Rolle und seine Ambitionen in der Übergangszeit nach Stalins Tod sind bis heute von Legenden umwittert. Nachdem Stalin am 1. März 1953 einen Schlaganfall erlitten hatte, soll Beria Falschmeldungen über eine angebliche Ärzteverschwörung in die Welt gesetzt und auf deren Basis veranlasst haben, dass Stalin über Tage hinweg keine ärztliche Behandlung erfuhr.

Chruschtschows Kriegserklärung an die Avantgarde

Am 5. März starb dieser – im Jahr 1991 erklärte der langjährige Außenminister Wjatscheslaw Molotow, Beria habe ihm gegenüber angegeben, Stalin beim Abendessen vor dem 1. März vergiftet zu haben. Der spätere Stalin-Nachfolger Nikita Chruschtschow und mehrere führende Genossen, die eine mögliche Machtergreifung Berias fürchteten, entmachteten diesen, klagten ihn wegen angeblicher Spionage zugunsten Großbritanniens an und veranlassten am 23. Dezember 1953 seine Hinrichtung.

Chruschtschow, der die Geschicke der UdSSR von 1953 bis 1964 leiten sollte, verurteilte Stalins repressive Politik und versuchte, sich anfangs als Reformer zu inszenieren. Dem russischen Historiker Leonid Katswa zufolge soll er sogar an eine vollständige Aufhebung ideologischer Zensur in der Kunst gedacht haben.

Die Begegnung mit der Avantgarde soll ihn umgestimmt haben. Ausstellungen junger Künstler des "Neuen Realismus" und deren Abkehr von den regierungsseitig bevorzugten Vorstellungen des Sozialistischen Realismus sollen Chruschtschow erzürnt haben. Er soll in einem Wutanfall gerufen haben:

Sowjetmenschen brauchen all das nicht! Wir erklären euch den Krieg!

Wo sein Misstrauen gegenüber modernen und avantgardistischen Ausdrucksformen herrührte, ist nicht restlos geklärt. Spätere Forschungen und Veröffentlichungen ließen jedoch erkennen, dass die CIA den sogenannten Kampf an der Kulturfront als wichtigen Aspekt zur Unterminierung orthodox-kommunistischer Vorstellungen im Westen und auch zur potenziellen Infragestellung des herrschenden Narrativs in den sozialistischen Staaten selbst betrachtete. In diesem Sinne sei man um die aktive Förderung abstrakter Kunstformen bemüht gewesen.

Auch Chruschtschows Nachfolger Leonid Breschnew griff zu recht brachialen Maßnahmen, um kontroverse Kultur in die Schranken zu weisen. So fand 1974 die so genannte Bulldozer-Ausstellung statt, die zu ihrem Namen kam, weil die Behörden in einem Moskauer Vorort eine avantgardistische Ausstellung kurzerhand mithilfe schwerer Baufahrzeuge und einiger Wasserwerfer vorzeitig beendeten. Die Exponate wurden dabei dauerhaft zerstört.

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Was die Literatur anbelangt, wachte das Glawlit, die Hauptverwaltung der Angelegenheiten der Literatur und des Verlagswesens, über die Angemessenheit des geschriebenen Wortes. Die Einrichtung war unter anderem dazu ermächtigt, alle Werke in ihrer Herausgabe, Veröffentlichung und Verbreitung zu unterbinden, die

Agitation und Propaganda gegen die Sowjetmacht und die Diktatur des Proletariats in ihrem Inhalt betrieben, Staatsgeheimnisse verrieten, nationalistischen und religiösen Fanatismus hervorriefen und pornografischen Charakter hatten.

Samisdat und Schmuggel als alternative Vertriebswege

Die Glawlit machte in sehr extensiver Weise von ihren Befugnissen Gebrauch, so dass dem sowjetischen Leserpublikum auch Werke entgingen, die anderswo zu Klassikern wurden, etwa die Novellen Wladimir Nabokows, Boris Pasternaks "Doktor Schiwago" oder natürlich auch die antikommunistischen Bücher nationalkonservativer Exil-Schriftsteller wie Iwan Iljin oder Alexander Solschenizyn.

Die von der Sowjetführung und von Glawlit als "gefährlich" eingestufte Literatur wurde vielfach illegal ins Land geschmuggelt oder aber im Eigenverlag (Samisdat) hergestellt und in Umlauf gebracht.

Der Kalte Krieg zwischen dem Westen und der UdSSR wurde zudem auch über den Äther ausgetragen. Während die Sowjetunion in westlichen Ländern selbst "Radio Moskau" betrieb und sich unter anderem der Medien moskautreuer kommunistischer Parteien bediente, um seine Sichtweise zu verbreiten, bemühte sich der Westen, durch Kanäle wie "Voice of America" oder "Radio Liberty" Sowjetbürger zu erreichen.

Die UdSSR versuchte, deren Einfluss durch das Blockieren von Radiofrequenzen und ein breites Netz an Störsendern und Anti-Radio-Systemen zu beschränken. Allerdings waren diese Versuche nicht durchgehend erfolgreich. Neben abweichenden politischen Standpunkten waren es vor allem Jazz- oder Rockmusik, die die Sowjetbürger dazu veranlassten, nach Möglichkeiten zum Empfang von West-Sendern zu suchen.

Im Jahr 1988 hob Michail Gorbatschow offiziell alle Blockademaßnahmen gegenüber westlichen Radiostationen auf.

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