Neuer Intendant für Volksbühne in Berlin: Protest gegen Chris Dercon geht weiter

Neuer Intendant für Volksbühne in Berlin: Protest gegen  Chris Dercon geht weiter
Die Volksbühne entstand 1890 während einer Gründungsversammlung des Vereins Freie Volksbühne. Von ihr spaltete sich im Jahr 1892 vorübergehend die Neue Freie Volksbühne ab, die infolge des starken Zuspruchs ab 1902 über ausreichend Mittel verfügte, sich auch ein eigenes Gebäude zu bauen.
Schon vor dem Dienstantritt des Belgiers Chris Dercon als neuer Leiter der Volksbühne gab es immer wieder Kritik. Der Vorwurf: Mit Dercon ziehe global verbreitete Konsenskultur in die Volksbühne ein. Nun folgte ein weiterer offener Brief von Kulturschaffenden.

von Timo Kirez

Der Vorwurf wiegt schwer: Das von Chris Dercon vorgestellte neue Spielprogramm der Volksbühne soll gegen den Haushaltsplan 2016/17 verstoßen. Der dort definierte Auftrag, die Volksbühne als ein "im Ensemble- und Repertoirebetrieb arbeitendes Theater" beizubehalten, werde nicht erfüllt. Dieser Ansicht sind zumindest die Verfasser und Unterstützer eines offenen Briefs an den Berliner Senat.

Unter den Unterzeichnern finden sich unter anderem so bekannte Namen wie Diedrich Diederichsen, Publizist und Hochschullehrer, Dominik Graf, Filmregisseur, und Prof. Dr. Hans-Thies Lehmann, jener Theaterwissenschaftler, der den Begriff des postdramatischen Theaters geprägt hat.

Der offene Brief, der mit einer Petition einhergeht, kritisiert zudem, dass mit den eingeladenen Künstlerinnen und Künstlern ein Mehrfachangebot geschaffen werde, da das vorgestellte Programm über Festivals und andere Produktionshäuser schon abgedeckt sei.

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Die Unterzeichner des Briefes verlangen von dem zuständigen Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke) und dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) den offenbar in der Kulturpolitik Berlins vorgezeichneten Auftrag zu erfüllen,

dauerhafte Ensemblestrukturen mit vor Ort erarbeiteten Produktionen, eigenem Repertoire

zu gewährleisten und unter Einbeziehung der Stadt die Diskussion um die Zukunft der Volksbühne neu zu führen. 

Claus Peymann: Müller könnte zum "Killer der Volksbühne" werden

Schon im Juli 2016 hatten 200 Mitarbeiter der Volksbühne in einem offenen Brief dagegen protestiert, dass mit der neuen Direktion der

Ausverkauf der für uns geltenden künstlerischen Maßstäbe

eingeleitet werde. Unter anderen schloss sich Claus Peymann, Chef des Berliner Ensembles, dem Protest an. Er forderte Bürgermeister Müller in einem Schreiben dazu auf, Dercon den Laufpass zu geben und nicht als "Killer der Volksbühne" zu agieren.

Auch Schauspielstars wie Sophie Rois, der auch als Tatort-Kommissar bekannte Martin Wuttke und Birgit Minichmayr sprachen offen von "Bruch" und "Übernahme" und beklagen in dem offenen Brief, der Intendantenwechsel sei "eine irreversible Zäsur und ein Bruch in der jüngeren Theatergeschichte". Mit Dercon halte eine "global verbreitete Konsenskultur mit einheitlichen Darstellungs- und Verkaufsmustern" Einzug.

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Dercon-Kritiker warnen vor Einzug der "Eventkultur"

Der neue Leiter der Volksbühne, Chris Dercon, hatte sich bei der Vorstellung seines Programms im Mai dieses Jahres eine faire Chance erbeten. Er wolle an seinem Programm gemessen werden, sagte Dercon während der Pressekonferenz in Tempelhof.

Dercon war zuletzt Direktor des Londoner Museums Tate Modern. Kritiker hatten wiederholt gewarnt, der Museumsmann und Kunstexperte könne die Volksbühne zu einer Art Ereignis- und Eventstätte machen und den Ruf des Hauses ruinieren.